{"id":115,"date":"2017-11-20T16:37:30","date_gmt":"2017-11-20T15:37:30","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/menschenbilder\/?p=115"},"modified":"2017-11-27T12:13:41","modified_gmt":"2017-11-27T11:13:41","slug":"allein-durch-die-gnade","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/menschenbilder\/2017\/11\/20\/allein-durch-die-gnade\/","title":{"rendered":"&#8222;Allein durch die Gnade&#8230;&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_116\" aria-describedby=\"caption-attachment-116\" style=\"width: 225px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-116 size-medium\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/menschenbilder\/files\/2017\/11\/schlosskirche-thesen-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/menschenbilder\/files\/2017\/11\/schlosskirche-thesen-225x300.jpg 225w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/menschenbilder\/files\/2017\/11\/schlosskirche-thesen-768x1024.jpg 768w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/menschenbilder\/files\/2017\/11\/schlosskirche-thesen-1200x1600.jpg 1200w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/menschenbilder\/files\/2017\/11\/schlosskirche-thesen.jpg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 85vw, 225px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-116\" class=\"wp-caption-text\">Portal der Schlosskirche in Wittenberg mit den 95 Thesen. Quelle: Fewskulchor [CC BY-SA 3.0 de, via Wikimedia Commons.<\/figcaption><\/figure>Dieser reformatorische Grundgedanke &#8211; <em>sola gratia<\/em> &#8211; ist aufs Engste verbunden mit den Konflikten dieser Zeit. Im Mittelalter war die (katholische*) Kirche ebenso eine weltliche Instanz wie eine geistliche. Bisch\u00f6fe waren F\u00fcrsten mit geistlicher Autorit\u00e4t. Religion war im \u00f6ffentlichen Leben ein wichtiger Faktor &#8211; anders als heute, wo die Kirche eine unter verschiedenen zivilgesellschaftlichen Stimmen ist. Die Angst vieler Menschen vor dem ewigen Fegefeuer war real und durch die Kirche, so der landl\u00e4ufige Glaube, konnte Absolution gew\u00e4hrt werden. Umso bequemer, wenn man statt einer Pilgerreise oder anderer Bu\u00dfe nur einen Ablass kaufen musste&#8230;. Luther war dies ein Dorn im Auge und er hatte mit seinen <a href=\"https:\/\/www.ekd.de\/95-Thesen-10864.htm\">95 Thesen<\/a> &#8211; als Aufruf zu einer akademischen Auseinandersetzung geschrieben &#8211; gegen den Ablasshandel gewettert.<\/p>\n<p>Der Text &#8222;Von der Freiheit des Christenmenschen&#8220; ist eine Reaktion auf die Androhung des Bannes (der sp\u00e4ter auch verh\u00e4ngt wurde). Und es ist ein Text voller Spannungen. Aus euren Texten und der Diskussion stechen besonders drei Spannungen hervor.<\/p>\n<ol>\n<li>Besonders h\u00e4ufig in euren Texten debattiert wurde der Zusammenhang zwischen Leib und Seele, hier ausgedr\u00fcckt in der Trennung von Seelenheil und weltlichem Handeln. Dies ist tats\u00e4chlich eine ganz grunds\u00e4tzliche philosophische Frage, auf die es in der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Philosophie_des_Geistes\">Philosophiegeschichte<\/a> viele Antworten gab. In Luthers Argument steht diese Unterscheidung in einem breiteren Zusammenhang, der sich an den anderen beiden Spannungen ausdr\u00fcckt.<\/li>\n<li>Da ist als zweiter zentraler Punkt zu nennen, was sich auch in dem Zitat ausdr\u00fcckt, dass wir als Grundlage unsere Diskussion genommen haben: <em>&#8222;Ein Christenmensch ist ein freier Herr \u00fcber alle Dinge und niemandem Untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.&#8220;<\/em> (Luther 1520). Doch wie kann mensch gleichzeitig frei und unfrei sein? Hier kommt <em>sola gratia<\/em> ins Spiel. Das geistige Heil ist durch Gottes Gnade den (Christen-)Menschen gegeben &#8211; der Glaube allein z\u00e4hlt, die Gnade und damit das Seelenheil kann nicht verdient werden. Das macht den Menschen frei zu weltlichem Handeln, dass nicht auf die jenseitige Erl\u00f6sung gerichtet ist. Darin liegt die Freiheit. Doch der Glaube f\u00fchrt den (Christen-)Menschen dazu, aus der Liebe zum N\u00e4chsten das Gute zu tun. Es ist nicht die Androhung von Strafe die gutes Handeln erm\u00f6glicht, es ist die Liebe zu den Anderen. Und darum ist der (Christen-)Mensch Knecht seinen Mitmenschen gegen\u00fcber, ihnen ein Diener. \u00dcberzeugt dieses Luthersche Argument? Theologisch, wie es gemeint war, wohl viele (darum ja auch die Reformation als mehr als eine opportunistisch genutzte politische Str\u00f6mung), aber politisch-theoretisch ergeben sich viele weitergehende Fragen, die Wichtigste ist vielleicht: Was tun angesichts der offensichtlichen Fehlbarkeit des Menschen in Bezug auf das gute Handeln?\n<p><figure id=\"attachment_120\" aria-describedby=\"caption-attachment-120\" style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-120 size-medium\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/menschenbilder\/files\/2017\/11\/Thomas_Muentzer-210x300.jpg\" alt=\"\" width=\"210\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/menschenbilder\/files\/2017\/11\/Thomas_Muentzer-210x300.jpg 210w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/menschenbilder\/files\/2017\/11\/Thomas_Muentzer.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 210px) 85vw, 210px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-120\" class=\"wp-caption-text\">Thomas M\u00fcntzer<\/figcaption><\/figure><\/li>\n<li>Die dritte Spannung ergibt sich aus den weitreichenden politischen Konsequenzen, die Luthers theologisches Argument hat. Luther hat sich nicht &#8211; wie Machiavelli oder auch Thomas M\u00fcntzer &#8211; aktiv in die Politik eingemischt. Und doch hat er sich nicht mit Ratschl\u00e4gen in politischen Angelegenheiten zur\u00fcckgehalten. Die theologische Trennung von Seelenheil und weltlichem Handeln auf der Ebene des Individuums entwickelt sich hier zu einer, aus politisch-theoretischer Sicht, durchaus schwierigen Perspektive. In <a href=\"https:\/\/www.luther2017.de\/de\/martin-luther\/texte-quellen\/lutherschrift-von-weltlicher-obrigkeit-wie-weit-man-ihr-gehorsam-schuldig-sei\/\">&#8222;Von weltlicher Obrigkeit: wieweit man ihr Gehorsam schuldig sei&#8220;\u00a0<\/a> (1523) entfaltet Luther warum der weltlichen Obrigkeit im Zweifel immer Gehorsam zu leisten ist &#8211; und rechtfertigt damit quasi jede Herrschaft. Verstehen l\u00e4sst sich das nur, wenn man bedenkt, dass einerseits auch hier ein theologisches und kein politisches Argument entfaltet wird und andererseits Luther selbst von der unmittelbaren Endlichkeit der Welt und damit auch vom baldigen Ende weltlicher Herrschaft \u00fcberhaupt \u00fcberzeugt war. Das soll jedoch nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass es in der prek\u00e4ren Lage des 16. Jahrhunderts gerade diese radikale Trennung zwischen geistlich\n<figure id=\"attachment_121\" aria-describedby=\"caption-attachment-121\" style=\"width: 189px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-121\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/menschenbilder\/files\/2017\/11\/Bundesarchiv_Bild_146-1987-074-16_Dietrich_Bonhoeffer-189x300.jpg\" alt=\"\" width=\"189\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/menschenbilder\/files\/2017\/11\/Bundesarchiv_Bild_146-1987-074-16_Dietrich_Bonhoeffer-189x300.jpg 189w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/menschenbilder\/files\/2017\/11\/Bundesarchiv_Bild_146-1987-074-16_Dietrich_Bonhoeffer.jpg 497w\" sizes=\"auto, (max-width: 189px) 85vw, 189px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-121\" class=\"wp-caption-text\">Dietrich Bonhoeffer im August 1939, Quelle: Bundesarchiv<\/figcaption><\/figure>\n<p>und weltlichem &#8211; und die Rechtfertigung weltlicher Herrschaft auch in \u00e4u\u00dferst fragw\u00fcrdigen Situationen, eine weitreichende Wirkung hatte. Auch darum Leben wir heute in s\u00e4kularen Staaten &#8211; wegen eines theologischen Arguments. Im 20. Jahrhundert wurde diese Lehre f\u00fcr die Christen zu einer radikalen Bew\u00e4hrungsprobe und erst <a href=\"https:\/\/www.dietrich-bonhoeffer.net\/\">Dietrich Bonhoeffer <\/a>gelang mit seiner Interpretation der Weltlichkeit christlichen Handelns\u00a0 als &#8222;Verantwortung f\u00fcr die Welt&#8220; eine Neuorientierung.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Es ist sicher nie ein Gedanke an sich, der wirkm\u00e4chtig wird &#8211; dazu kommen immer jene historischen und politischen Umst\u00e4nde, die ihm Raum geben. Und Luther war weder der einzige, der im 16. Jahrhundert Neues formulierte, noch war er der einzige der \u00e4hnliche Probleme durchdachte. Das 16. Jahrhundert war eine Zeit vielf\u00e4ltiger grunds\u00e4tzlicher Fragen und die Zeit in der neue Antworten geh\u00f6rt wurden.\u00a0 Auch das ist ein Zeichen f\u00fcr den gro\u00dfen Umbruch der stattfand.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/erasmus-im-streit-mit-luther-heiliger-sokrates-bitte-fuer.2540.de.html?dram:article_id=373244\">Nettling, Astrid 2017: &#8222;Heiliger Sokrates, bitte f\u00fcr uns!&#8220; Luther im Streit mit Erasmus. (H\u00f6rfunkfeature), Deutschlandfunk, 4. Januar 2017 <\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1515\/NZST.2007.005\">Thaidigsmann, Edgar 2007: Macht \u00fcber sich selbst? Der Mensch und die \u00bbM\u00e4chte\u00ab bei Luther: Aspekte theologischer Anthropologie. In: Neue Zeitschrift f\u00fcr Systematische Theologie und Religionsphilosophie. 49:1, 42-70<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.ekmd.de\/attachment\/aa234c91bdabf36adbf227d333e5305b\/1e075b33b380b4475b311e0b4217b47cf37b1b6b1b6\/Literatur_Reformation_und_Freiheit_2011_03.pdf\">Leseliste zum Thema<\/a> bei der EKMD<\/p>\n<p>*Das Wort &#8222;katholisch&#8220; kommt aus dem Griechischen und hei\u00dft &#8222;allumfassend&#8220;. Insofern, auch wenn es damals nur eine Kirche gab, ist katholisch das richtige Wort.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser reformatorische Grundgedanke &#8211; sola gratia &#8211; ist aufs Engste verbunden mit den Konflikten dieser Zeit. Im Mittelalter war die (katholische*) Kirche ebenso eine weltliche Instanz wie eine geistliche. Bisch\u00f6fe waren F\u00fcrsten mit geistlicher Autorit\u00e4t. 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