{"id":926,"date":"2013-06-30T05:39:50","date_gmt":"2013-06-30T03:39:50","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/?p=926"},"modified":"2013-06-30T05:39:50","modified_gmt":"2013-06-30T03:39:50","slug":"transatlantische-zerrbilder-und-die-grenzen-der-demokratie-james-k-galbraith-zum-50-jubilaum-des-john-f-kennedy-instituts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/2013\/06\/30\/transatlantische-zerrbilder-und-die-grenzen-der-demokratie-james-k-galbraith-zum-50-jubilaum-des-john-f-kennedy-instituts\/","title":{"rendered":"Transatlantische Zerrbilder und die Grenzen der Demokratie. James K. Galbraith zum 50. Jubil\u00e4um des John-F.-Kennedy Instituts"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">Besondere Sorge bereite ihm das Potenzial f\u00fcr Gewalt gestand James K. Galbraith in der Frage und Antwort Runde, die sich seiner\u00a0Festrede anl\u00e4sslich des 50-j\u00e4hrigen Bestehens des John-F.-Kennedy Institut f\u00fcr Nordamerikastudien am 28. Juni 2013 anschloss. Die andauernden Konsequenzen der globalen Finanzkrise h\u00e4tten insbesondere in den s\u00fcdeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern eine bedrohliche Eigendynamik entwickelt, angesichts derer sich die europ\u00e4ische Politik entscheiden m\u00fcsse, entweder dringende Schritte zur Stabilisierung der \u00d6konomie vorzunehmen oder aber Gefahr zu laufen, die Kontrolle zu verlieren und irreparablen Schaden nicht nur an jenen L\u00e4ndern, sondern auch am Funktionieren der Demokratie in Europa anzurichten. \u00a0 \u00a0<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler und Professor an der\u00a0<em>Lyndon B. Johnson School of Public Affairs<\/em>\u00a0der\u00a0University of Texas at Austin, der im Rahmen der Feierlichkeiten des interdisziplin\u00e4ren Kennedy-Instituts den sozialwissenschaftlichen Beitrag \u00fcbernahm, tr\u00e4gt einen ber\u00fchmten Namen. Er ist Sohn eines \u00e4u\u00dferst einflussreichen \u00d6konoms, John Kenneth Galbraith, hochrangiger Berater und Diplomat der John F. Kennedy Administration sowie \u00f6ffentlicher Intellektueller mit analytischem Scharfsinn, zug\u00e4nglichem Schreibstil und entsprechend breiter Leserschaft.\u00a0Hiermit erkl\u00e4rt sich zum einen das Insider-Wissen James K. Galbraiths, der vom Kindesalter an mit der gro\u00dfen Politik aufwuchs &#8211; in seinem Vortrag erw\u00e4hnt er einen Brief, der heute sein B\u00fcro in Austin ziert und ihm zugesendet wurde, als er neun Jahre alt war, gezeichnet: John F. Kennedy. Zum Anderen, so Galbraith selbst in seinen einf\u00fchrenden Bemerkungen, sei seine Biographie auch ein Grund f\u00fcr seine N\u00e4he zum John-F.-Kennedy Institut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Tiefe Einblicke in die Regierungspolitik konnte James K. Galbraith auch als\u00a0<em>Executive Director of the Joint Economic Committee\u00a0<\/em>unter Ronald Reagan und als Berater anderer Regierungen\u00a0gewinnen. In seiner Tour de force &#8211; die mit Beobachtungen von Karl Marx \u00fcber die Vereinigten Staaten in den 1860er Jahren begann, dann auf die Weltwirtschaftskrise von 1929, den New Deal und dessen Nachhall in John F. Kennedys &#8218;New Frontier&#8216; und Lyndon B. Johnsons &#8218;Great Society&#8216; einging und in einer pr\u00e4zisen Analyse der gegenw\u00e4rtigen Krise auf beiden Seiten des Atlantiks endete &#8211; konnte Galbraith also aus dem Vollen sch\u00f6pfen. Seine seltene F\u00e4higkeit, komplexe, die jahrzehnte \u00fcberspannende Zusammenh\u00e4nge zu verdichten und dennoch verst\u00e4ndlich zu machen, stellte Galbraith in seinem Vortrag eindr\u00fccklich unter Beweis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Worum ging es Galbraith? Mit Blick auf die gegenw\u00e4rtige Wirtschafts- und Sozialkrise stellte er zun\u00e4chst die Fremdwahrnehmung der transatlantischen Gegen\u00fcber als verzerrt, aber als f\u00fcr beide Seiten n\u00fctzlich dar. Aus europ\u00e4ischer Sicht erschienen die USA als Verfechter des freien Marktes, der flexibilisierten Arbeit und des kleinen Staats. Europa hingegen w\u00fcrde aus US-amerikanischer Perspektive als sozialistische Festung der rigiden Regulierung dargestellt. Treffe auch keine der Darstellungen die Wirklichkeit, so dienten sie doch f\u00fcr politische Zwecke rechts wie links des politischen Kontinuums als hilfreiche Kontrastfolie oder Projektionsfl\u00e4che der eigenen Politik. Ironischerweise habe allem voran der &#8218;Gridlock&#8216; in den Vereinigten Staaten ma\u00dfgeblich zu finanzpolitischen Unterschieden zwischen den USA und Europa gef\u00fchrt, die sich sonst allerdings bis auf einige Ausnahmen &#8211; bspw. was die Art der Schulden und die institutionelle Stabilit\u00e4t betrifft &#8211; viel weniger unterschieden als oftmals angenommen. Er freue sich \u00fcber die Blockadehaltung im Kongress, betonte Galbraith daher mit einem Augenzwinkern, da sie in den USA eine versch\u00e4rfte Austerit\u00e4tspolitik im Stile Europas verhindere.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Mit besonderer Aufmerksamkeit widmete sich Galbraith den Ausw\u00fcchsen der Krise in Griechenland. Die Schlie\u00dfung des\u00a0staatlichen H\u00f6rfunk- und Fernsehsenders ERT\u00a0habe eine Grenze \u00fcberschritten, denn sie sei Beleg f\u00fcr die Bereitschaft der Politik, das zentrale Forum der \u00f6ffentlichen Meinungsbildung \u00f6konomischen Interessen zu unterwerfen. Galbraith, der bei der Schlie\u00dfung selbst vor Ort gewesen war, berichtete gleichzeitig jedoch vom politischen Willen und den Bem\u00fchungen der Bev\u00f6lkerung, den Sendebetrieb aufrecht zu erhalten und umriss damit die Konturen einer wom\u00f6glich entstehenden Solidarit\u00e4tsbewegung und Wiederaneignung demokratischer Politik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">M\u00f6glicherweise \u00e4u\u00dfert sich im Fall Griechenlands, dem Galbraith eine besondere, \u00fcber das Beispiel selbst hinausweisende Bedeutung beima\u00df, was Karl Polanyi vor knapp siebzig Jahren als &#8218;Double Movement&#8216; bezeichnete. N\u00e4mlich eine spontane Bewegung der Bev\u00f6lkerung gegen den letztlich unm\u00f6glichen, weil die Gesellschaft aush\u00f6hlenden Versuch, den freien Markt in allen Lebensbereichen zu etablieren. Diese Gegenbewegung bef\u00f6rderte laut Polanyi\u00a0in europ\u00e4ischen Gesellschaften die\u00a0Entstehung des modernen Wohlfahrtsstaats. Wie k\u00f6nnte eine solche Reaktion heute aussehen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ein anderes denkbares Szenario f\u00fcr die Zukunft Europas sei hingegen das an vielen Stellen zu beobachtende Aufkeimen nationalistischer und gewaltbereiter Bewegungen, deren Konsequenzen f\u00fcr die ohnehin defizit\u00e4re Demokratie in Europa nicht abzusehen, aber zweifelsohne besorgniserregend seien.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Besondere Sorge bereite ihm das Potenzial f\u00fcr Gewalt gestand James K. Galbraith in der Frage und Antwort Runde, die sich seiner\u00a0Festrede anl\u00e4sslich des 50-j\u00e4hrigen Bestehens des John-F.-Kennedy Institut f\u00fcr Nordamerikastudien am 28. Juni 2013 anschloss. 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