{"id":33,"date":"2007-10-21T23:50:36","date_gmt":"2007-10-21T21:50:36","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/2007\/10\/21\/frank-unger-die-usa-gewalt-in-der-zivilgesellschaft\/"},"modified":"2007-10-21T23:56:29","modified_gmt":"2007-10-21T21:56:29","slug":"frank-unger-die-usa-gewalt-in-der-zivilgesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/2007\/10\/21\/frank-unger-die-usa-gewalt-in-der-zivilgesellschaft\/","title":{"rendered":"Frank Unger: Die USA &#8211; Gewalt in der &#8222;Zivilgesellschaft&#8220;"},"content":{"rendered":"<p class=\"MsoNormal\">Die Vereinigten Staaten von Amerika gelten sp\u00e4testens seit Ende des Zweiten Weltkriegs westlichem Verst\u00e4ndnis nach als die Mutter aller modernen \u00bbZivilgesellschaften \u00ab \u2013 also eine \u00bbAssoziation selbst\u00e4ndiger, politisch und sozial engagierter B\u00fcrger, die ihre externen wie internen Konflikte friedlich l\u00f6st\u00ab, wie das ZEITLexikon definiert \u2013 und damit als das Vorbild schlechthin f\u00fcr den noch unzivilen Rest der Welt. Ist das gerechtfertigt? Denn gerade die USA sind auch eine in starkem Ma\u00dfe von T\u00f6ten und Gewalt gepr\u00e4gte Gesellschaft. Diese Feststellung bezieht sich nicht allein auf ihren gigantischen Milit\u00e4rapparat und dessen bis in die Gegenwart mehr oder weniger kontinuierlichen Einsatz in allen Teilen der Welt, dem in den sechzig \u00bbNachkriegsjahren\u00ab Millionen von Menschen, vor allem in S\u00fcdostasien , zum Opfer fielen, der sich aber auch bedenkenlos der eigenen Armen im Lande als Verbrauchsmaterial und Schmiermittel f\u00fcr seine Maschinerie bedient \u2013 mit zum Teil verheerenden Folgen f\u00fcr die \u00dcberlebenden und deren Angeh\u00f6rige, sondern sie bezieht sich auch \u2013 und davon soll in diesem Aufsatz die Rede sein \u2013 auf die innere Verfassung des Landes, auf das allt\u00e4gliche Leben in der Heimat selbst.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Umfragen zufolge f\u00fchlt sich der us-amerikanische Durchschnittsb\u00fcrger durch eine st\u00e4ndig wachsende Kriminalit\u00e4t bedroht. Unter anderem hat das dazu gef\u00fchrt, dass Ma\u00dfnahmen zu ihrer Bek\u00e4mpfung bzw. die Ank\u00fcndigung von Gesetzen zu strengerer Bestrafung von Straft\u00e4tern heute h\u00e4ufig gebrauchte Mittel sind, um W\u00e4hlerstimmen zu mobilisieren oder die Popularit\u00e4t in Bedr\u00e4ngnis geratener Regierungen wieder zu steigern. Umgekehrt kann der politische Gegner am sichersten dadurch diskreditiert werden, dass man ihm eine weiche Haltung gegen\u00fcber \u00bbgewaltt\u00e4tigen Kriminellen\u00ab unterstellt. Die j\u00fcngste politische Geschichte ist voll von Beispielen, wie Politiker bzw. deren Wahlkampfstrategen die Angst vor der Kriminalit\u00e4t f\u00fcr ihren Erfolg nutzbar gemacht haben.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Was ist das f\u00fcr eine merkw\u00fcrdige Gesellschaft? Ist sie nun zivil oder das Gegenteil davon, wie immer das hei\u00dfen mag? Oder am Ende gar beides zugleich? Erzeugt das Leben unter amerikanischen Bedingungen mehr Kriminalit\u00e4t als anderswo? Wer sind diese \u00bbKriminellen\u00ab, vor denen die Bev\u00f6lkerung Angst hat? Warum lassen sich mit diesem Thema in den USA Pr\u00e4sidentschaftswahlen gewinnen? Ist die us-amerikanische Gesellschaft wirklich so gewaltgeplagt? Oder handelt es sich dabei um eine selektive Wahrnehmung?<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Verst\u00e4ndigen wir uns zun\u00e4chst \u00fcber Begriffliches: Es gibt grunds\u00e4tzlich zwei Formen, in denen Gewalt innerhalb einer Gesellschaft ausge\u00fcbt werden kann: als interpersonelle und als strukturelle Gewalt (Chasin 1998, 4). Interpersonelle Gewalt bezeichnet alle intentionalen oder unintentionalen Handlungen von Menschen, die eine k\u00f6rperliche Verletzung bzw. T\u00f6tung von anderen Menschen zur Folge haben. Dazu geh\u00f6ren Mord, Totschlag, fahrl\u00e4ssige T\u00f6tung sowie gef\u00e4hrliche K\u00f6rperverletzung, Kindesmisshandlung und -vernachl\u00e4ssigung sowie Vergewaltigung. Als strukturelle Gewalt dagegen gelten all jene gesellschaftlichen Zust\u00e4nde bzw. durch Menschen direkt oder indirekt herbeigef\u00fchrten oder zu verantwortenden Umst\u00e4nde, unter denen anderen Menschen ein menschenw\u00fcrdiges Leben erschwert wird und unter denen ihre physische und psychische Unversehrtheit und in letzter Instanz ihr Leben kontinuierlich gef\u00e4hrdet werden. Zu den Indikatoren struktureller Gewalt z\u00e4hlen z.B. die S\u00e4uglingssterblichkeit, die Anzahl der Unf\u00e4lle am Arbeitsplatz, die H\u00e4ufigkeit von Unf\u00e4llen im Stra\u00dfenverkehr mit Personensch\u00e4den und in den Haushalten, die Luftverschmutzung, die Erzeugung giftiger Industrieabf\u00e4lle sowie die Belastung durch Pestizide in der Nahrungskette.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Es d\u00fcrfte nicht allgemein bekannt sein, dass auf dem Feld der strukturellen Gewalt die Vereinigten Staaten auf beinahe allen Gebieten unangefochtene Spitzenreiter unter den entwickelten Industriel\u00e4ndern sind. Laut dem Entwicklungsbericht der Weltbank lag die S\u00e4uglingssterblichkeit in den USA zu Beginn der neunziger Jahre im Durchschnitt um ca. 50 % h\u00f6her als in allen von Einkommen und Sozialstruktur her vergleichbaren L\u00e4ndern Westeuropas und in Japan. Ebenfalls vorn unter vergleichbaren Nationen liegen die US-Amerikaner in der Produktion gef\u00e4hrlicher Abfallstoffe sowie in der unfreiwilligen Konsumtion von Pestizid-R\u00fcckst\u00e4nden oder hormonellen und antibiotischen Futterzus\u00e4tzen beim t\u00e4glichen Verzehr von Obst, Gem\u00fcse und Fleischprodukten. Selbst auf dem Feld der Verkehrsunf\u00e4lle mit Personenschaden ragen die USA heraus. Entgegen landl\u00e4ufiger Vorstellungen \u00fcber die angebliche Sicherheit des \u00bbgem\u00e4chlichen\u00ab Fahrens unter dem Regime universaler Geschwindigkeitsbeschr\u00e4nkungen war z.B. im Jahr 1985 die auf die Bev\u00f6lkerungszahl bezogene Anzahl der Verkehrsunf\u00e4lle mit Personensch\u00e4den in den USA etwa doppelt so hoch wie in dem \u00bbRaserland\u00ab Deutschland und sechsmal so hoch wie in Schweden (World Bank 1994, zit.n. Chasin 1998, 8).<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Obwohl die Daten eine eindeutige Sprache sprechen, sind sie doch nicht derma\u00dfen weit entfernt von einigen vergleichbaren L\u00e4ndern, als dass man hier schon uneingeschr\u00e4nkt von einer Sonderstellung der USA sprechen k\u00f6nnte. Vielfach sind sie einfach relativ junge Auswirkungen der neoliberalen Offensive des Kapitals seit den 1980er Jahren, die zu einer Polarisierung in den Eigentumsverh\u00e4ltnissen und Einkommen, zu einer Versch\u00e4rfung der Arbeitsbedingungen einschlie\u00dflich der Lockerung von Arbeitsschutzbestimmungen, zu einer generellen Verarmung und zu einer wachsenden Zahl von Menschen ohne jeden Krankenversicherungsschutz gef\u00fchrt hat. Es sind sozusagen spin-offs des Turbo-Kapitalismus, denen die europ\u00e4ischen Partner der USA mit Hingabe nachzueifern bem\u00fcht sind. Somit sind sie mehr entwicklungsinduzierte als kulturspezifische Erscheinungen.<\/p>\n<p>Als Volltext erschienen in: <a href=\"https:\/\/www.argument.de\/\">Das Argument 263\/2005 <\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Vereinigten Staaten von Amerika gelten sp\u00e4testens seit Ende des Zweiten Weltkriegs westlichem Verst\u00e4ndnis nach als die Mutter aller modernen \u00bbZivilgesellschaften \u00ab \u2013 also eine \u00bbAssoziation selbst\u00e4ndiger, politisch und sozial engagierter B\u00fcrger, die ihre externen wie internen Konflikte friedlich l\u00f6st\u00ab, wie das ZEITLexikon definiert \u2013 und damit als das Vorbild schlechthin f\u00fcr den noch unzivilen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":149,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[163,157],"tags":[],"class_list":["post-33","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-soziales","category-the-state-of-american-democracy-innenpolitik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/wp-json\/wp\/v2\/users\/149"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=33"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=33"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=33"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=33"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}