{"id":106,"date":"2017-02-25T18:22:12","date_gmt":"2017-02-25T17:22:12","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/kolblog\/?p=106"},"modified":"2017-06-14T11:00:06","modified_gmt":"2017-06-14T09:00:06","slug":"johanna_kleffmann1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/kolblog\/johanna_kleffmann1\/","title":{"rendered":"Die ZVTN: Kolumbiens Friedensprozess im Auge des Sturms?"},"content":{"rendered":"<p><em>Von: Johanna Kleffmann (Masterstudiengang Politikwissenschaften, 2. Semester)<\/em><\/p>\n<p>Die Umsetzung des Friedensabkommens der FARC mit der kolumbianischen Regierung befindet sich derzeit in einer ersten entscheidenden und zugleich risikobehafteten Phase. Seit Dezember 2016 fanden sich die Kombattanten in den <em>Zonas Veredales Transitorias de Normalizaci\u00f3n <\/em>(ZVTN), den Entwaffnungszonen, zusammen, um mit der Niederlegung der Waffen zu beginnen <a href=\"https:\/\/www.insightcrime.org\/news-analysis\/colombia-rural-communities-fight-growing-post-conflict-threats\">(Yagoub 2017)<\/a>. Eine Mission der Vereinten Nationen (UN) aus bis zu 15 L\u00e4ndern wird den Waffenstillstand und die Beendigung der Kampfhandlungen, ebenso wie die Entwaffnung kontrollieren. Am 02.12.16 wurde die Kommission f\u00fcr Monitoring, Impulsgebung und Verifizierung (CSIVI) gebildet. Sie ist aus je drei FARC- und Regierungsvertretern zusammengesetzt. Weitere Mitglieder stellt die internationale Komponente, in gleichen Anteilen von den FARC und der Regierung gew\u00e4hlt. Der UN-Monitoring-Mechanismus wird die Umsetzung des Abkommens beobachten und unterst\u00fctzen <a href=\"https:\/\/www.eltiempo.com\/politica\/proceso-de-paz\/instalacion-de-la-comision-de-seguimiento-al-acuerdo-final-de-paz-49094\">(El Tiempo 2017b).<\/a> Am 1. M\u00e4rz 2017 soll die Niederlegung der Waffen in den Camps beginnen. Weiterhin gilt es, den praktischen Aufgaben, die sich zurzeit f\u00fcr den sechsmonatigen Zeitraum der Entwaffnung abzeichnen, ad\u00e4quat zu begegnen. Dabei stellen verbleibende bewaffnete Gruppen, die dortige Pr\u00e4senz illegaler \u00d6konomien und die Sicherheit der lokalen Zivilbev\u00f6lkerung nur einige der Herausforderungen dar.<\/p>\n<p>Die Risikofaktoren in den ZVTN sind divers und ihr potenzieller Einfluss bisher schwierig einzusch\u00e4tzen. Die <em>Fundaci\u00f3n Ideas para la Paz<\/em> hat im Januar 2017 f\u00fcnf wesentliche Risiken herausgearbeitet: Erstens herrscht weiterhin Handel mit illegalen G\u00fctern (Gold und Koka) in und nahe den ZVTN vor. Zweitens ist die Pr\u00e4senz bewaffneter Gruppen ein Risiko. FARC-Kombattanten k\u00f6nnen in ihre Reihen \u00fcberlaufen und die Gruppen gewaltsam im Friedensprozess intervenieren. Drittens liegen einige Zonen unweit von Grenzregionen, die Schwarzm\u00e4rkte, organisiertes Verbrechen, illegalen Handel mit G\u00fctern und Menschen aufweisen. Viertens haben alle Zonen \u00dcberlappungen mit Drogenhandelsrouten. F\u00fcnftens besteht die dr\u00e4ngende Gefahr, dass weitere FARC-K\u00e4mpfer desertieren oder sich abtr\u00fcnnige Splittergruppen bilden <a href=\"https:\/\/cdn.ideaspaz.org\/media\/website\/document\/588d509ecd0be.pdf\">(\u00c1lvarez\/Pardo 2017)<\/a>.<\/p>\n<p>Die Abgeschiedenheit der ZVTN beg\u00fcnstigt die Sicherheit der Ex-Kombattanten und der Zivilgesellschaft <a href=\"https:\/\/www.eltiempo.com\/archivo\/documento\/CMS-16628661\">(El Tiempo 2016)<\/a>. Sie stellt jedoch eine Herausforderung f\u00fcr die Reintegration dar. Unterscheidet sich das Leben in den ZVTN doch wesentlich von jenem zur\u00fcck in der teils urbanen Zivilgesellschaft. Ebenso erschwert die fehlende Infrastruktur und N\u00e4he zu gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten den Zugang f\u00fcr alle Beteiligten <a href=\"https:\/\/www.elmundo.com\/noticia\/Traslado-de-6-300-guerrilleros-de-las-Farc-a-las-Zvtn-se-completaria-el-jueves\/45772\">(El Mundo 2017)<\/a>.<\/p>\n<p>Auch wenn die ZVTN zumeist geographisch abgeschieden sind, so stehen sie doch unter dem pr\u00fcfenden Blick der \u00d6ffentlichkeit. Dies zeigte die unter Kritikern als Skandal empfundene gemeinsame Silvesterfeier von UN-Beobachtern und FARC-K\u00e4mpfern <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/2017\/01\/167551\/farc-kolumbien-komission-rueckzug\">(Weber 2017)<\/a>. Ob die Entlassung der Beobachter nun einen Pr\u00e4zedenzfall f\u00fcr den zuk\u00fcnftigen Umgang mit Kritikern schafft, soll hier nicht weiter betrachtet werden. Durchaus aber ist die Wahrnehmung der UN als parteiloser Akteur laut der Erfahrung anderer Friedensprozesse entscheidend <a href=\"https:\/\/cdn.ideaspaz.org\/media\/website\/document\/583d8c06a0a09.pdf\">(FIP 2016: 35)<\/a>.<\/p>\n<p>Mancherorts ist bereits die Bildung von Splittergruppen der FARC beobachtet worden <a href=\"https:\/\/www.insightcrime.org\/news-briefs\/colombia-moves-against-farc-dissenters-criminal-assets\">(Bargent 2017a)<\/a>. Offizielle Sch\u00e4tzungen setzen den Anteil der Dissidenten auf ca. 6-7% an, was rund 500 Kombattanten entspr\u00e4che <a href=\"https:\/\/www.eltiempo.com\/justicia\/delitos\/ha-surgido-disidencias-en-cinco-frentes-de-farc-61443\">(El Tiempo 2017a)<\/a>. Diese Problematik l\u00e4sst das Trauma der oftmals als gescheitert bezeichneten Demobilisierung der Paramilit\u00e4rs \u2013 der <em>Autodefensas Unidas de Colombias (AUC)<\/em> &#8211; 2006 (<a href=\"https:\/\/www.researchgate.net\/profile\/Jasmin_Hristov\/publication\/298694035_Self-defense_forces_warlords_or_criminal_gangs_Towards_a_new_conceptualization_of_paramilitarism_in_Colombia\/links\/5708675e08aed09e916d26c6\/Self-defense-forces-warlords-or-criminal-gangs-Towards-a-new-conceptualization-of-paramilitarism-in-Colombia.pdf\">Hristov 2010<\/a>), wiederaufkommen.<\/p>\n<p>Die von den FARC aufgegebenen Regionen bilden zudem ein Machtvakuum, welches bereits durch andere bewaffnete Akteure erobert wird und ein \u00e4u\u00dferst unsicheres Umfeld f\u00fcr die Demobilisierung schafft. Zumeist handelt es sich um die ELN, im Catatumbo um die EPL und in weiteren Teilen um Neo-Paramilit\u00e4rs und die organisierte Kriminalit\u00e4t <a href=\"https:\/\/cdn.ideaspaz.org\/media\/website\/document\/588d509ecd0be.pdf\">(\u00c1lvarez\/Pardo 2017)<\/a>. Ein vermuteter Indikator f\u00fcr das Hineinstr\u00f6men bewaffneter Gruppen sind die vermehrten Morde an sozialen Aktivisten <a href=\"https:\/\/www.insightcrime.org\/news-analysis\/colombia-rural-communities-fight-growing-post-conflict-threats\">(Yagoub 2017)<\/a>. Einige ZVTN registrierten bereits erste Drohungen <a href=\"https:\/\/es.presidencia.gov.co\/noticia\/170214-Mision-de-la-ONU-resalta-cumplimiento-de-traslado-de-FARC-a-las-ZVTN\">(Presidencia de la Rep\u00fablica 2017)<\/a>. Gedroht wird vor allem, um die lokalen Kokabauern nicht an das Substituierungsprogramm der Regierung zu verlieren, nun da der Friedensprozess der l\u00e4ndlichen Bev\u00f6lkerung aus der Abh\u00e4ngigkeit vom illegalen Anbau helfen m\u00f6chte <a href=\"https:\/\/www.insightcrime.org\/news-analysis\/colombia-rural-communities-fight-growing-post-conflict-threats\">(Yagoub 2017)<\/a>. Viele der Entwaffnungszonen decken sich mit stark frequentierten Korridoren des Drogenhandels und Kokaanbaufl\u00e4chen oder illegalen Goldminen <a href=\"https:\/\/cdn.ideaspaz.org\/media\/website\/document\/588d509ecd0be.pdf\">(\u00c1lvarez\/Pardo 2017)<\/a>. Der Druck auf die Regierung, m\u00f6glichst bald gute Ergebnisse in der Drogenpolitik, l\u00e4ndlichen Entwicklung und Sicherheit zu erzielen, ist deshalb betr\u00e4chtlich. Diesen Druck lindert auch die Neupositionierung der US-amerikanischen Au\u00dfenpolitik mit dem Amtsantritt Donald Trumps nicht.<\/p>\n<p><strong>Schlussfolgerungen &amp; Ausblick <\/strong><\/p>\n<p>Die Risiken f\u00fcr die erfolgreiche Umsetzung des Friedensabkommens in den Entwaffnungszonen sind beachtenswert. Im Wesentlichen sind dies der Einfluss anderer bewaffneter Akteure und der illegalen \u00d6konomien unweit der Zonen. Landesweit sind der Zeitdruck angesichts der Pr\u00e4sidentschaftswahlen 2018 und die schwache Unterst\u00fctzung des Abkommens seitens einer politisch tief gespaltenen Bev\u00f6lkerung von Bedeutung.<\/p>\n<p>Die Eind\u00e4mmung der Drogen\u00f6konomie ist im Lichte der Wahlen 2018 f\u00fcr Santos Priorit\u00e4t <a href=\"https:\/\/www.el-nacional.com\/noticias\/bbc-mundo\/polemica-frase-del-gobierno-colombia-que-venezuela-cree-denigrante_78006\">(BBC 2017)<\/a>. Im Falle des Misserfolgs w\u00e4re der Verlust des bisher Erreichten zu bef\u00fcrchten. Ein transparenter Umgang seitens Santos mit Defiziten in der Umsetzungsphase ist unerl\u00e4sslich f\u00fcr ein Mindestma\u00df an R\u00fcckhalt in der Bev\u00f6lkerung. Dieser ist aufgrund historischer Erfahrungen von gro\u00dfer Bedeutung, soll das soziale Gef\u00fcge aufbauend auf Vertrauen im Postkonflikt nachhaltig gest\u00e4rkt werden. Santos muss nun mehr denn je die Sicherheit lokaler Gemeinden und sozialer Aktivisten garantieren, denn er ist ein Schl\u00fcsselfaktor f\u00fcr das Gelingen des Friedensprozesses <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/kolumbien%20soziale%20organisation%20gewalt%20armee\">(Amerika 21 2017a)<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von: Johanna Kleffmann (Masterstudiengang Politikwissenschaften, 2. Semester) Die Umsetzung des Friedensabkommens der FARC mit der kolumbianischen Regierung befindet sich derzeit in einer ersten entscheidenden und zugleich risikobehafteten Phase. Seit Dezember 2016 fanden sich die Kombattanten in den Zonas Veredales Transitorias de Normalizaci\u00f3n (ZVTN), den Entwaffnungszonen, zusammen, um mit der Niederlegung der Waffen zu beginnen (Yagoub &hellip; <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/kolblog\/johanna_kleffmann1\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDie ZVTN: Kolumbiens Friedensprozess im Auge des Sturms?\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3043,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[190923],"tags":[],"class_list":["post-106","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-6-implementierung-und-verifizierung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/kolblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/106","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/kolblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/kolblog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/kolblog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3043"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/kolblog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=106"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/kolblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/106\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":323,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/kolblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/106\/revisions\/323"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/kolblog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=106"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/kolblog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=106"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/kolblog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=106"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}