{"id":3177,"date":"2022-09-06T10:46:22","date_gmt":"2022-09-06T08:46:22","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/?p=3177"},"modified":"2023-06-26T13:12:00","modified_gmt":"2023-06-26T11:12:00","slug":"ichbinhanna-das-buch-zum-tweet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/2022\/09\/06\/ichbinhanna-das-buch-zum-tweet\/","title":{"rendered":"#IchBinHanna \u00a0\u2013 das Buch zum Tweet"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"400\" height=\"266\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/files\/2022\/09\/ichbinhanna_blogforma_mit_Quelle.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3305 size-full\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/files\/2022\/09\/ichbinhanna_blogforma_mit_Quelle.jpg 400w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/files\/2022\/09\/ichbinhanna_blogforma_mit_Quelle-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 85vw, 400px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p style=\"font-size:18px\">Die Initiator*innen der Twitterkampagne #IchBinHanna haben nun ein Buch zum Thema Befristung in der Wissenschaft geschrieben. Unsere Rezensentin Gisela Romain empfiehlt das Buch als kurzweilige, aber tiefgr\u00fcndige Lekt\u00fcre zur aktuellen Diskussion rund um Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse in der Wissenschaft \u2013 ein Thema, das auch f\u00fcr die Gleichstellung von hoher Relevanz ist. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>Mit einem <a href=\"https:\/\/ichbinhanna.wordpress.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Tweet von Sebastian Kubon<\/a>, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universit\u00e4t Hamburg, begann im Juni 2021 ein Twittersturm, der unter dem Hashtag <em>#IchBinHanna<\/em> mediale Aufmerksamkeit und kurz vor der Bundestagswahlen auch politische Beachtung finden sollte. Verfasst wurde der Tweet in Reaktion auf ein Erkl\u00e4rvideo des Bundesministeriums f\u00fcr Bildung und Forschung (BMBF), in dem das Ministerium am Beispiel der Zeichentrickfigur Hanna, einer auf einer befristeten Stelle promovierenden Biologin, die vermeintlichen Vorz\u00fcge des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes (<a href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/wisszeitvg\/BJNR050610007.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">WissZeitVG<\/a>) darlegen wollte. Das Erkl\u00e4rvideo wurde inzwischen von der Seite des BMBF gel\u00f6scht, findet sich aber weiterhin auf <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=PIq5GlY4h4E\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">YouTube<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sicht der von dem Gesetz betroffenen, befristet in der Wissenschaft angestellten Mitarbeiter*innen ist selbstredend eine andere. Von prek\u00e4ren Arbeitsverh\u00e4ltnissen in der Wissenschaft handelt dann auch das Buch zum Tweet, das unter dem\u00a0 Titel <a href=\"https:\/\/www.suhrkamp.de\/buch\/ichbinhanna-t-9783518029756\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>#IchbinHanna. Prek\u00e4re Wissenschaft in Deutschland<\/em><\/a> im Fr\u00fchjahr im Suhrkamp Verlag erschienen ist. Das Buch ist ein Gemeinschaftswerk von drei Autor*innen: Amrei Bahr, Juniorprofessorin an der Universit\u00e4t Stuttgart, Kristin Eichhorn, Privatdozentin der Universit\u00e4t Stuttgart, und Sebastian Kubon. Die drei Autor*innen hatten sich bereits 2021 anl\u00e4sslich der am Reformationstag gestarteten Twitterkampagne <em><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/95vswisszeitvg.wordpress.com\/\" target=\"_blank\">#95 Thesen gegen das WissZeitVG<\/a><\/em> zusammengefunden und kurz darauf auch eine weitere Twitterkampagne unter dem <a href=\"https:\/\/twitter.com\/amreibahr\/status\/1336779850607190016\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>#ACertainDegreeOfFlexibility<\/em><\/a> ins Leben gerufen, die ebenfalls auf gro\u00dfe Resonanz unter Betroffenen gesto\u00dfen war. W\u00e4hrend jedoch die beiden ersten Kampagnen vor allem innerhalb der Community der direkt Betroffenen rezipiert wurden, erreichte der Tweet <em>#IchBinHanna<\/em> binnen k\u00fcrzester Zeit \u00fcber 140.000 Retweets und sorgte damit weit \u00fcber den Wissenschaftsbetrieb hinaus f\u00fcr mediale und politische Aufmerksamkeit. Unter <em>#IchBinHanna<\/em> hatten zahlreiche Betroffene durch die Schilderungen pers\u00f6nlicher Schicksale deutlich gemacht, welche Folgen die Befristung f\u00fcr ihr pers\u00f6nliches Leben hat. In dem gleichnamigen Buch befassen sich die drei Autor*innen mit den strukturellen Bedingungen der befristeten Arbeitsverh\u00e4ltnisse in der Wissenschaft, mit deren Entstehung, Folgen und Aussichten f\u00fcr die Zukunft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Wer ist Hanna?<\/p>\n\n\n\n<p>In einem kurzen Vorwort gehen die Autor*innen auf die konkreten Entstehungsbedingungen des Bandes ein. Alle drei sind, wie sie schreiben, auch selbst \u201estrukturell Hannas\u201c (S. 9) und das Verfassen des Bandes wie das generelle Engagement der drei f\u00fcr bessere Arbeitsbedingungen fand (und findet) entsprechend unter erschwerten Bedingungen statt, n\u00e4mlich \u201eh\u00e4ufig zwischen 4:30 und 8:30 Uhr [\u2026], wenn in diesen pandemischen Zeiten mal wieder der Kindergarten geschlossen ist\u201c (ebd.).<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/files\/2022\/09\/ichbinhanna_9783518029756_cover1-1-scaled-e1662383787397-629x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3189\" width=\"315\" height=\"512\" \/><figcaption>Amrei Bahr, Kristin Eichhorn, Sebastian Kubon (2022): #IchbinHanna. Prek\u00e4re Wissenschaft in Deutschland, Berlin: Suhrkamp Verlag. \u00a0Als E-Book in der FU Bibliothek \u00fcber <a href=\"https:\/\/fu-berlin.primo.exlibrisgroup.com\/permalink\/49KOBV_FUB\/icublf\/alma9960791100302883\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">primo<\/a> verf\u00fcgbar.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Um es vorwegzunehmen: Dies ist kein Buch \u00fcber Gleichstellungsfragen, zumindest nicht im engeren Sinne. Auf Aspekte der Gleichstellung gehen die Autor*innen nur an wenigen Stellen explizit ein. Und doch ist es ein Buch von hoher Relevanz f\u00fcr die Gleichstellung. Wer also ist Hanna? In der \u201eEinleitung \u2013 oder: Wer ist Hanna?\u201c erl\u00e4utern die Autor*innen zun\u00e4chst die Ausgangslage, die f\u00fcr die allermeisten wissenschaftlichen Besch\u00e4ftigten unterhalb der Professur mit einem befristeten Arbeitsverh\u00e4ltnis verbunden ist. In konkreten Zahlen: Im Jahr 2019 waren laut <a href=\"https:\/\/www.buwin.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2021<\/a> 92% der wissenschaftlichen Besch\u00e4ftigten unter 45 Jahren befristet angestellt. M\u00f6glich ist die Befristung durch das WissZeitVG, wonach wissenschaftliche Besch\u00e4ftigte auf sogenannten Qualifikationsstellen jeweils maximal sechs Jahre vor der Promotion und weitere sechs Jahre nach der Promotion besch\u00e4ftigt werden k\u00f6nnen. Danach ist eine weitere Besch\u00e4ftigung unterhalb der Professur lediglich auf einer der sehr seltenen unbefristeten Stellen oder einer durch Drittmittel finanzierten Stelle m\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Alltag bedeutet dies f\u00fcr die Betroffenen, neben der Unsicherheit vor allem einem extrem hohen Arbeitsdruck bei gleichzeitiger Abh\u00e4ngigkeit von den jeweiligen Vorgesetzten standzuhalten. Beides f\u00fchrte in der Vergangenheit dazu, so die Autor*innen, dass sich seitens der Besch\u00e4ftigten vergleichsweise wenig Widerstand regte. Der unter Pandemiebedingungen noch mal gestiegene Leistungs- und damit Leidensdruck f\u00fchrte jedoch zu einer Wende, beg\u00fcnstigt auch durch die gesteigerte Nutzung digitaler Medien zur Kommunikation und Vernetzung. So gewann die \u00fcber Twitter gestartete Bewegung pl\u00f6tzlich an Momentum und erreichte binnen kurzer Zeit auch die politische B\u00fchne. Nicht ohne \u2013 berechtigten \u2013 Stolz berichten die Autor*innen, dass die Kernforderungen von <em>#IchBinHanna<\/em> in den Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung aufgenommen wurden. Wenngleich die Autor*innen die Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft einerseits als au\u00dfergew\u00f6hnlich darstellen, so sehen sie die Entwicklung zugleich im Kontext von einem \u2013 eher mit der Privatwirtschaft in Verbindung gebrachten \u2013 \u201eTrend der Prekarisierung\u201c (S. 29) , im Falle der Universit\u00e4ten allerdings ungl\u00fccklich verbunden mit einer f\u00fcr staatliche Einrichtungen typischen \u201eSchwerf\u00e4lligkeit\u201c (ebd.).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Das Dogma der Innovation durch Fluktuation<\/p>\n\n\n\n<p>Wie es dazu kam, dass sich an staatlichen Einrichtungen derart prek\u00e4re Arbeitsverh\u00e4ltnisse entwickeln konnten, damit befassen sich die Autor*innen im ersten Kapitel des Bandes. Sie zeichnen nach, wie sich bereits in den siebziger Jahren f\u00fchrende Akteure der Wissenschaftslandschaft, wie etwa der Wissenschaftsrat, f\u00fcr einen Abbau fester Stellen im akademischen Mittelbau ausgesprochen haben. In Verbindung mit der marktliberalen Ausrichtung der Politik in der \u00c4ra Kohl hatte sich dann die \u00dcberzeugung durchgesetzt, dass die Innovationskraft der Wissenschaft nur durch einen st\u00e4ndigen Wechsel der Mitarbeitenden erhalten werden k\u00f6nne. Eine These, die, wie die Autor*innen hervorheben, durch keine einzige empirische Studie belegt wird und die selbstredend f\u00fcr Professor*innen nicht geltend gemacht wird. Glaubw\u00fcrdigkeit erh\u00e4lt diese These, so die Autor*innen, letztlich nur durch die st\u00e4ndige Wiederholung durch Wissenschaftsmanagement und Politik, wobei letztere&nbsp; Fakten durch entsprechende Gesetzes\u00e4nderungen und finanzielle Weichenstellungen schuf. Ideengeschichtlich machen die Verfasser*innen neben dem Dogma der \u201eInnovation durch Fluktuation\u201c noch ein zweites Dogma aus, das f\u00fcr die wissenschaftspolitische Entwicklung eine wichtige Rolle spielte: Die \u00dcberzeugung, dass es sich bei der Wissenschaft in erster Linie um ein Qualifizierungssystem handelt. Beide Dogmen sind, so die Autor*innen, derart etabliert, dass sie kaum mehr in Frage gestellt werden und Ver\u00e4nderungen meist nur innerhalb des vorhandenen Systems gedacht werden. Dabei w\u00fcrde, wie die Verfasser*innen anmerken, ein Blick etwa nach Frankreich schnell zu der Erkenntnis f\u00fchren, dass auch andere Wege m\u00f6glich sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Hintergrund der zuvor skizzierten Entwicklungen gehen die Autor*innen dann im zweiten Kapitel zun\u00e4chst auf die strukturellen Bedingungen ein, die den unter #<em>IchBinHanna<\/em> geteilten Einzelschicksalen zugrunde liegen. Sie entwirren dabei die komplexen Zust\u00e4ndigkeiten zwischen Bund, L\u00e4ndern und Hochschulen und zeigen auf, dass das WissZeitVG, auch wenn es berechtigterweise im Fokus der Kritik steht, nur ein Teil des Problems ist und L\u00f6sungen entsprechend an mehreren Stellen gleichzeitig ansetzen m\u00fcssten. So f\u00fchrt, wie sie erkl\u00e4ren, die Umwandlung von befristeten in entfristete Stellen in der Regel zu einer Erh\u00f6hung des Lehrdeputats, was auf Grund der Kapazit\u00e4tsverordnung wiederum eine geringere Studiengangsauslastung zur Folge hat mit entsprechenden Konsequenzen f\u00fcr die Finanzen der Universit\u00e4ten. Die dauerhafte Unterfinanzierung der Universit\u00e4ten f\u00fchrt ihrerseits dazu, dass diese in erheblichem Ma\u00dfe von Drittmitteln abh\u00e4ngig sind, womit zugleich wieder die Befristung vieler Stellen legitimiert wird. Qualifikationsstellen werden dabei meist nur als Teilzeitstellen und oft nur f\u00fcr unzureichende Laufzeiten ausgeschrieben, so dass die Arbeit an der Qualifikation h\u00e4ufig in die \u201eFreizeit\u201c verlagert wird und der erfolgreiche Abschluss der Qualifikation nach Ablauf des Vertrags nicht selten durch das Arbeitslosengeld finanziert werden muss. Besonders ung\u00fcnstig wirkt sich dabei das Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis zwischen wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen und Professor*innen aus, die in der Regel Vorgesetzte, Betreuende und Begutachtende der Qualifikationsarbeiten in Personalunion sind.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Kettenvertr\u00e4ge und unbezahlte \u00dcberstunden<\/p>\n\n\n\n<p>Die Konsequenzen eines solchen Systems f\u00fcr die befristet angestellten Mitarbeiter*innen beschreiben Bahr, Eichhorn und Kubon im zweiten Teil des Kapitels, wobei sie aus den Tweets der Kampagne zitieren. Kettenvertr\u00e4ge und unbezahlte \u00dcberstunden stehen auf der Tagesordnung und f\u00fchren von Ersch\u00f6pfung bis hin zu physischen und psychischen Erkrankungen. Besonders hart betroffen sind ohnehin benachteiligte Gruppen. Hier gehen die Autor*innen auf knapp drei Seiten spezifisch auf die besondere Benachteiligung von Frauen und marginalisierten Gruppen ein. \u201eWissenschaft\u201c, so res\u00fcmieren sie, \u201e[\u2026] ist in Deutschland nichts f\u00fcr Leute, die sie sich nicht leisten k\u00f6nnen.\u201c (S. 86). Schlie\u00dflich widmet sich der dritte Teil des Kapitels noch mal den Folgen f\u00fcr das Wissenschaftssystem selbst. Dem Dogma der Innovation durch Fluktuation halten sie entgegen, wieviel Zeit einerseits nicht nur mit Begutachtungen und dem \u2013 oftmals vergeblichen &#8211; Verfassen von Antr\u00e4gen f\u00fcr neue Drittmittelprojekte, sondern auch mit Bewerbungsverfahren und der Einarbeitung von neuen Mitarbeiter*innen verbraucht wird, w\u00e4hrend andererseits mit jedem Wechsel der Mitarbeiter*innen wertvolle Expertise verloren geht. Anreizsysteme f\u00fchren dazu, dass Mitarbeitende gerade nicht innovativ neuen Ideen nachgehen, sondern vor allem gehalten sind, strategisch vorzugehen, um die n\u00e4chste Stelle zu sichern, wobei der st\u00e4ndige Konkurrenzkampf Teamarbeit verhindert. W\u00e4hrend bei Berufungsverfahren \u00fcber Stellen f\u00fcr wissenschaftlicher Mitarbeiter*innen noch immer als \u201eAusstattung\u201c verhandelt wird, sind auch Professor*innen gehalten, Zielvorgaben zu erf\u00fcllen, die wiederum u.a. die Einwerbung von Drittmitteln vorsehen. Die bereits genannte problematische Abh\u00e4ngigkeit wissenschaftlicher Mitarbeiter*innen von ihren professoralen Vorgesetzten wirkt sich aus Sicht der Autor*innen nicht zuletzt auch negativ auf die Qualit\u00e4t von Forschung und Lehre aus. \u201eDas Resultat,\u201c so schreiben sie, \u201eist ein Wissenschaftserm\u00f6glichungsbetrieb, der Wissenschaft faktisch verhindert, weil die Wissenschaftler*innen ihre Zeit mit allzu oft unerf\u00fcllten Antragsfantasien und dem Dichten von Bewerbungsprosa zubringen m\u00fcssen, statt endlich einmal engagiert lehren und ausgiebig forschen zu k\u00f6nnen, wie es ihre Stellen eigentlich vorsehen.\u201c (S.96).<\/p>\n\n\n\n<p>Im dritten und letzten Teil widmen sich die Verfasser*innen schlie\u00dflich m\u00f6glichen L\u00f6sungsans\u00e4tzen. Die j\u00fcngsten Entwicklungen und insbesondere die Debatten um die Novellierung des Berliner Hochschulgesetzes (BerlHG) interpretieren sie als Beleg daf\u00fcr, dass Universit\u00e4ten dazu tendieren, Befristungsm\u00f6glichkeiten auszureizen, und daher das Argument, dass das WissZeitVG die Befristung zwar erm\u00f6gliche, aber nicht vorschreibe, ins Leere laufe. Zugleich halten sie jedoch fest, dass \u00c4nderungen bez\u00fcglich des WissZeitVG allein die Probleme nicht l\u00f6sen werden, sondern vielmehr auch die Rahmenbedingungen ge\u00e4ndert werden m\u00fcssten, besonders auf der Ebene der Finanzierung.&nbsp; Die Abh\u00e4ngigkeit der Universit\u00e4ten von Drittmitteln machen die Autor*innen dabei als besonders problematisch aus. Auf den folgenden Seiten stellen die Autor*innen dann unterschiedliche Personalentwicklungsmodelle vor, ohne sich konkret f\u00fcr ein Modell auszusprechen. Abschlie\u00dfend fassen sie ihre Argumente gegen das bestehende System noch einmal zusammen. Sie schlie\u00dfen mit einem Pl\u00e4doyer, die anstehenden Ver\u00e4nderungen aktiv mitzugestalten, wobei sie eine Reihe von Mindestforderungen aufstellen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Das System der Befristung steht der Gleichstellung entgegen<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichstellung steht \u2013 wie bereits erw\u00e4hnt \u2013 nicht im Fokus des Bandes. Auf einigen Seiten gehen die Autor*innen dennoch konkret auf Formen und Folgen der strukturellen Diskriminierung von Frauen und weitere benachteiligte Gruppen ein. Sie verweisen darauf, dass der Anteil der Frauen von Karrierestufe zu Karrierestufe geringer wird und zeigen auf, etwa am Beispiel des Umgangs mit Schwangerschaften, wie das System der Befristung dem von Hochschulen gleichzeitig hochgehaltenen Ziel der Gleichstellung entgegensteht. So schreiben sie: \u201eSomit wird mittels Befristung Diskriminierung erm\u00f6glicht, die man durch Beratungsstellen und Stellvertretungen (z.B. Gleichstellungsbeauftragte, Schwerbehindertenvertretungen) vor Ort doch eigentlich bek\u00e4mpfen will. Es zeigt sich, dass alle Investitionen in Sensibilisierungsma\u00dfnahmen und entsprechende Stabsstellen letztlich ins Leere zu laufen drohen, wenn die Rahmenbedingungen Diversit\u00e4t von vornherein verhindern.\u201c (S. 83).<\/p>\n\n\n\n<p>Sie zitieren auch Reyhan \u015eahin, die unter <em>#IchBinReyhan<\/em> darauf aufmerksam gemacht hat, dass Angeh\u00f6rige marginalisierter Gruppen auf Grund von Mehrfachdiskriminierungen wenig Chancen haben, \u00fcberhaupt eine Stelle in der Wissenschaft zu bekommen. Dabei merken sie jedoch zugleich an, dass diese Thematik von anderen, sich berufen f\u00fchlenden Personen bearbeitet werden m\u00fcsste. Eine tiefergehende Auseinandersetzung mit den Auswirkungen des Wissenschaftssystems auf strukturell benachteiligte Gruppen h\u00e4tte den Umfang des knapp gehaltenen Bandes vermutlich gesprengt. Es bleibt zu hoffen, dass andere den Ball aufgreifen. Hier \u2013 wie \u00fcbrigens auch an anderer Stelle \u2013 w\u00e4re ein Verweis auf weiterf\u00fchrende Literatur w\u00fcnschenswert gewesen.  Auf knapp 120 Seiten gelingt es Bahr, Eichhorn und Kubon \u00fcberzeugend und \u00fcberraschend kurzweilig, das komplexe deutsche Wissenschaftssystem auseinanderzunehmen und dabei einige oftmals f\u00fcr unumst\u00f6\u00dflich gehaltene Glaubenss\u00e4tze aus dem Weg zu r\u00e4umen. Sichtbar wird dabei ein System, das, vordergr\u00fcndig mit Innovation und Effizienz begr\u00fcndet, in Wirklichkeit nicht nur unw\u00fcrdige Arbeitsbedingungen schafft, sondern zugleich auch noch hochgradig ineffizient zu wirtschaften scheint. Wer allerdings konkrete L\u00f6sungen erwartet hat, mag am Ende entt\u00e4uscht sein. Die gro\u00dfe St\u00e4rke des Buches liegt darin, dass die Autor*innen deutlich machen, dass es sich bei der Ausgestaltung des Wissenschaftssystems um Entwicklungen handelt, die so oder auch anders h\u00e4tten verlaufen k\u00f6nnen, und zuk\u00fcnftige M\u00f6glichkeiten entsprechend auch nicht alternativlos sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch sei allen empfohlen, die selbst von Befristung in der Wissenschaft betroffen sind \u2013 so sie die Zeit zum Lesen finden! Auch wenn direkt Betroffene sich unter den aktuellen Bedingungen nicht hochschulpolitisch engagieren m\u00f6chten oder k\u00f6nnen, so mag es dennoch hilfreich sein, Belastungen (auch) als strukturelles und nicht nur als pers\u00f6nliches Problem zu sehen. Vor allem aber sollten all jene das Buch lesen, die auf (hochschul-)politischer Ebene an Entscheidungen bez\u00fcglich der Personalentwicklung und anderen strukturellen Ver\u00e4nderungen beteiligt sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenngleich die Autor*innen sich nur am Rande mit Gleichstellung befassen, so ist der Band dennoch auch allen Gleichstellungsbeauftragten sehr zu empfehlen, um die komplexen Zusammenh\u00e4nge zu verstehen, von denen benachteiligte Gruppen in besonderem Ma\u00dfe betroffen sind.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gisela Romain, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Sachunterricht sowie stellvertretende Frauenbeauftragte des Fachbereichs Erziehungswissenschaft und Psychologie.<\/strong> <strong>Hier bloggt sie u.a. zum Thema Hochdeputat unter dem Titel <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/dezfba-erz-psy\/2021\/07\/27\/hanna-lehrt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u201eHanna lehrt\u201c<\/a>.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Initiator*innen der Twitterkampagne #IchBinHanna haben nun ein Buch zum Thema Befristung in der Wissenschaft geschrieben. 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