{"id":35,"date":"2007-10-22T00:10:39","date_gmt":"2007-10-21T22:10:39","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/2007\/10\/22\/frank-unger-die-regierung-george-w-bush-im-historischen-kontext-us-amerikanischer-ausenpolitik\/"},"modified":"2007-10-22T00:10:39","modified_gmt":"2007-10-21T22:10:39","slug":"frank-unger-die-regierung-george-w-bush-im-historischen-kontext-us-amerikanischer-ausenpolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/2007\/10\/22\/frank-unger-die-regierung-george-w-bush-im-historischen-kontext-us-amerikanischer-ausenpolitik\/","title":{"rendered":"Frank Unger: Die Regierung George W. Bush im historischen Kontext US-amerikanischer Au\u00dfenpolitik"},"content":{"rendered":"<p class=\"MsoBodyText\">Das Deuten der Geschichte in langen Zeitr\u00e4umen, wie es von den Vertretern der \u201eWeltsystem-Theorie\u201c gepflegt wird,<span>\u00a0 <\/span>ist eine Disziplin f\u00fcr K\u00f6nner, aber mit Fallstricken. Es ist die besondere St\u00e4rke dieses Ansatzes<a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/wp-admin\/#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><span class=\"MsoFootnoteReference\"><\/span><span><!--[if !supportFootnotes]--><\/span><span class=\"MsoFootnoteReference\"><\/span><span><\/span><\/a>, dass die individuellen historischen Akteure nur als Charaktermasken<span>\u00a0 <\/span>\u201edes Systems\u201c gesehen werden<span>\u00a0 <\/span>\u2013<span>\u00a0 <\/span>was dem methodischen Ansatz in Marx\u2018 \u201eDas Kapital\u201c entspricht, von dem die meisten Weltsystem-Theoretiker inspiriert sind. Die Vogelschau der \u201eWeltsystem-Theorie\u201c bietet die<span>\u00a0 <\/span>M\u00f6glichkeit, zeitgeschichtliche Ereignisse und Entwicklungen der neueren Geschichte in metasprachlicher, von den beschr\u00e4nkten Deutungsmustern der Zeitgenossen<span>\u00a0 <\/span>emanzipierter Begrifflichkeit zu analysieren. Denn die handelnden Menschen finden stets Verh\u00e4ltnisse (und eine politische Sprache!) vor, die sie nicht selbst gew\u00e4hlt oder gestaltet haben. Durch die Vogelschau-Analysen<span>\u00a0 <\/span>der Weltsystem-Theoretiker gewinnt man<span>\u00a0 <\/span>Perspektiven, auf deren Grundlage man die Un\u00fcbersichtlichkeiten unserer \u201epostnationalen Konstellation&#8220; <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/wp-admin\/#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><span class=\"MsoFootnoteReference\"><\/span><span><\/span><span class=\"MsoFootnoteReference\"><\/span><span><\/span><\/a>bis zur Kenntlichkeit verzerrt erkennen<span>\u00a0 <\/span>kann. Allerdings bleibt ein solcher Ansatz nur so lange fruchtbar, wie er um seine Grenzen wei\u00df und sich f\u00fcr die Erkenntnis offen h\u00e4lt, dass geschichtsstiftende Politik, zumindest solche mit kurz- bis mittelfristigen Folgen, nach wie vor von handelnden Menschen in realen Machtpositionen und vor einem subjektiv durchaus begrenztem Zeithorizont gemacht wird.<\/p>\n<p class=\"MsoBodyText\">\u00a0<\/p>\n<p class=\"MsoBodyText\">Weltsystem-Theoretiker sind der Tagespolitik und damit auch deren Nomenklatur entr\u00fcckt. <span>\u00a0<\/span>Dies wiederum schlie\u00dft selbstverst\u00e4ndlich nicht aus, dass auch sie bewusst<span>\u00a0 <\/span>Partei in den tagespolitische Auseinandersetzungen ihrer Zeit sind \u2013 was sie aber nur mit<span>\u00a0 <\/span>allen<span>\u00a0 <\/span>Historikern oder Sozialwissenschaftlern, die sich \u00f6ffentlich \u00e4u\u00dfern, teilen.<span>\u00a0 <\/span>Die allein relevanten Unterschiede zwischen Sozialwissenschaftlern bestehen im Grad der wissenschaftlichen \u00dcberpr\u00fcfbarkeit und der theoretischen Fruchtbarkeit. Auf diesen Gebieten geh\u00f6ren Weltsystem-Theoretiker auf die vorderen R\u00e4nge der Historiker und Sozialwissenschaftler, da sie bei ihren Interpretationen und Langzeit-Deutungen erstens von nachvollziehbaren theoretischen Grundlagen ausgehen und zweitens die Leser stets zu einem \u00dcberdenken \u00fcberkommener Ansichten n\u00f6tigen. Auch wenn sie mitunter etwas schematisch sind, so sind sie doch stets anregend. Was sie alle miteinander verbindet und \u2013 in scheinbarem Kontrast zu ihrer stoisch-geologischen Geschichtsauffassung \u2013<span>\u00a0 <\/span>gleichzeitig ihren politischen Charakter bestimmt, ist die konsequente Historisierung der Gegenwart und ihrer dominanten Produktionsweise, des Kapitalismus, der von ihnen als st\u00e4ndig teils sich in Zyklen wiederholende, teils dabei sich qualitativ ver\u00e4ndernde Gesellschaftsformation mit einem Beginn, einer Entwicklung und (logischerweise) <span>\u00a0<\/span>auch mit einem ( entweder m\u00f6glichen oder notwendigen) Ende gedacht wird: eine Provokation f\u00fcr die zeitgen\u00f6ssischen Sozialwissenschaften, die eine formationslogische Relativierung der modernen b\u00fcrgerlichen Gesellschaft <span>\u00a0<\/span>entweder \u00fcberhaupt nicht verstehen oder sie als \u201eideologisch\u201c empfinden und ablehnen.<span>\u00a0\u00a0\u00a0 <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoBodyText\">\u00a0<\/p>\n<p class=\"MsoBodyText\">Das gilt heute umso mehr, nachdem<span>\u00a0 <\/span>ja<span>\u00a0 <\/span>\u2013 zumindest im westlichen Teil der Welt <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/wp-admin\/#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><span class=\"MsoFootnoteReference\"><\/span><span><\/span><span class=\"MsoFootnoteReference\"><\/span><span><\/span><\/a>\u2013<span>\u00a0 <\/span>der finale Sieg von Freiheit und \u201eDemokratie\u201c \u00fcber<span>\u00a0 <\/span>den Kommunismus deklariert wurde. Dies geschah (und geschieht) in allen nur erdenklichen Formen, von schlichtem Triumphalismus<span>\u00a0 <\/span>bis zu geschichtsphilosophischer Pathetik. So hat z. B. ein \u2013 in der Folge immer wieder bewundernd zitierter \u2013 amerikanischer Autor schon 1989 schlankweg behauptet, geradewegs ans<span>\u00a0 <\/span>\u201eEnde der Geschichte\u201c<span>\u00a0 <\/span>gelangt zu sein.<a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/wp-admin\/#_ftn4\" name=\"_ftnref4\"><span class=\"MsoFootnoteReference\"><\/span><span><!--[if !supportFootnotes]--><\/span><span class=\"MsoFootnoteReference\"><\/span><span><\/span><\/a>\u00a0 <span><\/span>Damit meinte er den absehbaren Untergang der sozialistischen Sowjetunion und des von ihr dominierten sozialistischen Lagers, des gro\u00dfen Gegenspielers der USA und des von ihr dominierten kapitalistischen Weltsystems. Das klang seinerzeit unerh\u00f6rt k\u00fchn, war aber im Grunde nur die Rekapitulation einer seit langem gel\u00e4ufigen Vorstellung: N\u00e4mlich dass es sich bei der in den meisten Teilen der Welt herrschenden Gesellschaftsformation der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft, die sich nun vor allem dank des Einsatzes der USA auch im Kampf gegen das letzte ernsthafte<span>\u00a0 <\/span>Hindernis, den Kommunismus, durchgesetzt habe, <span>\u00a0<\/span>um<span>\u00a0 <\/span>die Vollendung der menschlichen Gattungsgeschichte handele. Diese Ansicht ist wahrlich nicht erst im Amerika des sp\u00e4ten 20. Jahrhunderts erfunden worden. Es war schlie\u00dflich schon der praktische Hauptsinn von Marx\u2018 \u201eKritik der Politischen \u00d6konomie\u201c,<span>\u00a0 <\/span>den spezifischen historischen Charakter der Wertform und damit der kapitalistischen Produktionsweise einschlie\u00dflich des mit ihr eng verbundenen Finanz- und Kreditsystems nachzuweisen und gegen die unhistorische bzw. \u201eendzeitliche\u201c <span>\u00a0<\/span>Betrachtungsweise, der<span>\u00a0 <\/span>selbst die scharfsinnigsten b\u00fcrgerlichen \u00d6konomen (Adam Smith und David Ricardo) anhingen, kritisch einzuwenden. Auch sie konnten sich keine andere Gesellschaftsform als die b\u00fcrgerliche, auf der Wertform beruhende vorstellen. Aber sie sahen sich auch noch \u2013 fern jeder dann sp\u00e4ter einsetzenden bewussten Apologetik \u2013 der unbefangenen Wahrheitssuche verpflichtet, und Marx konnte sich in seiner \u201eKritik der Politischen \u00d6konomie\u201c systematisch auf den Nachweis jener Punkte konzentrieren, wo allein deren (unhistorischer und damit Form-blinder) b\u00fcrgerlicher Klassenstandpunkt einer vollst\u00e4ndigen Erkenntnis ihres Gegenstands \u2013 der Anatomie und Physiologie der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft \u2013 im Wege stand.<a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/wp-admin\/#_ftn5\" name=\"_ftnref5\"><span class=\"MsoFootnoteReference\"><\/span><span><!--[if !supportFootnotes]--><\/span><span class=\"MsoFootnoteReference\"><\/span><span><\/span><!--[endif]--><\/a><\/p>\n<p class=\"MsoBodyText\">\u00a0<\/p>\n<p class=\"MsoBodyText\">Die in die Neue Welt ausgewanderten und sich dann \u201erevolution\u00e4r\u201c abnabelnden<span>\u00a0 <\/span>Briten f\u00fcgten dem s\u00e4kularen Endzeitbewusstsein, das sie als geistiges Gep\u00e4ck aus ihrem Mutterland mitgenommen hatten, dann <span>\u00a0<\/span>noch eine religi\u00f6s-ideologische Dimension hinzu, der in Europa lange nicht gen\u00fcgend Aufmerksamkeit zuteil wurde und mit dem auch die Welt-Systemtheoretiker wenig anzufangen wissen: N\u00e4mlich die bis zum heutigen Tag von gro\u00dfen Teilen der amerikanischen Bev\u00f6lkerung und seiner politisch handelnden Eliten<span>\u00a0 <\/span>geteilte Wahnvorstellung, dass \u201eder Herr\u201c auf Seiten Amerikas stehe und die Expansion der Vereinigten Staaten<span>\u00a0 <\/span>\u2013 zun\u00e4chst politisch als Nationalstaat \u00fcber die s\u00fcdliche H\u00e4lfte des ganzen nordamerikanischen Kontinents, dann \u201esystemisch\u201c<span>\u00a0 <\/span>\u00fcber den Rest der Welt, eine Erf\u00fcllung<span>\u00a0 <\/span>biblischer Prophezeiungen und damit<span>\u00a0 <\/span>die Gestaltung der Welt nach dem strukturellen Vorbild Amerikas gewisserma\u00dfen ein g\u00f6ttlicher Auftrag sei. <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/wp-admin\/#_ftn6\" name=\"_ftnref6\"><span class=\"MsoFootnoteReference\"><\/span><span><\/span><span class=\"MsoFootnoteReference\"><\/span><span><\/span><\/a>Wenn der US-Generalstaatsanwalt<span>\u00a0 <\/span>John Ashcroft im Jahre des Herrn 2003 bemerkte, die Vereinigten Staaten \u201eh\u00e4tten keinen K\u00f6nig, daf\u00fcr aber Jesus\u201c, dann halten die meisten Europ\u00e4er dies f\u00fcr das<span>\u00a0 <\/span><em>bon mot<\/em> eines populistischen Politikers. Da sie selber nicht an \u201eJesus\u201c glauben, oder h\u00f6chstens in den verd\u00fcnnten Formen europ\u00e4ischer Amtskirchenrhetorik, k\u00f6nnen sie einfach nicht nachvollziehen, dass es sich hier um eine<span>\u00a0 <\/span>todernst gemeinte politische Kampfansage handelt.<a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/wp-admin\/#_ftn7\" name=\"_ftnref7\"><span class=\"MsoFootnoteReference\"><\/span><span><!--[if !supportFootnotes]--><\/span><span class=\"MsoFootnoteReference\"><\/span><span><\/span><!--[endif]--><\/a><\/p>\n<p class=\"MsoBodyText\"><strong>Der Volltext ist im Erscheinen. <\/strong><br \/>\n<span><\/span><!--[if !supportFootnotes]-->\n<\/p>\n<\/p>\n<p class=\"MsoFootnoteText\"><a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/wp-admin\/#_ftnref3\" name=\"_ftn3\"><span class=\"MsoFootnoteReference\"><\/span><span><!--[if !supportFootnotes]--><\/span><span class=\"MsoFootnoteReference\"><\/span><span><\/span><\/a><\/p>\n<\/p>\n<p class=\"MsoFootnoteText\"><span> <\/span><\/p>\n<\/p>\n<p class=\"MsoFootnoteText\"><a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/wp-admin\/#_ftnref5\" name=\"_ftn5\"><span class=\"MsoFootnoteReference\"><\/span><span><!--[if !supportFootnotes]--><\/span><span class=\"MsoFootnoteReference\"><\/span><span><\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Deuten der Geschichte in langen Zeitr\u00e4umen, wie es von den Vertretern der \u201eWeltsystem-Theorie\u201c gepflegt wird,\u00a0 ist eine Disziplin f\u00fcr K\u00f6nner, aber mit Fallstricken. Es ist die besondere St\u00e4rke dieses Ansatzes, dass die individuellen historischen Akteure nur als Charaktermasken\u00a0 \u201edes Systems\u201c gesehen werden\u00a0 \u2013\u00a0 was dem methodischen Ansatz in Marx\u2018 \u201eDas Kapital\u201c entspricht, von dem [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":149,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[158],"tags":[],"class_list":["post-35","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-krieg-und-frieden-us-foreign-policy-watch"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/wp-json\/wp\/v2\/users\/149"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=35"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=35"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=35"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=35"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}