{"id":826,"date":"2021-11-29T11:00:00","date_gmt":"2021-11-29T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/?p=826"},"modified":"2025-01-03T11:18:31","modified_gmt":"2025-01-03T10:18:31","slug":"vom-ueberleben-erzaehlen-blaue-frau-ravik-strubel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/2021\/11\/29\/vom-ueberleben-erzaehlen-blaue-frau-ravik-strubel\/","title":{"rendered":"Vom \u00dcberleben erz\u00e4hlen"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/files\/2021\/10\/SDGB_Blog_Teaser-1024x683.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-336 size-full\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/files\/2021\/10\/SDGB_Blog_Teaser-1024x683.png 1024w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/files\/2021\/10\/SDGB_Blog_Teaser-300x200.png 300w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/files\/2021\/10\/SDGB_Blog_Teaser-768x512.png 768w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/files\/2021\/10\/SDGB_Blog_Teaser.png 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 1362px) 62vw, 840px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Der Roman <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.fischerverlage.de\/buch\/antje-ravik-strubel-blaue-frau-9783103971019\" target=\"_blank\">\u201eBlaue Frau&#8220;<\/a> ist die Geschichte einer Vergewaltigung. Die Schriftstellerin Antje R\u00e1vik Strubel wurde daf\u00fcr mit dem <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.deutscher-buchpreis.de\/\" target=\"_blank\">Deutschen Buchpreis 2021<\/a> ausgezeichnet. Die Literaturwissenschaftlerin Lea Haneberg kommentiert diese Entscheidung und postuliert die Notwendigkeit neuer Narrative von sexualisierter Gewalt, die vom \u00dcberleben erz\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>Das Erz\u00e4hlen gilt als zentrale Kulturtechnik unserer Zeit. Im Rahmen von Erz\u00e4hlungen werden Ereignisse sprachlich dargestellt, geordnet und zueinander ins Verh\u00e4ltnis gesetzt. Nicht zuletzt macht diese F\u00e4higkeit auch die Kraft der Literatur aus: Sie erm\u00f6glicht es uns Lesenden, die Erlebnisse verschiedenster Figuren und die Verl\u00e4ufe unterschiedlichster Lebenswege in einer unendlichen Zahl literarischer Versuchsanordnungen aus sicherer Entfernung zu beobachten. Sto\u00dfen wir bei diesen Beobachtungen allerdings auf Leerstellen, also auf ein Auseinanderklaffen von zwischen Buchdeckeln erz\u00e4hlter Erfahrung und von uns Lesenden gelebter Realit\u00e4t, kann dies schwerwiegende Folgen f\u00fcr uns haben. Vielen Frauen und M\u00e4dchen wird im Laufe ihres Lebens sexualisierte Gewalt angetan, eine Tatsache, auf die allj\u00e4hrlich der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen aufmerksam macht. &nbsp;In der Literatur allerdings sind diese Gewalterfahrungen immer noch unterrepr\u00e4sentiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Hiervon zeugen die Worte der franz\u00f6sischen Schriftstellerin Virginie Despentes, die w\u00e4hrend einer Reise in den 1980er Jahren im Alter von siebzehn von drei jungen M\u00e4nnern vergewaltigt wurde und r\u00fcckblickend in ihrem autobiografischen Essay <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.kiwi-verlag.de\/buch\/virginie-despentes-king-kong-theorie-9783462052398\" target=\"_blank\">\u201eKing Kong Theorie\u201c<\/a> schrieb: \u201eIn den ersten Jahren nach der Vergewaltigung eine schmerzhafte \u00dcberraschung: Keine Hilfe in B\u00fcchern. Das war mir noch nie passiert. [\u2026] [D]ieses Trauma hat keinen Eingang in die Literatur gefunden.\u201c Tief ersch\u00fcttert stellte Despentes fest, dass ihre eigene Sprachlosigkeit nach der Gewalttat auch nicht von der Literatur, die doch die Kunst des Wortes ist, durchbrochen, sondern im Gegenteil nur gespiegelt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Dem Gewaltakt der Vergewaltigung wird die Bedeutung des Ehebruchs und des Ehrenraubes eingeschrieben<\/p>\n\n\n\n<p>Nun ist es nicht so, dass in der Literaturgeschichte gar keine Charaktere zu finden w\u00e4ren, die sexualisierte Gewalt erfahren haben. Allerdings werden ihre Geschichten oft nach einem \u00e4hnlichen Muster, also einem bestimmten Narrativ, erz\u00e4hlt. Zuvorderst ist hier die mythologische Figur der Lucretia zu nennen, welche von Rembrandt gemalt, von H\u00e4ndel besungen und von Shakespeare bedichtet, vielerorts durch unsere Kulturgeschichte geistert \u2013 und \u00fcbrigens auch den Wikipedia-Eintrag des Schlagworts \u201eVergewaltigung\u201c prominent bebildert. Der \u00dcberlieferung zufolge nahm sich die R\u00f6merin Lucretia vor den Augen ihres Ehemanns das Leben, nachdem sie vom Neffen des K\u00f6nigs vergewaltigt worden war. Lucretia habe versucht die Vergewaltigung abzuwehren, indem sie erkl\u00e4rte, lieber sterben zu wollen, als ihrem Mann untreu zu werden, und begr\u00fcndete dann auch die Notwendigkeit ihres Selbstmordes damit, auf diese Weise zu verhindern, dass sich in Zukunft untreue Ehefrauen auf sie berufen k\u00f6nnten. Und so galt ihr Freitod als heroische Tat, die als \u201eGeschichte der Vergewaltigung der tugendsamen Lucretia\u201c unz\u00e4hlige Male wiedererz\u00e4hlt und wiedergelesen wurde. Im Rahmen dieses dominanten Narratives wird also dem Gewaltakt der Vergewaltigung die Bedeutung des Ehebruchs und des Ehrenraubes eingeschrieben. Und im gleichen Zug die Kunstfigur der entehrten Frau, deren Leben unwiderruflich verwirkt sei, erschaffen. W\u00e4hrend die Ehre im Falle des Mannes auf dem Schlachtfeld verortet und als an seine \u00f6ffentlichen Taten gekn\u00fcpft galt, wurde die der Frau auf diese Weise an den weiblichen K\u00f6rper gebunden. So ist es nicht verwunderlich, dass Virginie Despentes nach der Vergewaltigung als junge Frau vergebens in der Literatur nach, wie sie es formulierte, \u201e\u00dcberlebenshilfe\u201c suchte. Denn wenn die Vergewaltigung eines weiblichen K\u00f6rpers mit dem symbolischen Tod des Opfers gleichgesetzt wird, sind Erz\u00e4hlungen, die vom \u00dcberleben erz\u00e4hlen, gar nicht vorgesehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Der Roman \u201eBlaue Frau\u201c vor dem Hintergrund aktueller feministischer Debatten<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem neuen Roman von Antje R\u00e1vik Strubel ist ein Buch erschienen, das sich der Leerstelle um die Thematik sexualisierter Gewalt annimmt, ohne das althergebrachte Muster der Lucretia-Erz\u00e4hlung zu bedienen. Im Zentrum von Strubels Roman steht die junge Frau Adina Schejbal, die sich mit gro\u00dfen Pl\u00e4nen im Gep\u00e4ck aufmacht, ihr Dorf im tschechischen Riesengebirge zu verlassen. Um die Kurse f\u00fcr das Sprachdiplom finanzieren und sich f\u00fcr ein Studium in Berlin einschreiben zu k\u00f6nnen, nimmt Adina spontan ein Praktikum in der Uckermark an. Hier will der umtriebige Unternehmer Razvan Stein ein historisches Landgut zu einer angesehenen Kultureinrichtung umbauen. Im Kontext prek\u00e4rer Arbeitsverh\u00e4ltnisse, patriarchaler Strukturen und der vielschichtigen Projektionen von West auf Ost ger\u00e4t Adina in ein komplexes Machtgef\u00fcge und wird schlie\u00dflich eines Abends gezwungen, eine Vergewaltigung \u00fcber sich ergehen zu lassen. Als sie sich am n\u00e4chsten Tag einem Gast, der Mitarbeiterin einer Schweizer Kulturstiftung, anvertraut, tut diese Alinas Bericht ab und entgegnet: \u201eSind solche Anschuldigungen im Moment nicht sehr in Mode?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die junge Frau flieht und rettet sich schlie\u00dflich nach Finnland. Sie versucht, ihre aus den Fugen geratene Welt wieder zu ordnen: \u201eDas sind die Ger\u00e4usche\u201c; \u201eDas ist die Vergangenheit\u201c; \u201eDas ist der Wille\u201c und lotet ihren Handlungsraum zwischen Gerechtigkeit und Vergeltung aus. Die Vergewaltigung markiert innerhalb der Erz\u00e4hlung nicht das Ende, sondern einen Ausgangspunkt. Es beginnt ein Abtasten der Strukturen, in denen eine solche Gewalttat stattfinden konnte. Wie reagiert das soziale Umfeld? Welche Erfolgschancen hat ein Gerichtsprozess? Und welche \u00dcberlebenshilfen bieten Staat und Gesellschaft Betroffenen sexualisierter Gewalt?<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/files\/2021\/11\/Blogtext-Haneberg_Blaue-Frau_Cover_9783103971019.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-827\" width=\"240\" height=\"392\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/files\/2021\/11\/Blogtext-Haneberg_Blaue-Frau_Cover_9783103971019.jpg 320w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/files\/2021\/11\/Blogtext-Haneberg_Blaue-Frau_Cover_9783103971019-184x300.jpg 184w\" sizes=\"auto, (max-width: 240px) 85vw, 240px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Die Arbeit an ihrem Roman hat Antje R\u00e1vik Strubel bereits vor der #Me Too-Debatte begonnen, der Text ist also keine unmittelbare Reaktion auf diese, allerdings trifft seine Ver\u00f6ffentlichung nun auf einen ver\u00e4nderten Resonanzraum. \u201eMe Too\u201c wurde erstmals von der Aktivistin Tarana Burke in den sozialen Medien verwendet. Burke engagierte sich als Community Organizerin in der US-amerikanischen Stadt Selma und rief eine Kampagne ins Leben, die afroamerikanischen Frauen ein Bewusstsein daf\u00fcr geben sollte, dass sie mit Erfahrungen von sexualisierter Gewalt nicht alleine waren. Als die Schauspielerin Alyssa Milano dann im Jahr 2017 im Kontext der Vergewaltigungsvorw\u00fcrfe gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein dazu aufrief, \u00dcbergriffe \u00f6ffentlich zu machen, ging der Hashtag \u201eMe Too\u201c viral. Seitdem teilten Frauen auf der ganzen Welt millionenfach diese Formel im Netz und sorgten so f\u00fcr eine der gro\u00dfen St\u00e4rken dieser Bewegung: die Vielstimmigkeit. So wurden individuelle Erfahrungen mit \u00dcbergriffen, Grenzverletzungen und Ungleichbehandlungen \u00f6ffentlich in Sprache gefasst. Sie wurden in ihrer Heterogenit\u00e4t sichtbar und verwiesen doch in ihrer Gesamtheit auf den strukturellen Charakter von Sexismus. Die feministische Hashtag-Bewegung l\u00f6ste auch im deutschsprachigen Raum eine breite gesellschaftliche Diskussion aus, die bis heute anh\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es sind gute Nachrichten, dass Antje R\u00e1vik Strubel der literarischen Welt die Figur der Adina Schejbal eingeschrieben und die Jury des Deutschen Buchpreises sich entschieden hat, diesen Roman auszuzeichnen. Es ist dringend notwendig, dass die Erz\u00e4hlung der tugendsamen Lucretia mit all ihren weiblichkeitsfeindlichen Implikationen in den Hintergrund r\u00fcckt und auch die literarische Auseinandersetzung mit dem Thema der sexualisierten Gewalt eine vielstimmige wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lea Haneberg, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut f\u00fcr Deutsche und Niederl\u00e4ndische Philologie der Freien Universit\u00e4t Berlin, schreibt ihre Doktorarbeit zum Thema #Me Too und Literatur(betrieb)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Literaturempfehlungen f\u00fcr die Vielstimmigkeit<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><em>Im Herzen der Gewalt (2016) von \u00c9douard Louis<\/em><\/li><li><em>Sagte Sie. 17 Erz\u00e4hlungen \u00fcber Sex und Macht (2018) herausgegeben von Lina Muzur<\/em><\/li><li><em>Nichts, was uns passiert (2018) von Bettina Wilpert<\/em><\/li><li><em>Im Blick (2018) von Marie Luise Lehner<\/em><\/li><\/ul>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Roman \u201eBlaue Frau&#8220; ist die Geschichte einer Vergewaltigung. 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