{"id":32,"date":"2007-10-21T23:11:12","date_gmt":"2007-10-21T21:11:12","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/2007\/10\/21\/frank-unger-politischer-pietismus-und-rechtspopulismus-in-den-usa\/"},"modified":"2008-05-02T12:02:11","modified_gmt":"2008-05-02T10:02:11","slug":"frank-unger-politischer-pietismus-und-rechtspopulismus-in-den-usa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/2007\/10\/21\/frank-unger-politischer-pietismus-und-rechtspopulismus-in-den-usa\/","title":{"rendered":"Frank Unger: Politischer Pietismus und Rechtspopulismus in den USA"},"content":{"rendered":"<p class=\"MsoNormal\"><span>Wohl f\u00fcr die meisten Europ\u00e4er, sicherlich f\u00fcr die meisten Deutschen waren die Vereinigten Staaten von Amerika lange der Inbegriff einer &#8222;pragmatischen Nation&#8220;: dem Diesseits zugewandt, allem Doktrin\u00e4ren abgeneigt, kurz: das Land der &#8222;angewandten Aufkl\u00e4rung&#8220;, um an den Titel eines vor drei\u00dfig Jahren in Deutschland viel gelesenen Buches von Ralf Dahrendorf <\/span><a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/wp-admin\/#_ftn1\" title=\"_ftnref1\" name=\"_ftnref1\"><span class=\"funotenverweis\"><\/span><span><\/span><span><\/span><span class=\"funotenverweis\"><\/span><span><\/span><\/a><span>zu erinnern.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span>Sie konnten sich dabei auch auf prominente amerikanische Kronzeugen berufen. Henry Steele Commager, dessen 1950 erschienenes Buch &#8222;The American Mind&#8220; zu einem Klassiker der &#8222;American Studies&#8220; wurde, erkl\u00e4rt darin sowohl die moderne Kunst wie die Religion f\u00fcr &#8222;irrational&#8220; und damit f\u00fcr zutiefst unamerikanisch.<\/span><a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/wp-admin\/#_ftn2\" title=\"_ftnref2\" name=\"_ftnref2\"><span class=\"funotenverweis\"><\/span><span><\/span><span><!--[if !supportFootnotes]--><\/span><span class=\"funotenverweis\"><\/span><span><\/span><\/a><span>Arthur Schlesinger, Jr., der <em>historicus laureatus<\/em> des tausendt\u00e4gigen Reiches John F. Kennedys, hielt noch bis zu Zeiten der beinahe erfolgreichen Pr\u00e4sidentschaftsbewerbung von Pat Robertson die S\u00e4kularit\u00e4t f\u00fcr das herausragende Merkmal typischen Amerikanertums.<\/span><span>   <\/span>&#8222;Der amerikanische Geist&#8220;, so lie\u00df er im Jahre 1989 in einer Einf\u00fchrungsrede f\u00fcr einen neuen Universit\u00e4tspr\u00e4sidenten verlauten, &#8222;ist seinem Wesen nach skeptisch, respektlos, pluralistisch und relativistisch.&#8220;<span>  <\/span>Die beiden &#8222;gr\u00f6\u00dften und<span>  <\/span>charakteristischsten amerikanischen Denker&#8220;, so Schlesinger, seien William James und Ralph Waldo Emerson. Amerika finde man komprimiert zusammengefasst in jener ber\u00fchmten Szene aus dem &#8222;gr\u00f6\u00dften aller amerikanischen Romane&#8220;, Mark Twains &#8222;Huckleberry Finn&#8220;, als Huck sich dazu durchringt, Nigger Jim bei seiner Flucht zu helfen; nach Ansicht Schlesingers offenbar deswegen, weil hier bei Huck in jenem<span>  <\/span>entscheidenden Moment seines Lebens und der amerikanischen Literatur zugleich die Wesensmerkmale des amerikanischen Geistes zum Vorschein kommen: Skepsis, Respektlosigkeit, Pluralismus und Relativismus.<a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/wp-admin\/#_ftn3\" title=\"_ftnref3\" name=\"_ftnref3\"><span class=\"funotenverweis\"><\/span><span><\/span><span><!--[if !supportFootnotes]--><\/span><span class=\"funotenverweis\"><\/span><span><\/span><!--[endif]--><\/a><span><\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span>Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ein Bild von Amerika als Inbegriff aufgekl\u00e4rter Modernit\u00e4t und pluralistischer Skepsis zu verbreiten, mag als treuherziger Versuch gewertet werden, seine milit\u00e4risch-\u00f6konomische F\u00fchrungsposition vor dem Rest der Welt auch ideologisch zu flankieren. Auch hatte eine solche Einsch\u00e4tzung damals noch einen Kern von Plausibilit\u00e4t. Dieselbe Einsch\u00e4tzung aber dann nach gut vierzig Jahren kontinuierlicher &#8222;Resakralisierung&#8220; Amerikas nicht nur zu wiederholen, sondern sie ausgerechnet an <em>Huckleberry Finn<\/em> exemplifizieren zu wollen, erweckt doch einiges Staunen. Denn wenn der (ungl\u00e4ubige) Mark Twain in diesem Roman etwas darstellen wollte, dann den Dogmatismus und den Aberglauben, die Unaufgekl\u00e4rtheit und die D\u00e4monenfurcht, den Glauben an die Unentrinnbarkeit von S\u00fcnde und Verdammnis, die das Denken und Handeln der meisten seiner Landsleute bestimmten und die deren religi\u00f6se Kultur f\u00fcr Amerikas gebildete St\u00e4nde unheimlich machte, sofern die sich dazu herablie\u00dfen, von ihr Notiz zu nehmen. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span><\/span><span>  <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span>An der Religiosit\u00e4t der amerikanischen Bev\u00f6lkerung hat sich bis heute nichts ge\u00e4ndert. Jede neue Meinungsumfrage best\u00e4tigt die gleichen, hundertmal protokollierten Fakten: Die Gesellschaft der USA mag in den letzten hundert Jahren die gewaltigsten strukturellen Ver\u00e4nderungen durchgemacht haben, von der Industrialisierung \u00fcber die Massenproduktion bis zur Verst\u00e4dterung, von der Explosion der Wissenschaften \u00fcber die Einf\u00fchrung der allgemeinen Schul- und (zeitweise) Wehrpflicht bis zur allerj\u00fcngsten Microchip-Revolution &#8211; was die Religiosit\u00e4t der amerikanischen Bev\u00f6lkerung und die \u00fcberragende Bedeutung des Glaubens f\u00fcr die amerikanische Alltagskultur einschlie\u00dflich der Politik betrifft, so sehen diese Dinge heute kaum anders aus als zu Zeiten Mark Twains.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span>Hier sind die immer wieder best\u00e4tigten Zahlen:<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span>Neun von zehn Amerikaner\/innen sagen, sie h\u00e4tten niemals in ihrem Leben an der Existenz Gottes gezweifelt.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span>Acht von zehn Amerikaner\/innen erkl\u00e4ren ihren Glauben an den Tag des j\u00fcngsten Gerichts, an dem sie vor ihren Gott zu treten und \u00fcber ihre S\u00fcnden Rechenschaft abzulegen h\u00e4tten.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span>Acht von zehn Amerikaner\/innen sind davon \u00fcberzeugt, dass Gott auch heute noch gelegentlich auf Erden Wunder bewirkt.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span>Sieben von zehn Amerikaner\/innen glauben an ein Leben nach dem Tode.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span>50% der Amerikaner\/innen glauben an die Existenz von Engeln, 37% an einen pers\u00f6nlichen Teufel.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span>Ungef\u00e4hr 40% der amerikanischen Bev\u00f6lkerung besucht in einer gew\u00f6hnlichen Woche eine Kirche, \u00fcber 90% geben an, mehrmals w\u00f6chentlich zu beten.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span>40% derjenigen, die sich an der Pr\u00e4sidentenwahl 1980 beteiligt hatten, gaben an, mindestens eine pers\u00f6nliche Erfahrung mit Jesus gehabt zu haben.<\/span><a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/wp-admin\/#_ftn4\" title=\"_ftnref4\" name=\"_ftnref4\"><span class=\"funotenverweis\"><\/span><span><\/span><span><!--[if !supportFootnotes]--><\/span><span class=\"funotenverweis\"><\/span><span><\/span><\/a><span><\/span><span><\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span>Selbstverst\u00e4ndlich sind diese Daten mit der gebotenen Skepsis zu lesen: allzu sehr h\u00e4ngen die Resultate von Meinungsumfragen davon ab, wie die Fragen gestellt werden, und au\u00dferdem antworten viele Menschen auf solche Fragen nicht so, wie sie wirklich denken, sondern so, wie sie meinen, dass es von ihnen erwartet wird. Aber dennoch: Ein Bild der US-Gesellschaft ergibt sich daraus in jedem Fall. Der amerikanische Wahlforscher und Politikwissenschaftler Walter Dean Burnham hat daraus immerhin den Schluss gezogen, dass die Vereinigten Staaten von Amerika eines der g\u00e4ngigsten Theoreme der Sozialwissenschaften &#8211; die proportionale Beziehung zwischen industriell-technischer Entwicklung und dem Verfall traditioneller Glaubenssysteme &#8211; widerlegen. In so gut wie allen Gesellschaften der Welt lasse sich eine direkte Korrelation zwischen industrieller Modernisierung und technologischer Entwicklung auf der einen Seite und einer S\u00e4kularisierung der Glaubenssysteme auf der anderen Seite beobachten.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span>Die Beziehung sei regelm\u00e4\u00dfig genug, um normalerweise vom einen auf das andere schlie\u00dfen zu k\u00f6nnen. Allein f\u00fcr die USA gelte das nicht: Bei einer internationalen Gallup-Untersuchung von 1976, bei der in 14 L\u00e4ndern bzw. Gro\u00dfregionen in aller Welt Personen nach der Wichtigkeit des religi\u00f6sen Glaubens in ihrem t\u00e4glichen Leben (z.B. bei politischen Wahlentscheidungen) gefragt wurden, und in der dann die Resultate zu einem in der Geographie eingef\u00fchrten, aus 22 Variablen zusammengesetzten Entwicklungsindex in Beziehung gesetzt wurden, zeigte sich, dass man f\u00fcr die USA ungef\u00e4hr das &#8222;Entwicklungsniveau von L\u00e4ndern wie Chile, Mexiko, Portugal und dem Libanon&#8220; annehmen m\u00fcsste, wollte man von der statistisch ermittelbaren Gl\u00e4ubigkeit auf den Stand der materiell-technischen Entwicklung schlie\u00dfen. <\/span><a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/wp-admin\/#_ftn5\" title=\"_ftnref5\" name=\"_ftnref5\"><span class=\"funotenverweis\"><\/span><span><\/span><span><!--[if !supportFootnotes]--><\/span><span class=\"funotenverweis\"><\/span><span><\/span><!--[endif]--><\/a><span><\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span>Eine solche Argumentation ist frappierend. Sie \u00fcbersieht aber die historischen Besonderheiten amerikanischer Religiosit\u00e4t. Diese ist n\u00e4mlich gerade nicht orientiert an &#8222;traditionellen&#8220;, kollektiv disziplinierenden <\/span><span> <\/span>Glaubenssystemen, in die man hineingeboren wird und in denen zu gro\u00dfer Respekt f\u00fcrs Althergebrachte und die Priester mitunter den historisch gebotenen Gang der Dinge aufhalten kann. Vielmehr w\u00e4hlt gerade der religi\u00f6s besonders aktive Amerikaner in der Regel seine \u201eDenomination\u201c und damit die ihm pers\u00f6nlich genehme Doktrin selbst, und zwar mitunter nach Ma\u00dfgabe ganz rationaler Interessen.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span>Die Motive der einzelnen bei dieser Entscheidung k\u00f6nnen ganz verschiedener Art sein, aber zu einer Behinderung der materiell-technischen \u201eModernisierung\u201c im Land tragen sie nicht bei. Im Gegenteil: statt &#8222;Pragmatismus&#8220; oder &#8222;angewandte Aufkl\u00e4rung&#8220; kann heute eher die unbefangene Verbindung von hochmodernem Technologiekult und voraufkl\u00e4rerischen Glaubensinhalten als ein hervorstechendes Merkmal Amerikas angesehen werden. Ein besonders gutes Beispiel daf\u00fcr ist die so genannte &#8222;Sch\u00f6pfungswissenschaft&#8220; (creation science), einer an bestimmten amerikanischen Bibelkollegs gepflegten Disziplin, die es sich zur Aufgabe gestellt hat, die buchst\u00e4bliche Richtigkeit der biblischen Sch\u00f6pfungsgeschichte mit modernsten Mitteln und strikt<\/span><span>  <\/span>naturwissenschaftlichen Methoden zu belegen.<a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/wp-admin\/#_ftn6\" title=\"_ftnref6\" name=\"_ftnref6\"><span class=\"funotenverweis\"><\/span><span><\/span><span><!--[if !supportFootnotes]--><\/span><span class=\"funotenverweis\"><\/span><span><\/span><!--[endif]--><\/a><span><\/span><\/p>\n<p><!--[if !supportFootnotes]--><strong>Eine Vollversion dieses Texts erscheint demn\u00e4chst im Sammelband \u201cPopulismus in Geschichte und Gegenwart\u201d, herausgegeben von Frank Unger und Richard Faber.<\/strong><\/p>\n<p class=\"funotentext\"><span><\/span><span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wohl f\u00fcr die meisten Europ\u00e4er, sicherlich f\u00fcr die meisten Deutschen waren die Vereinigten Staaten von Amerika lange der Inbegriff einer &#8222;pragmatischen Nation&#8220;: dem Diesseits zugewandt, allem Doktrin\u00e4ren abgeneigt, kurz: das Land der &#8222;angewandten Aufkl\u00e4rung&#8220;, um an den Titel eines vor drei\u00dfig Jahren in Deutschland viel gelesenen Buches von Ralf Dahrendorf zu erinnern. 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