{"id":34,"date":"2007-10-22T00:01:23","date_gmt":"2007-10-21T22:01:23","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/2007\/10\/22\/frank-unger-gottlosigkeit-im-christlichen-amerika\/"},"modified":"2007-10-22T00:02:46","modified_gmt":"2007-10-21T22:02:46","slug":"frank-unger-gottlosigkeit-im-christlichen-amerika","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/2007\/10\/22\/frank-unger-gottlosigkeit-im-christlichen-amerika\/","title":{"rendered":"Frank Unger: Gottlosigkeit im christlichen Amerika"},"content":{"rendered":"<p>Die USA sind bis heute ihrem Selbstverst\u00e4ndnis nach eine \u203achristliche Nation\u2039 \u2013 allen<br \/>\nvornehmlich in Hollywood-Filmen der staunenden Welt pr\u00e4sentierten Erscheinungen<br \/>\nmultikultureller Vielfalt und sittlich-moralischen Relativismus zum Trotz. In einem<br \/>\nehernen Diskurs \u00f6ffentlicher Rhetorik berufen sich amerikanische Pr\u00e4sidenten<br \/>\nimmer wieder auf Gott und beschw\u00f6ren damit den Gr\u00fcndungskonsens des Staates.<br \/>\nDie Volksfr\u00f6mmigkeit, der sie ihren Tribut leisten, ist legend\u00e4r und mittlerweile auch<br \/>\nin Europa bekannt, wo man nicht wei\u00df, ob man belustigt oder besorgt sein soll. Sie<br \/>\nist in den l\u00e4ndlichen und s\u00fcdlichen Gegenden verst\u00e4rkt \u203afundamentalistisch\u2039 oder<br \/>\ncharismatisch, d.h. naiv in ihrer Glaubenshaltung, proselytisch gegen\u00fcber anderen<br \/>\nund unduldsam gegen\u00fcber \u203aS\u00fcndern\u2039. Die Glaubensbereitschaft eines gro\u00dfen Teils<br \/>\nder Amerikaner scheint unbegrenzt und \u2013 nach den Kriterien eines aufgekl\u00e4rten<br \/>\neurop\u00e4ischen Protestantismus \u2013 von einem geradezu \u203akindlichen\u2039 Literalismus zu<br \/>\nsein.<\/p>\n<p>An der Harvard Medical School wurde j\u00fcngst eine \u00fcber zehn Jahre angelegte<br \/>\nZweieinhalb-Millionen-Dollar-Studie abgeschlossen, die untersuchen wollte, ob<br \/>\nbzw. in welchem Umfang Gebete Dritter (in diesem Fall \u203aprofessioneller\u2039 Kr\u00e4fte aus<br \/>\nKl\u00f6stern, Stiften und protestantischen Charismatikerkreisen) den Krankheitsverlauf<br \/>\nvon Herzpatienten beeinflussen. Die Forscher fanden nach akribischen Langzeit-<br \/>\nUntersuchungen an 1800 By-Pass-Patienten heraus, dass eine Beeinflussung nicht<br \/>\nbelegt werden k\u00f6nne (Tagesspiegel, 1.4.2006). Dies als Beispiel aus einem oft<br \/>\ngenannten Vorbild f\u00fcr die Reformierung des an Exzellenzmangel krankenden deutschen<br \/>\nHochschulwesens.<\/p>\n<p>Ebenso eindrucksvoll ist ein Blick auf die popul\u00e4re Kultur. Die mit gro\u00dfem<br \/>\nAbstand erfolgreichsten Belletristik-Autoren der letzten zehn Jahre sind das Zweier-<br \/>\nTeam des Theologen Tim LaHaye und des Schriftstellers Jerry Jenkins. Im Sommer<br \/>\n2004 ver\u00f6ffentlichten sie den 12. und letzten Band einer Reihe von Romanen, die sie<br \/>\n1995 mit dem Titel Left Behind begonnen hatten. Der letzte Band hei\u00dft nun Glorious<br \/>\nAppearing, und zwei Millionen Exemplare davon wurden bereits abgesetzt, ehe das<br \/>\nWerk \u00fcberhaupt in die Buchl\u00e4den kam. Insgesamt sind aus der Left Behind-Reihe<br \/>\nbislang \u00fcber 62 Millionen Exemplare verkauft worden. Die auf die wiedergeborenen<br \/>\nProtestanten abzielende Romanserie ist eine in die Gegenwart versetzte Ausmalung<br \/>\nder Prophezeiungen der Johannes-Apokalypse. Sie beginnt mit der von Paulus im<br \/>\n1. Thessalonicherbrief angek\u00fcndigten \u00bbEntr\u00fcckung\u00ab der Gl\u00e4ubigen und Gerechten<br \/>\ndurch Jesus Christus und endet in Band 12 damit, dass dieser auf die Erde zur\u00fcckkehrt<br \/>\nund in der Schlacht bei Armageddon nach der Vernichtung aller Feinde des<br \/>\nchristlichen Gottes das Tausendj\u00e4hrige Reich errichtet. Phantasievoll und mit<br \/>\nbisweilen verbl\u00fcffenden, f\u00fcr aufgekl\u00e4rte Leser unfreiwillig komischen Einf\u00e4llen<br \/>\nbem\u00fchen sich die Autoren, die biblischen phantastischen Prophezeiungen aus dem<br \/>\nersten Jahrhundert n. Chr. in die Erfahrungswelt heute lebender Menschen zu \u00fcbertragen.<\/p>\n<p>Die \u00bbEntr\u00fcckungen\u00ab der Gl\u00e4ubigen machen sich z.B. dadurch bemerkbar,<br \/>\ndass einige Passagiere bei einem Transatlantikflug pl\u00f6tzlich auf dem Sitz neben sich<br \/>\neinen zusammengefallenen Haufen Kleider entdecken, obwohl dort in der Minute<br \/>\nzuvor noch ein freundlicher Herr mittleren Alters ged\u00f6st hatte. Er war ein Gerechter<br \/>\nund wurde von seinem Herrn abberufen. Auch vor tagespolitischen Einsch\u00e4tzungen<br \/>\nschrecken die Autoren nicht zur\u00fcck: Zum aktiven Lager Satans w\u00e4hrend der Periode<br \/>\nder 21 Heimsuchungen geh\u00f6ren neben den arabischen L\u00e4ndern, den Nordkoreanern<br \/>\nund den Chinesen auch der Generalsekret\u00e4r der Vereinten Nationen und der Papst.<\/p>\n<p>Auch die amerikanischen Katholiken gehen nicht leer aus. Mel Gibsons antijudaischer<br \/>\nMonumentalfilm The Passion of the Christ ist oberfl\u00e4chlich gesehen ein<br \/>\nSplatterfilm, in dem aram\u00e4isch gesprochen wird, unterschwellig verfolgt er allerdings<br \/>\ndie klare Intention, die Hinrichtung des Jesus von Nazareth ausschlie\u00dflich<br \/>\nals Werk der Juden darzustellen und den christlichen Gott auf so extreme Weise als<br \/>\nleidendes Opfer vorzuf\u00fchren, dass die Welt\u00f6ffentlichkeit dadurch in \u00e4hnliche politische<br \/>\nParteinahme f\u00fcr die Christen (und indirekt f\u00fcr die USA in ihrem Kampf um<br \/>\neine christliche Weltordnung) gen\u00f6tigt wird wie angesichts der Bilder aus Auschwitz<br \/>\nf\u00fcr die Juden: ein kaum verhohlener Versuch, den vermeintlichen Opferbonus der<br \/>\nJuden auf die Christen und ihre f\u00fchrende Nation umzulenken.<\/p>\n<p>Beide Produkte verk\u00fcnden eine gemeinsame, interkonfessionelle Botschaft: der<br \/>\nchristliche Gott ist kein \u00bbg\u00fctiger Opa [&#8230;], der einen problemlos in den Himmel l\u00e4sst\u00ab,<br \/>\nwie LaHaye einmal das Gottesbild des Amtskirchen-Protestantismus charakterisiert<br \/>\nhat, sondern ein fordernder und parteiischer Gott, der Anspr\u00fcche stellt, der genaue<br \/>\nKriterien f\u00fcr gut und b\u00f6se, f\u00fcr richtiges und falsches moralisches Verhalten aufstellt,<br \/>\nder als unser Gott auch in den politischen Auseinandersetzungen auf \u203aunserer\u2039 Seite<br \/>\nsteht, der nicht unterschiedslos alle liebt, sondern nur diejenigen, die umgekehrt ihn<br \/>\nund \u203aunser\u2039 Heimatland lieben; der nicht nur vergibt und Gnade gew\u00e4hrt, sondern<br \/>\nauch f\u00fcrchterlich b\u00f6se werden kann und die schlimmsten Strafen verh\u00e4ngt bzw.<br \/>\nRache nimmt an den Ungl\u00e4ubigen und an seinen Feinden.<\/p>\n<p>Die j\u00fcngsten Daten aus einer repr\u00e4sentativen Umfrage zur Bedeutung der<br \/>\nOffenbarung des Johannes und anderer biblischer Prophezeiungen zum Ende der<br \/>\nWelt ergeben folgendes Bild: 36 % glauben, dass die Offenbarung des Johannes<br \/>\n\u00bbexakte Prophezeiungen\u00ab enth\u00e4lt; 47 % sind der Meinung, sie sei metaphorisch zu<br \/>\nverstehen; 55 % glauben, dass diejenigen, die festen Glaubens sind, von Gott direkt<br \/>\nin den Himmel \u00bbentf\u00fchrt\u00ab werden (Entr\u00fcckung); 74 % glauben an die Existenz<br \/>\nSatans (Mitglieder von Erweckungskirchen zu 93 %); 17 % glauben, dass das Ende<br \/>\nder Welt noch zu ihren Lebzeiten eintreten wird (Newsweek, 24.5.2004, 48).<\/p>\n<p>Diese im Vergleich zu den entwickelten Industriestaaten des Westens autonome Volksfr\u00f6mmigkeit<br \/>\nzeitigte einen kuriosen Gegeneffekt: Die USA wurden zur einzigen<br \/>\nmodernen Industrienation der Welt, in der die bekanntesten Beispiele von Atheismus<br \/>\nGottlosigkeit im christlichen Amerika und Religionsverachtung nicht mit rebellischen oder herrschaftskritischen Intentionen erbunden waren, sondern im Gegenteil offen im Interesse der herrschenden<br \/>\nKlassen auftraten: als \u203aaufgekl\u00e4rte\u2039 Verh\u00f6hnung der unm\u00fcndigen \u203aMassen\u2039 von<br \/>\nSeiten einer intellektuell-urbanen Elite und zur Abwehr von demokratischen, oft<br \/>\nl\u00e4ndlichen \u203apopulistischen\u2039 Bestrebungen mit dem Ziel, deren mit christlicher Glaubensfestigkeit<br \/>\nbegr\u00fcndeten patriotischen Anspr\u00fcche auf demokratische Teilhabe zu<br \/>\nbeschneiden.<\/p>\n<p>Als Volltext erschienen in: <a href=\"https:\/\/www.argument.de\/\">Das Argument 265\/2006<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die USA sind bis heute ihrem Selbstverst\u00e4ndnis nach eine \u203achristliche Nation\u2039 \u2013 allen vornehmlich in Hollywood-Filmen der staunenden Welt pr\u00e4sentierten Erscheinungen multikultureller Vielfalt und sittlich-moralischen Relativismus zum Trotz. 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