{"id":181,"date":"2010-04-22T14:53:14","date_gmt":"2010-04-22T12:53:14","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/kobserver\/?p=181"},"modified":"2010-07-04T21:25:33","modified_gmt":"2010-07-04T19:25:33","slug":"koreanisches-essen-kulinarischer-fallout","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/kobserver\/2010\/04\/22\/koreanisches-essen-kulinarischer-fallout\/","title":{"rendered":"Koreanisches Essen: Kulinarischer Fallout!"},"content":{"rendered":"<p>Man kann es riechen! Man kann es schmecken! Man kann es sehen! Und gerade deshalb ist die koreanische K\u00fcche so explosiv schmackhaft wie eine Bombe! Die Revolution beginnt ganz simpel: Ein Becher wird aufgetischt &#8211; mal mit Wasser, mal mit Tee, mal k\u00fchl, mal warm. Nach nur kurzer Dauer formieren sich erste Beilagensch\u00e4lchen in Gruppenverb\u00e4nden wei\u00dfer Keramik. Die Gr\u00fcnen (ged\u00fcnsteter Spinat mit Sesamkernen) neben den Roten (eingelegter Chinakohl), die Gelben (Ei) neben den Wei\u00dfen (weicher Tofu mit Sojaso\u00dfenmischung). Dann wieder Rote (scharf eingelegter Krebs) neben Goldgelben (gebratener Fisch), Gr\u00fcne (eingelegte Sesambl\u00e4tter) neben den Braunen (eingelegte Bohnen) usw. usf. Flink springen die St\u00e4bchen von einem Farbverband zum andern &#8211; und wieder hin und wieder her. Gedanklich stellt sich ein Regenbogen an Leichtigkeit am Horizont des Gaumens ein.<\/p>\n<p>Dann ist von der Ferne ein Kampfgeschrei zu vernehmen. Mit heruntergetretenen Hacken und im Schwei\u00dfe ihres Angesichts steuert die Bedienung den brodelnden Dampfer aus dem Hafen auf die frische See hinaus. Kaum setzt das Fahrwerk der bauchigen Transporter auf, vernebelt es einem die Sicht &#8211; der Duft die Sinne. Die herdplattenhei\u00dfe Steinschale h\u00e4lt die Liebe der K\u00f6chin noch f\u00fcr einen Augenblick lebendig vor Augen. Ein umst\u00fcrzlerisches Get\u00f6se macht sich in den Massen breit. Dann gibt es kein Halten mehr. Die Gruppenverb\u00e4nde \u00e4ndern ihre Positionen, arrangieren sich neu, werden ersetzt, wenn sie vollends ausgesch\u00f6pft sind. Der Augenblick ist gekommen, die Fanfaren blasen hell und durchdringend den ersten L\u00f6ffel des liquiden Hei\u00df\u2018. Das ist der Umsturz! Kritiker m\u00f6gen Kulinarismus unterstellen, Skeptiker Essentialismus, aber dies ist unvergleichbar mit sinistischem Brand, gelben Fackeln oder nipponesischem Motoren\u00f6l.<\/p>\n<p>Dies ist the spice in my life! Wie ein Saunagang mit anschlie\u00dfendem Eisbad in einem! Dem K\u00f6rper als ganzes wird ekstatischer Auftrieb verliehen, wie die Vorstellung von einem Kranich, der an einem milden Fr\u00fchlingstag vom schilfbedeckten Dach erst mit ein paar Fl\u00fcgelschl\u00e4gen anmutendend in die H\u00f6he steigt und dann in eine seichte Wasserstelle gleitet! Und dann das wei\u00dfe, fluffige Gold. Vollmundiger als jedes Steak, leichter als jede Kartoffel und duftende Verf\u00fchrung, die die Zunge und den Gaumen umschmeichelt \u2013 so liebevoll, wie der Bauer seinem Gaul auf den R\u00fccken klopft. Der gesamte Geschmacksraum ist in ein Festival des Frohsinns getaucht \u2013 das Orchester spielt \u201eFreude sch\u00f6ner G\u00f6tterfunken\u201c. Alles ist auf den Kopf gestellt und die geleerten messerscharfen Muscheln rollen in das Beh\u00e4ltnis am Rand der B\u00fchne. Das geschmackliche Flimmern erscheint langsam wie eine Fata Morgana, die ich von der frischen Oase aus am Horizont der W\u00fcste erblicke. Sie erz\u00e4hlt von fernen Gro\u00dfartigkeiten, die sich wie Wellen entz\u00fcckendster Wonne \u00fcber mich ergie\u00dfen. Fast wie im Takt zu einem Walzer oszillieren die St\u00e4bchen \u00fcber die Fl\u00e4che, die sich farbenpr\u00e4chtig vor mir ausbreitet. Immer wieder vor, dann wieder zur\u00fcck und noch mal vor. Wie die Auferstehung eines zerschlagenen bunten Porzellans, setzen sich die Eindr\u00fccke St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck wie das Muster auf einem Webteppich zusammen. Das vollkommen komplette Sinnbild erf\u00e4hrt man erst Minuten nach seinem eigentlichen H\u00f6hepunkt. Die Ergreifung dieses Augenblicks ist so \u00fcberw\u00e4ltigend, dass ein direktes Erleben einen zum \u00dcberkochen bringen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die Forderungen sind erf\u00fcllt! Unendlichkeit, Ausgewogenheit und Harmonie. Wie die Glut des Lagerfeuers, die bis in die Morgenstunden wohlig w\u00e4rmt, langsam erlischt, wirken die beruhigenden Umschmeichelungen von Zimt und Pflaume. Wassermassen scheinen sich in die T\u00e4ler zu ergie\u00dfen, wenn das fidele Knacken der Birnen gaumale Echos verschallen l\u00e4sst. Auch die letzten Feuerschlucker schlie\u00dfen sich der Nachtruhe an und das Fest wird leiser und leiser, bis alle in einen trunkenen Schlaf verfallen, der so tief und doch so leicht und s\u00fc\u00df scheint, wie die Bienen behende auf den Bl\u00fcten tanzen. Die Schmerzen der t\u00e4glichen Welt lindernd, beginnt damit ein frischer neuer Tag. Die V\u00f6gel zwitschern und das klare Licht der Sonne scheint durch den hellen Stoff. Eine g\u00e4nzliche Zufriedenheit macht sich breit. Ich \u00f6ffne die Augen und skandiere gedanklich: Das Essen ist zu Ende, es lebe das Essen! Dann schw\u00e4rme ich und genie\u00dfe noch einmal den Moment.<\/p>\n<p>Zuerst erschienen in der Mai-Ausgabe der &#8222;HANGARAM&#8220; (2003).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man kann es riechen! Man kann es schmecken! Man kann es sehen! Und gerade deshalb ist die koreanische K\u00fcche so explosiv schmackhaft wie eine Bombe! 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