{"id":634,"date":"2012-12-19T13:09:54","date_gmt":"2012-12-19T11:09:54","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/?p=634"},"modified":"2012-12-19T13:19:55","modified_gmt":"2012-12-19T11:19:55","slug":"spytainment-und-die-politisierte-menschenrechtsverletzung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/2012\/12\/19\/spytainment-und-die-politisierte-menschenrechtsverletzung\/","title":{"rendered":"&#8222;Spytainment&#8220; und die politisierte Menschenrechtsverletzung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">In den USA l\u00e4uft dieser Tage der Film \u201cZero Dark Thirty\u201d an, der den Anspruch erhebt, die Ereignisse rund um die Suche nach und anschlie\u00dfende T\u00f6tung von Osama bin Laden m\u00f6glichst originalgetreu in ein massentaugliches Filmformat zu pressen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Schon vorab aber entfachte sich eine Debatte um die Er\u00f6ffnungsszenen des Films, durch welche offenbar suggeriert wird, dass die Folter von Gefangenen ma\u00dfgeblich dazu beigetragen habe an entscheidende Informationen zu gelangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Dies entspreche nicht den Tatsachen, so einige der Kritiker. Folter habe bei den Ermittlungen, die schlussendlich zu bin Ladens Versteck f\u00fchrten, keine Rolle gespielt. \u201eK\u00fcnstlerische Freiheit!\u201c, halten andere dagegen.\u00a0\u00c4hnliche Diskussionen entfachten sich bereits an der Fernsehserie \u201e24\u201c, in der der Titelheld oftmals (und erfolgreich) auf Foltermethoden zur\u00fcckgriff, um an terrorvereitelnde Informationen zu gelangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Welche Argumente dabei von welchem Rezensenten vertreten werden, scheint sich auch anhand politischer Linien abzuzeichnen: W\u00e4hrend der Blogger <a href=\"https:\/\/www.guardian.co.uk\/commentisfree\/2012\/dec\/14\/zero-dark-thirty-cia-propaganda\">Glenn Greenwald den Film als propagandistisch und moralisch verdorben<\/a> verurteilt, <a href=\"https:\/\/www.nypost.com\/p\/news\/opinion\/opedcolumnists\/the_lesson_of_zero_dark_thirty_SCajSstz6mhANEFnny0m0I\">lobt Rupert Murdoch\u2019s <em>New York Post<\/em> <\/a>die\u00a0Handlung als \u201ea clear vindication for the Bush administration\u2019s view of the War on Terror\u201d.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Bezeichnend ist dabei auch, dass <a href=\"https:\/\/movies.nytimes.com\/2012\/12\/18\/movies\/jessica-chastain-in-zero-dark-thirty.html?pagewanted=all\">der Kritiker der <em>New York Times<\/em><\/a> den Film als solchen zwar in h\u00f6chsten T\u00f6nen lobt, zu der brisanten Frage der Folterszenen allerdings nur schreibt: \u201c(\u2026) it is an article of faith in \u2018Zero Dark Thirty\u2019 that viewers are capable of filling in the blanks, managing narrative complexity and confronting their complicity.\u201c Menschenrechtsverletzung, oder geheiligtes Mittel zum Zweck? Das liegt im Auge des Betrachters.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Von einem \u201enational Rorschach test on the divisive subject of torture\u201d, <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2012\/12\/13\/us\/zero-dark-thirty-torture-scenes-reopen-debate.html\">schreibt daher die Zeitung an anderer Stelle<\/a><strong>.\u00a0<\/strong>Es w\u00e4re schwierig, den traditionell zentristisch ausgelegten Standpunkt der <em>Grey Lady<\/em> deutlicher zu vertreten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Aber vielleicht ist es leichter, die Frage nach k\u00fcnstlerischer Freiheit und der Grenze zwischen Unterhaltung und Dokumentation einmal auszublenden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Im Kern scheint hier n\u00e4mlich eine gr\u00f6\u00dfere Debatte ausgetragen zu werden. Es geht darum, dass ein weiteres Schlagwort auf die lange Liste von politisierten Themenfeldern gesetzt wird. Die Folter reiht sich damit ein zwischen andere \u201edivisive subjects\u201c wie das Waffenrecht, Abtreibung, die Todesstrafe oder selbst den Klimawandel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Anders als in den USA des vergangenen Jahrhunderts \u2013 als die US Regierung sicherlich oftmals menschenrechtswidrig handelte, w\u00e4hrend das \u201eEvil Empire\u201c gescholten wurde \u2013 ist entscheidend, dass es heute in solchen Fragen nicht blo\u00df darum geht, was politische Eliten hinter verschlossenen T\u00fcren oder in verrauchten Zimmern besprechen und beschlie\u00dfen. Stattdessen geht es um \u00f6ffentliche Diskussion und ideologische Grabenk\u00e4mpfe innerhalb der Zivilgesellschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der Pr\u00e4zedenzfall, f\u00fcr den die Regierung Bush II mit ihrer Absegnung von \u201eenhanced interrogation techniques\u201c gesorgt hat, scheint als Folge zu haben, dass Folter zwar momentan und unter F\u00fchrung der Demokraten offiziell nicht praktiziert wird, dass die Bef\u00fcrwortung solcher Praktiken aber l\u00e4ngst als vertretbare, politische Meinung akzeptiert wird. Insofern mag die <em>New York Times<\/em> in ihrer Einsch\u00e4tzung Recht behalten: welche Position man hierbei bezieht, liegt im heutigen Amerika sicherlich an der eigenen politischen Grundeinstellung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">F\u00fcr meinen Teil bleibt daher zu sagen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich, als deutscher Europ\u00e4er, den in Berlin die Gedenkst\u00e4tten an die zahlreichen Menschenrechtsverletzungen (nicht nur) des vergangenen Jahrhunderts umgeben und der \u00fcber die Geschichte von Nationalismus und Staatsverbrechen im eigenen Land fr\u00fch und umfangreich aufgekl\u00e4rt wurde; ich, als demokratischer B\u00fcrger, w\u00fcrde mir w\u00fcnschen, dass man \u00fcber manche Dinge nicht mehr streiten muss.<\/p>\n<h6 style=\"text-align: justify\">Weiteres Material:<\/h6>\n<p style=\"text-align: justify\">Der Beitrag <a href=\"https:\/\/iis-db.stanford.edu\/pubs\/23340\/Spytainment_IJICI.pdf\">&#8222;&#8218;Spytainment&#8216; The Real Influence of Fake Spies&#8220;<\/a> von Amy Zegart im <em>International Journal of Intelligence and CounterIntellience <\/em>(23: 4, 2010. p 599 \u2014 622) ist hierzu w\u00e4rmstens zu empfehlen. Der Artikel kontrastiert die popkulturelle Darstellung von Spionagearbeit wie sie in Serien wie <em>24<\/em>, <em>Homeland<\/em>, den Jason Bourne oder James Bond Filmen dargestellt wird, mit der ern\u00fcchternden Realit\u00e4t und weist auf m\u00f6gliche Gefahren solcher Darstellungen hin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Hier ein Auszug:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201e<em>American citizens are steeped in misperceptions about what intelligence agencies actually do, and misplaced expectations about how well they can do it. Perhaps even more disturbing, evidence suggests that policymakers\u2014from cadets at West Point to senators on the Intelligence Committee to Supreme Court Justices\u2014are referencing fake spies to formulate and implement real intelligence policies<\/em>.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den USA l\u00e4uft dieser Tage der Film \u201cZero Dark Thirty\u201d an, der den Anspruch erhebt, die Ereignisse rund um die Suche nach und anschlie\u00dfende T\u00f6tung von Osama bin Laden m\u00f6glichst originalgetreu in ein massentaugliches Filmformat zu pressen. 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