{"id":279,"date":"2015-09-09T14:07:52","date_gmt":"2015-09-09T12:07:52","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/inequalitics\/?p=279"},"modified":"2015-09-09T14:17:09","modified_gmt":"2015-09-09T12:17:09","slug":"einkommensvergleich_und_subjektive_lebenszufriedenheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/inequalitics\/2015\/09\/09\/einkommensvergleich_und_subjektive_lebenszufriedenheit\/","title":{"rendered":"Du bist doch nur neidisch!"},"content":{"rendered":"<p><strong>Einkommensvergleich und subjektive Lebenszufriedenheit<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt wohl keinen charakteristischeren Ausspruch \u00fcber die normative Debatte zum richtigen Ausma\u00df von Ungleichheit einer Gesellschaft. \u00d6konomische Ungleichheit pr\u00e4gt alle Volkswirtschaften. Egal ob auf lokaler, nationaler oder internationaler Ebene, \u00fcberall lassen sich Einkommensunterschiede zwischen Einzelpersonen oder Haushalten feststellen. Und so birgt der Gegensatz zwischen Armen und Reichen den Stoff f\u00fcr verschiedenste Diskussionen: einerseits \u00fcber den Wert eigener Anstrengungen und F\u00e4higkeiten, und andererseits \u00fcber das angemessene Ausma\u00df an Umverteilung, etwa durch Steuern und Abgaben. Sp\u00e4testens mit den Arbeiten von Thomas Piketty (zusammengetragen in seinem Werk \u201e<a href=\"https:\/\/portal.dnb.de\/opac.htm?method=simpleSearch&amp;cqlMode=true&amp;query=idn%3D1069522236\">Das Kapital im 21. Jahrhundert<\/a>\u201c) wird auch in der \u00f6ffentlichen Debatte wahrgenommen, dass die Volkswirtschaftslehre hierzu einen entscheiden Beitrag leisten kann. So steht zwar weiterhin die Frage nach den Ursachen von Ungleichheiten (eine unvollst\u00e4ndige Auswahl: das Wirtschaftssystem, Unterschiede in der Leistungsf\u00e4higkeit und Leistungsbereitschaft, Diskriminierung oder Chancengerechtigkeit,\u2026) und den daraus resultierenden Politikempfehlungen im Fokus. Doch die Frage nach einem akzeptablen Niveau von materieller Ungleichheit kann nur hinreichend beantwortet werden, wenn auch die individuellen Auswirkungen von materieller Ungleichheit wissenschaftlich erfasst und beschrieben werden. Der R\u00fcckgriff auf das theoretische Nutzenkonzept hilft uns \u00d6konomen hierbei, unterschiedliche Situationen hinsichtlich ihrer Vorteilhaftigkeit f\u00fcr Einzelpersonen zu bewerten. Ma\u00dfstab ist hierbei der Nutzen einer Person. Bezogen auf materielle Ungleichheit gilt es also zu kl\u00e4ren, welche Auswirkung unterschiedlich hohe Ungleichheitsniveaus auf das Nutzenniveau von Menschen haben. Mit der empirischen Lebenszufriedenheitsforschung steht jedoch inzwischen ein Instrumentarium zur praktischen Messung des individuellen Wohlbefindens zur Verf\u00fcgung. Obgleich mit Einschr\u00e4nkungen, erm\u00f6glicht dieser relativ neue Forschungsbereich, R\u00fcckschl\u00fcsse \u00fcber die Vor- und Nachteile unterschiedlicher Umst\u00e4nde, wie beispielweise unterschiedliche Niveaus von Einkommensungleichheit (ein kritischer Literatur\u00fcberblick findet sich bei <a href=\"https:\/\/www.aeaweb.org\/articles.php?doi=10.1257\/jel.46.1.95\">Clark, Frijters und Shields, 2008<\/a>).<\/p>\n<div id=\"attachment_281\" style=\"width: 522px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/inequalitics\/files\/2015\/09\/P7100475.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-281\" class=\"wp-image-281\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/inequalitics\/files\/2015\/09\/P7100475-1024x768.jpg\" alt=\"Vergleiche (auch) als Ursache von Unzufriedenheit?\" width=\"512\" height=\"384\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/inequalitics\/files\/2015\/09\/P7100475-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/inequalitics\/files\/2015\/09\/P7100475-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-281\" class=\"wp-caption-text\">Vergleiche (auch) als Ursache von Unzufriedenheit?<\/p><\/div>\n<p>Die subjektive Lebenszufriedenheit wird in erster Linie in gro\u00dfen, oft j\u00e4hrlich wiederholten, Haushaltsumfragen erhoben. Dabei beantworten die TeilnehmerInnen eine oder mehrere Fragen zu <!--more-->ihrer Lebenszufriedenheit (etwa auf einer Skala von 0-10). Da auch das Einkommen und viele andere wichtige pers\u00f6nliche Eigenschaften abgefragt werden (Gesundheit, Familienstand oder Arbeitsmarktstatus), erlauben die daraus resultierenden Daten R\u00fcckschl\u00fcsse auf die unterschiedlichen Bestimmungsgr\u00f6\u00dfen der Lebenszufriedenheit. Um nun ein besseres Verst\u00e4ndnis \u00fcber die Auswirkungen der Ungleichheit zu bekommen, werden diese Daten in der empirischen Zufriedenheitsforschung verwendet, um auf individueller Ebene zu untersuchen, wie wichtig die H\u00f6he und die Ver\u00e4nderung des Einkommens \u201e<em>Anderer<\/em>\u201c f\u00fcr die eigene Zufriedenheit ist.<\/p>\n<p>Das Vergleichseinkommen wird in der Forschungsliteratur sehr unterschiedlich erfasst. Da oft unklar ist, mit wem sich die Leute tats\u00e4chlich vergleichen, m\u00fcssen dazu im Regelfall Annahmen getroffen werden. In einigen Arbeiten wird vereinfachend davon ausgegangen, dass die Durchschnittsl\u00f6hne in der Region das geeignete Ma\u00df f\u00fcr das Vergleichseinkommen sind (z.B. <a href=\"https:\/\/qje.oxfordjournals.org\/content\/120\/3\/963.abstract\">Luttmer 2005<\/a>). Oder es werden sogenannte <a href=\"https:\/\/www.nber.org\/papers\/w9732\">Mincer-Lohngleichungen<\/a> gesch\u00e4tzt und so bestimmt, welchen Lohn eine Person mit den entsprechenden arbeitsmarktrelevanten Eigenschaften (Bildungsstand, Berufserfahrung, etc.) erwarten kann (z.B. <a href=\"https:\/\/onlinelibrary.wiley.com\/doi\/10.1111\/j.1468-0335.2007.00629.x\/full\">Senik, 2008)<\/a>. Die dritte M\u00f6glichkeit ein empirisches Vergleichseinkommen zu approximieren ist es, das durchschnittliche Einkommen von Personen mit \u00e4hnlichen Charakteristika zu verwenden. So wird hierbei einem 50-j\u00e4hrigen Mann mit mittlerem Bildungsstand in Westdeutschland das durchschnittliche Einkommen aller 45-55 J\u00e4hrigen, westdeutschen M\u00e4nner mit mittlerem Bildungsstand als Vergleichseinkommen zugeordnet (z.B. <a href=\"https:\/\/www.sciencedirect.com\/science\/article\/pii\/S004727270400088X\">Ferrer-i-Carbonell, 2005<\/a>).<\/p>\n<p>In \u00f6konometrischen Sch\u00e4tzungen kann darauf aufbauend untersucht werden, welcher Zusammenhang zwischen dem Vergleichseinkommen und der subjektiven Lebenszufriedenheit besteht. So l\u00e4sst sich die Frage beantworten, wie eine \u00c4nderung des Vergleichseinkommens mit der eigenen Lebenszufriedenheit zusammenh\u00e4ngt. Andere relevante Einflussfaktoren f\u00fcr die Lebenszufriedenheit, wie etwa Gesundheitszustand, Familienstand, Anzahl an Freunden und anderen sozialen Kontakten, werden technisch konstant gehalten und ihre Auswirkung auf die Lebenszufriedenheit auf diesem Weg kontrolliert. Auch die Separierung der Auswirkung des eigenen Einkommens auf die Zufriedenheit ist zentral, um die reine Auswirkung des Vergleichseinkommens zu erfassen. Je nach gesch\u00e4tztem Vorzeichen des Vergleichseinkommenskoeffizienten l\u00e4sst sich dies unterschiedlich interpretieren. Ist er negativ, so bedeutet dies, dass mit steigendem Vergleichseinkommen die subjektive Lebenszufriedenheit zur\u00fcckgeht. Erweist er sich dagegen als positiv, so steigt die eigene Zufriedenheit mit steigendem Einkommen Anderer.<\/p>\n<p>Dieser Methode folgend wurden bereits in zahlreichen L\u00e4ndern Studien durchgef\u00fchrt und die Auswirkungen des Vergleichseinkommens untersucht. Besonders in den Volkswirtschaften mit einem recht hohen Einkommensniveau zeigt sich h\u00e4ufiger, dass die Lebenszufriedenheit negativ mit dem Vergleichseinkommen korreliert ist. Zum Beispiel zeigen Studien f\u00fcr die USA, Gro\u00dfbritannien und Deutschland, dass die eigene Lebenszufriedenheit zur\u00fcckgeht, wenn das Vergleichseinkommen steigt, w\u00e4hrend das eigene Einkommen dabei konstant bleibt (Ergebnis\u00fcbersicht einiger wichtiger Studien bei <a href=\"https:\/\/www.sciencedirect.com\/science\/article\/pii\/S0165176515000919\">Brown et al, 2015<\/a>). Dies wird in erster Linie auf einen relativen Statusverlust zur\u00fcckgef\u00fchrt. W\u00e4hrend also die eigenen Konsumm\u00f6glichkeiten stagnieren, k\u00f6nnen andere durch ihr h\u00f6heres Einkommen mehr G\u00fcter konsumieren. Da Konsumg\u00fcter h\u00e4ufig zum Statuserwerb innerhalb der eigenen sozialen Gruppe verwendet werden, erh\u00f6ht sich der soziale Status der Anderen im Vergleich zur eigenen Position. Dies wirkt sich wiederum negativ auf die Lebenszufriedenheit aus. Der Begriff Konsumg\u00fcter muss hier breit verstanden werden: Je nach eigenem sozialem Kontext, k\u00f6nnen etwa der Erwerb des neusten Handymodells oder Autos, aber auch immaterielle G\u00fcter wie aufwendigere Urlaubsreisen, beeindruckende Hobbies, oder der Besuch von teueren Kulturveranstaltung zur Statusgenerierung verwendet werden (eine ausf\u00fchrliche Beschreibung der Rolle von Status findet sich bei <a href=\"https:\/\/www.aeaweb.org\/articles.php?doi=10.1257\/000282805774670392\">Frank, 2005<\/a>).<\/p>\n<p>Es wurden aber auch positive Korrelationen zwischen der subjektiven Lebenszufriedenheit und dem Vergleichseinkommen in empirischen Studien beobachtet. So etwa f\u00fcr die osteurop\u00e4ischen Transformationsl\u00e4nder oder Russland in den 1990er Jahren (<a href=\"https:\/\/www.sciencedirect.com\/science\/article\/pii\/S0047272703000665\">Senik, 2004<\/a>). Die mittels Schockstrategie eingef\u00fchrten Marktwirtschaften sorgten f\u00fcr einen massiven Anstieg der Unsicherheiten auf den Arbeitsm\u00e4rkten und in der Einkommensverteilung. Die vorherrschende Unsicherheit \u00fcber die eigene Zukunft erh\u00f6hte den Informationsgehalt des Einkommens der anderen. Ein wahrgenommener Anstieg des Vergleichseinkommens konnte so als ein positives Signal f\u00fcr das zuk\u00fcnftige eigene Fortkommen gewertet werden. Je besser es den Anderen materiell ging, desto eher wurde auch f\u00fcr die eigene Zukunft ein Lohnanstieg erwartet \u2013 die Lebenszufriedenheit konnte auf diesem Wege also auch positiv beeinflusst werden.<\/p>\n<p>Die Messung des subjektiven Wohlbefindens und die empirische Zufriedenheitsforschung bieten die Chance, ein besseres Verst\u00e4ndnis \u00fcber die individuellen Auswirkungen von Einkommensungleichheit zu bekommen. Der derzeitige Forschungsstand zeigt sehr deutlich, dass unser eigenes Wohlergehen keinesfalls nur durch den eigenen Konsum bestimmt wird, sondern auch durch das Konsumniveau der anderen. \u00dcbertragen auf die \u00f6konomische Theorie, kann dies als zus\u00e4tzliche Evidenz f\u00fcr die Existenz von interdependenten Nutzenfunktionen gewertet werden. So ist es etwa m\u00f6glich, dass bei Wirtschaftswachstum die Einkommen bestimmter Gruppen innerhalb der Gesellschaft st\u00e4rker wachsen als die anderer (sprich: wachsende Einkommensungleichheit). Da alle Einkommen wachsen bedeutet dies ein h\u00f6heres Bruttoinlandsprodukt. Gleichzeitig ist es aber m\u00f6glich, dass es zu einer Reduktion des Zufriedenheitsniveaus der mit wachsendem Vergleichseinkommen konfrontierten Personen kommt. Insbesondere im Hinblick auf die Diskussion \u00fcber alternative gesellschaftliche Zielgr\u00f6\u00dfen bietet die Betrachtung des Vergleichseinkommens und der subjektiven Lebenszufriedenheit so noch viel Forschungspotenzial.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einkommensvergleich und subjektive Lebenszufriedenheit Es gibt wohl keinen charakteristischeren Ausspruch \u00fcber die normative Debatte zum richtigen Ausma\u00df von Ungleichheit einer Gesellschaft. \u00d6konomische Ungleichheit pr\u00e4gt alle Volkswirtschaften. Egal ob auf lokaler, nationaler oder internationaler Ebene, \u00fcberall lassen sich Einkommensunterschiede zwischen Einzelpersonen oder Haushalten feststellen. 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