{"id":638,"date":"2020-05-21T11:17:45","date_gmt":"2020-05-21T09:17:45","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/?p=638"},"modified":"2024-08-07T09:01:36","modified_gmt":"2024-08-07T07:01:36","slug":"koloniale-gewalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/fkfkollektiv\/2020\/05\/21\/koloniale-gewalt\/","title":{"rendered":"Koloniale Gewalt"},"content":{"rendered":"<h2><strong>nach Frantz Fanon<\/strong><\/h2>\n<p>Auch wenn formeller Kolonialismus heute kaum mehr existiert, bleiben Mechanismen, die im Zuge dieser gewaltsamen Unterdr\u00fcckung und Ausbeutung von Menschen und Gebieten entstanden sind, weiterhin wirkm\u00e4chtig. In diesem Lichte muss die Arbeit des franz\u00f6sischen Psychiaters und postkolonialen Theoretikers Frantz Fanon (1925-1961) betrachtet werden: Auch wenn seine \u00dcberlegungen zu kolonialer Gewalt von den Verh\u00e4ltnissen der Kolonialherrschaft ausgehen, haben die beschriebenen Zusammenh\u00e4nge kaum an Aktualit\u00e4t verloren. Fanon beschreibt in seiner als Hauptwerk geltenden Schrift <em>\u201eDie Verdammten dieser Erde\u201c(1981) <\/em>die von Gewalt gepr\u00e4gten Wechselbeziehungen zwischen Kolonialismus, der kolonialen Subjektbildung und dem Befreiungskampf der Kolonisierten (Kerner 2015: 302). Mit seinen Werken macht er die Auswirkungen von Gewaltstrukturen sichtbar, die sich in der aktuellen Zeit etwa in der Entfremdung marginalisierter Bev\u00f6lkerungsgruppen \u00e4u\u00dfern. Damit hat Fanon eine wichtige Grundlage f\u00fcr heutige postkolonialen Studien und Gewaltforschung gelegt.<!--more--><\/p>\n<p>Im Kontext der Kolonialzeit \u00e4u\u00dferte sich Gewalt vor allem durch direkte physische Gewalt gegen die Kolonialisierten, etwa in Form von drakonischen Strafen, die bis zur Vernichtung gesamter Bev\u00f6lkerungsgruppen f\u00fchren konnten. Dies diente der Legitimation und Aufrechterhaltung kolonialer Herrschaftsbeziehungen (Mann 2004: 118f.). Im Kontrast zu dieser auf physische Gewalt beschr\u00e4nkten Perspektive umfasst Fanons Gewaltbegriff auch strukturelle und psychische Gewalt. So sei die Gewalt, die gegen das kolonisierte Subjekt ausge\u00fcbt wurde, auch im Denken der Kolonialisierten und der Struktur der Gesellschaft fest verankert. Laut Fanon resultiert diese strukturelle Durchsetzung der Gesellschaft mit Gewalt in einer Klasseneinteilung, in welcher sich Lebenswelten des Kolonialherren und des kolonialisierten Subjekts kontr\u00e4r gegen\u00fcberstehen. (Fanon 1981: 29). &nbsp;Dem kolonialisierten Subjekt stehen dabei begrenzte Aufstiegsm\u00f6glichkeiten zur Verf\u00fcgung, sobald es die \u00dcberlegenheit des Kolonialherren anerkennt und sich dessen Kultur und Denkstruktur unterordnet (Fanon 1981:38).<\/p>\n<p>Die einzige M\u00f6glichkeit, sich zu dekolonisieren und damit der einzige Ausweg aus den Herrschaftsmechanismen des Kolonialsystem sah Fanon darin, dass die Kolonisierten die Gewalt, die durch die Kolonisator*innen ausge\u00fcbt wurde, f\u00fcr sich beanspruchen sollten, um sich mit Gegengewaltdaraus zu l\u00f6sen (Fanon 1981: 31). Dabei bemerkte er allerdings auch, dass die Notwendigkeit von Gewalt auch innerhalb der Lebenswelt des kolonialisierten Subjekts verschieden gedeutet wurde. Die st\u00e4dtische Arbeiterklasse, repr\u00e4sentiert durch politische Parteien, benutze zwar Worte der Gewalt, um mehr Macht zu fordern, strebe jedoch nach keinem Umsturz des Systems, da sie indirekt von diesem profitieren, beispielsweise durch Lohn. Die Koloniale Elite predige Gewaltlosigkeit als Mittel des Widerstands, da sie in indirekter Weise von der Ausbeutung der Schw\u00e4cheren profitierten. F\u00fcr die Bauernschaft hingegen blieb nur die direkte Gewalt als Widerstand, da sie nichts zu verlieren hatten und ihre Interessen weder von der intellektuellen Elite noch von der neuen, seiner Meinung nach aristokratischen Arbeiterklasse, ber\u00fccksichtigt wurden (Fanon 1981:46-48).<\/p>\n<p>Einer der Hauptkritikpunkte an Fanon ist, dass er ein totalit\u00e4res Gewaltverst\u00e4ndnis habe, oftmals wurde er als \u201eTheoretiker der Gewalt und Revolution\u201c (Kerner 2015: 303)\u201c interpretiert. Dies war vor allem dem Vorwort Jean-Paul Sartres in <em>\u201eDie Verdammten dieser Erde\u201c <\/em>geschuldet, welches sich haupts\u00e4chlich der im antikolonialen Kampf eingesetzten Gewalt widmete, obwohl Fanon diesem Thema nur eins der f\u00fcnf Kapitel seines Werkes vollst\u00e4ndig widmet. Herfried M\u00fcnkler dagegen kritisiert, dass Fanon das Herrschaftssystem von Kolonialist*innen und Kolonialisierten schlichtweg umzudrehen versuche (Kerner 2015:303-304). Hierbei berief er sich auf eine Passage in Fanons Werk, die lautet: \u201eNicht ein Kolonialherr werden, sondern den Platz des Kolonialherren einnehmen\u201c (Fanon: 40). Laut Andreas Eckert wurde Fanon hier seine eigene Kategorisierung einer zweigeteilten Welt zum Verh\u00e4ngnis. Indem er Gewalt als das letzte und einzige Mittel der Bauernschaft ansah, sprach er ihnen die Kompetenz ab, sich \u00fcber Gewalt hinaus gegen Missst\u00e4nde aufzulehnen und nahm damit die gleiche Reduzierung der Gewalt auf eine soziale Eigenschaft vor, die er den Kolonialherren vorwarf (Eckert 2006:174).<\/p>\n<p>Fanon unterscheidet jedoch strikt zwischen der kolonialen Gewalt, welche ideologischer Natur sei und der Gewalt der Kolonialisierten, die einen emanzipatorischen Charakter habe. F\u00fcr ihn ist sie reaktion\u00e4ren Charakters und kommt einem Selbsterhaltungstrieb gleich. Gleichzeitig ist ihm dabei bewusst, dass der Kolonialisierte mit seiner Entscheidung zu Gegengewalt drohe, in eine andauernde Spirale der Wechselseitigkeit zu sinken. F\u00fcr ihn bezieht sich die Aus\u00fcbung jedoch auf die Extremsituation, also den Moment der Revolution, in der es darum geht das einseitige Sterben der Kolonialisierten zu verhindern. Somit sei sie ein Mittel, an dessen Ende die Freiheit stehe. Das Lebensbejahende Moment verleihe ihr, so Mbembe, die ethische Dimension, die der kolonialen Gewalt nicht innewohne (Mbembe 2014: 303-306).<\/p>\n<p>F\u00fcr Eckert leiste Fanon heutzutage, neben seiner Bedeutung als Klassiker, aufgrund seiner problematischen Kategorisierungen keinen differenzierten Beitrag zu einer Analyse der postkolonialen Gesellschaft mehr (Eckert 2006:173-174). Im Postkolonialen Diskurs schaffte es vor allem Spivak in ihrem Aufsatz \u201eCan the Subalterns speak?\u201c mit dem Begriff der epistemischen Gewalt, das Verh\u00e4ltnis von Wissen und Gewalt im kolonialen Kontext zu analysieren, ohne dabei verschiedene Ungleichheitsfaktoren wie Klasse, \u201eRasse\u201c oder Geschlecht (alternativ: class, race, gender) und deren Zusammenh\u00e4nge au\u00dfenvorzulassen (Brunner 2020: 98-99). Fanons koloniales Gewaltverst\u00e4ndnis hat heutzutage aufgrund fehlender Ber\u00fccksichtigung verschiedener Ungleichheitsstrukturen massiv an Aktualit\u00e4t eingeb\u00fc\u00dft. Sein emanzipatorisches Verst\u00e4ndnis von einer das koloniale Subjekt befreienden Gewalt l\u00e4sst neben diesem wenig Raum f\u00fcr andere M\u00f6glichkeiten der Emanzipation und trotzdem steckt hinter seinen \u00dcberlegungen mehr als der reine Gedanke der Gewalt um ihrer selbst willen. Doch auch wenn man Fanons revolution\u00e4ren Grundgedanken nicht teilt, lieferte er mit seinen \u00dcberlegungen zu kolonialer Gewalt einen wichtigen Beitrag: Durch die Einsicht, dass koloniale Gewalt weit \u00fcber die physische Komponente hinausgeht, erw\u00e4chst auch aus der Selbsterkenntnis der Kolonisierten emanzipatorisches Potential.<\/p>\n<p><strong>&nbsp;Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Brunner, Claudia (2020): \u201eEpistemische Gewalt-Wissen und Herrschaft in der kolonialen Moderne\u201c. Bielefeld: transcript Verlag, S.98-99<\/p>\n<p>Eckert, Andreas (2006): \u201ePredigt der Gewalt? Betrachtungen zu Frantz Fanons Klassiker der Dekolonisation\u201c in: Zeithistorische Forschungen\/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 3 (2006), H. 1,&nbsp;URL:&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.zeithistorische-forschungen.de\/1-2006\/id=4453\">https:\/\/zeithistorische-forschungen.de\/1-2006\/4453<\/a>,<br \/>\nDruckausgabe: S. 169-175.<\/p>\n<p>Fanon, Frantz (1981): \u201eDie Verdammten dieser Erde\u201c. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, S.27-47<\/p>\n<p>Kerner, Ina (2015): \u201eFrantz Fanon in der Politischen Theorie. Stationen und Potenziale einer Rezeption\u201c in: Walter Reese-Sch\u00e4fer, Samuel Salzborn (Hg.): \u201eDie Stimme des Intellekts ist leise\u201d. Klassiker\/innen des politischen Denkens abseits des Mainstreams. Baden-Baden 2015: Nomos, S.301-316<\/p>\n<p>Mann, Michael (2004): \u201eDas Gewaltdispositiv des modernen Kolonialismus\u201c, in: Mihran Dabag, Horst Gr\u00fcnder und Uwe-K. Ketelsen (Hg.): \u201eKolonialismus. Kolonialdiskurs und Genozid\u201c, M\u00fcnchen, S.118-135<\/p>\n<p>Mbembe, Achille (2014): \u201eKritik der schwarzen Vernunft\u201c. Berlin: Suhrkamp Verlag, S.303-306<\/p>\n<p><em>Autor*in dieses Eintrags: Natalia Werbach &nbsp;<\/em><\/p>\n<p><em>Zuletzt \u00fcberarbeitet: 19.05.2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>nach Frantz Fanon Auch wenn formeller Kolonialismus heute kaum mehr existiert, bleiben Mechanismen, die im Zuge dieser gewaltsamen Unterdr\u00fcckung und Ausbeutung von Menschen und Gebieten entstanden sind, weiterhin wirkm\u00e4chtig. 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