
Frauen in den Quantentechnologien und Prozesse ihrer Un/Sichtbarmachung stehen im Mittelpunkt des Forschungsprojekts WomenInQuantumTech von Martina Erlemann, Professorin für Wissenschafts- und Geschlechtersoziologie der Physik an der Freien Universität. Gefördert vom Forschungsministerium (BMFTR), zielt das Projekt darauf ab, Strategien für eine bessere Sichtbarkeit und Teilhabe von Wissenschaftlerinnen zu entwickeln.
Quantentechnologien gelten derzeit als ein Bereich der großen Zukunftstechnologien. Sie versprechen grundlegende Innovationen – von neuartigen Sensoren über sichere Kommunikation bis hin zu leistungsfähigen Quantencomputern. Entsprechend groß sind die politischen Erwartungen und die finanziellen Investitionen in diesem Forschungsfeld. Weltweit entstehen Forschungsverbünde, Netzwerke und Förderprogramme, die den Ausbau der Quantentechnologien vorantreiben. Doch während die technischen Fortschritte im Mittelpunkt stehen, wird eine zentrale Frage oft übersehen: Wer gestaltet diese Zukunftstechnologie? Wer wird bei der Entwicklung sichtbar – und wer bleibt im Hintergrund? Frauen sind in vielen der Disziplinen, aus denen Quantentechnologien hervorgehen, nach wie vor deutlich unterrepräsentiert. Besonders betroffen sind Physik, Informatik und Teile der Ingenieurwissenschaften. In diesen Disziplinen zeigen die Statistiken seit Jahren: Frauen sind auf dem Weg zur Professur und in den Leitungspositionen weiterhin eine Minderheit. Die Frauenanteile bei Studierenden und Promovierenden steigen zwar langsam, aber beim Übergang in akademische Führungspositionen nimmt ihr Anteil deutlich ab. In der Physik etwa liegt der Anteil weiblicher Professorinnen deutschlandweit aktuell bei etwa 14 %, in den Ingenieurwissenschaften sogar darunter.
Ambivalent: Formen der Anerkennung – Formen von Sichtbarkeit
Diese Unterrepräsentanz wird in der Regel über Zahlen beschrieben. Doch sie hat weitere Dimensionen – etwa die Sichtbarkeit von Frauen in der Forschung. Sichtbarkeit entsteht durch Auszeichnungen und Preise, durch die Übernahme von Leitungsfunktionen und durch Medienpräsenz, kurz: durch Formen der Anerkennung innerhalb und außerhalb der wissenschaftlichen Community. All diese Formen von Sichtbarkeit werden nach wie vor überwiegend Männern zuteil, auch wenn sich inzwischen viele Forschungsverbünde aktiv darum bemühen, Frauen in den Quantentechnologien sichtbar zu machen.
Leistungen von Wissenschaftlerinnen werden im Durchschnitt seltener wahrgenommen, anerkannt oder ausgezeichnet. In der Wissenschaftssoziologie wird das Phänomen der strukturell geringeren Anerkennung der Leistungen von Frauen als Matilda-Effekt bezeichnet (Rossiter 1993). Dies zeigt sich unter anderem bei der Vergabe von Forschungspreisen: In der Physik liegt der Anteil von Preisträgerinnen sogar unter ihrem ohnehin geringen Anteil in der Forschung, wie der Arbeitskreis Chancengleichheit der Deutschen Physikalischen Gesellschaft ermittelt hat (Böhm/Irschara 2026; Sandner 2024). Gleichzeitig kann Sichtbarkeit für Forschende unterrepräsentierter Geschlechter in männlich dominierten Feldern eine ambivalente Erfahrung sein. Einerseits ist Sichtbarkeit für den beruflichen Erfolg unverzichtbar: Sie ist Voraussetzung dafür, als Forscherin wahrgenommen und anerkannt zu werden. Andererseits kann Sichtbarkeit auch mit einer besonderen Form der Aufmerksamkeit einhergehen – sogenannter Hypersichtbarkeit: „Scrutinized, but not recognized“, wie es Angela Settles für Akademiker*innen of Colour beschreibt (Settles et al. 2028). Frauen werden als Minderheit oft stärker beobachtet, kritischer bewertet oder auf ihre Geschlechterrolle reduziert. Sie erfahren eine übermäßige Aufmerksamkeit, die nicht zwingend auf fachliche Anerkennung abzielt, sondern die Geschlechterdifferenz betont – etwa, wenn eine Wissenschaftlerin als „die einzige Frau“ in einem Panel oder auf einer Tagung besonders ins Rampenlicht gestellt, stärker beobachtet und kritischer hinterfragt wird.
Strategien der Sichtbarkeit erforschen und entwickeln
Dieses Spannungsfeld bildet den Ausgangspunkt des Forschungsprojekts WomenInQuantumTech – Un/Sichtbarmachung von Frauen in den Quantentechnologien – Entwicklung wirksamer Strategien für mehr Teilhabe, das wir in meiner Forschungsgruppe am Fachbereich Physik der Freien Universität durchführen. Gefördert wird es vom Bundesministerium für Bildung, Forschung und Technologie (BMFTR) im Rahmen der Förderrichtlinie „Innovative Frauen im Fokus“. Ziel des Projekts ist es, besser zu verstehen, wie Prozesse der Sichtbarmachung und des Unsichtbarhaltens entstehen – und wie Wissenschaftlerinnen diese Prozesse erleben. Welche Strategien entwickeln sie, um in ihrem Feld sichtbar zu werden? Welche Formen der Sichtbarkeit bewerten sie als hilfreich, welche als möglicherweise problematisch? Und wie können Forschungs- und Arbeitskulturen so gestaltet werden, dass exzellente Wissenschaftlerinnen stärker anerkannt werden und häufiger in Entscheidungspositionen gelangen?

Methodisch arbeiten wir mit qualitativen Interviews mit Wissenschaftlerinnen aus den Quantentechnologien und ethnografischen Beobachtungen bei unseren Kooperationspartnern –Exzellenzclustern der Quantum Alliance, einem deutschlandweiten Verbund von Exzellenzclustern im Bereich der Quantentechnologien. Unsere Forschung ist partizipativ angelegt: Die Befunde aus den Interviews und den Feldbeobachtungen werden in Fokusgruppen gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen diskutiert, um daraus konkrete Strategien für eine bessere Sichtbarkeit und Teilhabe zu entwickeln. Zwischenergebnisse des Projektes stellen wir am 23. Juni im Rahmen der IFiF-Impulse vor, einer Online-Vortragsserie (Anmeldung), die vom Metavorhaben „Innovative Frauen im Fokus“ der BMFTR-Förderlinie organisiert wird. Gerade in einem Zukunftsfeld wie den Quantentechnologien ist es entscheidend, wissenschaftliche Exzellenz und gesellschaftliche Teilhabe gemeinsam zu denken. Sichtbarkeit aller Forschenden, unabhängig vom Geschlecht, ist grundlegender Bestandteil von Gerechtigkeit, Innovation und Zukunftsfähigkeit – besonders in einem Bereich, der von Teamarbeit, Diversität und kreativen Ideen lebt.
Prof. Dr. Martina Erlemann, Professur für Wissenschafts- und Geschlechtersoziologie der Physik, AG Wissenschaftsforschung, und Projektleiterin WomenInQuantumTech, Fachbereich Physik, Freie Universität Berlin
Übersicht
- Projektwebseite: WomenInQuantumTech
- Online-Vortrag: Dienstag, 23.06.2026 |12:00 Uhr |Doing (In-)visibility in Schlüsseltechnologien: Erste Einblicke in fachkulturelle Anerkennungsprozesse in den Quantentechnologien | Andrea Boßmann, Prof. Dr. Martina Erlemann, Tamar Grosz
- Anmeldung zur Vortragsreihe IFiF-Impulse
Böhm, U.; Irschara, K. (2026): Why Diversity Makes Better Physics. Präsentation auf dem DPG Spring Meeting, Mainz.
Rossiter, M. W. (1993): The Matthew Matilda Effect in Science. In: Social Studies of Science 23 (2): p. 325-341.
Sandner, A. (2024), Zusammenstellung der Preise der DPG nach Frauen- und Männeranteilen, Arbeitskreis Chancengleichheit der DPG, pers. Komm.
Settles, I.H., Buchanan, N.T. & Dotson, K. (2018): Scrutinized but not recognized: (In)visibility and hypervisibility experiences of faculty of color, J. Voc. Behavior. https://doi.org/10.1016/j.jvb.2018.06.003