{"id":111,"date":"2016-11-07T22:53:51","date_gmt":"2016-11-07T21:53:51","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/kolblog\/?p=111"},"modified":"2018-09-24T15:55:36","modified_gmt":"2018-09-24T13:55:36","slug":"marga_zenth1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/kolblog\/marga_zenth1\/","title":{"rendered":"Frauen im bewaffneten Konflikt und in den Friedensverhandlungen Kolumbiens"},"content":{"rendered":"<p><em>Von: Marga Zenth (M.A. Interdisziplin\u00e4re Lateinamerikastudien, FU Berlin)<\/em><\/p>\n<p>Der bewaffnete Konflikt in Kolumbien hat insgesamt das Leben jedes Mitglieds der Gesellschaft gepr\u00e4gt. Bis 2016 haben sich ungef\u00e4hr acht Millionen Menschen als <a href=\"https:\/\/www.centrodememoriahistorica.gov.co\/descargas\/finAcuerdoPazAgosto2016\/Acuerdo-de-paz-en-pocas-palabras.pdf\">Opfer<\/a> des Konflikts registrieren lassen oder wurden als Opfer gemeldet. Dazu z\u00e4hlen die 220.000, die aufgrund der andauernden Gewalthandlungen sogar ihr Leben verloren haben. Die Leitragenden waren, so wie in den meisten Konflikten, die heutzutage auf unserer Welt ausgetragen werden, nicht die K\u00e4mpfenden selbst, sondern die Zivilgesellschaft. Der Prozentsatz der zivilen Opfer in Kolumbien liegt bei 81%. Ob die Opfer m\u00e4nnlich, weiblich oder anderen Geschlechts waren ist dabei mitnichten zu vernachl\u00e4ssigen. So sind beispielsweise Frauen aufgrund ihres Status in der Gesellschaft und ihrem Geschlecht besonders verwundbar. Laut den Zahlen der <em>Unidad de V\u00edctimas<\/em> die bis 2013 detaillierte Statistiken erhoben haben, waren zwischen 1958 und 2012 knapp die H\u00e4lfte, also 49,5%, der Opfer, Frauen. Schl\u00fcsselt man jedoch die Opferstatistiken nach Delikten auf, wird deutlich, dass in den Sexualdelikten Frauen sogar 71,51% der Opfer ausmachen. Auch knapp \u00fcber die H\u00e4lfte der Vertriebenen (50,98%) sind Frauen.<\/p>\n<p>Die Tatsache, dass physische Gewalt gegen Frauen, Vergewaltigung, Verschleppung oder Versklavung mit zur Kriegstaktik der sich gegen\u00fcberstehenden Konfliktparteien, geh\u00f6rt spiegelt sich in diesen, eben genannten, Zahlen wieder. Frauen m\u00fcssen &#8211; gerade was sexuelle Gewalt angeht &#8211; als Opfer des Konflikts anerkannt werden. Dies darf jedoch nicht die einzige Sichtweise sein. Nicht zu vergessen ist, dass Frauen auch auf der Seite der K\u00e4mpfenden zu finden sind und aktive Beteiligte der Kampfhandlungen waren. 40% der FARC-EP sind weibliche Rekrutinnen. Gewalt gegen Frauen in den eigenen Reihen sowie gezwungene Abtreibungen, Machismus und Sexismus sind Themen, die innerhalb der Guerilla kontrovers diskutiert werden m\u00fcssen und wurden. Unbedingt zu erw\u00e4hnen ist der Beitrag, den Frauen, gerade auf dem lokalen Niveau, zu Frieden und Stabilit\u00e4t leisten. Zahlreiche Frauen haben in unz\u00e4hligen Friedens-Initiativen mitgewirkt und soziale K\u00e4mpfe mitbestritten. Ihre Unterrepr\u00e4sentation an den Verhandlungstischen der Welt stellt einen Missstand dar, den es dringlichst zu behebenden gilt.<\/p>\n<p>Eine der Besonderheiten der kolumbianischen Verhandlungen besteht in der Einrichtung einer <a href=\"https:\/\/www.elespectador.com\/noticias\/elmundo\/onu-mujeres-usara-otros-conflictos-enfoque-de-genero-de-articulo-645127\">subcomisi\u00f3n de g\u00e9nero<\/a>. Zu gleichen Teilen aus Repr\u00e4sentant*innen der Regierung und der FARC-EP gebildet, war es ihre Aufgabe, Vorschl\u00e4ge f\u00fcr das Friedensabkommen zu erarbeiten und so sicherzustellen, dass die Bed\u00fcrfnisse von M\u00e4dchen und Frauen mitber\u00fccksichtigt werden. Auch waren die Verhandlungen die ersten \u00fcberhaupt, in denen <a href=\"https:\/\/www.elespectador.com\/noticias\/judicial\/propuestas-de-los-lgbt-implementar-los-acuerdos-de-gene-articulo-645569\">LGBTI* Rechte<\/a> zum Thema gemacht wurden.<\/p>\n<p>Die <a href=\"https:\/\/www.humanas.org.co\/archivos\/81.pdf\">Plataforma Mujeres por Paz<\/a> wurde im Oktober 2012 in Bogot\u00e1 gegr\u00fcndet. Es handelt sich hierbei um einen Zusammenschluss von Frauen aus verschiedenen Organisationen, die davon \u00fcberzeugt sind, dass auch sie in die Friedensverhandlungen zwischen FARC-EP und Regierung miteinbezogen werden sollten. Auf dem Cumbre Nacional de Mujeres y Paz im Oktober 2013 machten die 500 anwesenden Teilnehmerinnen deutlich, dass ein Friedensabkommen die Bed\u00fcrfnisse der Frauen miteinschlie\u00dfen muss. \u201c<a href=\"https:\/\/www.ceipaz.org\/images\/contenido\/sistematizacioncumbrenacional.pdf\">Las mujeres queremos ser pactantes, no pactadas<\/a>\u201d, lautete die Botschaft an Pr\u00e4sident Santos. Die Internationale Gemeinschaft (unter anderem die <a href=\"https:\/\/colombia2020.elespectador.com\/politica\/los-logros-de-la-subcomision-de-genero-en-tres-acuerdos-de-la-habana\">schwedische Regierung<\/a>) und internationale Organisationen wie die VN unterst\u00fctzten derartiges Engagement technisch sowie finanziell. Auch in den Jahren zuvor, wurde auf legislativer Ebene bereits eine Vielzahl von Resolutionen (beispielsweise <a href=\"https:\/\/www.peacewomen.org\/assets\/file\/report_1325_colombia.pdf\">Resolution 1325<\/a>), die die Rechte von Frauen sowie sexuellen Minderheiten sch\u00fctzen soll, verabschiedet. Als erster sichtbarer Erfolg wurden am 26.11.2013 Nigeria Renter\u00eda und Mar\u00eda Paulina Riveros als vollberechtigte Repr\u00e4sentantinnen der Regierung an den Verhandlungen ernannt. Im September 2014 folgt die Einsetzung einer subcomisi\u00f3n de g\u00e9nero, bestehend aus je f\u00fcnf ernannten Mitgliedern durch die FARC-EP und die Regierung. Erkl\u00e4rtes Ziel ist es, Frauen als aktive Gestalterinnen am Friedensprozess mitwirken zu lassen sowie LGBTI*-Rechte mit in den Friedensvertrag aufzunehmen. Die Leitung der Kommission teilen sich Regierung und FARC-EP, jeweils repr\u00e4sentiert durch Mar\u00eda Paulina Rriveros und Victoria Sandino. Die Sub-Kommission traf sich in Havanna in drei besonderen Sitzungen mit insgesamt 18 Expert*innen von Organisationen, die sich f\u00fcr Feminismus, Frauen-und\/oder LGBTI* Rechte einsetzen. Das erste Treffen fand im Dezember 2014 statt, das zweite und dritte Treffen im M\u00e4rz und April 2015.<\/p>\n<p>Die ersten Empfehlungen die seitens der <em>subcomisi\u00f3n de g\u00e9nero<\/em> wurden im Juli 2015 an die Regierung und die F\u00fchrung der FARC-EP kommuniziert. Sie beziehen sich auf drei der sechs verhandelten Hauptpunkte: Landreform, politische Partizipation und verbotene Drogen. Unter anderem geht es um mehr Landrechte und die M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Frauen \u00fcberhaupt Land zu besitzen und zu erwerben, eine st\u00e4rkere Beteiligung von Frauen in der Politik, affirmative Ma\u00dfnahmen, besseren Schutz f\u00fcr Menschenrechts- und LGBTI*-Aktivist*innen, die besondere Ber\u00fccksichtigung der Situation vieler B\u00e4uerinnen (<em>mujeres campesinas<\/em>) sowie das Anbieten von Alternativen und technischer Unterst\u00fctzung betreffend den Anbau von als illegal deklarierte Pflanzen.<\/p>\n<p>All diese Empfehlungen waren nicht verbindlich, jedoch wird bei Betrachtung des <em>acuerdo final<\/em>, dass die <a href=\"https:\/\/www.elespectador.com\/noticias\/paz\/gobierno-y-farc-presentan-acuerdo-temas-de-genero-articulo-645060\">Genderperspektive<\/a> in allen Punkten wiederzufinden ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von: Marga Zenth (M.A. Interdisziplin\u00e4re Lateinamerikastudien, FU Berlin) Der bewaffnete Konflikt in Kolumbien hat insgesamt das Leben jedes Mitglieds der Gesellschaft gepr\u00e4gt. 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