{"id":134,"date":"2023-10-04T11:00:55","date_gmt":"2023-10-04T09:00:55","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/knowtheancients\/?p=134"},"modified":"2023-11-01T13:47:13","modified_gmt":"2023-11-01T12:47:13","slug":"babylonische-planetenberechnung-im-griechisch-roemischen-aegypten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/knowtheancients\/2023\/10\/04\/babylonische-planetenberechnung-im-griechisch-roemischen-aegypten\/","title":{"rendered":"Babylonische Planetenberechnung im griechisch-r\u00f6mischen \u00c4gypten"},"content":{"rendered":"\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Oktober 2023 von <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.geschkult.fu-berlin.de\/en\/e\/zodiac\/team\/Thomas-Peeters\/index.html\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.geschkult.fu-berlin.de\/en\/e\/zodiac\/team\/Thomas-Peeters\/index.html\" target=\"_blank\">Thomas Peeters<\/a><\/li><\/ol>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">P. 16511 V<\/p>\n\n\n\n<p>Wer heute die genaue Position von Sternen oder Planeten am Himmel bestimmen will, \u00f6ffnet seinen Computer und findet mit ein paar Klicks in moderner Software alles, was er sucht. In der Antike war das ein wenig schwieriger. Astronomische Daten wurden zun\u00e4chst genutzt um das Schicksal von K\u00f6nigen und Reichen zu bestimmen, sp\u00e4ter auch f\u00fcr die Erstellung von Horoskopen f\u00fcr Einzelpersonen. Auch in die Berliner Papyrussammlung sind mehrere Horoskope erhalten (siehe z.B.&nbsp;<a href=\"https:\/\/berlpap.smb.museum\/horoskop\/\">das \u00e4lteste erhaltene, griechische Horoskop auf Papyrus<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p>Der Philosoph Sextus Empiricus (2. Jh. n. Chr.) hat in seinem Werk \u03a0\u03c1\u1f78\u03c2 \u1f00\u03c3\u03c4\u03c1\u03bf\u03bb\u03cc\u03b3\u03bf\u03c5\u03c2 \u201eGegen die Astrologen\u201c (26-28) beschrieben, wie die Babylonier die Beobachtung der Planetenpositionen bei der Geburt eines Kindes durchf\u00fchrten. Ein Astronom sa\u00df auf einer Bergkuppe, w\u00e4hrend ein Assistent neben der Frau in den Wehen sa\u00df. Wenn die Entbindung stattfand, l\u00e4utete der Assistent einen Gong und der Astronom notierte sofort alle relevanten Beobachtungsdaten. Dies ist eine recht fantasievolle Geschichte, welche jedoch nicht der Realit\u00e4t entspricht. Beobachtungen waren oft nicht m\u00f6glich: nicht alle Planeten sind immer sichtbar. Deswegen verwendete man Algorithmen, um astronomische Tabellen zu erstellen. Die Positionen in den Horoskopen wurden dann anhand der Tabellen berechnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem hier vorgestellten Objekt, einem Papyrus aus Oxyrhynchus im griechisch-r\u00f6mischen \u00c4gypten, findet sich ein Teil einer solchen Tabelle. Das Fragment besteht aus f\u00fcnf Spalten mit schwarzen Linien und ist in einer kleinen, schnellen, kursiven dokumentarischen Schrift aus dem 1. Jh. n. Chr. geschrieben.<a id=\"_ftnref1\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> Die Tabelle ist an der linken, unteren und rechten Seite abgebrochen; der obere Teil ist jedoch vollst\u00e4ndig. Ein zweites Fragment der gleichen Tabelle, das aus Teilen der Spalten 3, 4 und 5 besteht, befindet sich in Oxford. Auf der anderen Seite, der Vorderseite des Papyrus, befindet sich ein Gerichtsverfahren. Nachdem dieses nicht mehr relevant war, wurde auf der R\u00fcckseite diese astronomische Tabelle geschrieben, bis auch sie nicht mehr notwendig war und weggeworfen wurde. Wie alle Papyri aus Oxyrhynchus, stammt der Papyrus von einer M\u00fclldeponie.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/zodiacblog\/files\/2023\/11\/Bild1-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-322\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>P. 16511 V: Astronomische Tafel,&nbsp;<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/berlpap.smb.museum\/00021\/\" target=\"_blank\">https:\/\/berlpap.smb.museum\/00021\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Die dritte Spalte besteht aus Jahreszahlen, die durch das griechische L-f\u00f6rmige \u1f14\u03c4\u03bf\u03c2 (\u201eJahr\u201c)-Zeichen zusammen mit einer Zahl dargestellt werden. Die Jahreszahlen erh\u00f6hen sich in der Regel um 1, manchmal aber auch um 2. So finden wir in den ersten vier Zeilen die Jahre \u03b9\u03db, \u03b9\u03b7, \u03b9\u03b8, \u03ba: 16, 18, 19, 20. Dies sind Regierungsjahre r\u00f6mischer Kaiser, und in Zeile 7 wird auch klar, welcher Kaiser. Hier steht in Spalte 3 keine Jahreszahl, sondern nur \u0393\u03b1\u03af\u03bf\u03c5, und in Spalte 2 noch zur Verdeutlichung \u03ba\u03b3 \u03c4\u03bf \u03ba(\u03b1\u1f76) \u03b1, was zusammen \u201e23, auch 1 von Gaius\u201c bedeutet. Es geht hier um das Jahr 23 des Kaisers Tiberius, 37 n. Chr., was auch das Jahr 1 des Kaisers Gaius (Caligula) ist. Der Rest der zweiten Spalte besteht nur aus horizontalen Strichen und soll offenbar die Spalte 1 von den anderen Spalten trennen.<a href=\"#_ftn2\" id=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Spalte 4 enth\u00e4lt \u00e4gyptische Monatsnamen in griechischer Schrift, mit vollst\u00e4ndigen Schreibungen f\u00fcr kurze Namen wie \u0398\u03c9\u03cd\u03b8 \u201eThouth\u201c (Zeile 2), \u1f09\u03b8\u03cd\u03c1 \u201eHathyr\u201c (Zeile 4) und \u03a4\u1fe6\u03b2\u03b9 \u201eTybi\u201c (Zeile 5); sowie abgek\u00fcrzten f\u00fcr l\u00e4ngere Namen wie \u03a6\u03b1\u1ff6\u03c6 \u201ePhaoph\u201c f\u00fcr \u03a6\u03b1\u1ff6\u03c6\u03b9 \u201ePhaophi\u201c (Zeile 3), und \u03a6\u03b1\u03c1\u03bc\u03bf \u201ePharmo\u201c f\u00fcr \u03a6\u03b1\u03c1\u03bc\u03bf\u1fe6\u03b8\u03b9 \u201ePharmouthi\u201c (Zeile 8). Das \u03bf von \u03a6\u03b1\u03c1\u03bc\u03bf ist dabei hochgestellt, um zu betonen, dass es sich um eine Abk\u00fcrzung handelt.<\/p>\n\n\n\n<p>In Spalte 5 steht immer erst eine Zahl zwischen 0 und 29, dann noch eine oder oft auch mehrere Zahlen. Diese geben die Tage des Monats an, mit anschlie\u00dfenden Br\u00fcchen dieser Tage im babylonischen Sexagesimalsystem. Dies ist eindeutig die Folge einer Berechnung und zeigt bereits, dass wir es nicht mit einer rein \u00e4gyptischen Tabelle zu tun haben. Ungew\u00f6hnlich ist auch die Verwendung des Tages 0, anstelle des Tages 30 des Vormonats, in den Zeilen 5 und 6.<\/p>\n\n\n\n<p>Zusammengefasst enth\u00e4lt jede Zeile einen Zeitpunkt, mit Zeitspr\u00fcngen von jeweils circa 13 Monaten. Diese Zeitspanne ist charakteristisch f\u00fcr den Planeten Jupiter, und die Analyse anhand moderner Daten zeigt, dass es sich um Zeitpunkte handelt, in denen sich Jupiter an der so genannten ersten Station befindet: dem Ort, an dem die Bewegung des Planeten r\u00fcckl\u00e4ufig wird. Der Buchstabe \u03b1 \u00fcber der Tabelle k\u00f6nnte f\u00fcr die Zahl 1 stehen und sich somit darauf beziehen, diese Interpretation ist jedoch unsicher.<a href=\"#_ftn3\" id=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Interessanterweise war f\u00fcr astronomische Berechnungen noch lange Zeit der unreformierte \u00e4gyptische Kalender in Gebrauch, d. h. ohne Schalttage, da es einfacher war mit diesem Kalender zu rechnen. Im t\u00e4glichen Leben war der reformierte \u00e4gyptische Kalender bereits seit anderthalb Jahrhunderten in Gebrauch, als dieser Papyrus verfasst wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Die meiste Tabellen dieser Art enthielten neben den Zeitpunkten auch die entsprechenden Positionen der Planeten, ausgedr\u00fcckt im zodiakalen Koordinatensystem. Diese waren vermutlich in Spalte 6 und den folgenden enthalten. Was stand aber in der ersten Spalte? Es sind deutlich Zahlen, aber da der Anfang abgebrochen ist und es sich haupts\u00e4chlich um Bruchzahlen handelt, ist es schwierig, daraus eine Schlussfolgerung zu ziehen. Es k\u00f6nnte sich um Himmelspositionen eines anderen Jupiterph\u00e4nomens handeln, oder vielleicht um Positionen desselben Ph\u00e4nomens, aber vor dem Jahr 16 des Tiberius. Dass die Tabelle willk\u00fcrlich mit dem Jahr 16 beginnt, ohne den Namen Tiberius zu erw\u00e4hnen, spricht f\u00fcr die Hypothese, dass vielleicht etwas anderes vorausging.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war erstaunlich, mit babylonischen Methoden erstellte Tabellen in \u00c4gypten zu finden. Die \u00dcbertragung der babylonischen Algorithmen auf \u00c4gypten ist nicht trivial: Die komplizierten babylonischen Algorithmen mussten an den \u00e4gyptischen Kalender angepasst werden, und f\u00fcr die Himmelspositionen mussten aufgrund der ver\u00e4nderten geographischen Lage lokale Beobachtungen herangezogen werden. Dies zeigt, dass es in \u00c4gypten fortgeschrittene Kenntnisse von babylonischen Algorithmen gab. Die Tabelle ist au\u00dferdem erstaunlich genau: das Datum weicht nie mehr als 2 Tage vom Ph\u00e4nomen ab, w\u00e4hrend man Jupiter bei Beobachtung bis ungef\u00e4hr 10 Tage vor oder nach dem berechneten Zeitpunkt sehen kann.<a href=\"#_ftn4\" id=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Brashear, W.M. &amp; Jones, A., 1999. An Astronomical Table Containing Jupiter&#8217;s Synodic Phenomena, Zeitschrift f\u00fcr Papyrologie und Epigraphik 125: 206-210.<\/p>\n\n\n\n<p>Jones, A. (ed.), 1999. Astronomical papyri from Oxyrhynchus (P. Oxy. 4133-4300a), Volumes I, 145-148, and II, 88-91. Philadelphia: American Philosophical Society.<\/p>\n\n\n\n<p>Britton, J. P., &amp; Jones, A., 2000. A New Babylonian Planetary Model in a Greek Source, Archive for History of Exact Sciences 54\/4: 349-373.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> Brashear &amp; Jones (1999), 206.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\" id=\"_ftn2\">[2]<\/a> Britton &amp; Jones (2000), 350.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\" id=\"_ftn3\">[3]<\/a> Britton &amp; Jones (2000), 350.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"_ftn4\" href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> Britton &amp; Jones (2000), 370.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Beitrag wurde zuerst auf der Webseite von\u00a0<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/berlpap.smb.museum\/\" target=\"_blank\">BerlPap \u2013 Berliner Papyrusdatenbank<\/a>\u00a0unter\u00a0<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/berlpap.smb.museum\/babylonische-planetenberechnung-im-griechisch-roemischen-aegypten\/\" target=\"_blank\">\u201eSt\u00fcck des Monats\u201c<\/a>ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oktober 2023 von Thomas Peeters P. 16511 V Wer heute die genaue Position von Sternen oder Planeten am Himmel bestimmen will, \u00f6ffnet seinen Computer und findet mit ein paar Klicks in moderner Software alles, was er sucht. 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