{"id":412,"date":"2018-03-27T14:42:14","date_gmt":"2018-03-27T12:42:14","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/kolblog\/?p=412"},"modified":"2018-04-17T12:06:53","modified_gmt":"2018-04-17T10:06:53","slug":"die-vergangenheit-wird-die-zukunft-bestimmen-zur-bedeutung-von-geschichtlichem-lernen-fuer-den-uebergang-zum-frieden-in-kolumbien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/kolblog\/die-vergangenheit-wird-die-zukunft-bestimmen-zur-bedeutung-von-geschichtlichem-lernen-fuer-den-uebergang-zum-frieden-in-kolumbien\/","title":{"rendered":"Die Vergangenheit wird die Zukunft bestimmen. Zur Bedeutung von geschichtlichem Lernen f\u00fcr den \u00dcbergang zum Frieden in Kolumbien"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_415\" aria-describedby=\"caption-attachment-415\" style=\"width: 223px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-415\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/kolblog\/files\/2018\/03\/Foto-Blog-Entrevista-Contreras-223x300.jpg\" alt=\"\" width=\"223\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/kolblog\/files\/2018\/03\/Foto-Blog-Entrevista-Contreras-223x300.jpg 223w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/kolblog\/files\/2018\/03\/Foto-Blog-Entrevista-Contreras-762x1024.jpg 762w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/kolblog\/files\/2018\/03\/Foto-Blog-Entrevista-Contreras-1200x1613.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 223px) 85vw, 223px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-415\" class=\"wp-caption-text\">Quelle: Luis Enrique Sierra R.<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Interview mit Dr. M\u00f3nika Contreras Saiz, Lateinamerika Institut, FU Berlin Interviewer_innen: Hannah F\u00fcrstenwerth und Timm Frumert<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eDie Vergangenheit bestimmt die \u00f6ffentliche Politik und viele Gesellschaftsbereiche. Sie bestimmt, wie diese Bereiche in der Zukunft funktionieren werden. Die Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft ist daher extrem wichtig f\u00fcr den kolumbianischen Friedensprozess.\u201c <\/em><\/p>\n<p>(Dr. M\u00f3nika Contreraz Saiz)<\/p>\n<p>Das \u00fcbergeordnete Ziel von Transitional Justice (TJ) besteht in der Aufarbeitung eines gewaltsamen Konflikts oder Regimes, um darauf aufbauend einen \u00dcbergang zu einer nachhaltigen friedlichen und demokratischen Gesellschaftsordnung zu erm\u00f6glichen. Um dieses Ziel zu erreichen, wurden im Seminar \u201cTransitional Justice im internationale Vergleich: Mechanismen, Kritik und aktuelle Herausforderungen am Bsp. Kolumbiens\u201d am Lateinamerika-Institut der Freien Universit\u00e4t Berlin verschiedene Instrumente von TJ thematisiert. Unter anderem wurden die Aufarbeitung der Vergangenheit, die Art und Weise des Erinnerns von Taten und des Gedenkens der Opfer von Verbrechen diskutiert. Erinnerungspolitik soll zum Gelingen des \u00dcbergangs zu einer friedlichen Gesellschaftsordnung \u00a0beitragen. Von dem Passierten soll gelernt und ein Bewusstsein f\u00fcr das Vergangene geschaffen werden.<\/p>\n<p>Im Interview mit Dr. M\u00f3nika Contreras Saiz (LAI, FU Berlin) diskutieren wir die Bedeutung von geschichtlichem Lernen in Transitional Justice Prozessen. Im Mittelpunkt steht die Frage nach dem Beitrag von Schulen f\u00fcr geschichtliches Lernen, als zentrale Bildungseinrichtungen einer Gesellschaft.<\/p>\n<p>M\u00f3nika Contreras Saiz ist promovierte Historikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lateinamerika-Institut der FU Berlin. Im Rahmen des deutsch-kolumbianischen Friedensinstituts (Instituto CAPAZ) forscht sie zu Erinnerung und Geschichtsbewusstsein in Schule und Fernsehen in Kolumbien. Innerhalb dieses Projektes untersucht sie in Kooperation mit Prof. Dr. Tatjana Louis (Universidad de los Andes, Bogot\u00e1) geschichtliches Lernen und den Wandel des Geschichtsbewusstseins in Kolumbien.<\/p>\n<p>Frage:<em> Was ist geschichtliches Lernen?<\/em><\/p>\n<p>\u201eGeschichte wird an verschiedenen Orten und in verschiedenen gesellschaftlichen Bereich gelernt. Schule ist nur ein Ort von vielen. Wenn wir geschichtliches Lernen untersuchen, wollen wir wissen, inwiefern Menschen ein historisches Denken entwickeln k\u00f6nnen. Wenn wir in die Schule gehen und Daten erheben, schauen wir uns verschiedene Aspekte an, anhand derer wir geschichtliches Lernen erfassen und untersuchen wollen. Wir haben jetzt einen neuen Titel unseres Forschungsprojektes. Eine \u00dcbersetzung ins Deutsche w\u00e4re: <em>Der\u00a0Einfluss von Erinnerungsarbeit in der kolumbianischen Bildungsgemeinschaft: Zur Erforschung von Geschichtsbewusstsein<\/em>. Dieses Projekt hat einen konkreten Ausgangspunkt. Das <a href=\"http:\/\/www.centrodememoriahistorica.gov.co\/\">Centro Nacional de Memoria Hist\u00f3rica<\/a> <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> hat 2012 eine Befragung gemacht zur Evaluation der eigenen Arbeit. Nur f\u00fcnf Prozent der Menschen, die nicht direkt vom Konflikt betroffen sind, kennen die Arbeit des Centros. Das ist extrem niedrig. Unsere Forschung setzt hier an und m\u00f6chte dazu beitragen herauszufinden, was die Ursachen f\u00fcr diesen Umstand sind. Wir m\u00f6chten wissen, warum die Arbeit des \u201aCentro Nacional de Memoria Hist\u00f3rica\u2018 nicht breit in der Gesellschaft verankert ist und konzentrieren uns dabei auf das Beispiel der \u00f6ffentlichen und privaten Schulen. Zentral in unserer Forschung ist der Begriff des <em>Geschichtsbewusstseins<\/em>. Unter diesem Begriff verstehen wir allgemein die Einstellungen der Individuen zu ihrer Vergangenheit, was von dieser Vergangenheit signifikant f\u00fcr ihr aktuelles Leben ist und welche Auswirkungen diese Einstellungen auf ihre Interpretationen der Gegenwart haben und wie sich die Individuen dadurch in der Zukunft sehen.\u201c<\/p>\n<p>Frage:<em> Welche unterschiedlichen Aspekte werden hinsichtlich des historischen Denkens an kolumbianischen Schulen innerhalb des Forschungsprojekts untersucht? <\/em><\/p>\n<p>\u201eZun\u00e4chst geht es darum, welche Ereignisse aus der Vergangenheit f\u00fcr Menschen wichtig sind, also was die historische Bedeutung ist. Es geht uns dabei darum, inwiefern die Wichtigkeit, die bestimmten geschichtlichen Ereignissen zugeschrieben wird, durch mich selbst oder durch Au\u00dfen festgelegt wird und warum Menschen dies als wichtig ansehen. Dar\u00fcber hinaus wollen wir wissen, ob sie Beweise daf\u00fcr kennen. Drittens schauen wir uns an, wo und inwiefern es Ver\u00e4nderungen in der Vergangenheit gibt. Wo sprechen wir von Kontinuit\u00e4t und wo sehen wir Ver\u00e4nderungen? Es geht uns bei diesem Punkt folglich darum, wie Menschen die Geschichte periodisieren. Wo setzen sie Grenzen, an denen ein Abschnitt aufh\u00f6rt und ein anderer anf\u00e4ngt und warum? Das \u201aCentro Nacional de Memoria Hist\u00f3rica\u2018 setzt gewisse Periodisierungen, die Bev\u00f6lkerung setzt teilweise ganz andere. Zum Beispiel sind wir bereits zu ein paar Schulen gegangen und haben gefragt, ob die Sch\u00fcler_innen eine Zeichnung von ihrer Vergangenheit machen k\u00f6nnen und durch den Friedensvertrag haben alle schon angefangen Periodisierungen anhand des Friedensvertrages zu machen. N\u00e4mlich vor und nach dem Friedensvertrag. Das finden wir spannend, wie diese Einteilung vollzogen wird und wie die Leute das nennen. Viertens schauen wir uns historische Perspektiven an: wie k\u00f6nnen Menschen die Vergangenheit durch den Blickwinkel von Menschen aus der Vergangenheit anschauen? Denn Geschichte ist immer in der Gegenwart produziert. Beim geschichtlichem Lernen bzw. historischen Denken geht es aber vor allem darum, zu verstehen, wie die Menschen damals zu der Zeit gedacht haben. Es geht um die F\u00e4higkeit, dass ich unterscheiden kann, dass ich die Vergangenheit heute, mit meiner Perspektive der Gegenwart, anders sehe als die Menschen, die damals gelebt haben. Das ist eine der gro\u00dfen Herausforderungen, wenn Geschichte unterrichtet wird: Verstehe die Leute von damals und wie sie zu der Zeit gedacht haben und an Dinge herangetreten sind in ihrem damaligen Kontext. Hier wird die Interaktion zwischen Geschichte und Erinnerungen deutlich. Die Erinnerungen kritisieren die Geschichte und die Geschichte kritisiert die Erinnerungen. Der letzte Punkt ist die ethische Dimension. Wenn du geschichtlich lernst, dann hast du das Bewusstsein, dass du Teil von dieser Geschichte bist. Es liegt in deinen H\u00e4nden, bestimmte M\u00f6glichkeiten wahrzunehmen und die Geschichte bzw. bestimmte Momente zu ver\u00e4ndern. Jeder Mensch, der das macht, hat auch eine Verantwortung f\u00fcr das, was passiert. Von diesen Aspekten sind der Aspekt der ethischen Dimension und der des Beweises am schwierigsten. Denn nat\u00fcrlich kann ich sagen, du weist viel \u00fcber Geschichte, aber das bedeutet noch lange nicht, dass du hier und jetzt auch Geschichte ver\u00e4ndern kannst. Das passiert nicht sofort und ist super kompliziert.\u201c<\/p>\n<p>Frage: <em>Was sind aktuell die zentralen Herausforderungen f\u00fcr eine progressive Geschichts- und Erinnerungsarbeit im kolumbianischen Bildungssektor?<\/em><\/p>\n<p>\u201eEs gibt eine Vielzahl von Institutionen, sowohl internationaler, nationaler, regionaler als auch lokaler Art, die sich mit der Geschichts- und Erinnerungsarbeit in Kolumbien besch\u00e4ftigen. Es besteht jedoch wenig Kommunikation zwischen diesen Institutionen. Von daher ist es eine gro\u00dfe Herausforderung f\u00fcr den Bildungssektor eine gelingende Koordination zwischen den verschiedenen Institutionen zu erreichen und den Austausch zwischen ihnen zu f\u00f6rdern und R\u00e4ume zu schaffen f\u00fcr \u201aUnwahrscheinliche Begegnungen\u2018 (Ariel S\u00e1nchez Meertens)<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>, zum Beispiel zwischen Akteur_innen des kolumbianischen Milit\u00e4rs und des \u201aCentro Nacional de Memoria y Hist\u00f3rica\u2018. Und somit die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Akteuren zu st\u00e4rken und das Gemeinsame in den Fokus zu r\u00fccken.<\/p>\n<p>Eine weitere Herausforderung ist das schwierige Zusammenleben zwischen den Menschen der kolumbianischen Gesellschaft, das oftmals beispielsweise von Gewaltbereitschaft gepr\u00e4gt ist. Die Schulen Kolumbiens spiegeln diesbez\u00fcglich die Realit\u00e4t des Landes wider. Diese gro\u00dfen Probleme des Zusammenlebens erschweren das Schaffen einer gemeinsamen Erinnerungskultur. Daher ist es momentan sehr wichtig an den Schulen Kompetenzen f\u00fcr ein Zusammenleben zu vermitteln und zu f\u00f6rdern, um dadurch eine empathische, verst\u00e4ndnisvolle Erinnerungsarbeit an den Schulen zu erm\u00f6glichen.\u201c<\/p>\n<p>Das Interview entstand im Rahmen des Kurses \u201cTransitional Justice im internationale Vergleich: Mechanismen, Kritik und aktuelle Herausforderungen am Bsp. Kolumbiens\u201d unter der Leitung von Dr. Kristina Dietz am Lateinamerika Institut der FU Berlin. Wir haben es am 01.02.2018 in Berlin gef\u00fchrt. Die hier ver\u00f6ffentlichte Version ist ein Ausschnitt des gesamten Interviews.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>Das Centro Nacional de Memoria Hist\u00f3rica wurde durch das Gesetz \u201aLey de V\u00edctimas\u2018 (Ley 1448 de 2011) ins Leben gerufen.. Es koordiniert verschiedene Forschungsprojekte, die den bewaffneten Konflikt in Kolumbien rekonstruieren sollen und dabei die Erfahrung der Opfer hervorheben (vgl.: Centro Nacional de Memoria Hist\u00f3rica 2018).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Diese Formulierung von Herrn S\u00e1nchez Meertens entstammt einer Konferenz. Mehr Informationen \u00fcber diese Konferenz unter: https:\/\/www.hsozkult.de\/conferencereport\/id\/tagungsberichte-7528?language=de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Dr. M\u00f3nika Contreras Saiz, Lateinamerika Institut, FU Berlin Interviewer_innen: Hannah F\u00fcrstenwerth und Timm Frumert \u201eDie Vergangenheit bestimmt die \u00f6ffentliche Politik und viele Gesellschaftsbereiche. Sie bestimmt, wie diese Bereiche in der Zukunft funktionieren werden. Die Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft ist daher extrem wichtig f\u00fcr den kolumbianischen Friedensprozess.\u201c (Dr. M\u00f3nika Contreraz Saiz) Das \u00fcbergeordnete &hellip; <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/kolblog\/die-vergangenheit-wird-die-zukunft-bestimmen-zur-bedeutung-von-geschichtlichem-lernen-fuer-den-uebergang-zum-frieden-in-kolumbien\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDie Vergangenheit wird die Zukunft bestimmen. 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