{"id":510,"date":"2018-09-19T12:18:17","date_gmt":"2018-09-19T10:18:17","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/kolblog\/?p=510"},"modified":"2018-11-19T12:19:41","modified_gmt":"2018-11-19T11:19:41","slug":"ricardo_werchez","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/kolblog\/ricardo_werchez\/","title":{"rendered":"Tourismus in Kolumbien nach dem Friedensvertrag"},"content":{"rendered":"<p><em>Autor: Ricardo Werchez (M.A. Interdisziplin\u00e4re Lateinamerikastudien, FU Berlin)<br \/>\n<\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_515\" aria-describedby=\"caption-attachment-515\" style=\"width: 3264px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-515 size-full\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/kolblog\/files\/2018\/09\/010-Centro.jpg\" alt=\"\" width=\"3264\" height=\"2448\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/kolblog\/files\/2018\/09\/010-Centro.jpg 3264w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/kolblog\/files\/2018\/09\/010-Centro-300x225.jpg 300w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/kolblog\/files\/2018\/09\/010-Centro-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/kolblog\/files\/2018\/09\/010-Centro-1200x900.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 85vw, (max-width: 909px) 67vw, (max-width: 1362px) 62vw, 840px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-515\" class=\"wp-caption-text\">Image: Villa de Leyva. \u00ae Manuel G\u00f3ngora-Mera<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der Konflikt in Kolumbien gilt mit Hundertausenden von Todesopfern als der blutigste Binnenkonflikt Lateinamerikas seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Der seit Jahrzehnten andauernde Konflikt hat seinen Ursprung unter anderem in der ungleichen und mitunter unrechtm\u00e4\u00dfigem Landverteilung in Kolumbien. Er brachte die gewaltsame Vertreibung von Millionen von Menschen mit sich. Insbesondere die l\u00e4ndlichen Bev\u00f6lkerung, die sich zu einem bedeutenden Teil aus Afrokolumbianern und Indigenen zusammensetzt, war davon betroffen. W\u00e4hrend des Konflikts wurden auch Grundst\u00fccke im Sinne von \u201ebuena fe\u201c, also im guten Glauben, auf die \u201eTerratenientes\u201c genannten Gro\u00dfgrundbesitzer umgeschrieben, die damit zu den rechtm\u00e4\u00dfigen Besitzern wurden.<\/p>\n<p>Nach mehr als 50 Jahren Gewalt zwischen der kolumbianischen Regierung und der FARC-Guerrilla, konnten diese Konfliktparteien Ende 2016 einen Friedenspakt schlie\u00dfen. Die Friedensverhandlungen wurden im Jahr 2012 durch den kolumbianischen Pr\u00e4sidenten Santos initiiert und von Chile und Norwegen als neutrale Beobachter begleitet. Vier Jahre sp\u00e4ter unterzeichneten die Konfliktparteien in der kubanischen Hauptstadt Havanna den Friedensvertrag und Santos erhielt f\u00fcr seine Bem\u00fchungen den Friedensnobelpreis 2016. Seit Dezember 2016 hat die Guerilla offiziell ihre milit\u00e4rischen Aktivit\u00e4ten eingestellt und die Beh\u00f6rden verk\u00fcnden die Demobilisierungs- und Entwaffnungsphase f\u00fcr weitgehend erfolgreich abgeschlossen.<\/p>\n<p>Allerdings kann die Umsetzung elementar wichtiger Punkte des Abkommens nicht mit endg\u00fcltiger Sicherheit gew\u00e4hrt und nachvollzogen werden. In Kombination mit der mangelhaften Infrastruktur in ruralen Gebieten sowie der fehlenden Transparenz im \u00f6ffentlich-b\u00fcrokratischen Apparat, ist weiterhin von einem erh\u00f6hten Konfliktpotenzial in den f\u00fcr staatliche Sicherheitsorgane schwerzug\u00e4nglichen l\u00e4ndlichen Gebieten auszugehen.<\/p>\n<p>Ebenso ist der Anspruch auf Entsch\u00e4digungszahlungen f\u00fcr Opfer von Vertreibungen und Enteignung und deren Umsetzung aufgrund von nichtexistierender oder falscher Dokumentation schwer durchf\u00fchrbar. Zudem erschwert ein weiterer bedeutender Faktor die Umsetzung des Friedensvertrags in Kolumbien: Der Anbau von Koka sowie die damit zusammenh\u00e4ngende Drogenproduktion und deren Export, beispielsweise \u00fcber Venezuela, ein Staat, der zunehmend von Korruption und Straffreiheit gepr\u00e4gt ist. Ein weiterer Faktor sind die andauernden territorialen Machtkonflikte zwischen den noch aktiven bewaffneten Gruppen, die weiterhin unschuldige Opfer fordern. FARC-Dissidenten sowie andere illegale Gruppen aus dem Bereich der organisierten Kriminalit\u00e4t sind hier die Hauptakteure, die Anschl\u00e4ge ver\u00fcben und um die Vorherrschaft in dem durch die Demobilisierung der FARC entstandenen Machtvakuum k\u00e4mpfen. Diese Gruppen sind in vielf\u00e4ltige Delikte verwickelt, zu denen unter anderem die Drogen\u00f6konomie, illegaler Bergbau, Schmuggel, Erpressung, Entf\u00fchrung, Anschl\u00e4ge und gezielte Morde z\u00e4hlen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Individualreisen durch Kolumbien<\/strong><\/p>\n<p>Im Zuge der Friedensverhandlungen hat sich Kolumbien zu einem attraktiven <a href=\"https:\/\/reisevor9.de\/friedensabkommen-weckt-touristische-aufbruchstimmung-in-kolumbien\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Touristenziel<\/a> gewandelt. 2017 haben mehr als 6,5 Millionen ausl\u00e4ndischer Touristen das Land besucht -ein Besucherrekord. Dank der vielf\u00e4ltigen Landschaft und der g\u00fcnstigen geografischen Lage mit K\u00fcstenabschnitten sowohl am karibischen Atlantik als auch am Pazifik, den drei Andenkordillere, dem Amazonasregenwald sowie urbanen und kulturellen Zentren ist das Land sehr facettenreich. In den vergangenen Jahren wurde daher in die Erschlie\u00dfung von wirtschaftlich lukrativen Gebieten und den Ausbau der <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/reise\/Fern\/article164803863\/Kolumbien-lockt-Urlauber-und-Netflix-hilft-dabei.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">touristischen Infrastruktur investiert<\/a>.<\/p>\n<p>Allerdings f\u00fchrt die zweitgr\u00f6\u00dfte Guerillagruppe ELN, die seit Fr\u00fchjahr 2017 Friedensgespr\u00e4che mit der Regierung f\u00fchrt, seit dem 10. Januar 2018 wieder gezielte <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/kolumbien-anschl%C3%A4ge-der-eln-rebellen-untergraben-friedensprozess\/a-42533978\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Angriffen auf staatliche Einrichtungen<\/a> wie zum Beispiel Polizeistationen und auf Infrastruktur wie Stromleitungen oder \u00d6lpipelines durch. Die Zivilbev\u00f6lkerung ist derzeit zwar kein direktes Ziel solcher Aktionen, jedoch werden Kollateralsch\u00e4den in Kauf genommen. Daher muss insbesondere in den Grenzregionen und in l\u00e4ndlichen, d\u00fcnn besiedelten Gebieten mit mangelhafter Infrastruktur und unzureichender staatlicher Kontrolle von einem erh\u00f6hten Sicherheitsrisiko ausgegangen werden. In den betroffenen Regionen sind Entf\u00fchrungen, Raub und andere Gewaltdelikte bis hin zu offenen <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2017-11\/kolumbien-frieden-farc-rebellen-paramilitaers\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Konfrontationen zwischen kriminellen Banden und paramilit\u00e4rischen Gruppen<\/a> sowie Anschl\u00e4ge auf den Staat daher jederzeit m\u00f6glich. Besonders betroffen ist die gesamte Pazifikk\u00fcste, vor allem die Departments Choc\u00f3 und Nari\u00f1o (mit Ausnahme des Touristenzentrum Nuqui), der Norden Antioquias und die Region Norte de Santander. Es l\u00e4sst sich feststellen, dass abgesehen eines <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2017-06\/kolumbien-terrorismus-anschlag-einkaufszentrum-bombe\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Anschlages auf ein Einkaufszentrum<\/a> in der Hauptstadt Bogot\u00e1, Touristenziele bis dato weithin verschont geblieben sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Grenzgebiet zu Venezuela<\/strong><\/p>\n<p>Die kolumbianischen Politik sieht sich gegenw\u00e4rtig neben der Reintegration von ehemaligen Angeh\u00f6rigen revolution\u00e4rer Bewegungen einer weiteren Herausforderung gegen\u00fcber: die Aufnahme, Unterbringung und Eingliederung der Menschen aus dem Nachbarland Venezuela, die aufgrund der prek\u00e4ren Wirtschafts- und Versorgungslage nach Kolumbien migrieren. Nach Sch\u00e4tzungen haben bislang <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/venezuelas-fl%C3%BCchtlinge-%C3%BCberfordern-nachbarstaaten\/a-45175197\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">mehr als 800.000 Personen<\/a> diesen Weg eingeschlagen. Ein Teil davon war aufgrund der Gewalt des Konflikts und der prek\u00e4ren Lebensumst\u00e4nde in Kolumbien nach Venezuela ausgewandert, das aufgrund gro\u00dfen Erd\u00f6lnachfrage und des hohen \u00d6lpreises wirtschaftlich florierte. Nun, nach fast 20-j\u00e4hriger \u201echavistischer\u201c Regierung, <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2018-08\/inflation-venezuela-bolivar-geldscheine-nicolas-maduro\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">explodierender Inflation<\/a> und gravierenden Krisen in der medizinischen Versorgung <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/venezuela-der-hunger-bedroht-eine-ganze-generation\/a-42787487\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">und mit Nahrungsmitteln<\/a>, migrieren nicht nur jene zur\u00fcck, die seinerzeit einen Neuanfang im bolivarischen Nachbarstaat suchten. Und auch diejenigen, die das Vertrauen in die Regierung Maduros verloren haben und aufgrund der repressiven Politik sowie der prek\u00e4ren Wirtschafts- und Sicherheitslage ihres Landes keine Zukunft mehr sehen, wandern nach Kolumbien aus.<\/p>\n<p>Diese Entwicklung beeinflusst auch den transnationalen Drogenhandel in besonderem Ma\u00dfe. Wie bereits erw\u00e4hnt, hat sich \u00fcber den Nachbarstaat Venezuela eine <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/venezuela-der-gangsterstaat-von-nicolas-maduro-a-1207606.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">neue Handelsroute<\/a> von Kolumbien \u00fcber das karibische Meer Richtung Florida, Honduras und Mexiko sowie den Antillen er\u00f6ffnet. Dies hat zur Folge, dass \u00fcber die gegenw\u00e4rtigen stark frequentierten <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/international\/ansturm-an-kolumbiens-grenze-ld.1361384\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Grenz\u00fcberg\u00e4nge zwischen Kolumbien und Venezuela<\/a> Drogenkuriere und Schmuggler unbehelligt agieren k\u00f6nnen. Somit sind die Grenzregionen zunehmend der Gefahr ausgesetzt, die von dem erpresserischen und gewaltt\u00e4tigen Schmuggel ausgeht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Zeitnahe Entwicklung<\/strong><\/p>\n<p>In Bezug auf den Tourismus l\u00e4sst sich perspektivisch festhalten, dass Kolumbien in diesem Sektor ein enormes und noch weiter ausbauf\u00e4higes Potential besitzt. Dieses ist allerdings auf sichere, \u00fcber gute Infrastruktur verf\u00fcgende Zonen des Landes begrenzt. Ferner ist dabei zu ber\u00fccksichtigen, dass die Alltagskriminalit\u00e4t in vielen Gro\u00dfst\u00e4dten (<a href=\"https:\/\/www.travelbook.de\/orte\/gefaehrliche-orte\/mordrate-die-gefaehrlichsten-staedte-der-welt\">z.B. Cali<\/a>) erschreckend hoch ist.<\/p>\n<p>Die kolumbianische Gesellschaft ist gespalten und von Eliten gepr\u00e4gt. Die Mehrheit der l\u00e4ndlichen Bev\u00f6lkerung ist nicht ausreichend repr\u00e4sentiert. Der Friedensvertrag sollte diese Situation \u00e4ndern, aber aufgrund der fehlenden Implementierung wird es sehr schwer fallen, in absehbarer Zukunft einen realen Frieden zu installieren. Den Konflikt durch einen Friedensvertrag zu beenden ist nur eine Seite und ein Schritt in die richtige Richtung. Aus Sicht der Verhandlungspartner wurde dadurch der Grundstein gelegt. Dennoch hat der \u00fcber Generationen andauernde Konflikt eine tiefe Wunde in der Volksseele und gro\u00dfen Schmerz in den Herzen und K\u00f6pfen hinterlassen. Zudem sind der Kokaanbau und der Kokainhandel h\u00f6chst lukrativ. Daher kann es nicht unmittelbar zu einer Vers\u00f6hnung und dem Ende der Gewalt kommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autor: Ricardo Werchez (M.A. Interdisziplin\u00e4re Lateinamerikastudien, FU Berlin) Der Konflikt in Kolumbien gilt mit Hundertausenden von Todesopfern als der blutigste Binnenkonflikt Lateinamerikas seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts. 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