{"id":8332,"date":"2024-03-21T13:01:33","date_gmt":"2024-03-21T12:01:33","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/?p=8332"},"modified":"2025-01-03T11:05:41","modified_gmt":"2025-01-03T10:05:41","slug":"geringgeschaetzte-sisyphosarbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/2024\/03\/21\/geringgeschaetzte-sisyphosarbeit\/","title":{"rendered":"Geringgesch\u00e4tzte Sisyphosarbeit"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"682\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/files\/2024\/03\/Pantelmann-\u00a9Bernd-Wannenmacher-1024x682.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8341 size-full\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/files\/2024\/03\/Pantelmann-\u00a9Bernd-Wannenmacher-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/files\/2024\/03\/Pantelmann-\u00a9Bernd-Wannenmacher-300x200.jpg 300w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/files\/2024\/03\/Pantelmann-\u00a9Bernd-Wannenmacher-768x511.jpg 768w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/files\/2024\/03\/Pantelmann-\u00a9Bernd-Wannenmacher-1536x1022.jpg 1536w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/files\/2024\/03\/Pantelmann-\u00a9Bernd-Wannenmacher-2048x1363.jpg 2048w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/frauenbeauftragte\/files\/2024\/03\/Pantelmann-\u00a9Bernd-Wannenmacher-1200x799.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 1362px) 62vw, 840px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Zum Thema Sexualisierte Bel\u00e4stigung, Diskriminierung und Gewalt (SBDG) im Hochschulkontext forscht, arbeitet und ber\u00e4t Heike Pantelmann seit Jahren. In einem pers\u00f6nlichen Erfahrungsbericht kritisiert sie fehlende Ressourcen und Strukturen an der Freien Universit\u00e4t im Umgang mit SBDG. Sie gibt Einblick in die Beratungspraxis, die gekennzeichnet ist von geringer Wertsch\u00e4tzung und hohen Erwartungen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Die Arbeitsgruppe<\/p>\n\n\n\n<p>Ich besch\u00e4ftige mich seit einigen Jahren mit dem Thema sexualisierte Bel\u00e4stigung, Diskriminierung und Gewalt (SBDG) im Hochschulkontext. Es begann, als ich Teil einer <a href=\"https:\/\/www.fu-berlin.de\/sites\/nein-heisst-nein\/kontakt\/index.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Arbeitsgruppe<\/a> an der Freien Universit\u00e4t wurde, deren Aufgabe es ist, das Bewusstsein f\u00fcr das Thema zu sch\u00e4rfen und Pr\u00e4ventionsarbeit zu leisten \u2013 die aber daf\u00fcr keine Ressourcen hat. In einem langwierigen Prozess \u00fcberarbeiteten wir die bestehende Richtlinie gegen SBDG. Als ich einige Jahre sp\u00e4ter Richtlinien systematisch beforschte, wurde mir klar, wie unzureichend auch die<a href=\"https:\/\/www.fu-berlin.de\/service\/zuvdocs\/amtsblatt\/2020\/ab412020.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"> neue Richtlinie<\/a> ist. Zudem hat eine Richtlinie wenig Wert an einer Universit\u00e4t, an der es keine Strukturen gibt, um Betroffene vor SBDG zu sch\u00fctzen und T\u00e4ter zu bestrafen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Beratung<\/p>\n\n\n\n<p>Die Arbeitsgruppe hatte auch die Idee, eine SBDG-Website f\u00fcr unsere Universit\u00e4t einzurichten. Ich war bereit, auf dieser Website als eine von drei Erstansprechpersonen f\u00fcr von SBDG Betroffene aufgef\u00fchrt zu werden. Was mir in dieser Funktion auffiel, war erstens, dass die Personen, die sich an mich wandten, nirgendwo an der Universit\u00e4t angemessene Unterst\u00fctzung fanden. Mir wurde klar, dass ich zweitens ohne Schutzstrukturen und ohne den Willen, die T\u00e4ter konsequent zu bestrafen, nur eine Alibifunktion wahrnehme. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich musste auch lernen, dass Menschen, die sich an mich wandten, sich sp\u00e4ter manchmal \u00fcber die Ratschl\u00e4ge \u00e4rgerten, die ich gegeben hatte. Sie \u00e4rgerten sich eigentlich \u00fcber die fehlenden Strukturen, ich jedoch wurde Adressatin ihrer Frustration, weil ich ihnen in den Erstberatungen nichts bieten konnte. Unf\u00e4hig, Konsequenzen f\u00fcr die T\u00e4ter durchzusetzen, k\u00e4mpft die Erstansprechperson selbst mit den fehlenden Strukturen und der mangelnden Unterst\u00fctzung f\u00fcr die von SBDG Betroffenen an ihrer Institution. Meine Rolle als Beraterin ohne wirkliche Struktur war also nur eine Fassade. Ich beschloss, meinen Namen von der Website entfernen zu lassen. Ich wollte nicht Teil dieses <em>institutional polishing <\/em>sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Der Forschungsschwerpunkt<\/p>\n\n\n\n<p>Durch die Kooperation in einem <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.mvbz.fu-berlin.de\/forschung\/themenschwerpunkt\/index.html\" target=\"_blank\">internationalen Forschungsprojekt zu SBDG<\/a> im Hochschulkontext konnten wir das Thema als Forschungsschwerpunkt am Margherita-von-Brentano-Zentrums f\u00fcr Geschlechterforschung etablieren. Forschung und institutioneller Wandel waren die Ziele des Projekts. In den vier Jahren, in denen wir den Forschungsschwerpunkt eingerichtet haben, habe ich mindestens 11 Einstellungsvorg\u00e4nge f\u00fcr 5 Personen bearbeitet, die mit mir auf einer Stelle im Forschungsschwerpunkt gearbeitet haben. Vermutlich habe ich also weniger geforscht als Personalvorg\u00e4nge bearbeitet. <\/p>\n\n\n\n<p>Trotz der personell schwierigen Lage waren wir in der Lage, zu forschen und mehrere Artikel zu ver\u00f6ffentlichen. Wir hielten Seminare zu diesem Thema ab und organisierten Aktivit\u00e4ten mit Studierenden und Kolleg*innen, um das Bewusstsein f\u00fcr SBDG an der FU zu sch\u00e4rfen. Nachdem wir den Forschungsschwerpunkt unter diesen prek\u00e4ren Bedingungen erfolgreich aufgebaut hatten, wurde die Stelle nicht dauerhaft finanziert, so dass er schlie\u00dflich geschlossen werden musste. War all diese Arbeit umsonst? <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Workshops <\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber hinaus habe ich Workshops zum Thema SBDG gegeben. Diese Workshops waren insofern lohnend, als die Teilnehmenden sich fast immer gest\u00e4rkt und sicherer im Umgang mit dem Thema SBDG im Hochschulalltag f\u00fchlten. In einem der Workshops an meiner Universit\u00e4t wurden die Teilnehmenden jedoch w\u00fctend \u00fcber die fehlenden Strukturen und die mangelnde Unterst\u00fctzung des Themas durch die Universit\u00e4tsleitung. Die Wut richtete sich gegen meine Kollegin und mich als Workshopleiterinnen. Wir mussten deutlich machen, dass auch wir die Strukturen als unzureichend empfanden. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Erwartung war \u2013 und das ist sehr verbreitet \u2013, dass diejenigen, die sich mit dem Thema SBDG befassen, die Ressourcen und das Mandat haben, die auftretenden F\u00e4lle zu l\u00f6sen. Das jedoch ist fast nie der Fall. Diejenigen, die sich mit dem Thema befassen, tun dies, weil sie glauben, dass die Strukturen in ihren Institutionen unzureichend sind, das Thema jedoch wichtig ist, oder weil sie Gleichstellungsbeauftragte oder Beraterinnen sind und das Thema somit &#8222;irgendwie&#8220; in ihren Zust\u00e4ndigkeitsbereich f\u00e4llt \u2013 in der Regel, weil es sonst niemanden gibt, der sich darum k\u00fcmmert. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Das Buch <\/p>\n\n\n\n<p>Anfang 2021 schlug eine Kollegin vor, gemeinsam <a href=\"https:\/\/www.springerprofessional.de\/sexualisierte-belaestigung-diskriminierung-und-gewalt-im-hochsch\/25425290\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">ein Buch \u00fcber SBDG im deutschen Hochschulkontext<\/a> herauszugeben. Ein Vorhaben, dem ich sofort begeistert zustimmte, da ein solches Buch bislang nicht existierte. Das Buch sollte all jene adressieren, die sich mit SBDG im deutschen Hochschulkontext besch\u00e4ftigen und damit konfrontiert sind. Es hat viel Freude bereitet, mit den Autor*innen zusammenzuarbeiten und unser Konzept zu verwirklichen. <\/p>\n\n\n\n<p>Als das Buch im Juni 2023 ver\u00f6ffentlicht wurde, nutzte ich Twitter, um das Buch vorzustellen. Sehr bald nach meinem ersten Tweet erhielt ich eine Antwort von einer Person, deren &#8222;Fall&#8220; in einem Absatz in einem der siebzehn Artikel kurz erw\u00e4hnt wurde. Wir mailten und ich verwies sie an die Autor*innen des Artikels, die ihn inhaltlich verantworten. Dann eskalierten die Dinge schnell \u2013 zumindest kam es mir so vor. Pl\u00f6tzlich sah ich mich auf Twitter unz\u00e4hligen Anschuldigungen ausgesetzt, Teil des Problems zu sein, mich falsch verhalten zu haben, weil ich nicht sofort verstand, was zu tun war (den Artikel zu entfernen) und wie schnell es getan werden musste (sofort), und so weiter \u2013 Dinge, die die unerfahrene Twitter-Nutzerin und Herausgeberin, die ich bin, schockierten. <\/p>\n\n\n\n<p>Als Mitherausgeberin f\u00fchlte ich mich von der ganzen Wut und Verzweiflung einer Betroffenen \u00fcberrollt. Sie traf mich und nicht den T\u00e4ter, nicht die Universit\u00e4t, die nichts getan hatte, um die Betroffene zu sch\u00fctzen, nicht die Autorinnen des Artikels, nicht (auch) meine Mitherausgeberin, sondern mich, die ich \u00fcber das Buch getwittert hatte und damit zur Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr all die Frustrationen wurde, die die Betroffene erlitten hatte. Ich war \u00fcberrascht davon, wie viel Wut mit einem ungel\u00f6sten SBDG-Fall verbunden sein konnte. Rechtlich gesehen war im Artikel nichts falsch, aber moralisch ist eine Betroffene immer im Recht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war auf die Emotionen, die mit dem Thema in Verbindung stehen, nicht vorbereitet. Ohne Frage schadet SBDG in erster Linie den Betroffenen. SBDG schadet aber auch denjenigen, die sich mit dem Thema befassen und die versuchen, die sch\u00e4dlichen Strukturen ihrer Institutionen zu \u00e4ndern. Wir erhalten keine Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr unsere Arbeit, weil wir immer wieder auf die Probleme hinweisen, die viele Personen an Hochschulen entweder nicht wahrnehmen wollen oder lieber vertuschen m\u00f6chten. Auch die Ratsuchenden sch\u00e4tzen uns oft nicht, denn f\u00fcr sie sind wir Teil der Institution, die sie weder sch\u00fctzt noch ihnen hilft. <\/p>\n\n\n\n<p>Menschen wie ich setzen sich gegen SBDG im Hochschulkontext ein, versuchen Verbesserungen zu erreichen, forschen, halten Vortr\u00e4ge, geben Workshops und engagieren sich, um die Institutionen zu ver\u00e4ndern \u2013 eine Sisyphosarbeit, die also nicht nur geringgesch\u00e4tzt, sondern sogar h\u00e4ufig untergraben wird. Wir sind diejenigen, die gegen das System arbeiten, und damit leider aber auch diejenigen, die es letztendlich st\u00fctzen. Aber ist es eine Option, nicht gegen SBDG im Hochschulkontext zu arbeiten?<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p><strong>Dr. Heike Pantelmann<\/strong> ist Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin des Margherita-von-Brentano-Zentrums f\u00fcr Geschlechterforschung an der Freien Universit\u00e4t Berlin. Sie ist promovierte Betriebswirtin. Ihre Forschungsinteressen liegen in den Themenbereichen: Sexualisierte Bel\u00e4stigung, Diskriminierung und Gewalt im Hochschulkontext; Geschlechterordnung\/Geschlechterverh\u00e4ltnisse, Macht und Kontrolle in Organisationen. Weitere Arbeitsfelder sind Gender und Diversity in der Lehre und die Internationalisierung der Geschlechterforschung.<br><\/p>\n\n\n\n<p>Heike Pantelmann und Sabine Blackmore (Hrsg.) (2023): <a href=\"https:\/\/www.springerprofessional.de\/sexualisierte-belaestigung-diskriminierung-und-gewalt-im-hochsch\/25425290\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Sexualisierte Bel\u00e4stigung, Diskriminierung und Gewalt im Hochschulkontext. Herausforderungen, Umgangsweisen und Pr\u00e4vention<\/a>. Springer Gabler, Wiesbaden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Thema Sexualisierte Bel\u00e4stigung, Diskriminierung und Gewalt (SBDG) im Hochschulkontext forscht, arbeitet und ber\u00e4t Heike Pantelmann seit Jahren. 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