Migration und Flucht

Ein Blog des Lateinamerika-Intituts der Freien Universität Berlin

Interview zum Projekt „Charité für geflüchtete Frauen: Women for Women“

In der Charité wird seit dem 1. Dezember 2015 die Initiative „Charité für geflüchtete Frauen: Women for Women“ umgesetzt, ein einzigartiges Pilotprojekt, das sich der gynäkologisch-gesundheitlichen Versorgung von geflüchteten Frauen in Berliner Notunterkünften widmet. Die Barrieren beim Zugang zu dieser Versorgung sollen im Rahmen dieses Projektes abgebaut werden. Gleichzeitig erfolgt eine Datenerhebung zu den spezifischen Bedürfnissen und Hindernissen der Frauen. Um mehr über diese Thematik zu erfahren, habe ich der Projektkoordinatorin Barbara Anne Scheffer und Dr. Christine Kurmeyer, Projektleiterin und Gleichstellungsbeauftrage der Charité, einige Fragen gestellt.

 

Maria Marggraf (MM): Können Sie kurz erzählen, wie das Projekt “Charité für geflüchtete Frauen” entstanden ist?

Barbara Scheffer (BS): Das Projekt wurde ausgehend von einer Initiative des Landesfrauenrats Berlin an der Charité – Universitätsmedizin Berlin entwickelt, mit dem Ziel, den Bedürfnissen von Frauen in Berliner Flüchtlingsunterkünften entgegenzukommen und gleichzeitig valide Daten zur realen Situation von Frauen in den Gemeinschafts- und/oder Notunterkünften zu erheben. Unser Projekt beruht auf drei zentralen Säulen: Erstens organisieren wir Informationsveranstaltungen direkt in den Unterkünften, um mit den Frauen Kontakt aufzunehmen. Die Veranstaltungen erfolgen in Form von Gesprächskreisen mit einer Gynäkologin, wissenschaftlichem und medizinischem Fachpersonal und muttersprachlichen Dolmetscherinnen. Als zweite Säule können die geflüchteten Frauen nach diesen Gruppensitzungen noch vertrauliche Einzelgespräche mit der Gynäkologin führen, in denen individuelle Probleme und Fragen aufgegriffen werden können. Drittens organisieren wir dann falls nötig weitere Untersuchungen oder die Einleitung einer Therapie in einem nahgelegenen Krankenhaus. Insgesamt wird das Projekt wissenschaftlich begleitet mit Fragebögen zu der gesundheitlichen, familiären und sozialen Situation der Frauen, die an den Veranstaltungen teilnehmen. So erhalten wir ein besseres Bild von den Bedürfnissen und der Ausgangslage der Betroffenen und können weitere Maßnahmen planen.

 

MM: Auf der Projekt-Homepage habe ich gelesen, dass sich die Bedürfnisse geflüchteter Frauen von denen geflüchteter Männer unterscheiden. Welche sind diese und wie unterscheiden sie sich von denen der Männer?

Christine Kurmeyer (CK): Betroffene selbst und Hilfsorganisationen haben wiederholt verschiedene Hindernisse in der medizinischen Versorgung von geflüchteten Frauen identifiziert. Dabei steht zunächst das Thema der Kinderbetreuung im Vordergrund. Die meisten Frauen haben kleine Kinder zu betreuen und sind daher weniger mobil als die geflüchteten Männer. Hinzu kommt, dass die Frauen zu männlichen Ärzten nicht so schnell das notwendige Vertrauensverhältnis aufbauen können oder gerade auch über intime Probleme sprechen können. Das dritte Problem sind die Sprachbarrieren – seien es männliche Dolmetscher oder nicht-medizinisch kompetente Sprachmittler*innen, für die Frauen bedeutet es, dass sie über viele gesundheitliche, insbesondere auch psychische Belastungen nicht sprechen können. Ein weiteres Problem ist die räumliche Enge in den Sammelunterkünften, die auch sexualisierten Übergriffen und Diskriminierungen Vorschub leistet, sowie generell das Leben in einer vollkommen fremden Umgebung, in der die Frauen sich aufgrund der fehlenden Sprachkenntnisse auch nur schwer orientieren können.

 

MM: Warum ist eine spezifisch auf geflüchtete Frauen ausgerichtete gynäkologische Betreuung im Gegensatz zur allgemeinen gynäkologischen Versorgung sinnvoll?

BS: Die gynäkologisch-geburtshilfliche Versorgung ist für geflüchtete Frauen oft nur schwer zu organisieren. Die Formalitäten zur Wahrnehmung von medizinischen Versorgungsmaßnahmen und das Vergütungssystem sind nach wie vor uneinheitlich und für die Geflüchteten schwer verständlich. Außerdem wird den Gynäkolog*innen häufig nicht vertraut. Geflüchtete Frauen können ihre Gynäkolog*innen nicht frei wählen und es gibt keine ausreichende Sprachmittlung. Für die geflüchteten Frauen ist es wichtig, auch über traumatisierende Erlebnisse – z. B. auch sexualisierte Gewalt – vor und während der Flucht sprechen zu können. In manchen Fällen spielt auch das Thema Beschneidung eine Rolle. Außerdem ist es hilfreich, über die Angebote des hiesigen Gesundheitsversorgungssystems zu informieren und die Organisation der verschiedenen Einrichtungen zu erläutern, da sehr große Unterschiede zu den Versorgunssystemen der Herkunftsländer existieren.

 

MM: Konnten Sie im Zuge der Datenerhebung im Rahmen Ihres Projektes schon neue Erkenntnisse über die besonderen Bedürfnisse geflüchteter Frauen sammeln?

BS: Ja, die Ergebnisse haben deutlich gemacht, dass geflüchtete Frauen einen erhöhten Informationsbedarf haben, der durch die konventionellen Kanäle nicht gedeckt wird. Das betrifft nicht nur die Zugangsmöglichkeiten zur gesundheitlichen Versorgung, sondern vor allem auch allgemeine Unterstützungsangebote. Geflüchtete Frauen stehen hier vor besonderen Herausforderungen. Sie sind verantwortlich für die Kinderbetreuung. Öffentliche Kinderbetreuungseinrichtungen können nicht alle Bedarfe abdecken. Dadurch sind die Frauen weniger mobil in ihrer neuen Umgebung. Auch der Zugang zu Integrations- und Deutschkursen ist dadurch eingeschränkt. Außerdem haben die Frauen meistens einen geringen Grad an formaler Ausbildung, sodass sie nicht so bald einer Erwerbstätigkeit nachgehen können.

 

MM: Es ist also offenbar häufig die soziale Situation der geflüchteten Frauen, die einen barrierefreien Zugang zur medizinischen Versorgung in Deutschland verhindert. Inwiefern müsste also die gesundheitliche Versorgung geflüchteter Frauen in Zusammenhang mit ihrer sozialen Integration gedacht werden?

CK: Das ist genau der Ansatz unseres Projektes. Ausgehend von den gynäkologischen Vorträgen und Gesprächskreisen sammeln wir Daten und erstellen eine Situationsanalyse für politische Maßnahmen zur Integration der geflüchteten Frauen. Damit die Hilfeleistungen für geflüchtete Frauen besser koordiniert werden können, habe ich Anfang September 2016 zu einem Runden Tisch eingeladen, an dem entsprechende Projekte und Initiativen zum Erfahrungsaustausch zusammenkamen. Ziel dieses Treffens war es, die verschiedenen Angebote zu sammeln und ein Hilfsnetzwerk aufzubauen, welches speziell auf die Bedürfnisse der Frauen ausgerichtet ist und ihre Integration erleichtern kann.

 

MM: Eine Besonderheit Ihres Projektes ist, dass Sie die kulturspezifischen Bedürfnisse der Frauen berücksichtigen. Wie wurden die Mitarbeiter*innen auf diese kulturellen Unterschiede sensibilisiert?

BS: Im Vorfeld der Gesprächskreise in den Heimen und Unterkünften haben wir zahlreiche Gespräche mit Expert*innen aus dem Bereich Gesundheitsversorgung, psychosoziale Betreuung von Geflüchteten und natürlich mit den Geflüchteten selbst geführt. Einige Mitarbeiter*innen haben selbst Fluchterfahrung und waren dadurch sensibilisiert. Ansonsten gibt es kaum sogenannte Sensibilisierungserfahrungen oder -techniken. Alles Weitere passiert in unseren Gesprächskreisen. Dabei haben wir im Verlauf der vergangenen Monate festgestellt, dass sich über die Gemeinsamkeit ‚Wir sind alle Frauen‘ sehr schnell eine interkulturelle Brücke aufbauen lässt.

 

MM: Wie kulturell heterogen ist die Gruppe der Patientinnen, die Sie im Rahmen Ihres Projektes betreuen? Wie gehen Sie mit dieser Heterogenität um?

BS: Die Gruppe der Teilnehmerinnen bei unseren Gesprächskreisen ist sehr heterogen, was das Alter, die gesprochenen Sprachen und die Bildung angeht. Aber diese Heterogenität wird offen gelebt und durch unsere Dolmetscherinnen vermittelt. Das ist möglich, weil wir mit muttersprachlichen Sprachmittlerinnen zusammenarbeiten. So entsteht in der Regel eine offene und vertrauensvolle Atmosphäre und die Teilnehmerinnen trauen sich sogar, intime Fragen zu stellen.

 

MM: In welchen Bereichen ist Ihrer Meinung nach die gesundheitliche Versorgung geflüchteter Frauen, bzw. Geflüchteter im Allgemeinen, in Berlin und Brandenburg noch ausbaufähig und welche Maßnahmen würden Sie diesbezüglich empfehlen?

CK: Die Zusammenarbeit mit guten geschulten Sprachmittlerinnen ist eine wichtige Voraussetzung für die Integration von geflüchteten Frauen und in der gesundheitlichen Versorgung, gerade auch in Berlin-Brandenburg. Dazu muss eine noch bessere Vernetzung angeboten werden. Der Runde Tisch für geflüchtete Frauen in Berlin ist ein erster Schritt. Sehr gern würden wir die Kooperation und den Informationsaustausch mit Brandenburg verstärken, um für die Frauen auch hier die Verbindungen zwischen den einzelnen Institutionen zu erleichtern.

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Der Beitrag wurde am Mittwoch, den 1. März 2017 um 21:42 Uhr von Maria Marggraf veröffentlicht und wurde unter Beiträge, Interviews, Migration nach Europa abgelegt. Sie können die Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.

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