{"id":1676,"date":"2022-04-08T16:30:00","date_gmt":"2022-04-08T14:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/?p=1676"},"modified":"2023-04-28T09:07:32","modified_gmt":"2023-04-28T07:07:32","slug":"leaky-pipeline-im-exzellenzcluster-math","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/2022\/04\/08\/leaky-pipeline-im-exzellenzcluster-math\/","title":{"rendered":"Leaky Pipeline im Exzellenzcluster MATH+?"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"684\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/files\/2022\/04\/Frauen_MINT-Faecher_1-3x2-1-1024x684.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1757 size-full\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/files\/2022\/04\/Frauen_MINT-Faecher_1-3x2-1-1024x684.png 1024w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/files\/2022\/04\/Frauen_MINT-Faecher_1-3x2-1-300x200.png 300w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/files\/2022\/04\/Frauen_MINT-Faecher_1-3x2-1-768x513.png 768w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/files\/2022\/04\/Frauen_MINT-Faecher_1-3x2-1.png 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 1362px) 62vw, 840px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Ein Blick auf Auswertungen amtlicher Hochschuldaten zeigt f\u00fcr Deutschland Folgendes: kaum Ver\u00e4nderungen des Anteils von Professorinnen in der Mathematik in den letzten mehr als 25 Jahren \u2013 und dies obwohl sich sehr wohl immer mehr Frauen auf den vorgelagerten Karrierestufen befinden, vor allem unter Studierenden und Promovierenden.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>Auf der Professur allerdings sind Frauen im deutschen Hochschulsystem insgesamt nach wie vor, und mit weniger als 20% besonders stark in den MINT-Disziplinen, wie der Mathematik, unterrepr\u00e4sentiert <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.gwk-bonn.de\/fileadmin\/Redaktion\/Dokumente\/Papers\/Chancengleichheit_in_Wissenschaft_und_Forschung_-_25._Fortschreibung_des_Datenmaterials__2019_2020_.pdf\" target=\"_blank\">(GWK 2021, 8\/87)<\/a>. Und dies obwohl die F\u00f6rderung von Frauen in Wissenschaft und Forschung in den MINT-F\u00e4chern seit mittlerweile einigen Jahrzehnten ausdr\u00fcckliches politisches Ziel ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Das Potential von weiblichen Mathematikerinnen wird nicht ausgesch\u00f6pft<\/p>\n\n\n\n<p>Die Forschung zeigt, dass diese Unterrepr\u00e4sentanz durch Geschlechterbiases in der Berufungspraxis <em>(Gl\u00e4serne Decke)<\/em> entsteht, aber auch auf die sogenannte <em>Leaky Pipeline<\/em> (Berryman 1983) zur\u00fcckzuf\u00fchren ist, das \u00fcberproportionale Ausscheiden von Frauen mit jeder h\u00f6heren Karrierestufe. Dieses h\u00e4ufigere Ausscheiden und die Unterrepr\u00e4sentanz von Frauen auf der Professur stellen sich nicht nur aus gerechtigkeitstheoretischer Sicht, sondern auch aus wettbewerbs\u00f6konomischer Perspektive als \u00e4u\u00dferst problematisch dar \u2013 das Potential von weiblichen Forscherinnen wird bisher nicht (ann\u00e4hernd) ausgesch\u00f6pft.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ziel des Projekts <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.wzb.eu\/de\/forschung\/dynamiken-sozialer-ungleichheiten\/ausbildung-und-arbeitsmarkt\/projekte\/math-as-a-research-object-0\" target=\"_blank\">\u201eMATH+ as a Research Object\u201d<\/a> ist es, die Reproduktionsmechanismen dieser Geschlechterunterschiede zu untersuchen, die m\u00f6glichweise selbst in einer exzellenten Arbeitsumgebung wie dem <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/mathplus.de\/\" target=\"_blank\">Exzellenzcluster MATH+<\/a> (noch) wirken. Vor dem Hintergrund bisheriger Forschung wird im Projekt davon ausgegangen, dass es vor allem das Wechselspiel von strukturellen Barrieren, deren biographische Verarbeitung und Einfluss auf individuelles Karriereverhalten der jungen Wissenschaftler*innen ist, worauf ein genauer Blick gelegt werden muss.<\/p>\n\n\n\n<p>In der ersten quantitativen Befragungswelle aller Nachwuchswissenschaftler*innen (Master-, PhD-Studierende und Postdocs) wurde deshalb der Fokus auf die folgenden vier Aspekte gelegt: <em>Karriereabsichten- und ziele<\/em> (d.h. was wollen junge WissenschaftlerInnen beruflich erreichen), <em>Karriereeinstellungen<\/em> (d.h. was ist ihnen dabei wichtig), <em>Karrierewissen<\/em> (d.h. welche Vorstellungen\/Einsch\u00e4tzungen haben sie davon, was f\u00fcr eine wissenschaftliche Karriere von Bedeutung ist\/sein k\u00f6nnte) und <em>Karrierehandeln<\/em> (d.h. was tun sie mit Blick auf eine wissenschaftliche Karriere). Die bisher interessantesten Ergebnisse, die uns als Ausgangspunkt f\u00fcr tiefergehende Forschung dienen, m\u00f6chte ich hier schlaglichtartig vorstellen. F\u00fcr einen vollst\u00e4ndigeren \u00dcberblick, inklusive erster Erkenntnisse aus den qualitativen Interviews mit Leitungspersonen des Clusters, empfehle ich unbedingt einen Blick in unseren ersten <a href=\"https:\/\/bibliothek.wzb.eu\/pdf\/2021\/i21-501.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Projektbericht<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Kompetenzen \u2013 Karrierewunsch \u2013 Karriereziel<\/p>\n\n\n\n<p>Schaut man auf die Karriereziele der jungen Wissenschaftler*innen, zeigt sich zun\u00e4chst, dass eine Mehrzahl von ihnen, M\u00e4nner und Frauen, eine Karriere in der Wissenschaft anstreben. Interessant ist, dass dieser grunds\u00e4tzliche Karrierewunsch allerdings unter Frauen nicht automatisch mit dem Karriereziel der Professur einhergeht \u2013 anders als es bei den M\u00e4nnern der Fall ist. Die Frauen des Clusters streben signifikant seltener die Professur an als ihre m\u00e4nnlichen Kommilitonen und Kollegen. Ein genauerer Blick hierauf l\u00e4sst erkennen, dass Frauen dieses Karriereziel nicht unbedingt h\u00e4ufiger ablehnen, sondern sich diesbez\u00fcglich schlicht unsicherer sind. Frauen zeigen sich h\u00e4ufiger unentschlossen und unsicher dar\u00fcber, ob die Professur wirklich ihr Karriereziel ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Suche nach Gr\u00fcnden f\u00fcr diese gr\u00f6\u00dfere Unsicherheit unter Frauen f\u00e4llt vor allem ein Aspekt auf: Die Frauen des Clusters geben \u201eunzureichende eigene Kompetenzen\u201c signifikant h\u00e4ufiger als Grund an, der gegen eine wissenschaftliche Karriere spricht. Und dies obwohl sich hinsichtlich der meisten Leistungsindikatoren kaum tats\u00e4chliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern erkennen lassen. Fragt man sich, woher diese Unterschiede in der Selbsteinsch\u00e4tzung eigener Kompetenzen r\u00fchren, ist es vor allem die Kombination aus zwei verschiedenen Ergebnissen, die hier erw\u00e4hnenswert scheint. Zum einen zeigt sich in Bezug auf das Karrierewissen der Nachwuchswissenschaftler*innen, dass es Frauen sind, die die \u201eAnzahl eigener Publikationen\u201c \u00f6fter als M\u00e4nner als sehr wichtigen Faktor f\u00fcr eine erfolgreiche wissenschaftliche Karriere einsch\u00e4tzen. Zum anderen sind es jedoch ebenso die Frauen des Clusters, die, unter Ber\u00fccksichtigung ihrer Karrierestufe, bisher de facto weniger publiziert haben. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr k\u00f6nnen allein mit den Daten der ersten Befragungswelle nicht gekl\u00e4rt werden. Allerdings sollten aus Unterschieden im Publikationsoutput nicht vorschnell Kompetenzunterschiede abgeleitet werden. Gr\u00fcnde daf\u00fcr k\u00f6nnen beispielsweise auch in Unterschieden bei der Ermutigung und Unterst\u00fctzung beim Verfassen von Artikeln, in Teamstrukturen oder thematischen Schwerpunktsetzungen liegen. Dies wird Gegenstand zuk\u00fcnftiger Untersuchungen des Projekts sein. Was diese beiden Ergebnisse allerdings deutlich machen, ist Folgendes: Unter Frauen herrscht eine gr\u00f6\u00dfere Diskrepanz zwischen dem, was sie denken, was von ihnen erwartet wird und dem was sie in dieser Hinsicht als eigene Kompetenz mitbringen. Dass dies verunsichernd wirken kann, liegt sehr nahe. Kausalanalysen sind jedoch erst nach zuk\u00fcnftigen Befragungswellen m\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Frauen scheinen weniger in den informellen Austausch mit Kolleg*innen eingebunden zu sein als M\u00e4nner<\/p>\n\n\n\n<p>Abschlie\u00dfen m\u00f6chte ich mit einem Ergebnis, das vor dem skizzierten Hintergrund durchaus erw\u00e4hnenswert scheint. Die Daten offenbaren deutliche Unterschiede in den Ansprechpersonen f\u00fcr Karriere- und Fachfragen. Frauen scheinen insgesamt weniger in den informellen Austausch mit Personen aus ihrem Arbeitskontext eingebunden zu sein als M\u00e4nner. Und zwar gilt dies sowohl in Bezug auf Karriere- und Fachfragen als auch in Bezug auf die unterschiedlichen Gruppen von Ansprechpersonen. Sowohl mit Personen der gleichen als auch der h\u00f6heren Hierarchieebene sind Frauen weniger im Austausch als M\u00e4nner. Dies ist durchaus bedenklich, da die berufliche Umgebung nicht nur eine wichtige Quelle f\u00fcr karriererelevantes Wissen und Unterst\u00fctzung ist, sondern der Austausch auch als erster Schritt der Vernetzung innerhalb der <em>Scientific Community<\/em> interpretiert werden kann. Was es ist, das Frauen h\u00e4ufiger als M\u00e4nner davon abh\u00e4lt sich mit Kolleg*innen und Professor*innen auszutauschen, wird Gegenstand weiterer Untersuchungen sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die skizzierten Befunde der Unentschiedenheit, nicht aber der Ablehnung eine wissenschaftliche Karriere zu verfolgen, zeigen Potentiale des Exzellenzclusters auf, die <em>Leaky Pipeline<\/em>, den \u00fcberproportionalen Drop-Out von weiblichen Wissenschaftlerinnen, zu verhindern. Es gilt demzufolge seitens des Clusters Bedingungen zu schaffen, um diese gr\u00f6\u00dfere Unentschlossenheit positiv hin zu einem zielgerichteten Karriereweg auf eine Professur zu beeinflussen und Barrieren abzubauen, die zu einer Ablehnung dieses Karriereziels f\u00fchren k\u00f6nnten. Mit weiteren Analysen zu den Ursachen dieser Unsicherheit unter den Frauen und dazu, wie sich diese verringern lassen, wird \u201eMATH+ as a Research Object\u201c dem Cluster weiter unterst\u00fctzend zur Seite stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Allen Leser*innen, die selbst Nachwuchswissenschaftler*innen in MATH+ sind, m\u00f6chten wir unseren herzlichen Dank f\u00fcr die Teilnahme an der aktuell laufenden zweiten Befragungswelle aussprechen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sophie Hofmeister, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Wissenschaftszentrum Berlin f\u00fcr Sozialforschung (WZB) und Mitarbeiterin im Projekt \u201eMATH+ as a Research Object\u201c, einer Kooperation mit der Arbeitsgruppe <a href=\"https:\/\/www.mi.fu-berlin.de\/math\/groups\/genderstudies\/index.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Gender Studies in der Mathematik<\/a> der FU<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><em>Literatur<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>GWK (2021): <a href=\"https:\/\/www.gwk-bonn.de\/fileadmin\/Redaktion\/Dokumente\/Papers\/Chancengleichheit_in_Wissenschaft_und_Forschung_-_25._Fortschreibung_des_Datenmaterials__2019_2020_.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Chancengleichheit in Wissenschaft und Forschung.<\/a> 25. Fortschreibung des Datenmaterials (2019\/2020) zu Frauen in Hochschulen und au\u00dfer-hochschulischen Forschungseinrichtungen. Bonn.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Berryman, Sue E. (1983): Who Will Do Science? Trends, and Their Causes in Minority and Female Representation among Holders of Advanced Degrees in Science and Mathematics. A Special Report. Hg. v. The Rockefeller Foundation. New York.<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\" \/>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Blick auf Auswertungen amtlicher Hochschuldaten zeigt f\u00fcr Deutschland Folgendes: kaum Ver\u00e4nderungen des Anteils von Professorinnen in der Mathematik in den letzten mehr als 25 Jahren \u2013 und dies obwohl sich sehr wohl immer mehr Frauen auf den vorgelagerten Karrierestufen befinden, vor allem unter Studierenden und Promovierenden.<\/p>\n","protected":false},"author":6410,"featured_media":1757,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[603,423935],"tags":[423731,57446,2478,437124],"class_list":["post-1676","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-vorgestellt","category-analysen","tag-mintoring","tag-geschlechterforschung","tag-exzellenz","tag-wissenschaftlerinnen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1676","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6410"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1676"}],"version-history":[{"count":21,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1676\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5623,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1676\/revisions\/5623"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1757"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1676"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1676"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1676"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}