{"id":207,"date":"2014-10-14T15:36:31","date_gmt":"2014-10-14T13:36:31","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/inequalitics\/?p=207"},"modified":"2014-10-23T11:57:46","modified_gmt":"2014-10-23T09:57:46","slug":"der-apfel-faellt-nicht-weit-vom-stamm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/inequalitics\/2014\/10\/14\/der-apfel-faellt-nicht-weit-vom-stamm\/","title":{"rendered":"Der Apfel f\u00e4llt nicht weit vom Stamm"},"content":{"rendered":"<h2><strong>\u00dcber Chancengleichheit und Aufstiegschancen in Deutschland<\/strong><\/h2>\n<p>Es ist wahrlich nichts Neues, dass \u00fcber das deutsche Bildungssystem eifrig debattiert wird. Neuerdings ist das Thema insbesondere dank der neuesten OECD-Studie <a href=\"https:\/\/www.oecd.org\/edu\/eag.htm\" target=\"_blank\">\u201eEducation at a Glance\u201c<\/a> vom September 2014 wieder stark in den Medien vertreten und verschiedene Aspekte des Berichts wurden unter anderem von Zeitungen jeglichen Couleurs aufgegriffen (<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/studium\/hochschule\/2014-09\/oecd-bildungsbericht-studenten\" target=\"_blank\">Zeit<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/bildung\/oecd-bildungsbericht-ueberraschendes-lob-fuer-die-deutsche-lehre-1.2122321\" target=\"_blank\">S\u00fcddeutsche<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftspolitik\/oecd-bildungsbericht-wer-studiert-bekommt-74-prozent-mehr-geld-13143775.html\" target=\"_blank\">FAZ<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/unispiegel\/jobundberuf\/oecd-zur-bildung-deutschland-droht-ein-abwaertstrend-a-990508.html\" target=\"_blank\">Spiegel<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.bild.de\/ratgeber\/2014\/einkommen\/akademiker-verdienen-74-prozent-mehr-als-facharbeiter-37594434.bild.html\" target=\"_blank\">Bild<\/a> um nur die ersten<i> Google News<\/i> Eintr\u00e4ge zu benennen). Und w\u00e4hrend manche jubeln wie der <a href=\"https:\/\/www.dphv.de\/aktuell\/nachrichten\/details\/article\/oecd-bildungsbericht-beweist-deutsches-bildungssystem-besser-als-sein-ruf.html\" target=\"_blank\">Deutsche Philologenverband<\/a>, da ja Deutschlands Bildungssystem vor allem wegen der hohen Bildungsbeteiligung und niedrigen Jugendarbeitslosigkeit \u201ebesser als sein Ruf\u201c sei, \u00e4rgern sich andere wie die <a href=\"https:\/\/www.ihk-trier.de\/p\/Wirtschaftskammern_ver%C3%A4rgert_%C3%BCber_OECDBildungsbericht-7-14637.html\" target=\"_blank\">Trierer Wirtschaftskammern<\/a>, weil die OECD mal wieder der akademischen Laufbahn einen deutlich h\u00f6heren Stellenwert gibt als der dualen Ausbildung. Abseits von diesen Standpunkten, die es sicherlich auch Wert sind, diskutiert zu werden, sollte man sein Augenmerk bei Berichten, die das Bildungssystem betreffen, stets besonders auf eine Frage richten: Was sagen uns diese Ergebnisse \u00fcber die Chancengleichheit aus?<\/p>\n<h6 style=\"text-align: center\">Abbildung 1: Schulbesuch in Deutschland (2008 &#8211; 2012)<a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/inequalitics\/files\/2014\/10\/1.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-222\" alt=\"Abbildung 1: Schulbesuch in Deutschland (2008 - 2012). Quelle: Eigene Auswertung mit Daten des Statistischen Bundesamts.\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/inequalitics\/files\/2014\/10\/1-300x162.png\" width=\"300\" height=\"162\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/inequalitics\/files\/2014\/10\/1-300x162.png 300w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/inequalitics\/files\/2014\/10\/1-1024x554.png 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/h6>\n<h6 style=\"text-align: center\"><\/h6>\n<h6 style=\"text-align: center\"><!--more-->Quelle: Eigene Auswertung mit Daten des Statistischen Bundesamts.<\/h6>\n<h3><strong>Nature or Nurture?<\/strong><\/h3>\n<p>Obwohl sich jeder wahrscheinlich etwas unter dem Begriff der Chancengleichheit vorstellen kann, sollte man dennoch zun\u00e4chst einmal erkl\u00e4ren, wie ein Bildungssystem \u00fcberhaupt zu h\u00f6herer Chancengleichheit verhelfen kann und warum es so wichtig ist. Allgemein l\u00e4sst sich sagen, dass es eine der wichtigsten Rollen eines jeden Bildungssystems ist, gleiche Ausgangschancen f\u00fcr Kinder aus allen Gesellschaftsschichten zu schaffen. Dies hat vor allem zwei Gr\u00fcnde von denen der erste wohl nicht sehr unerwartet kommt: Um Gerechtigkeit zu wahren! Jeder sollte eine faire Chance zur freien Entfaltung der Pers\u00f6nlichkeit bekommen (Ein Ziel, das sogar im Grundgesetz verankert ist; <a href=\"https:\/\/www.bundestag.de\/bundestag\/aufgaben\/rechtsgrundlagen\/grundgesetz\/gg_01\/245122\" target=\"_blank\">Art. 2.1<\/a>). Der zweite Grund daf\u00fcr, gleiche Ausgangschancen f\u00fcr alle zu schaffen, mag f\u00fcr manche \u00fcberraschend klingen: Weil es effizienter ist! Anders herum w\u00fcrden n\u00e4mlich besondere Talente und F\u00e4higkeiten bei Kindern aus benachteiligtem Umfeld nicht gef\u00f6rdert werden und der Gesellschaft damit verloren gehen. Doch dieser letzte Grund fand nicht immer Zuspruch. Fr\u00fchere psychologische und verhaltensgenetische Studien (eine davon Murray und Hernsteins sehr kontroverses Buch \u201eThe Bell Curve\u201c von 1994) behaupteten, endlich eine Antwort f\u00fcr die fortw\u00e4hrende und steigende Einkommensungleichheit gefunden zu haben: Intelligenz sei genetisch bedingt und angeblich gr\u00f6\u00dftenteils erblich. Demnach bek\u00e4men kluge (und daher reiche) Eltern, kluge Kinder, die sich dann gegen\u00fcber den weniger klugen Kindern in der Schule und auf dem Arbeitsmarkt durchsetzen w\u00fcrden. Jeder staatliche Eingriff w\u00e4re damit nicht in der Lage, diesen Bann zu durchbrechen und daher unn\u00f6tig. Die Kritik an dieser Theorie &#8211; vor allem von Seiten der \u00d6konomen und Soziologen &#8211; lie\u00df nicht lange auf sich warten.<a title=\"\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> Jedoch dauerte es seine Zeit, bis empirische Studien mit innovativen Daten von Zwillingen und Adoptivkindern unmissverst\u00e4ndlich zeigen konnten, dass Faktoren abseits der genetischen Vererbung \u2013 wie die Schulumgebung \u2013 auch einen signifikanten Einfluss haben.<a title=\"\" href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> Ohne jedoch tiefer in die \u201eNature or Nurture?\u201c Debatte einsteigen zu wollen (<a href=\"https:\/\/www.arte.tv\/de\/nature-or-nurture\/1473488,CmC=1473500.html\" target=\"_blank\">hier<\/a> einige interessanten Anmerkungen von Prof. Ernst Peter Fischer dazu), kommen wir nach diesem kurzen \u00dcberblick zur\u00fcck zur anf\u00e4nglichen Frage dieses Beitrags: Wie sieht es mit der Chancengleichheit in Deutschland aus? Dabei wollen wir Chancengleichheit so definieren wie <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Q9WM-XTiMLo\" target=\"_blank\">John Roemer<\/a>, und Ungleichheiten akzeptieren, die das Ergebnis pers\u00f6nlicher Anstrengungen sind, solche jedoch als ungerecht ansehen, die durch unterschiedliche Anfangsbedingungen zustande kommen.<a title=\"\" href=\"#_ftn3\">[3]<\/a><\/p>\n<h3><b>Soziale Mobilit\u00e4t und Einfluss der Umgebung<\/b><\/h3>\n<p>Der OECD-Bericht gibt einige interessante Hinweise in dieser Hinsicht. Zuerst einmal ist Deutschland eines der OECD-L\u00e4nder mit dem niedrigsten Anteil an Studenten (bzw. an jungen Leuten im terti\u00e4ren Bildungssektor) aus bildungsschw\u00e4cheren Elternh\u00e4usern; d.h. Eltern ohne Abitur, Fachabitur, abgeschlossener Ausbildung oder einem vergleichbaren Abschluss.<a title=\"\" href=\"#_ftn4\">[4]<\/a> Eine eigene Auswertung des Schulbesuchs nach Bildungsstand der Eltern mit Daten des Statistischen Bundesamts best\u00e4tigt dies. Es zeigt sich au\u00dferdem, dass sich die Situation in den letzten Jahren nicht verbessert, sondern eher verschlechtert hat. W\u00e4hrend 2008 knapp 41 % der Gymnasiasten aus Elternh\u00e4usern ohne Abitur stammte, waren es 2012 nur noch ca. 38 %. <b>[siehe Abbildung 1]<\/b> Zweitens, geh\u00f6rt Deutschland zu den OECD-L\u00e4ndern (mit \u00d6sterreich, der Tschechischen Republik, Italien und der Slowakei) in denen mehr als 55 % der Kinder den gleichen Schulabschluss haben wie ihre Eltern, was auf eine sehr niedrige soziale Mobilit\u00e4t hindeutet. Der OECD-Durchschnitt liegt hier bei unter 50 %. An dieser Stelle sollte jedoch auch gesagt werden, dass der Anteil an Eltern mit niedrigen Schulabschl\u00fcssen in Deutschland gering ist und deutlich unter dem OECD Durchschnitt von 19 % liegt. Beunruhigend ist dieses Ergebnis dennoch, wenn man sich die Ergebnisse einer aktuellen <a href=\"https:\/\/www.caritas.de\/fuerprofis\/fachthemen\/kinderundjugendliche\/bildungschancen\/bildungschancen\" target=\"_blank\">Studie der Caritas<\/a> zusammen mit dem <em>Rheinisch-Westf\u00e4lisches Institut f\u00fcr Wirtschaftsforschung<\/em> (RWI) anschaut: In Deutschland verl\u00e4sst dieser Studie zufolge jeder 18. Jugendliche die Schule ohne mindestens einen Hauptschulabschluss erreicht zu haben. Die Caritas Studie &#8211; die auf amtliche Statistiken der Kreise und kreisfreien St\u00e4dte, sowie auf Daten der Bundesagentur f\u00fcr Arbeit beruht \u2013 zeigt unter anderem, dass die Quote an Schulabg\u00e4ngern ohne Abschluss sich stark zwischen verschiedene Landesteile auf dem Bundesgebiet unterscheidet. Au\u00dferdem ist sie mit der Arbeitslosenquote auf kommunaler Ebene korreliert, daf\u00fcr aber nicht mit der Pro-Kopf-Verschuldung. Diese Ergebnisse geben also einerseits einen weiterer Hinweis auf den verst\u00e4rkten Einfluss von Familie und Umgebung und zeigen andererseits &#8211; so die Schlussfolgerung von Caritas und RWI &#8211; dass auch verschuldete Kommunen die Mittel aufbringen k\u00f6nnen um Kinder aus benachteiligtem Umfeld zu f\u00f6rdern, wenn der politische Wille vorhanden ist. Drittens, zeigt die OECD-Studie auch, dass h\u00f6here Bildung der Eltern mit besseren Lese-, Schreibe- und Rechenf\u00e4higkeiten der Kinder verbunden ist, und verr\u00e4t in dieser Hinsicht das vermutlich erschreckendste Ergebnis: in Deutschland haben die meisten nicht-Studierenden Erwachsenen<a title=\"\" href=\"#_ftn5\">[5]<\/a>, die aus bildungsschw\u00e4cheren Elternh\u00e4usern stammen, extrem schlechte Testergebnisse in <i>literacy<\/i> und <i>numeracy<\/i>. \u00dcber 80 % m\u00fcssen somit einer der zwei (von sieben) untersten Kategorien zugeordnet werden. Nur in den USA sieht es \u00e4hnlich aus, w\u00e4hrend die Quote in den anderen OECD L\u00e4ndern zwischen 42 % in Japan und 79 % in Italien liegt, bei einem OECD-Durchschnitt von knapp \u00fcber 60 %. Die Ergebnisse dieser OECD-Studie best\u00e4tigen also die Befunde <a href=\"https:\/\/www.oecd.org\/eco\/public-finance\/chapter%205%20gfg%202010.pdf\" target=\"_blank\">fr\u00fcherer Studien<\/a> <b>[OECD 2010; siehe Abbildung 2 und 3]<\/b> und deuten auf ein besorgniserregendes Szenario hin was die Chancengleichheit in Deutschland anbelangt. Als Kind w\u00e4hlt man n\u00e4mlich weder die Familie noch die Umgebung in der man aufw\u00e4chst selber aus; und doch bestimmen diese beiden Faktoren, welchen Bildungsabschluss man erreichen kann.<\/p>\n<h6 style=\"text-align: center\">Abbildung 2 und 3: Einfluss von Familie und Umgebung &#8211; ein internationaler Vergleich<\/h6>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/inequalitics\/files\/2014\/10\/2.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-223\" alt=\"Abbildung 2\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/inequalitics\/files\/2014\/10\/2-300x182.png\" width=\"300\" height=\"182\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/inequalitics\/files\/2014\/10\/2-300x182.png 300w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/inequalitics\/files\/2014\/10\/2-1024x622.png 1024w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/inequalitics\/files\/2014\/10\/2.png 1157w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/inequalitics\/files\/2014\/10\/3.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-224\" alt=\"Abbildung 3\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/inequalitics\/files\/2014\/10\/3-300x199.png\" width=\"300\" height=\"199\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/inequalitics\/files\/2014\/10\/3-300x199.png 300w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/inequalitics\/files\/2014\/10\/3-1024x680.png 1024w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/inequalitics\/files\/2014\/10\/3.png 1182w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<h6 style=\"text-align: center\">Quelle: ECONOMIC POLICY REFORMS: GOING FOR GROWTH; OECD (2010)<\/h6>\n<h3><b>Die Annahmen f\u00fcr ein gerechtes System<\/b><\/h3>\n<p>Woran kann es liegen, dass das deutsche Bildungssystem so wenig dem Ziel nachkommt Chancengleichheit zu wahren? Etliche Studien haben gezeigt, dass die Schulleistungen st\u00e4rker vom sozio-kulturellen Status der Eltern abh\u00e4ngen, je fr\u00fcher die Wahl des Schultyps am Ende der Grundschulzeit stattfindet.<a title=\"\" href=\"#_ftn6\">[6]<\/a> <b>[siehe Abbildung 4]<\/b> Eine Erkl\u00e4rung hierf\u00fcr k\u00f6nnte die folgende sein: benachteiligte Eltern (z.B. mit geringem Einkommen und\/oder niedriger Bildung) k\u00f6nnen ihre Spr\u00f6sslinge meistens nicht ausreichend in ihrer schulischen Laufbahn unterst\u00fctzen, sei es durch gemeinsames Lernen oder einer bezahlten Nachhilfe. Wenn die Selektion in einen weiterf\u00fchrenden Schultyp also relativ fr\u00fch stattfindet, haben Kinder aus benachteiligten Familien geringere Chancen innerhalb kurzer Zeit ihre F\u00e4higkeiten zu entdecken und soweit zu zeigen um eine Empfehlung f\u00fcr das Gymnasium zu bekommen. Au\u00dferdem k\u00f6nnte es einen Fall von Informationsasymmetrie geben: Eltern mit h\u00f6herer Bildung sollten den Stellenwert in der Gesellschaft von gewissen Schultypen und Abschl\u00fcssen besser einsch\u00e4tzen k\u00f6nnen, als Eltern, die in ihrem n\u00e4heren Umfeld nicht damit konfrontiert werden. Auf der weiterf\u00fchrenden Schule sind die Sch\u00fcler dann nach ihrem vermeintlichen K\u00f6nnen in verschiedene Schultypen aufgeteilt und werden schon fr\u00fch f\u00fcr ihren sp\u00e4teren Lebensweg vorbereitet: die einen f\u00fcr eine akademische Laufbahn, die anderen f\u00fcr technische oder manuelle Berufe. Dieses System k\u00f6nnte unter zwei Annahmen effizient und gerecht sein: Erstens, dass die F\u00e4higkeiten einer Person im Alter von 9 bis 10 Jahren tats\u00e4chlich erkannt werden k\u00f6nnen und keinerlei \u00e4u\u00dferen Zust\u00e4nde oder Umgebungen, f\u00fcr die das Individuum nicht verantwortlich ist, f\u00fcr die Wahl des Schultyps eine Rolle spielen. Zweitens, dass sogenannte <a href=\"https:\/\/www.nber.org\/digest\/apr01\/w7867.html\" target=\"_blank\">peer-effects<\/a> in die Richtung gehen, dass schlechte Sch\u00fcler in einer Klasse die Leistungen der guten Sch\u00fcler herunterziehen und nicht anders herum. Bei beiden Annahmen ist es mindestens fraglich, ob sie denn plausibel sind.<\/p>\n<h6 style=\"text-align: center\">Abbildung 4: Einfluss der Familie und Schultyp-Selektion<\/h6>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/inequalitics\/files\/2014\/10\/4.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"Abbildung 4\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/inequalitics\/files\/2014\/10\/4-300x279.png\" width=\"300\" height=\"279\" \/><\/a><\/p>\n<h6 style=\"text-align: center\">Quelle: Gabriela Sch\u00fctz und Ludger W\u00f6\u00dfmann; ifo Schnelldienst 21\/2005<\/h6>\n<h3><b>Fortw\u00e4hrende Einkommensungleichheit als Folge<\/b><\/h3>\n<p>Wenn diese Annahmen nicht erf\u00fcllt sind, was der Fall zu sein scheint, findet die Selektion im Bildungssystem nicht nach Leistung oder Talent statt, sondern nach soziokulturellem Umfeld des Elternhauses. Das f\u00fchrt letztendlich dazu, dass der Gro\u00dfteil der Kinder aus benachteiligten Umfeldern (d.h. aus Familien am unteren Ende der Einkommensverteilung) nur Abschl\u00fcsse schaffen, die es ihnen auf dem Arbeitsmarkt sehr schwer machen Zugang zu h\u00f6heren (besser bezahlten) Positionen zu erlangen. Somit reproduzieren sich die ungleichen Verh\u00e4ltnisse zwischen Familien am unteren und oberen Ende der Einkommensverteilung in der folgenden Generation und werden sogar noch ausgepr\u00e4gter, wenn die Verteilung der Bildungsrenditen weiter auseinander geht (d.h. h\u00f6here formale Abschl\u00fcsse vergleichsweise besser entlohnt werden). Das dies in Deutschland ein tats\u00e4chliches Problem ist, zeigt unter anderem eine <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/article\/10.1007%2Fs00148-013-0468-6\" target=\"_blank\">aktuelle Studie von Daniel Schnitzlein<\/a> in dem die Korrelation der Einkommen und Bildungsergebnisse von Geschwistern untersucht wird: etwa 40 Prozent der Ungleichheit der Arbeitseinkommen und sogar 50 Prozent der Bildungserfolge lassen sich durch den Familienhintergrund erkl\u00e4ren. Daraus bildet sich ein Teufelskreis, in dem die Aufstiegschancen gering sind und sich die oft geh\u00f6rte Aussage bewahrheitet \u201eDie Armen werden immer \u00e4rmer und die Reichen immer reicher\u201c.<\/p>\n<h3><b>Ein beinahe banales Fazit<\/b><\/h3>\n<p>Baf\u00f6g und Stipendien k\u00f6nnen ein guter Ansatz sein, um Menschen aus allen Einkommensklassen ein Studium und damit Zugang zu besser bezahlten Positionen zu erm\u00f6glichen. Allerdings hat sich gezeigt, dass die finanzielle Lage der Eltern nur einer von vielen &#8211; und auch nicht einer der einflussst\u00e4rksten \u2013 Faktoren ist, die soziale Immobilit\u00e4t und Ungleichheit bewirken. Au\u00dferdem kommt eine F\u00f6rderung beim \u00dcbergang von der Schule zum Studium sehr wahrscheinlich schon zu sp\u00e4t, da nur wenige Kinder aus benachteiligten Elternh\u00e4usern es so weit geschafft haben. Ma\u00dfnahmen, die zu h\u00f6herer Chancengleichheit verhelfen sollen, m\u00fcssen also deutlich fr\u00fcher ansetzen und vermeiden, dass man schon nach wenigen Schuljahren vorhersehen kann, welchen Platz in der Gesellschaft eine Person einnehmen wird. Die allgemeine Abschaffung der fr\u00fchen Selektion in verschiedene Schultypen erscheint logisch gesehen ein sinnvoller Schritt in diese Richtung zu sein\u2026doch so banal das klingen mag, so schwer scheint bedauerlicherweise auch dessen Umsetzung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> siehe z.B. die Kritik von <a href=\"https:\/\/www.jstor.org\/discover\/10.2307\/2729026?uid=3737864&amp;uid=2&amp;uid=4&amp;sid=21104310374331\" target=\"_blank\">Goldberger und Manski<\/a> im Journal of Economic Literature, 1995.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Bruce Sacerdote fasst die Ergebnisse dieser Studien in <a href=\"https:\/\/books.google.de\/books?hl=de&amp;lr=&amp;id=XUZTYhO1JFAC&amp;oi=fnd&amp;pg=PA1&amp;ots=nMqafg95vI&amp;sig=mmmdEu8wrmkJcKvuncGb0WlPfvc&amp;redir_esc=y#v=onepage&amp;q&amp;f=false\" target=\"_blank\">einem Kapitel<\/a> des Handbooks of Social Economics zusammen.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> <a href=\"https:\/\/books.google.de\/books?id=2LfA_KjvOAsC&amp;printsec=frontcover&amp;hl=de&amp;source=gbs_ge_summary_r&amp;cad=0#v=onepage&amp;q&amp;f=false\" target=\"_blank\">Hier<\/a> eine Leseprobe von John Roemers Buch \u201eEquality of Opportunity\u201c.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> Siehe <a href=\"https:\/\/www.oecd.org\/edu\/eag.htm\" target=\"_blank\">OECD<\/a> (2014) S. 90 f\u00fcr eine genaue Definition.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> D.h. Erwachsene, die nicht gerade ein Studium oder eine Ausbildung absolvieren.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a> Z.B. Dustmann (<a href=\"https:\/\/oep.oxfordjournals.org\/content\/56\/2\/209.short\" target=\"_blank\">2004<\/a>), Hanushek und W\u00f6\u00dfmann (<a href=\"https:\/\/onlinelibrary.wiley.com\/doi\/10.1111\/j.1468-0297.2006.01076.x\/abstract;jsessionid=D75A0D41233DDAA66D24B5E88715D30A.f04t04\" target=\"_blank\">2006<\/a>), Bauer und Riphahn (<a href=\"https:\/\/www.sciencedirect.com\/science\/article\/pii\/S0165176505003745\" target=\"_blank\">2006<\/a>), Sch\u00fctz und W\u00f6\u00dfmann (<a href=\"https:\/\/www.cesifo-group.de\/pls\/guest\/download\/ifo%20Schnelldienst\/ifo%20Schnelldienst%202005\/ifosd_2005_21_3.pdf\" target=\"_blank\">2005<\/a>).<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber Chancengleichheit und Aufstiegschancen in Deutschland Es ist wahrlich nichts Neues, dass \u00fcber das deutsche Bildungssystem eifrig debattiert wird. 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