{"id":832,"date":"2013-05-20T16:33:11","date_gmt":"2013-05-20T14:33:11","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/?p=832"},"modified":"2013-07-30T10:12:40","modified_gmt":"2013-07-30T08:12:40","slug":"bedenklicher-perspektivenwandel-genopolitics-in-den-us-amerikanischen-politikwissenschaften","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/2013\/05\/20\/bedenklicher-perspektivenwandel-genopolitics-in-den-us-amerikanischen-politikwissenschaften\/","title":{"rendered":"Bedenklicher Perspektivenwandel? Genopolitics in den US-amerikanischen Politikwissenschaften"},"content":{"rendered":"<p>L\u00e4sst sich Wahlverhalten auf das Genom eines Menschen zur\u00fcckf\u00fchren? Ist politische Gesinnung erblich? H\u00e4ngt die Parteizugeh\u00f6rigkeit mit Dopaminrezeptoren zusammen \u2013 und, wenn ja, wie? Was in deutschen Ohren vielleicht wie ein Nachhall aus \u00fcberwunden geglaubten, wissenschaftlich unr\u00fchmlichen Zeiten klingt, ist in einigen US-amerikanischen Politik-Departments keineswegs Tabu. Unter dem Schlagwort der Genopolitics forscht eine Reihe von Politikwissenschaftlern an durchaus namhaften Institutionen wie Harvard, der New York University und der University of California in San Diego zu den genetischen Grundlagen politischen Verhaltens.<!--more--><\/p>\n<p>Was erhofft man sich von diesem Ansatz? Mehr als in der deutschen Politikwissenschaft haben sich in den Vereinigten Staaten spieltheoretische und verhaltenspsychologische Herangehensweisen durchgesetzt. Dies h\u00e4ngt nicht unwesentlich mit der auch in den Wirtschaftswissenschaften vorangetriebenen Mathematisierung der Analyse gesellschaftlicher Ph\u00e4nomene zusammen. Hier wie dort bedarf es eines rationalen Akteurs, dessen Beweggr\u00fcnde und Handlungsmotivationen es m\u00f6glichst nuanciert zu erkl\u00e4ren gilt. Dazu dienen schon seit einiger Zeit behavioralistische Untersuchungen \u2013 und seit einigen Jahren nun auch das Genmaterial.<\/p>\n<p>Dass es sich hierbei nicht um ein Nischenph\u00e4nomen handelt, zeigt sich auch daran, dass die <em>American Political Science Review<\/em>, eine der angesehensten Fachzeitschriften, mehrere Artikel zu diesem Thema ver\u00f6ffentlicht hat. 2005 erschien dort der erste Aufsatz, der sich auf Zwillingsstudien berief, um politische Orientierung anhand genetischer Pr\u00e4dispositionen erkl\u00e4rbar zu machen (Alford, Funk und Hibbing 2005). Weitere Aufs\u00e4tze folgten, auch in anderen Fachjournals wie dem <em>Journal of Politics<\/em>. Der dort ver\u00f6ffentlichte und vermutlich am h\u00e4ufigsten zitierte Artikel aus jener neuen Forschungsrichtung mit dem Aufsehen erregenden Titel \u201aTwo Genes Predict Voter Turnout\u2018 rief 2008 schlie\u00dflich auch die Presse auf den Plan: Das <em>Wall Street Journal<\/em> befasste sich, wenig kritisch, mit der \u201eBiologie der Ideologie\u201c und die <em>New York Times<\/em> betitelte einen Leitartikel in Anspielung auf Bill Clintons gefl\u00fcgtes Wort mit \u201eIt\u2019s the genes, stupid\u201c.<\/p>\n<p>Insbesondere in der politikwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Wahlverhalten kommt den Genopolitics eine besondere Rolle zu, da dort das Erkl\u00e4rungsmodell des rationalen Akteurs an seine Grenzen st\u00f6\u00dft. Die Grundannahme ist folgende: Die \u201aKosten\u2018 des Einzelnen, vom Wahlrecht Gebrauch zu machen \u2013 sich also die Zeit zu nehmen, zum Wahllokal zu gehen, obwohl der Einfluss der einzelnen Stimme auf das Wahlergebnis verschwindend gering ist \u2013, sind immer h\u00f6her als dessen Nutzen. Das aus dieser Perspektive \u201eirrational\u201c anmutende Verhalten des W\u00e4hlers versucht man nun anhand seiner genetischen Voraussetzungen zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Was an dieser Herangehensweise unter anderem problematisch ist, l\u00e4sst sich mit einem genaueren Blick auf die Forschungsergebnisse verdeutlichen. Denn in der Tat werden hier Kausalit\u00e4ten recht grobschl\u00e4chtig \u00fcber mehrere Ecken hergestellt. In ihrem Artikel argumentieren James H. Fowler, der 2010 von <em>Foreign Policy<\/em> f\u00fcr seine Arbeit \u00fcber soziale Netzwerke zu einem der Top 100 Global Thinkers gek\u00fcrt wurde, und Christopher T. Dawes von der University of California in San Diego, dass zwei Gene die Wahlbeteiligung vorhersagen. Die Autoren st\u00fctzen ihre Thesen darauf, dass Polymorphismen der Gene MAOA und 5HTT in Tierversuchen mit antisozialem Verhalten in Verbindung gebracht wurden. Diese Gene stehen auch bei Menschen im Zusammenhang mit der Steuerung des Serotoninhaushalts und damit mit der F\u00e4higkeit, mit Stress umzugehen. Anders ausgedr\u00fcckt: Menschen mit den \u201erichtigen\u201c Genen k\u00f6nnen Stress besser bew\u00e4ltigen und deshalb \u2013 so die gewagte These der Autoren \u2013 auch besser mit Stresssituation wie beispielsweise einer Wahl umgehen, bei der ja der Wahlausgang ungewiss ist und die bevorzugte Partei verlieren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Was an dieser Argumentationskette besonders aufst\u00f6\u00dft ist die Art und Weise wie sie pr\u00e4sentiert wird. Allein der Titel \u2013 \u201aTwo Genes Predict Voter Turnout\u2018 \u2013 kommt daher, als w\u00e4re hier eine klare Kausalit\u00e4t zwischen Genen und Wahlverhalten aufgedeckt worden. Da hilft es wenig, dass erst abschlie\u00dfend und eher nebenbei erw\u00e4hnt wird: \u201eAgain, we cannot test any causal pathway given our data so we are merely speculating based on previous work done in behavior genetics and political science.\u201d (Fowler and Dawes 2008, 590) Diese Struktur des Artikels \u2013 eine starke These, die erst sehr viel sp\u00e4ter relativiert wird \u2013 hat zur Folge, dass es auf den ersten Blick tats\u00e4chlich so scheint, als sei hier eine erkenntnisversprechende Forschungsrichtung entstanden; ein Eindruck, der mit jedem weiteren, gegenseitig bezugnehmenden Aufsatz verst\u00e4rkt wird. So ist es wenig verwunderlich, dass auch der Untertitel des bereits angesprochenen Wall Street Journal Artikels davon ausgeht: \u201cStudies Suggest Many of Our Political Choices May Be Traced to Genetic Traits\u201d.<\/p>\n<p>Es regt sich jedoch auch Widerstand: &#8222;Two genes don&#8217;t predict voting behavior,&#8220; entgegnet der Politikwissenschaftler Evan Charney (Duke University): &#8222;They [Fowler und Dawes] are working with a model of genetics that is almost childlike in its crudeness.&#8220; (zitiert nach Hotz 2008; siehe auch Charney und English 2012). Nichtsdestotrotz bleibt die Kritik zumeist technisch: ob also die Ma\u00dfe korrekt gew\u00e4hlt wurden oder ob die Forschung im Widerspruch mit existierenden Studien und Verfahren steht (Fowler und Dawes 2013, 367).<\/p>\n<p>Ob die Genopolitics als Forschungsrichtung der Politikwissenschaften eine Modeerscheinung bleiben werden oder ihren Siegeszug in den Politikwissenschaften weiter fortsetzen, wird zweifelsohne nicht zuletzt auch davon abh\u00e4ngen, ob es gelingt eine Kritik auf nicht-technischer Ebene zu artikulieren. Eine grunds\u00e4tzlichere Kritik, die sich beispielsweise auf die Gefahren biologistisch argumentierender Sozialwissenschaften st\u00fctzen k\u00f6nnte, bleibt jedoch bislang aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Alford, J. R., C. L. Funk, und J. R. Hibbing. 2005. \u201cAre Political Orientations Genetically Transmitted?\u201d American Political Science Review 99 (2): 153\u201367<\/p>\n<p>Charney, E. und W. English. 2012. \u201cCandidate Genes and Political Behavior.\u201d American Political Science Review 106 (1): 1-34<\/p>\n<p>Fowler, J. H. and C. T. Dawes. 2013. \u201cIn Defense of Genopolitics.\u201d American Political Science Review 107 (2): 362-74<\/p>\n<p>\u2013\u2013\u2013. 2008. \u201cTwo Genes Predict Voter Turnout.\u201d The Journal of Politics 70 (3): 579-94<\/p>\n<p>Hotz, Robert Lee. \u201cThe Biology of Ideology.\u201d The Wall Street Journal, September 4, 2008<\/p>\n<p>New York Times. \u201eEditorial. It\u2019s the Genes, Stupid.\u201c The New York Times. May 27, 2008<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>L\u00e4sst sich Wahlverhalten auf das Genom eines Menschen zur\u00fcckf\u00fchren? Ist politische Gesinnung erblich? H\u00e4ngt die Parteizugeh\u00f6rigkeit mit Dopaminrezeptoren zusammen \u2013 und, wenn ja, wie? 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