{"id":52,"date":"2008-04-11T01:36:41","date_gmt":"2008-04-10T23:36:41","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/2008\/04\/11\/thomas-greven-die-ruckkehr-des-weisen-mannes\/"},"modified":"2008-04-11T01:36:41","modified_gmt":"2008-04-10T23:36:41","slug":"thomas-greven-die-ruckkehr-des-weisen-mannes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/2008\/04\/11\/thomas-greven-die-ruckkehr-des-weisen-mannes\/","title":{"rendered":"Thomas Greven: Die R\u00fcckkehr des wei\u00dfen Mannes"},"content":{"rendered":"<p class=\"MsoNormal\">Sicher, die amerikanische Pr\u00e4sidentschaftswahl 2008 verspricht, einzigartig zu werden. Zum ersten Mal k\u00f6nnte eine Frau das erste Amt im Staat bekleiden (und gleichzeitig eine quasi dynastische Entwicklung fortschreiben) oder ein Schwarzer. Zwar hat der letzte im Wahlkampf verbliebene wei\u00dfe Mann nun einen Vorteil, weil seine Konkurrenten sich noch gegenseitig bekriegen und er in den Umfragen auch deshalb punkten kann, aber historisch w\u00e4re seine Wahl kaum. Eben ein weiterer, wenn auch ziemlich alter, wei\u00dfer Mann im Wei\u00dfen Haus.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Und doch wird es auf die wei\u00dfen M\u00e4nner ankommen in diesem Herbst, denn sie sind das wesentliche Bindeglied zwischen den Herausforderungen f\u00fcr John McCain und den Schwachstellen von Hillary Clinton und Barack Obama. Wer auch immer f\u00fcr die Demokraten antritt, wird versuchen, die Wahl zu einem Referendum \u00fcber George W. Bush zu machen und also behaupten, die Wahl McCains w\u00fcrde eine dritte Amtszeit f\u00fcr Bush bedeuten. Nun gilt McCain in seiner Partei durchaus als \u201eMaverick\u201c, der sowohl seine Fraktion als auch die Regierung wiederholt herausgefordert hat, z.B. bei seiner Ablehnung der Steuersenkungen (deren Verl\u00e4ngerung er dann aber zugestimmt hat), bei der Regelung der Wahlkampffinanzierung und in der Folterfrage. In der f\u00fcr die Wahl zentralen Frage des Irak-Krieges scheint er allerdings noch entschlossener als der Pr\u00e4sident, die Sache durchzufechten. Erfahren in Besatzungssituationen, war er ein fr\u00fcher Bef\u00fcrworter des \u201eSurge\u201c. Doch der Krieg ist unpopul\u00e4r; McCain kann hier nur \u00fcber die Anrufung von Patriotismus und letztlich auch Militarismus punkten, und das wohl am ehesten bei wei\u00dfen M\u00e4nnern, die daf\u00fcr insbesondere im S\u00fcden und in den l\u00e4ndlichen Gebieten ansprechbar sind.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Die zweite Herausforderung f\u00fcr McCain ist, den Mangel an Begeisterung auf Seiten des sozialkonservativen Teils der Republikanischen W\u00e4hlerschaft zu kompensieren, der f\u00fcr die Wahlerfolge der letzten Jahre so bedeutsam war. Die christlich-konservative Basis ist nach acht Jahren Bush desillusioniert, und John McCain ist nicht ihr Kandidat \u2013 sie traut ihm nicht. Viele werden in die traditionelle politische Abstinenz zur\u00fcckkehren, manche werden angesichts dr\u00e4ngender wirtschaftlicher Probleme gar Demokratisch w\u00e4hlen. Vielleicht wird McCain \u00fcber die Wahl seines \u201erunning mate\u201c versuchen, doch noch eine Begeisterung zu erzeugen. Vor allem aber wird er vermutlich nicht der Versuchung widerstehen, Schwachstellen des Demokratischen Kandidaten auszunutzen, wer immer es auch sei, um \u00fcber die wei\u00dfe m\u00e4nnliche W\u00e4hlerschaft den Teilausfall der christlichen Basis auszugleichen.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Clinton und Obama sind derzeit gegen\u00fcber McCain im Nachteil, weil sie immer noch um eine Entscheidung k\u00e4mpfen. Es kann sein, dass am Ende die Superdelegates \u00fcber die Nominierung entscheiden. Bez\u00fcglich des von beiden Kandidaten versprochenen \u201eChange\u201c liegt das Versprechen wohl nicht so sehr in den konkreten Politikvorschl\u00e4gen \u2013 die zielen erstens kaum auf fundamentalen Wandel und stehen zweitens unter dem Vorbehalt der Zustimmung mindestens des Kongresses \u2013 sondern in den Personen begr\u00fcndet und in dem, was sie jeweils symbolisch repr\u00e4sentieren. Als erste Frau steht Clinton f\u00fcr die Vollendung der Emanzipation. Obama steht nicht so sehr f\u00fcr einen Schlussstrich unter dem Problem von \u201erace\u201c in der amerikanischen Politik und Geschichte, auch wenn manche sich das wohl w\u00fcnschen, sondern er kann der Einiger sein, den sich die Amerikaner seit langem w\u00fcnschen. In beiden Versprechen liegen St\u00e4rken, aber auch Schw\u00e4chen, die McCain \u00fcber die wei\u00dfe m\u00e4nnliche W\u00e4hlerschaft ausnutzen kann.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Hillary Clinton kann mit der Aussicht, die erste Pr\u00e4sidentin zu werden, viele Anh\u00e4nger mobilisieren, vor allem unter der weiblichen W\u00e4hlerschaft. Auch die m\u00e4nnlichen Amerikaner sind grunds\u00e4tzlich wohl bereit f\u00fcr eine Pr\u00e4sidentin, nicht aber ohne weiteres f\u00fcr Frau Clinton. Als Mensch symbolisiert sie \u2013 trotz aller Versuche, staatsm\u00e4nnisch und pr\u00e4sidentiell zu wirken, aber auch als Mutter zu punkten \u2013 f\u00fcr viele Amerikaner den Verfall der traditionellen Familienwerte seit der \u201eCounterculture\u201c der 1960er Jahre, vermittelt insbesondere \u00fcber das Recht auf Abtreibung. Diese Rolle teilt sie mit ihrem Mann. Als Frau steht sie dar\u00fcber hinaus f\u00fcr die von vielen immer noch als Bedrohung empfundene Emanzipation. Man erinnere sich nur an den Hass, der Clinton entgegenschlug als sie es als First Lady wagte, sich in die Politikformulierung einzumischen und eine Kommission zur Reform des Gesundheitswesens leitete. Der Kandidat John McCain, selbst leidgepr\u00fcft bez\u00fcglich derartiger Angriffe, w\u00fcrde nicht z\u00f6gern, mittels der Angriffsfl\u00e4chen die Clinton bietet \u2013 berechtigt oder, angesichts ihrer Anstrengungen wahrscheinlicher, unberechtigt \u2013 zu mobilisieren. Doch sind es nicht gerade die wei\u00dfen M\u00e4nner ohne gro\u00dfe Bildung oder Einkommen, die Clinton jetzt w\u00e4hlen (und die ihre Hoffnung am Leben erhalten, weil Pennsylvania demographisch Ohio \u00e4hnlich ist)? Wie sollen diese gegen sie in Stellung gebracht werden? Nun, die M\u00e4nner der Hauptwahl sind andere als die M\u00e4nner der Vorwahl. An den Demokratischen Vorwahlen beteiligen sich viele Gewerkschaftsmitglieder. Nicht dass diese automatisch weniger anf\u00e4llig f\u00fcr eine frauenfeindliche Wahlkampfstrategie w\u00e4ren, aber sie werden durch den von Clinton immerhin angedeuteten \u00f6konomischen Populismus angesprochen sowie vielleicht durch die Erinnerung an \u00f6konomisch gute Zeiten in der zweiten H\u00e4lfte der 1990er Jahre, d.h. an die Pr\u00e4sidentschaft Bill Clintons.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">F\u00fcr viele Beobachter und vor allem Unterst\u00fctzer verk\u00f6rpert Obama das gr\u00f6\u00dfte Versprechen, das ein amerikanischer Politiker seit langer Zeit gegeben hat \u2013 auf Wandel im Sinne einer neuen politischen Kultur. Er verspricht, der Einiger zu sein, der George W. Bush sehr deutlich nicht war, nicht nur bez\u00fcglich der (\u00fcbertriebenen) Spaltung zwischen \u201erot und blau\u201c, sondern auch bez\u00fcglich der \u00e4ltesten Konfliktlinie der amerikanischen Politik: Race. Die Art und Weise, mit der Obama auf den Versuch reagiert hat, ihn f\u00fcr umstrittene \u00c4u\u00dferungen seines langj\u00e4hrigen Predigers in Sippenhaft zu nehmen, zeigt, dass es hier um mehr als nur Charisma geht. Er sieht beide Seiten als in dieser Frage befangen und gefangen an und will sich nicht f\u00fcr eine Seite vereinnahmen lassen. Nun k\u00f6nnte man zu Recht sagen, dass er als eindeutiger Kandidat der Schwarzen nie eine Chance gehabt h\u00e4tte, aber es ist ihm bisher gelungen, glaubw\u00fcrdig ein Kandidat jenseits der Hautfarbe zu sein. Die Bewegung, die Obama tr\u00e4gt, ist so vielf\u00e4ltig wie Amerika. Doch auch hier w\u00fcrde McCain vermutlich nicht widerstehen k\u00f6nnen und die offenen und vor allem die versteckten Vorbehalte der Wei\u00dfen \u2013 und hier vor allem der M\u00e4nner \u2013 f\u00fcr seine Zwecke nutzen, wiederum offen, aber vor allem versteckt, d.h. kodiert.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Ob die Obama-Bewegung die \u201eAngst vor dem schwarzen Mann\u201c \u00fcberwinden kann, wird auch davon abh\u00e4ngen, ob sie selbst schon mehr ist als nur ein Wahlverein. Als solcher wird sie derzeit von einer Welle der Begeisterung f\u00fcr ein Individuum getragen. Es ist ganz ausgeschlossen, dass diese Begeisterung ausreicht, um nach der Wahl die systembedingten und kulturellen Widerst\u00e4nde gegen jeglichen fundamentalen Wandel hin zu einer im weitesten Sinne sozialdemokratischen Politik zu \u00fcberwinden. Kurz gesagt, die Republikanischen Senatoren werden sich davon nicht beeindrucken lassen und die Lobbys z.B. im Gesundheitssektor auch nicht. M\u00f6glicherweise st\u00f6\u00dft die \u201eBewegung\u201c aber schon vorher an ihre Grenzen, angesichts der R\u00fcckkehr des wei\u00dfen Mannes in den amerikanischen Wahlkampf.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sicher, die amerikanische Pr\u00e4sidentschaftswahl 2008 verspricht, einzigartig zu werden. Zum ersten Mal k\u00f6nnte eine Frau das erste Amt im Staat bekleiden (und gleichzeitig eine quasi dynastische Entwicklung fortschreiben) oder ein Schwarzer. 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