{"id":118,"date":"2017-01-23T13:03:50","date_gmt":"2017-01-23T12:03:50","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/kolblog\/?p=118"},"modified":"2018-09-24T16:14:45","modified_gmt":"2018-09-24T14:14:45","slug":"friederike_winterstein1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/kolblog\/friederike_winterstein1\/","title":{"rendered":"La semilla de la paz se siembra y se cosecha en el campo"},"content":{"rendered":"<p><em>Von: Friederike Winterstein (M.A. Interdisziplin\u00e4re Lateinamerikastudien, FU Berlin)<\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_296\" aria-describedby=\"caption-attachment-296\" style=\"width: 840px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-296 size-large\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/kolblog\/files\/2017\/06\/P3080351-e1496521166373-907x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"840\" height=\"948\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/kolblog\/files\/2017\/06\/P3080351-e1496521166373-907x1024.jpg 907w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/kolblog\/files\/2017\/06\/P3080351-e1496521166373-266x300.jpg 266w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/kolblog\/files\/2017\/06\/P3080351-e1496521166373-768x867.jpg 768w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/kolblog\/files\/2017\/06\/P3080351-e1496521166373-1200x1355.jpg 1200w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/kolblog\/files\/2017\/06\/P3080351-e1496521166373.jpg 1632w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 1362px) 62vw, 840px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-296\" class=\"wp-caption-text\">Mural &#8211; Universidad del Valle (Cali)<br \/>\u00ae Manuel G\u00f3ngora-Mera<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Restituierung des w\u00e4hrend des Konflikts zwischen den Farc und dem kolumbianischen Staat oftmals illegal angeeigneten Landes war nicht ohne Grund der erste Verhandlungspunkt der Friedensverhandlungen in Habana. Die Landfrage ist eines der zentralsten Themen des Friedensprozesses, denn sie stellt sowohl eine der strukturellen Ursachen des Konflikts dar, als ist sie entscheidend f\u00fcr eine gerechtere und demokratischere Entwicklung des Landes.<\/p>\n<p>Wie in der Mehrzahl der lateinamerikanischen L\u00e4nder schl\u00e4gt sich auch in Kolumbien das koloniale Erbe des Kontinents in einer sehr ungleichen Landverteilung nieder. So erfasst der <em>Censo Nacional Agropecuario<\/em> von 2014- 15, dass 77% des Landes von den reichsten 13% kontrolliert werden, w\u00e4hrend 68% an Kleinb\u00e4uerinnen nur 3,6% des Landes zur Bewirtschaftung zur Verf\u00fcgung steht. Eben dieser \u201e\u00e4rmeren\u201c Landbev\u00f6lkerung steht nicht nur am wenigsten Land zur Verf\u00fcgung, sie ist auch am st\u00e4rksten von den Folgen des Konflikts betroffen \u2013 durch juristischen Betrug oder pure Gewalt wird sie oftmals von ihrem wenigen Land vertrieben. Durch die Gewalt der bewaffneten Akteure seien zwischen sechs und acht Millionen Hektar Land, entsprechend 15 bis 17% ganz Kolumbiens, gewaltsam enteignet und illegal angeeignet (vgl. <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/es\/colombia-la-guerra-contra-la-paz-es-una-lucha-por-las-tierras-robadas\/a-19481223\">DW 17.08.2016<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.eldiario.es\/contrapoder\/Paz-Colombia-Pax-Romana_6_597100289.html\">El Diario 01.01.2017<\/a>) sowie mehr als sechs Millionen Menschen von ihrem Land vertrieben worden (vgl. <a href=\"https:\/\/cosecharoja.org\/la-verdad-abierta-de-colombia\/\">Cosecha Roja 22.05.2014<\/a>).<\/p>\n<p>Die Anerkennung der Opfer, der Existenz eines bewaffneten internen Konflikts und des ungel\u00f6sten Landkonflikts sei erst unter der aktuellen Regierung von Santos m\u00f6glich geworden <a href=\"https:\/\/www.centrodememoriahistorica.gov.co\/descargas\/informes2013\/agraria\/politica-agraria-tierras.pdf\">(Machado 2013: 149)<\/a>. Bereits vor Beginn der Friedensverhandlungen verabschiedete sie zwei grundlegende Gesetze. 2011 das Gesetz zur Anerkennung der Opfer und deren Entsch\u00e4digung (<em>Ley de V\u00edctimas y Restituci\u00f3n de Tierras<\/em>) und 2012 das Gesetz zu Landverteilung und l\u00e4ndlicher Entwicklung (<em>Ley de Tierras y Desarrollo Rural<\/em>). Die Unterzeichnung des ersten Punktes des Friedensvertrags am 26.05.2016 bildete also einen weiteren entscheidenden Schritt in einem laufenden Prozess zu einer gerechteren Neu- Strukturierung des l\u00e4ndlichen Raumes. Dieser Schritt befeuerte bereits bestehende Interessenkonflikte zwischen einerseits den Gro\u00dfgrundbesitzern und mit ihnen verbundenen bewaffneten Gruppen die sich der Landr\u00fcckgabe widersetzen und andererseits den Vertriebenen und denen um die Wahrung ihrer Rechte k\u00e4mpfenden Kleinb\u00e4uerinnen, indigenen und afrikanischst\u00e4mmigen Gemeinschaften, teils in \u00dcbereinstimmung mit und teils entgegen der Interessen der Farc.<\/p>\n<p>Der Machterhalt dieser traditionellen Elite sei in den vergangenen Jahren vor allem auch durch die systematische Gewalt gegen\u00fcber den anderen Bewohner*innen des l\u00e4ndlichen Raums m\u00f6glich gewesen, deren Enteignung geplant und systematisch durchgef\u00fchrt worden sei. Salinas und Zarama sprechen in diesem Sinne von einer \u201ef\u00fcnffachen Allianz\u201c bestehend aus lokalen wirtschaftlichen Eliten, paramilit\u00e4rischen Gruppen, Politikern, \u00f6ffentlichen Angestellten und Drogenh\u00e4ndlern, mit dem gemeinsamen Anliegen eine neue gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Ordnung herzustellen <a href=\"https:\/\/www.centrodememoriahistorica.gov.co\/descargas\/informes2013\/agraria\/politica-agraria-tierras.pdf\">(Machado 2013: 134)<\/a>.<\/p>\n<p>Eben diese Allianz, repr\u00e4sentiert u.a. durch den ehemaligen Pr\u00e4sidenten Uribe V\u00e9lez und die F\u00f6deration der Rinderz\u00fcchter FEDEGAN, mobilisierte sowohl gegen das Gesetz zur R\u00fcckgabe von Land 2011 als auch gegen die Friedensverhandlungen zwischen den Farc und der Regierung Santos. Dabei ist das Vorgehen oft antidemokratisch und illegal. Eine grundlegende Rolle kommt in diesem Zusammenhang den sogenannten \u201eArmeen gegen die R\u00fcckgabe von Land\u201c zu, zum Gro\u00dfteil bestehend aus demobilisierten Paramilit\u00e4rs, die die faktische R\u00fcckgabe von Land verhindern, in dem sie das Land besetzt halten und die Organisationen, die sich f\u00fcr die R\u00fcckgabe einsetzen, gewaltsam unterdr\u00fccken (vgl. <a href=\"https:\/\/www.eltiempo.com\/archivo\/documento\/CMS-14671459\">El Tiempo 11.10.2014<\/a> y <a href=\"https:\/\/www.elespectador.com\/noticias\/politica\/un-ejercito-anti-restitucion-articulo-357427\">El Espectador 05.07.2012<\/a>).<\/p>\n<p>Andererseits gibt es die im Vergleich dazu progressivere Linie der Regierung Santos, die den Konflikt im l\u00e4ndlichen Raum und dessen Opfer anerkennt und wie bereits erw\u00e4hnt erstmals Schritte in Richtung Entsch\u00e4digung und einer effektiven Neu- Strukturierung des l\u00e4ndlichen Raums unternimmt. In diesem Rahmen gibt es zwei entscheidende Institutionen, die nationale Agentur f\u00fcr Land (<em>Agencia Nacional de Tierras, <\/em>f\u00fcr die Erfassung und Regulierung der Besitzverh\u00e4ltnisse) und die Einheit zur R\u00fcckgabe von Land (<em>Unidad de Restituci\u00f3n de Tierras, <\/em>f\u00fcr den Prozess der Erfassung und R\u00fcckgabe des gewaltsam enteigneten Landes). Seit der Verabschiedung des Gesetzes zur Landr\u00fcckgabe 2011 wurden 99.175 Antr\u00e4ge bearbeitet, von denen 4.675 gerichtlich entschieden wurden (vgl. <a href=\"https:\/\/www.elcolombiano.com\/colombia\/el-reto-de-la-restitucion-de-tierras-esta-en-antioquia-GC5657976\">El Colombiano 27.12.2016<\/a>). Im Juli 2016 wurde in diesem Rahmen 18 Familien ihr enteignetes Land in Antioquia wieder zugesprochen (vgl. <a href=\"https:\/\/www.restituciondetierras.gov.co\/web\/guest\/historico-de-noticias\/-\/noticias\/699828\">URT 01.07.2016<\/a>).<\/p>\n<p>In den Verhandlungen um die Ausgestaltung der integralen Reform des l\u00e4ndlichen Raumes (RRI) k\u00f6nnen die Vorschl\u00e4ge der verschiedenen Organisationen landwirtschaftlicher Produzenten*innen, Kleinb\u00e4uerinnen, indigener und afrikanischst\u00e4mmiger Gemeinschaften in zwei Nutzungsformen des l\u00e4ndlichen Raumes geteilt werden. Einerseits diejenigen, die an Gro\u00dfgrundbesitz und Anbau landwirtschaftlicher Exportg\u00fcter festhalten, mit einigen Einschr\u00e4nkungen um eine minimale R\u00fcckgabe an enteignetem Land zu garantieren und andererseits diejenigen, die eben diese Besitz- und Produktionsverh\u00e4ltnissen als strukturelle Ursache der multiplen Konflikte sehen und f\u00fcr tiefgreifendere Reformen pl\u00e4dierten. Einige Organisationen pl\u00e4dierten f\u00fcr einen Mittelweg, der beide Produktionsmodelle erm\u00f6gliche.<\/p>\n<p>Die in den Friedenvertr\u00e4gen beschlossene RRI entspricht zwar nicht den Forderungen der radikalsten Organisationen, h\u00e4tte aber tiefgreifende Ver\u00e4nderungen zur Folge, sollte ihre Umsetzung wie geplant gelingen. Dabei zielt sie nicht nur auf die Erfassung des Landbesitzes, die R\u00fcckgabe unrechtm\u00e4\u00dfig angeeigneten Landes und die Verteilung von staatlichem Land an Kleinb\u00e4uerinnen ab, sondern soll durch verschiedene F\u00f6rderprogramme auch die produktive Nutzung v.a. zur Nahrungsmittelproduktion gew\u00e4hrleisten und durch Investitionen in Bildung und Gesundheit ein w\u00fcrdiges Leben erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Radikalere Forderungen nach einer Umverteilung des konzentrierten Landbesitzes die beispielsweise die Organisationen <em>Mesa de Unidad Agraria<\/em> und <em>Asociaci\u00f3n de Zonas de Reserva Campesina<\/em> stellten wurden nicht erf\u00fcllt. In den Neuverhandlungen nach dem Referendum konnte die Allianz um Uribe au\u00dferdem eine explizit genannte Anerkennung des verfassungsm\u00e4\u00dfig anerkannten Privateigentums und einer \u201eBalance\u201c der verschiedenen Produktionsmodelle aushandeln.<\/p>\n<p>Die Erfassung der Eigentumsverh\u00e4ltnisse und die Besteuerung der Latifundien, sowie die explizite und vielschichtige F\u00f6rderung der Produktion von Kleinb\u00e4uerinnen und die effektive Erm\u00f6glichung eines w\u00fcrdigeren Lebens dieser Menschen, entspricht einer staatlichen Politik die sich klar gegen die wirtschaftlichen Interessen der traditionellen Eliten stellt. In diesem Rahmen erkl\u00e4rt sich deren Ablehnung und Boykottierung der Gesetze von 2011 und 2012 und des aktuellen Friedensprozesses (vgl. <a href=\"https:\/\/www.elespectador.com\/noticias\/politica\/pelea-entre-ordonez-y-santos-restitucion-de-tierras-articulo-626376\">El Espectador 10.04.2016<\/a> y <a href=\"https:\/\/www.eluniversal.com.co\/regional\/alerta-por-campana-anti-restitucion-de-tierras-en-magdalena-223054\">El Universal 04.04.2016<\/a>).<\/p>\n<p><strong>Schlussfolgerungen<\/strong><\/p>\n<p>Der Friedensprozess ist eine grundlegende Bedingung um die R\u00fcckgabe des gewaltsam enteigneten Landes in einem gr\u00f6\u00dferen Rahmen als bisher zu erm\u00f6glichen. Die Existenz bewaffneter Gruppen die daran interessiert sind, die Kontrolle \u00fcber das von den Farc aufgegebene Land zu \u00fcbernehmen bzw. \u00fcber das bereits von ihnen kontrollierte Land zu bewahren, ist dabei eine der gr\u00f6\u00dften Herausforderungen f\u00fcr den kolumbianischen Staat. Angesichts des eingeschr\u00e4nkten Vertrauens in den Staat durch eine Vorgeschichte gepr\u00e4gt durch die Morde an den Mitgliedern der <em>Uni\u00f3n Patri\u00f3tica<\/em> wird die in den n\u00e4chsten Jahren stattfindende Umsetzung der RRI und die R\u00fcckgabe gewaltsam enteigneten Landes zeigen, inwieweit der Staat f\u00e4hig ist, die beschlossenen Schritte Richtung Gerechtigkeit faktisch durchzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von: Friederike Winterstein (M.A. Interdisziplin\u00e4re Lateinamerikastudien, FU Berlin) Die Restituierung des w\u00e4hrend des Konflikts zwischen den Farc und dem kolumbianischen Staat oftmals illegal angeeigneten Landes war nicht ohne Grund der erste Verhandlungspunkt der Friedensverhandlungen in Habana. 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