{"id":989,"date":"2013-08-09T11:00:56","date_gmt":"2013-08-09T09:00:56","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/?p=989"},"modified":"2013-08-09T18:18:52","modified_gmt":"2013-08-09T16:18:52","slug":"der-supreme-court-legt-die-gop-an-den-tropf-der-macht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/jfkpol\/2013\/08\/09\/der-supreme-court-legt-die-gop-an-den-tropf-der-macht\/","title":{"rendered":"Der Supreme Court legt die GOP an den Tropf der Macht"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><em>Thomas Greven,\u00a0<\/em><em>August 2013<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 13px\">Binnen Wochen, nachdem der Supreme Court der von ihrer Niederlage bei den Pr\u00e4sidentschaftswahlen 2012 geschockten Republikanischen Partei einen Rettungsring zuwarf, in Form eines umstrittenen Urteils zum Voting Rights Act von 1965, begannen die Republikaner im alten S\u00fcden der USA mit neuen Man\u00f6vern, um die zuk\u00fcnftige Wahlbeteiligung von Minderheiten zu begrenzen. Schon seit vielen Jahren stellt sich die GOP, die Grand Old Party, einst u.a. gegr\u00fcndet, um der Sklaverei ein Ende zu bereiten, in die sch\u00e4ndliche Tradition der Jim Crow-Gesetze, mit denen die Demokratische Partei nach dem Ende der \u201eReconstruction\u201c f\u00fcr fast einhundert Jahre sicherstellte, dass die schwarzen Amerikaner ihr nach dem B\u00fcrgerkrieg erworbenes Wahlrecht kaum oder gar nicht nutzen konnten. Doch mit dem Urteil zum Ende des Bundesvorbehalts f\u00fcr Wahlrechts\u00e4nderungen in f\u00fcnfzehn Staaten bzw. Teilen von Staaten, darunter neun Staaten des alten S\u00fcdens, er\u00f6ffnen sich f\u00fcr die Republikaner weitere M\u00f6glichkeiten der Unterdr\u00fcckung von Minderheitenw\u00e4hlern, die auch bereits genutzt wurden (Kromm 2013, Nichols 2013).<\/span><a title=\"\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a><span style=\"font-size: 13px\"> Sechs Staaten des alten S\u00fcdens haben seit dem Urteil Gesetze verabschiedet oder umgesetzt, die die Wahlbeteiligung von Minderheiten erschweren. North Carolina, ein Staat, den Obama 2008 noch gewinnen konnte, hat am 25. Juli 2013 Florida als Staat mit den sch\u00e4rfsten Gesetzen zur W\u00e4hlerunterdr\u00fcckung abgel\u00f6st\u00a0 (Berman 2013).<\/span><a title=\"\" href=\"#_ftn2\">[2]<\/a><span style=\"font-size: 13px\"> Gegen den extrem konservativen Trend in North Carolina regt sich allerdings inzwischen erheblicher Widerstand, die sogenannten Moral Mondays, die von einer Koalition unter der F\u00fchrung des N.A.A.C.P.\u00a0 organisiert werden (Severson 2013). Auch in anderen Staaten gibt es Widerstand gegen die neuen Gesetze und Verordnungen z.B. zu Voter IDs, auch von gew\u00e4hlten Politikern, so z.B. in Arkansas (Facing South 2013).<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der Voting Rights Act war erst 2006 mit gro\u00dfen, \u00fcberparteilichen Mehrheiten vom Kongress f\u00fcr 25 Jahre verl\u00e4ngert worden (98-0 im Senat und 390-33 im House), so dass das Urteil f\u00fcr viele Beobachter \u00fcberraschend war, zumal es zahlreiche Beispiele f\u00fcr gegen Minderheiten gerichtete Wahlrechts\u00e4nderungen in Staaten gab, die vom Bundesvorbehalt nicht betroffen waren. Dies lie\u00df klar erkennen, dass die GOP, die auch bei den Wahlen zum Repr\u00e4sentantenhaus die Mehrheit der Stimmen im Land verfehlte, in den Einzelstaaten zu dieser Methode bereit war (Wright 2013). Nur noch dreizehn Staaten werden nicht von einer Partei alleine regiert, dadurch ist die Polarisierung zwischen \u201eDemokratischen\u201c und \u201eRepublikanischen\u201c Staaten weiter gestiegen.<a title=\"\" href=\"#_ftn3\">[3]<\/a> Neben anderen negativen Konsequenzen weist Robert Reich (2013) auf diejenigen f\u00fcr Minderheiten hin: \u201eFor more than a century \u201astates rights\u2019 has been a euphemism for the efforts of some whites to repress or deny the votes of black Americans. Now that minorities are gaining substantial political strength nationally, devolution of government to the states could play into the hands of modern-day white supremacists\u201d.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Aber der Supreme Court urteilte trotz aller Evidenz und aller Proteste mit einer Mehrheit von 5 zu 4, dass genug Zeit seit dem Voting Rights Act vergangen sei, um die betroffenen Staaten unabh\u00e4ngig \u00fcber ihr Wahlrecht entscheiden zu lassen \u2013 der Kongress k\u00f6nne aber bei Bedarf einschreiten. Da Letzteres angesichts der Republikanischen Mehrheit im Repr\u00e4sentantenhaus und der Blockadem\u00f6glichkeit im Senat unwahrscheinlich ist, deutet vieles darauf hin, dass den konservativen Richtern die strategische Bedeutung des Urteils klar war. Der Supreme Court, der trotz des positiven Urteils zu Obamacare und zu gleichgeschlechtlichen Ehe wohl als konservativ bezeichnet werden muss (Love 2013), legte die Republikanische Partei in ihrer Kernregion an den Tropf der Macht \u2013 das Herz der GOP-Fraktion im Repr\u00e4sentantenhaus ist die alte Confederacy (98 Sitze und damit 42% ihrer 234), dasselbe gilt f\u00fcr das Electoral College (Kondik 2013).\u00a0<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der Supreme Court scheint auch entschlossen, die amerikanischen Gewerkschaften weiter zu schw\u00e4chen (in Streitf\u00e4llen zum National Labor Relations Board und zur Organisierungspraxis der sogenannten \u201eneutrality deals\u201c); dies w\u00fcrde in der Folge auch die Situation der Demokraten bei der wei\u00dfen Arbeitnehmerschaft weiter verschlechtern. Zudem steht im Herbst m\u00f6glicherweise ein weiteres Urteil zur Wahlkampffinanzierung an, mit dem die Rolle des Geldes weiter erh\u00f6ht werden k\u00f6nnte. Shaun McCutcheon, ein Republikaner aus Alabama, will mehr Kandidaten direkt Geld spenden (jeweils genau 1.776 Dollar!), als insgesamt zul\u00e4ssig ist. Sein Argument ist \u00e4u\u00dferst originell: Das Citizens United-Urteil, in dem 2010 entschieden wurde, dass es f\u00fcr \u201eunabh\u00e4ngige Wahlkampfausgaben\u201c keine Grenzen geben d\u00fcrfe, habe die alten Regeln f\u00fcr direkte Spenden faktisch irrelevant gemacht\u00a0 (Toobin 2013).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Republikanische Partei verf\u00fcgt noch \u00fcber eine weitere St\u00fctze. Die Mehrheit der GOP im Repr\u00e4sentantenhaus beruht, jedenfalls in manchen Staaten, auf Redistricting zugunsten sicherer Republikanischer Sitze und der Minimierung sicherer Demokratischer Sitze durch Republikanisch dominierte Einzelstaatsparlamente (\u201eGerrymandering\u201c). Da die GOP als Wahlsieger aus den Zwischenwahlen 2010 hervorging, die im Jahr der Volksz\u00e4hlung stattfand, auf die wiederum die Neuverteilung der Sitze im House und der neue Zuschnitt der Wahlkreise erfolgt, wird sie von dieser Situation noch bei einigen weiteren Wahlen profitieren. Doch die Frage ist, ob dies f\u00fcr die GOP ausreicht, um bei Wahlen im Bund wieder konkurrenzf\u00e4hig zu werden. Angesichts der demographischen Trends in den USA, durch die auch im S\u00fcden die wei\u00dfe Kernw\u00e4hlerschaft der Republikaner mittel- bis langfristig zu einer Minderheit werden wird, jedenfalls gegen\u00fcber der Summe der (anderen) Minderheiten, muss die GOP strategische \u00dcberlegungen anstellen. Das Partei-Establishment scheint dazu bereit zu sein, ihm gegen\u00fcber stehen jedoch wenig bewegliche \u201emovement conservatives\u201c, z.B. die Anh\u00e4nger der Tea Party (Greven i.V.).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Abramowitz, Alan, 2013: Voting in a Time of Polarization: Why Obama Won and What it Means, in: Larry J. Sabato (Hrsg.), Barack Obama and the New America. The 2012 Election and the Changing Face of Politics, Lanham: Rowman &amp; Littlefield, S.45-58.<\/p>\n<p>Berman, Ari, 2013: North Carolina Passes the Country&#8217;s Worst Voter Suppression Law, The Nation, Online Edition, 26. Juli.<\/p>\n<p>Bogado, Aura, 2013: What the Supreme Court Didn&#8217;t Strike Down Yesterday, The Nation.com Blog, 18. Juni.<\/p>\n<p>Facing South, 2013: Southern Elected Officials Take Stands Against Voter ID, 31. Juli. [https:\/\/www.southernstudies.org\/2013\/07\/southern-elected-officials-take-stands-against-vot.html]<\/p>\n<p>Greven, Thomas, in Vorbereitung: Zwischen Plutokratie und Rassismus: Der sehr amerikanische Populismus der Tea Party-Bewegung, in: Christoph Bieber &amp; Klaus Kamps (Hrsg.), Die US\u2010Pr\u00e4sidentschaftswahl 2012. Analysen der Politik- und Kommunikationswissenschaft.<\/p>\n<p>Kondik, Kyle, 2013: Republicans Hold the Line: 2012\u2019s National House Contest, in: Larry J. Sabato (Hrsg.), Barack Obama and the New America. The 2012 Election and the Changing Face of Politics, Lanham: Rowman &amp; Littlefield, S 143-151.<\/p>\n<p>Kromm, Chris, 2013: The Voting Rights Act and the Future of Southern Politics, Institute for Southern Studies, 27. Juni. [https:\/\/www.southernstudies.org\/2013\/06\/the-voting-rights-act-and-the-future-of-southern-p.html]<\/p>\n<p>Love, David A., 2013: Supreme Court Throws Voting Rights Act Under the Bus, Black Commentator (Online), 27. Juni.<\/p>\n<p>Nichols, John, 2013: SCOTUS Voting Rights Act Decision Means We Need &#8218;Right to Vote&#8216; Amendment, The Nation (Online Edition), 25. Juni.<\/p>\n<p>Reich, Robert, 2013: The Quiet Closing of Washington, 8. Juni. [https:\/\/robertreich.org\/post\/52488978442]<\/p>\n<p>Severson, Kim, 2013: Protests in North Carolina Challenge Conservative Shift in State Politics, New York Times (Online Edition), 11. Juni.<\/p>\n<p>Toobin, Jeffrey, 2013: Another Citizens United\u2014but Worse, in: The New Yorker (Online Edition), 30. Juli.<\/p>\n<p>Wright, Gavin, 2013: Voting Rights Act Brought Major Economic Benefits, Bloomberg (Online), 26. Juni.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Das Urteil gibt der Bewegung f\u00fcr einen Verfassungszusatz zum Wahlrecht neuen Wind. Die Reformorganisation FairVote schreibt treffend: \u201cBecause there is no right to vote in the U.S. Constitution, individual states set their own electoral policies and procedures. This leads to confusing and sometimes contradictory policies regarding ballot design, polling hours, voting equipment, voter registration requirements, and ex-felon voting rights. As a result, our electoral system is divided into 50 states, more than 3,000 counties and approximately 13,000 voting districts, all separate and unequal\u201d (Nichols 2013, vgl. auch Wright 2013).<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Das Gesetz, das nach nur drei Tagen Debatte verabschiedet wurde verlangt u.a. \u201estrict voter ID\u201c, obwohl es seit einem Jahrzehnt keine Betrugsf\u00e4lle mehr gab, und k\u00fcrzt die \u201eearly voting period\u201c um eine Woche, obwohl \u2013 oder vielmehr weil \u2013 56% der B\u00fcrger von ihr Gebrauch machen, darunter ein gro\u00dfer Anteil Minderheiten-W\u00e4hler. Die \u201esame-day voter registration\u201c in dieser Phase, die diese W\u00e4hler ebenfalls nutzen, wurde gestrichen (Berman 2013). Selbstverst\u00e4ndlich gibt es M\u00f6glichkeiten, diese Gesetze anzufechten. Der Supreme Court hat k\u00fcrzlich z.B. die Gesetzgebung in Arizona, die f\u00fcr die Stimmabgabe die Vorlage des Nachweises der Staatsb\u00fcrgerschaft verlangte, f\u00fcr verfassungswidrig erkl\u00e4rt (Bogado 2013).<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Auch bundesweit ist die ideologische Polarisierung zwischen den Parteien und ihren W\u00e4hlern ebenso deutlich wie die \u201cracial divide\u201d (Abramowitz 2013: 51).<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thomas Greven,\u00a0August 2013 Binnen Wochen, nachdem der Supreme Court der von ihrer Niederlage bei den Pr\u00e4sidentschaftswahlen 2012 geschockten Republikanischen Partei einen Rettungsring zuwarf, in Form eines umstrittenen Urteils zum Voting Rights Act von 1965, begannen die Republikaner im alten S\u00fcden der USA mit neuen Man\u00f6vern, um die zuk\u00fcnftige Wahlbeteiligung von Minderheiten zu begrenzen. 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