{"id":1674,"date":"2022-04-06T12:00:00","date_gmt":"2022-04-06T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/?p=1674"},"modified":"2026-07-01T09:26:20","modified_gmt":"2026-07-01T07:26:20","slug":"mathematik-ist-eine-liebesgeschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/2022\/04\/06\/mathematik-ist-eine-liebesgeschichte\/","title":{"rendered":"\u201eMathematik ist eine Liebesgeschichte\u201c"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"684\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/files\/2022\/04\/Frauen_MINT-Faecher_1-3x2-1-1024x684.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1757 size-full\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/files\/2022\/04\/Frauen_MINT-Faecher_1-3x2-1-1024x684.png 1024w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/files\/2022\/04\/Frauen_MINT-Faecher_1-3x2-1-300x200.png 300w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/files\/2022\/04\/Frauen_MINT-Faecher_1-3x2-1-768x513.png 768w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/files\/2022\/04\/Frauen_MINT-Faecher_1-3x2-1.png 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 1362px) 62vw, 840px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Frauen in der Wissenschaft, soziale Herkunft und die \u00e4sthetische Dimension von Mathematik mit H\u00e9l\u00e8ne Esnault. Die Mathematikerin war von 2012 bis 2019 die erste Einstein-Professorin an der Freien Universit\u00e4t. Die deutsche Mathematiker-Vereinigung bezeichnet Esnault, geboren 1953 in Paris, als \u201eeine der weltweit profiliertesten Pers\u00f6nlichkeiten in der Mathematik\u201c.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Wie w\u00fcrden Sie Ihre mathematische Arbeit einem Laien erkl\u00e4ren? Was macht f\u00fcr Sie die Faszination daran aus?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mathematik ist ein Fach, das Klarheit, Licht und Leidenschaft erfordert. Geduld ist nicht so wichtig: Mathematik ist f\u00fcr mich eine Liebesgeschichte. Ich w\u00fcrde von der Faszination der Abstraktion sprechen, es vergleichen mit der Aktivit\u00e4t eines\/r K\u00fcnstler\/in oder eines\/r Dichter\/in. Ich w\u00fcrde auch auf das Kriterium der Wahrheit eingehen, das die Mathematik von solchen intellektuellen Aktivit\u00e4ten unterscheidet. Wichtig ist auch der gesellschaftliche Aspekt, also z. B. die Begutachtung von Kolleg\/innen, von Institutionen oder die Ausbildung j\u00fcngerer Mathematiker\/innen, in die ich involviert bin.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Auf Ihrer Website trifft man nicht auf Zahlen oder Formeln, sondern auf Gedichte.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, erst einmal gibt es eine direkte Verbindung zu mir, da ich Literatur, Philosophie, Dichtung liebe, aber ich sehe sie auch in der Aus\u00fcbung der intellektuellen Freiheit, in der Suche nach der richtigen Gestalt, nach der Sch\u00f6nheit, auch in der Mathematik.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sie lehren seit \u00fcber 30 Jahren Mathematik, ein Fach, das immer noch als M\u00e4nnerdom\u00e4ne gilt. Woran mag es liegen, dass weiterhin trotz stetig gewachsenen Studentinnenanteils wenige Frauen in der Mathematik verbleiben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df es nicht, und vielleicht wei\u00df das niemand. Ich habe in den letzten Jahren ausschlie\u00dflich fortgeschrittene Kurse gelehrt, da gibt es wesentlich weniger Frauen. Sowohl jetzt als auch vor Jahren war das Problem nicht, dass es bei den Anf\u00e4nger\/innen weniger Frauen gab, es gab damals prozentual schon viele. Es war eher so, dass viele, selbst wenn sie herausragend waren, irgendwann nicht weitermachen wollten. Das hat sich nicht ge\u00e4ndert, das habe ich traurigerweise in den letzten Jahren immer neu erleben m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"682\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/files\/2022\/03\/H\u00e9l\u00e8ne-Esnault-6629-1024x682.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1730\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/files\/2022\/03\/H\u00e9l\u00e8ne-Esnault-6629-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/files\/2022\/03\/H\u00e9l\u00e8ne-Esnault-6629-300x200.jpg 300w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/files\/2022\/03\/H\u00e9l\u00e8ne-Esnault-6629-768x511.jpg 768w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/files\/2022\/03\/H\u00e9l\u00e8ne-Esnault-6629-1536x1023.jpg 1536w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/files\/2022\/03\/H\u00e9l\u00e8ne-Esnault-6629-2048x1364.jpg 2048w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/files\/2022\/03\/H\u00e9l\u00e8ne-Esnault-6629-1200x799.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 1362px) 62vw, 840px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">H\u00e9l\u00e8ne Esnault studierte ab 1973 Mathematik an der \u00c9cole Normale Sup\u00e9rieure de Jeunes Filles und promovierte 1984 zum Thema \u201eSur l&#8217;identification de singularit\u00e9s apparaissant dans des groupes alg\u00e9briques complexes\u201c. Sie wurde in Paris und Bonn habilitiert. Von 1983 bis 1985 war sie Gastwissenschaftlerin am Max-Planck-Institut f\u00fcr Mathematik in Bonn. Von 1990 an lehrte sie an der Universit\u00e4t Essen im Fachgebiet Algebraische Geometrie. 2003 erhielt sie den Leibniz-Preis, 2019 die Cantor-Medaille, den wichtigsten deutschen Forschungspreis in der Mathematik.<br>Foto: Bernd Wannenmacher<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>In einem Interview sagten Sie, dass Ihr Geschlecht f\u00fcr Ihre Hochschulkarriere kein so gro\u00dfes Hindernis darstellte wie Ihre soziale Herkunft. In welchen Momenten hat sich die Diskriminierung bemerkbar gemacht?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die soziale Diskriminierung war am Anfang meiner Karriere eine gro\u00dfe H\u00fcrde. Ich erz\u00e4hle dazu eine Anekdote: Ich war in den sogenannten \u201aVorbereitungsklassen\u2018 in Paris \u2013 es geht dabei um die Vorbereitung f\u00fcr franz\u00f6sische Elitehochschulen wie z. B. die \u00c9cole Normale Sup\u00e9rieure. Ich war 18. Es gab 50 Jungs und nur zwei M\u00e4dchen in meiner Klasse. Das andere M\u00e4dchen wurde wegen seiner schlechten Ergebnisse sehr schnell rausgeschmissen, also war ich allein. Nach einigen Wochen kam ein Mitsch\u00fcler \u2013 sagen wir Y \u2013 zu mir. Ich beschreibe jetzt das Gespr\u00e4ch zwischen Y und mir. Y: Es gibt in der Klasse Ger\u00fcchte \u00fcber Dich. H: Aha? Y: Einige behaupten, dein Vater sei ein Arbeiter, er sei Kommunist, und du wohnst in Ivry. H: Aha? Y: Aber mach dir keine Sorgen, ich habe denen erkl\u00e4rt, es sei unm\u00f6glich. H: Aha, wirklich? Y: Ja. H: warum? Y: Da du sauber bist und gut riechst. Zur Erkl\u00e4rung sei hinzugef\u00fcgt: Ivry ist ein Arbeitervorort von Paris, und die drei Punkte Arbeiter, Kommunist, Ivry waren nat\u00fcrlich absolut zutreffend. Diesen \u201aSchutz\u2018 werde ich nie vergessen. Vielleicht hat mich diese harte Diskriminierung f\u00fcr mein ganzes Leben motiviert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was k\u00f6nnen Universit\u00e4ten Ihrer Meinung nach tun, um solchen Benachteiligungen entgegenzuwirken?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Soziale Diskriminierung ist ein riesiges politisches und soziales Problem, es geht um das ganze Schulsystem. Sie trifft heutzutage insbesondere die Kinder von Migrant*innen hart, aber das \u00fcberschreitet den Rahmen unseres Gespr\u00e4chs. Wenn Sie die Benachteiligung von Frauen ansprechen, ist diese meiner Meinung nach eher zu \u00fcberwinden, wobei ich selbst keine Patentl\u00f6sung habe. Es gibt das Offensichtliche: Kinderkrippen, Elternzeit f\u00fcr V\u00e4ter, etc. Und man muss die Codes brechen. Gerade im Bereich der Rollenbilder erleben wir jetzt eine Umw\u00e4lzung. Es hilft vielleicht, klarzustellen, dass keine intellektuelle Aktivit\u00e4t an ein Geschlecht gebunden ist. Eine andere Schwierigkeit ist, dass die meisten jungen Leute in Partnerschaften leben. Wenn das Mann\/Frau ist, ist es selten der Fall, dass der Mann akzeptiert, die schlichtere Rolle zu spielen. Wie ich vorher sagte, habe ich selbst keine L\u00f6sung zu dem Problem.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sie haben viele bedeutende Preise und Auszeichnungen erhalten. Sehen Sie sich auch als Vorbild und Ansporn f\u00fcr j\u00fcngere Mathematikerinnen, den Weg in der Wissenschaft weiterzuverfolgen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist eine schwierige Frage. Ich glaube nicht, dass ich f\u00fcr irgendetwas ein Vorbild bin. Unsere Welt lebt von der Vielfalt. Es ist gut, dass wir unterschiedlich sind.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Fragen stellten Dr. Mechthild Koreuber, zentrale Frauenbeauftragte, und Susanne Romanowski, ehemalige studentische Mitarbeiterin im Team Zentrale Frauenbeauftragte der Freien Universit\u00e4t Berlin<\/strong>.<br><br>Die ungek\u00fcrzte Erstver\u00f6ffentlichung des Interviews erschien im Wissenschaftlerinnen-Rundbrief 1\/2019: <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.fu-berlin.de\/sites\/frauenbeauftragte\/media\/WRB_012019_WEB.pdf\" target=\"_blank\">Geschlechterverh\u00e4ltnisse in der Mathematik<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Frauen in der Wissenschaft, soziale Herkunft und die \u00e4sthetische Dimension von Mathematik mit H\u00e9l\u00e8ne Esnault. Die Mathematikerin war von 2012 bis 2019 die erste Einstein-Professorin an der Freien Universit\u00e4t. 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