{"id":1028,"date":"2013-09-05T17:23:48","date_gmt":"2013-09-05T15:23:48","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/?p=1028"},"modified":"2013-09-05T17:23:48","modified_gmt":"2013-09-05T15:23:48","slug":"weshalb-global-cities-in-der-internationalen-beziehungstheorie-keine-rolle-spielen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/2013\/09\/05\/weshalb-global-cities-in-der-internationalen-beziehungstheorie-keine-rolle-spielen\/","title":{"rendered":"Weshalb Global Cities in der Internationalen Beziehungstheorie keine Rolle spielen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">New York City, Los Angeles und Chicago sind die Global Cities der Vereinigten Staaten. Diese St\u00e4dte sind Knotenpunkte der Globalisierung. In ihnen verdichten sich nicht nur Menschen-, G\u00fcter- und Kapitalstr\u00f6me: Sie werden dort gelenkt und organisiert. St\u00e4dte sind geostrategische R\u00e4ume, ihre Infrastruktur ist kritisch f\u00fcr das Funktionieren nationaler politischer \u00d6konomien. Neben Fragen nach Krieg und Frieden versucht sich die Politik mit anderen gesellschaftlichen Akteuren in <em>global<\/em> und <em>mega cities<\/em> den Problemen der Umweltverschmutzung, globaler Epidemien und sozio-\u00f6konomischer Ungleichheiten zu stellen. Anders ausgedr\u00fcckt: Die in St\u00e4dten verhandelten gesellschaftlichen Konfliktfelder umfassen, keineswegs zuf\u00e4llig, auch viele der Kernthemen der Internationalen Beziehungstheorien.\u00a0Warum aber werden St\u00e4dte und Urbanisierungsprozesse in der Internationalen Beziehungstheorie fast g\u00e4nzlich ignoriert?<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Dass St\u00e4dte zentrale Knotenpunkte der Weltwirtschaft und internationaler Beziehungen sind, ist keineswegs neu. In der Hanse vereinten sich St\u00e4dte im Mittelalter ab dem 12. Jahrhundert zu einer losen Interessensgemeinschaft niederdeutscher Kaufleute. Im post-westph\u00e4lischen Zeitalter waren St\u00e4dte geopolitische Schaltzentralen der sich konsolidierenden Territorialstaaten und damit neuralgische Angriffsfl\u00e4chen im Wettbewerb und Krieg der Nationen. Neben ihrer Rolle als kosmopolitische Keimzellen waren St\u00e4dte im Zeitalter der Aufkl\u00e4rung Schaupl\u00e4tze der B\u00fcrgerrevolutionen. Angesichts dieser langen Geschichte der Stadt als Ort des Konflikts, des Aufeinandertreffens von Eigenem und Fremdem, des Austauschs zwischen den V\u00f6lkern erscheint der Blindfleck der Internationalen Beziehungstheorie durchaus befremdlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Weshalb also das Desinteresse der Internationalen Beziehungstheorie an St\u00e4dten und Urbanisierung?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zum einen entstand die Disziplin der Internationalen Beziehungen unter dem geistigen Einfluss des sich entfaltenden Nationalstaats im 19. und 20. Jahrhunderts. Als Gr\u00fcndungstexte des politikwissenschaftlichen Fachgebiets werden oftmals E.H. Carr&#8217;s \u201aThe Twenty Years&#8216; Crisis\u2018 von 1939 und Hans Morgenthaus \u201aPolitics Among Nations\u2018 aus dem Jahr 1948 zitiert, welche unter dem unmittelbaren Eindruck des fehlgeleiteten Nationalstaatsgedanken verfasst wurden. Daher der Hobbesianische Zug des von ihnen gepr\u00e4gten Realismus, daher aber auch der Fokus auf den Nationalstaat als prim\u00e4re Untersuchungseinheit der Internationalen Beziehungstheorie, von der auch sp\u00e4tere Ans\u00e4tze wie der Liberalismus und der Institutionalismus, ja selbst der Konstruktivismus, sich nur unwesentlich entfernt haben. Wenn es auch in den letzten Jahren in der Internationalen Beziehungsliteratur eine analytische Ausweitung auf nicht-staatliche Akteure gab, bleiben Analysen von St\u00e4dten, urbanen Netzwerken und r\u00e4umlichen Fragestellungen generell nach wie vor die absolute Ausnahme.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ein zweiter Grund ist ein auch in anderen sozialwissenschaftlichen Disziplinen tiefsitzender methodologischer Nationalismus. Da moderne universit\u00e4re Forschungsdisziplinen im Zuge der Nationenbildung entstanden sind, welche sie zugleich befeuerten und legitimierten, wird der Nationalstaat noch heute oftmals als naturw\u00fcchsiger Interpretationsrahmen unserer Gesellschaft verstanden: Denken wir an gesellschaftliche Herausforderungen, dann denken wir beispielsweise an Einkommensungleichheiten innerhalb nationalstaatlicher Einheiten. Somit scheinen uns inter<em>nationale<\/em> Beziehungen auch grunds\u00e4tzlich als Beziehungen zwischen Nationalstaaten. Hierbei verlieren wir jedoch wichtige Entwicklungen aus dem Blick. Zum Beispiel kam es auf Grund politischer und \u00f6konomischer Verschiebungen, insbesondere seit Mitte der 1970er Jahre, zu einer Transformation nationalstaatlicher Handlungsspielr\u00e4ume gegen\u00fcber anderen Organisationsformen auf lokaler, regionaler und globaler Ebene \u2013 eine Ver\u00e4nderung, der die Internationale Beziehungstheorie keine Beachtung schenkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Welchen Nutzen w\u00fcrde es der Internationalen Beziehungstheorie bringen, St\u00e4dte und Urbanisierungsprozesse zu einem ihrer Betrachtungsgegenst\u00e4nde zu machen? Theorie ist sicherlich kein Selbstzweck, sondern dient im herk\u00f6mmlichen Sinne zur Erkl\u00e4rung und im kritischen Sinne zur Hinterfragung alternativlos erscheinender Gesellschaftsformen. Will die Internationale Beziehungstheorie diesen Ma\u00dfst\u00e4ben gerecht werden, muss sie sich auf die neuen politischen und \u00f6konomischen Realit\u00e4ten einlassen. Mehr noch aber als dieser Appell an die Arbeitsethik sollte der zu erhoffende Erkenntnisgewinn \u00fcberzeugen\u2014oder aber das Potenzial einer bislang weitestgehend ignorierten Forschungsl\u00fccke.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>New York City, Los Angeles und Chicago sind die Global Cities der Vereinigten Staaten. Diese St\u00e4dte sind Knotenpunkte der Globalisierung. In ihnen verdichten sich nicht nur Menschen-, G\u00fcter- und Kapitalstr\u00f6me: Sie werden dort gelenkt und organisiert. St\u00e4dte sind geostrategische R\u00e4ume, ihre Infrastruktur ist kritisch f\u00fcr das Funktionieren nationaler politischer \u00d6konomien. 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