Deutsches Technikmuseum in Berlin wird Mitglied der Kooperation Looted Cultural Assets

Foto: Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin
Bildquelle: SDTB/ Foto: C. Kirchner

Mit dem Beitritt des Deutschen Technikmuseums gewinnt die Kooperation Looted Cultural Assets (LCA) eine weitere bedeutende Berliner Kulturinstitution für die gemeinsame Provenienzforschung.

Dass sich mit dem Deutschen Technikmuseum und dem Jüdischen Museum Berlin zwei bedeutende Museen dem LCA-Netzwerk angeschlossen haben, ist ein starkes Signal. Es unterstreicht die wachsende Bedeutung einer institutionsübergreifenden Zusammenarbeit und eröffnet neue Möglichkeiten, Provenienzen über Objekt-, Archiv- und Buchbestände hinweg gemeinsam zu erforschen.

Das Deutsche Technikmuseum befasst sich seit 2017 mit Provenienzforschung. Nach zwei abgeschlossenen, durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste finanzierten Projekten, hat das Deutsche Technikmuseum heute zwei feste Stellen und eine Projektstelle für die Provenienzforschung.  Das Team untersucht alle Bestände systematisch auf NS-Raubgut, DDR-Unrecht und koloniale Kontexte.

Das 1982 gegründete und seit 2002 als Stiftung geführte Deutsche Technikmuseum Berlin erforscht die Kulturgeschichte der Technik und beherbergt umfangreiche Bestände: Neben rund 150.000 Objekten und mehr als 7,5 Regalkilometern Archivgut verfügt die Stiftung über eine Bibliothek mit rund 500.000 Medieneinheiten. Dazu gehören unter anderem der historische Eisenbahn-Grundstock, die treuhänderisch verwaltete Bibliothek des Instituts und Museums für Meereskunde sowie die Sammlungen des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) und der Kammer der Technik (KdT).

Mit dem Beitritt des Deutschen Technikmuseums umfasst das LCA-Netzwerk derzeit 16 aktive Mitgliedsinstitutionen aus Deutschland und Israel.

Rückgabe von Büchern aus der Bibliothek von Manfred George (1893–1965)

2026 konnten von der Universitätsbiblithek der Freien Universität (FU) Berlin und der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) gemeinsam neun Bücher aus der Bibliothek von Manfred George zurückgegeben werden.

Anhand der in den Büchern enthaltenen Autogramme „Manfred Georg“ und in einem Fall „Manfred Georg Cohn“ konnte über einen Unterschriftenvergleich eindeutig der Journalist Manfred George als vormaliger Eigentümer identifiziert werden.

Zwei der Bücher stammen nachweislich aus einem Ankauf von 1943, bei dem die Berliner Stadtbibliothek (BStB) ~40.000 Bücher aus den letzten Wohnungen der deportierten Berliner Jüdinnen und Juden von der Städtischen Pfandleihanstalt Berlin bezog. Etwa 20.000 dieser Bücher verkaufte die BStB direkt an verschiedene Berliner Institutionen, Personen aus dem Bereich des Magistrats und an Buchhändler*innen weiter. Bis zum 20. April 1945 arbeitete die Bibliothek knapp 2.000 der übrigen Bücher ein, und führte hierfür ein eigenes „Zugangsbuch J“. Zumindest Teile der übrigen 18.000 Bücher wurden nach Kriegsende als „Geschenke“ eingearbeitet, häufig mit den Lieferantenangaben „Kulturamt“ oder „Bücherlager“. Die übrigen von der ZLB restituierten Bücher stammen somit höchstwahrscheinlich ebenfalls aus dem Ankauf von der Städtischen Pfandleihanstalt Berlin. Zum Zugangsweg des Bandes, der in der Universitätsbibliothek der FU Berlin identifiziert wurde, gibt es bislang keine Informationen.

Manfred George (früher Manfred Georg, geboren als Manfred Georg Cohn) wurde am 22. Oktober 1893 in Berlin geboren. Seine Eltern waren der aus Prenzlau in der Uckermark stammende Kaufmann Carl Cohn (1854–1936) und die aus Breslau stammende Felicia Eleonore Sachs (1861–1907). Ihr erster Sohn Fritz Eugen Cohn war im Januar 1891 im Alter von nur zwei Monaten verstorben.

Manfred George besuchte in Berlin das Friedrichs-Gymnasium, das er 1912 mit dem Abitur abschloss. Anschließend studierte er in Berlin, Greifswald und Genf Jura. Im Ersten Weltkrieg meldete er sich freiwillig als Pfleger, wurde 1915 schwer verwundet und aus dem Militärdienst entlassen. 1916 konnte er sein Studium in Greifswald mit Promotion abschließen. Bereits in seiner Studienzeit hatte er für die Deutsche Montagszeitung gearbeitet und ein Volontariat bei der B. Z. am Mittag begonnen. Ab 1917 war er Redakteur für verschiedene Zeitungen, u.a. die Berliner Morgenpost, die Berliner Allgemeine Zeitung, die Berliner Abendpost und die Vossische Zeitung in Breslau.

Am 8. April 1920 heiratete Manfred George in Berlin Johanna („Hanna“) Dorothea Simon. Diese war am 9. November 1897 in Charlottenburg als Tochter des Bankiers Ludwig R. Simon (geb. am 2. Februar 1863 in Berlin) und der Bianca Simon geb. Grünfeld (geb. am 3. Oktober 1873 in Landeshut, Schlesien) geboren worden. Manfred und Hanna George hatten zwei Kinder: den am 27. März 1921 in Berlin geborenen Franz und die am 18. Februar 1927 ebenfalls in Berlin geborene Renate Judith.

Manfred George war als Pazifist Mitglied der Deutschen Liga für Menschenrechte und engagierte sich in der Nie-wieder-Krieg-Bewegung und der Deutschen Friedensgesellschaft. Er stand auch der zionistischen Bewegung in Deutschland nahe und veröffentlichte 1932 eine Biographie über Theodor Herzl. George war vielseitig journalistisch und publizistisch tätig. Er arbeitete abwechselnd für den Ullstein- und den Mosse-Verlag, war Theaterkritiker, schrieb Hörspiele und war Mitarbeiter der Weltbühne. 1924 hatte er u.a. mit Carl von Ossietzky die Republikanische Partei Deutschlands (RDP) gegründet, die sich allerdings im selben Jahr wieder auflöste.

Manfred George, ca. 1930, Quelle: Reichshandbuch der deutschen Gesellschaft, Bd. 1, 1930, S. 534, Fotograf*in: unbekannt.
Manfred George, ca. 1930, Quelle: Reichshandbuch der deutschen Gesellschaft, Bd. 1, 1930, S. 534, Fotograf*in: unbekannt.

Im nationalsozialistischen Deutschland war die Familie von Manfred George als jüdisch verfolgt. Nach der Machtübergabe 1933 floh die Familie nach Prag. George war auch hier journalistisch tätig, u.a. für die Emigrantenzeitung Prager Montagsblatt, das Prager Tagblatt und als Korrespondent für das Pariser Tageblatt und die Basler Nationalzeitung. Ab Mitte 1936 war er Chefredakteur der Jüdischen Revue.

1938 wurde George die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen. Er floh über Ungarn, Jugoslawien, Italien, die Schweiz und Frankreich schließlich in die Vereinigten Staaten, wo er am 24. September 1938 gemeinsam mit Hanna New York erreichte. Frank und Renate waren zu diesem Zeitpunkt in Kent, England. Sie konnten ihren Eltern bis spätestens 1940 folgen. Hannas Eltern hingegen wurden beide Opfer der Shoah. Bianca Simon geb. Grünfeld wurde am 13. Januar 1942 in das Ghetto Riga deportiert und zu einem unbekannten Zeitpunkt ermordet. Ludwig R. Simon wurde am 8. September 1942 in das KZ Theresienstadt deportiert und dort am 23. Dezember 1942 ermordet.

Manfred George in seinem Büro, vermutlich in den 1950er Jahren (Foto: Manfred George, Leo Baeck Institute, F 13614.)
Manfred George in seinem Büro, vermutlich in den 1950er Jahren (Foto: Manfred George, Leo Baeck Institute, F 13614.)

In den USA änderte Manfred seinen Nachnamen in George, Hanna ihren Vornamen in Jeanette, Franz den seinen in Frank und Renate den ihren in Renée. Manfred George war in New York ab März 1939 Chefredakteur des Aufbau, dessen Auflage er verzehnfachen und den er zu der bedeutendsten deutschsprachigen Exilzeitung entwickeln konnte. Er leitete den Aufbau bis zu seinem Tode am 30. Dezember 1965 in New York. Jeanette Hanna George folgte ihm am 30. April 1987.

Weiterführende Informationen

  • Borrmann, Jennifer / Vordermayer, Thomas, „George, Manfred“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.07.2025, (online: https://www.deutsche-biographie.de/gnd121978281.html, letzter Zugriff am 2. Juni 2026)
  • Röder, Werner und Strauss, Herbert A. (Hrsg.): Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933. Band 1: Politik, Wirtschaft, Öffentliches Leben. München, 1980, S. 217f.
  • Reichshandbuch der Deutschen Gesellschaft : Das Handbuch der Persönlichkeiten in Wort und Bild. (Erster Band : A–K), Berlin, 1930. S. 534
  • Stolpersteine in Berlin: Ludwig R. Simon

Die restituierten Objekte auf lootedculturalassets.de

Jüdisches Museum Berlin wird Mitglied der Kooperation Looted Cultural Assets

Jüdisches Museum Berlin wird Mitglied der Kooperation Looted Cultural Assets

Mit Beginn des Jahres 2026 trat das Jüdische Museum Berlin der Kooperation Looted Cultural Assets (LCA) bei. Damit wächst das Netzwerk zur gemeinsamen Provenienzforschung zwischen Bibliotheken in Deutschland und Israel im zehnten Jahr ihres Bestehens auf 14 aktive Mitgliedsinstitutionen an. Insgesamt haben sich bislang 19 Einrichtungen mit ihrer wissenschaftlichen Expertise eingebracht.

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Jüdisches Museum und der Libeskind-Bau
Bildquelle: Marek Śliwecki, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Das 2016 unter anderem von der Zentral- und Landesbibliothek Berlin und der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin initiierte Forschungsnetzwerk unterstützt die Provenienzforschung zu Enteignung und Raub von Kulturgütern – vor allem in der NS-Zeit sowie, wenn möglich, auch in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR. Es fördert den fachlichen Austausch, bündelt Forschungsergebnisse und stellt dafür die Datenbank „Looted Cultural Assets“ bereit.

Gleichzeitig werden Forschungsergebnisse zeitnah und transparent für Interessierte aus aller Welt zugänglich gemacht. Aktuell zählt sowohl die Kooperation als auch die Forschungsdatenbank LCA zu den umfassendsten, kontinuierlichsten und erfolgreichsten Projekten in der Provenienzforschung im deutschsprachigen Raum.

Heute beinhaltet die Forschungsdatenbank LCA etwa 48.000 Provenienzhinweise sowie Informationen zu rund 16.500 Personen und Institutionen aus der deutschen Geschichte insbesondere des 20. Jahrhunderts. Sie stellt Forschungsergebnisse aus mehr als 20 aktiven und beendeten wissenschaftlichen Projekten zur Verfügung und sorgt für deren langfristige Zugänglichkeit. Die Arbeit der im Forschungsnetzwerk LCA verbundenen Bibliotheken ermöglicht Nachfahren von Opfern der Shoa und anderer nationalsozialistischer Verbrechen einen niedrigschwelligen Zugriff auf historische Informationen, bietet die Möglichkeit detaillierte Auskünfte über Forschungsergebnisse und -stände zu erfragen und zielt darauf ab, durch die Bündelung von Rückgaben geraubten Kulturguts Restitutionsverfahren zu vereinfachen. Die so verbundenen Provenienzforscher*innen leisten durch ihre Arbeit einen nachhaltigen Beitrag zur Erinnerungskultur in Deutschland und Europa sowie der Aufarbeitung der beiden deutschen Diktaturen.

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Die Universitätsbibliothek sieht sich mit ihrem über zehnjährigem Engagement in der Provenienzforschung den Grundwerten der Freien Universität Berlin Veritas, Iustitia und Libertas (Wahrheit, Gerechtigkeit, Freiheit) verpflichtet. Die systematische Untersuchung der Buchbestände und die Aufarbeitung deutscher Geschichte durch die Arbeitsstelle Provenienzforschung der Universitätsbibliothek dient nicht allein der Auseinandersetzung historischen Unrechts im Sinne der Washingtoner Erklärung vom 03.12.1998, sondern ist ein Beitrag zur gelebten Demokratie.

(Der Beitrag erschien ursprünglich im Blog der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin.)