{"id":1088,"date":"2021-07-31T21:46:10","date_gmt":"2021-07-31T19:46:10","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/?p=1088"},"modified":"2021-07-31T21:52:15","modified_gmt":"2021-07-31T19:52:15","slug":"filmkritik-analyse-mexiko-den-weg-verloren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/2021\/07\/31\/filmkritik-analyse-mexiko-den-weg-verloren\/","title":{"rendered":"Filmkritik\/ -analyse: \u201eMexiko: Den Weg verloren\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Geschrieben von: Aleksandra Stojanoska und Mariana Dopfer<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Warum verschwinden so viele Migrant*innen in Mexiko und was steckt dahinter?<\/p>\n\n\n\n<p>Jedes Jahr verschwinden tausende von Migrant*innen, haupts\u00e4chlich aus Zentralamerika in Mexiko. Keiner wei\u00df, wo sie sind oder wie und wieso sie spurlos verschwunden sind. Die Familien dieser verschwundenen Migrant*innen m\u00fcssen \u00fcber Tage, Monate und Jahre mit der Angst und Ungewissheit leben, ihre Kinder, Ehepartner*innen oder Eltern nie wieder sehen zu k\u00f6nnen oder zu erfahren was mit ihnen geschehen ist. Die schlechte finanzielle Lage der Hinterbliebenen verhindert nicht nur, dass sie sich auf die Suche nach den Verschwundenen machen k\u00f6nnen, sondern auch dass sie Detektiv*innen oder Organisationen engagieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<a href=\"https:\/\/www.arte.tv\/de\/videos\/090255-000-A\/mexiko-den-weg-verloren\/\">Mexiko: Den Weg verloren<\/a>\u201c ist eine franz\u00f6sische Dokumentation von Alex Gohari und L\u00e9o Mattei aus dem Jahr 2017, die das Verschwinden von Migrant*innen in Mexiko behandelt. Der Autor sowie der Regisseur waren auch bei weiteren Dokumentationen rund um den Themenbereich Migration und Mexiko beteiligt, wie beispielsweise bei \u201eMexiko: \u2018La Bestia\u2019\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>In der 50-min\u00fctigen Dokumentation \u201eMexiko: Den Weg verloren\u201c begleiten wir Ruben Figueroa auf seiner Suche nach Migrant*innen, die auf der Migrationsroute in die USA, meist in Mexiko, verschwanden. Er war selbst als Migrant in den USA und setzt sich nun als Aktivist und in Zusammenarbeit mit dem&nbsp;<em>Movimiento Migrante Mesoamericano&nbsp;<\/em>(MMM)f\u00fcr Migrant*innen ein<em>.&nbsp;<\/em>Der Fokus liegt dabei auf Menschen aus Mittelamerika, die aufgrund von wirtschaftlichen Gr\u00fcnden und Kriminalit\u00e4t ihre Heimat verlassen mussten. Unsere Hauptfigur, die zugleich eine Erz\u00e4hler-Rolle einnimmt, startet seine Suche in Mittelamerika und fragt in Parks, D\u00f6rfern und St\u00e4dte nach, ob es F\u00e4lle von verschwundenen Migrant*innen gibt und versucht auch durch die Medien, wie dem Radio, so viele Menschen wie m\u00f6glich zu erreichen. Dies f\u00fchrt ihn zu den Familien der Migrant*innen, die ihm die verschiedenen F\u00e4lle schildern und welche infolgedessen von Ruben dokumentiert werden. In Absprache mit den Familien und deren letzten Informationen macht sich der Aktivist auf die Suche nach den verschwundenen Familienmitgliedern.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Film werden verschiedenste F\u00e4lle und Lebensgeschichten von Verschwundenen n\u00e4her beleuchtet und was w\u00e4hrend dem Versuch in die USA zu kommen, mit ihnen geschah. Teilweise endet die Suche schon sehr schnell, da alle Hinweise ins nichts oder schlimmer in die W\u00fcste und\/oder den Tod f\u00fchren. Im Folgenden sollen zwei Migrationsgeschichten n\u00e4her betrachtet werden. Der erste Fall handelt von Jacqueline, einer Frau aus Honduras, die von ihrer Mutter gesucht wird.&nbsp; Der zweite gibt Einblicke \u00fcber das Verschwinden von Carlos auch aus Honduras, der im Gegensatz zu Jacqueline nach seiner Familie suchen l\u00e4sst. Beide Migrant*innen schafften es jedoch nicht in die USA und verblieben, ohne Kontakt zu ihren Familien, in Mexiko. Ein zentrales Motiv stellt dabei unter anderen Scham dar.<\/p>\n\n\n\n<p>Ruben Figueroa macht sich auf die Suche nach Jacqueline, eine Honduranerin, die sich vor dreizehn Jahren auf dem Weg nach Mexiko machte und dabei spurlos verschwand. Er erf\u00e4hrt, dass sie sich zuletzt in Frontera Comalapa, ein Ort in Chiapas, der f\u00fcr seine Bars und Bordelle bekannt ist, befand. Seine Ermittlungen f\u00fchren ihn zum Dorf Teopisca, in dem Jacqueline unter den Namen \u201eLa Chiquis\u201d in einer Kneipe arbeitete. Dort erz\u00e4hlen ihm die Bewohner*innen, dass sie mit einem gewaltt\u00e4tigen Mann namens \u201eEl G\u00fcero\u201c zusammen ist. Die Spuren f\u00fchren Ruben weiter zu einem Ort namens Villaflores.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Dokumentation steigt direkt in die Handlung ein. Durch die Gespr\u00e4che mit Ruben Figueroa, der Aktivist und Teil des&nbsp;<em>Movimiento Migrante Mesoamericano&nbsp;<\/em>ist, wird die Handlung und der Kontext erkl\u00e4rt. Die Szenen werden aus der Sicht von Ruben gezeigt, der Gespr\u00e4che mit den hinterbliebenen Angeh\u00f6rigen f\u00fchrt. Dadurch wirkt die Dokumentation authentisch, da die einzelnen Szenen auch in Echtzeit gezeigt werden. Die Authentizit\u00e4t der Dokumentation wird auch dadurch best\u00e4rkt, dass Ruben selbst in die USA ausgewandert ist. Er hat selbst die Gefahren und Schwierigkeiten der Auswanderung erlebt und kann sich deshalb in die Migrant*innen hineinversetzen und versteht auch die Sorge der Hinterbliebenen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Film zeigt verschiedene Beispiele \u00fcber das Vorgehen von Ruben bei der Suche nach verschwundenen Migrant*innen. In einem besucht Ruben ein abgelegenes D\u00f6rfchen um eine Mutter zu besuchen, die von ihrer Tochter Jacqueline seit \u00fcber 13 Jahren nichts mehr geh\u00f6rt hat. Ruben und die Mutter sitzen sich gegen\u00fcber und er h\u00f6rt ihr aufmerksam zu. W\u00e4hrend des Gespr\u00e4chs filmt die Kamera unterschiedliche Blickwinkel. Zwischendurch zoomt sie heraus und zeigt eine Ganzk\u00f6rperaufnahme von den Beteiligten im Gespr\u00e4ch, sowie Nahaufnahmen der Mutter. Dadurch erkennt der\/die Betrachter\/-in die Sorge, die sich im Gesicht der Mutter widerspiegelt. Die K\u00f6rpersprache der Mutter zeigt auch, dass sie sehr angespannt ist, da sie sehr unruhig auf ihrem Stuhl sitzt. Die Szenen werden zwischendurch durch eine melancholische und traurige Hintergrundmusik begleitet, die nochmals das traurige Schicksal, die Sorgen und den Schmerz der Angeh\u00f6rigen unterstreicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielen jungen Menschen bleibt nichts \u00fcbrig, als in die USA zu fliehen, da ihr Land von Perspektivlosigkeit sowie Gewalt gekennzeichnet ist. Besonders Frauen werden Opfer von Menschenhandel und Prostitution: \u201eDie meisten vermissten Frauen verschwinden im S\u00fcden von Mexiko. Oft werden sie in die Prostitution verschleppt\u201c (Gohari, Mattei 2017: 09:38- 09:44). Die T\u00e4ter*innen, die dahinterstecken sind meistens kriminelle Banden. Sie entf\u00fchren Migrant*innen und rekrutieren sie als Drogenkuriere, Zwangsarbeiter*innen oder zwingen sie zur Prostitution. Die mexikanischen Beh\u00f6rden wissen von diesen F\u00e4llen, unternehmen jedoch nichts dagegen. Ein weiteres Problem ist, dass diese Gewaltverbrechen in Mexiko nicht angezeigt und auch nicht aufgekl\u00e4rt werden (s. Plate 2021: o.S.):&nbsp;\u201e[&#8230;] nur 15 Prozent aller angezeigten F\u00e4lle werden gel\u00f6st. Es gibt zu wenig Personal, vor allem Fachleute von Forensikern bis zu Analytikern. Es gibt kaum Koordination zwischen Polizei und Ermittlungsbeh\u00f6rden sowie zwischen lokaler und staatlicher Ebene\u201c (Plate 2021: o.S.). Immer wieder sehen wir Polizei, die Ruben beispielsweise begleitet. Dies wirkt als w\u00fcrden sie ihm Geleitschutz geben. Aber welche Rolle spielen sie bei der Suche von Verschwundenen? Gibt es eine Zusammenarbeit? Oder sind die Beamten vielmehr Teil des Problems als Helfer*innen? Dies alles wird in der Dokumentation kaum deutlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Ruben betont, dass es ihm wichtig ist, die Migrant*innen zu verstehen. Er verbringt deshalb viel Zeit in den Herbergen, die sich durch die Migrationsrouten erstrecken: \u201eIch verbringe Zeit in den Herbergen, will verstehen, was auf der Fluchtroute los ist. Ich lebe sie, sp\u00fcre sie, spreche mit den Migranten. Ich will verstehen warum sie verschwinden, wohin sie verschwinden, wer dahintersteckt\u201c (Gohari, Mattei 2017: 14:16 \u2013 14:30). Es ist wichtig eine Vertrauensbasis aufzubauen. Ruben macht dies, anhand seiner eigenen Erfahrung und indem er sich in die Migrant*innen hineinversetzt und ihnen zuh\u00f6rt. Dadurch gewinnt er ihr Vertrauen und erh\u00e4lt \u201eInsiderwissen\u201c (wie z.B. welche Route die bessere ist, wo es gef\u00e4hrlich ist etc.), die ihm bei seiner Suche weiterhelfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach drei Monaten macht Ruben die vermisste Jacqueline ausfindig und verabredet sich mit ihr in einem Park im Dorf \u201ela Revoluci\u00f3n\u201c. Ruben erkl\u00e4rt ihr, dass ihre Mutter sie vermisst und sich Sorgen um sie macht. Die Kamera zeigt eine Nahaufnahme von Jacquelines Gesicht, in der sich die Traurigkeit abzeichnet. Jacqueline erkl\u00e4rt, dass ihre Papiere w\u00e4hrend der Reise geklaut wurden und dass sie mit einem Mann zusammen war, der sie misshandelt hat. Wir sehen und sp\u00fcren deutlich, dass ihr das Gespr\u00e4ch unangenehm ist. Jacqueline ist nur ein Beispiel von tausenden Frauen, die auf der Migrationsroute&nbsp; Opfer von Gewalt werden. Die Gewalt, die die Migrant*innen erleiden m\u00fcssen, bezieht sich jedoch nicht nur auf den physischen Akt, sondern reicht noch viel weiter: \u201eMan nimmt ihnen ihre Identit\u00e4t. Man l\u00f6scht ihre Erinnerungen aus. Man unterbindet den Kontakt zu ihren Familien\u201d (Gohari, Mattei 2017: 28:08-28:15). Als Ruben ihr vorschl\u00e4gt ihre Mutter anzurufen, weigert sie sich aus Scham mit ihr zu sprechen. Ruben zwingt sie nicht und l\u00e4sst ihr Zeit. Er erkl\u00e4rt ihrer Mutter, dass Jacqueline eine Menge durchmachen musste und noch nicht bereit ist zu sprechen. Trotzdem setzt er sich f\u00fcr ein m\u00f6gliches Gespr\u00e4ch zwischen den beiden ein. In der Hoffnung, dass Jacqueline eines Tages bereit ist, sich ihrer Angst und Scham zu stellen. Besonders Frauen und Kinder haben es auf den Migrationsrouten schwer, da sie \u201eleichte Beute\u201c sind und Opfer von kriminellen Banden werden. Ihnen werden die Papiere und damit ihre Identit\u00e4t genommen. Dadurch sind sie in der jeweiligen Ortschaft gefangen und haben Schwierigkeiten eine Arbeit zu finden. Zus\u00e4tzlich wird der Kontakt zu ihrer Familie unterbunden. Aber auch aus Scham, dass sie gescheitert sind, brechen sie den Kontakt zu ihrer Familie ab, wie es bei Jacqueline der Fall ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim n\u00e4chsten Beispiel sieht das Szenario der Suche ganz anders aus, denn nicht die Familie eines verschwundenen Migranten, sondern dieser selbst sucht seine Familie und bittet mit diesem Ziel Ruben um Hilfe. Dabei handelt es sich um Carlos, der auch aus Honduras kommt und wie so viele aus finanziellen Gr\u00fcnden und Perspektivlosigkeit seine Heimat sowie seine Familie verl\u00e4sst. Auch er kommt nie in den USA an und verbleibt in Mexiko. Denn Carlos wurde ausgeraubt, sein Handy geklaut und er konnte deswegen keinen Kontakt zu seiner Familie im weit entfernten Honduras aufbauen (vgl. Hern\u00e1ndez 2017: o.S.).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Erst 10 Jahre sp\u00e4ter wird er seine Mutter wieder in die Arme schlie\u00dfen k\u00f6nnen. Nach 10 Jahren ohne Kontakt. 10 Jahre in der seine Familie in Ungewissheit geblieben ist, was mit ihm geschehen ist, ob er tot oder doch noch lebendig ist. Als Ruben Carlos Mutter Doris findet, zeigt er ihr eine Videobotschaft ihres Sohnes. Dies stellt ein Moment der Erleichterung dar, eine Befreiung von den Zweifeln und Sorgen der langen Jahre. Es ist eine sehr emotionale Szene, in der Doris, jedoch besonders Carlos Geschwister von Emotionen \u00fcberrollt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber trotzdem erschwert die prek\u00e4re finanzielle Lage ein Wiedersehen der Familie. Dies ist nicht nur f\u00fcr diese Familie, sondern f\u00fcr die meisten aus mittelamerikanischen L\u00e4ndern, wie Guatemala, El Salvador oder beispielsweise Honduras der Fall. Ein weiterer Faktor, der die Reise und das damit verbundene Wiedersehen erschwert, ist die immerw\u00e4hrende Gefahr, die von der Migrationsroute ausgeht und die besonders f\u00fcr alleinreisende M\u00fctter zum Hindernis wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Aufgrund dessen organisiert&nbsp;<em>Movimiento Migrante Mesoamericano<\/em>jedes Jahr eine Karawane nach Mexiko, um verschwundene Migrant*innen gemeinsam zu suchen sowie treffen zu k\u00f6nnen. Diese nennt sich \u201eCaravana de Madres de Migrantes Desaparecidos\u201d und ist seit 15 Jahren eine Initiative der Bewegung, der sich&nbsp;meist M\u00fctter, aber auch weitere Familienmitglieder anschlie\u00dfen um ihr gemeinsames Ziel, nach den Verschwundenen zu suchen, verfolgen und dabei eine typische Migrationsroute \u00fcber Mexiko bereisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Marta Sanchez Soler ist Mitgr\u00fcnderin des&nbsp;<em>Movimiento Migrante Mesoamericano<\/em>und das Gesicht der Bewegung. Sie schreibt, dass die Ziele der Bewegung darin bestehen, f\u00fcr die Rechte von Arbeiter*innen sowie Migrant*innen zu k\u00e4mpfen, die gleichzeitig Opfer und Leidtragende des Neoliberalismus sind. Die Bewegung organisiert jedoch nicht nur die Karawane, sondern setzt sich auf vielf\u00e4ltige Weise f\u00fcr die Rechte von Migrant*innen, besonders in den Amerikas, aber auch weltweit ein. Dabei wird das System des Neoliberalismus, der Nationalstaaten und das Denken in nationalen und territorialen Grenzen angeprangert und die Ausbeutung der Bodensch\u00e4tze sowie Arbeitskr\u00e4fte besonders in L\u00e4ndern des globalen S\u00fcdens kritisiert, welche das grundlegende Problem und somit den Ausl\u00f6ser f\u00fcr Migrationsstr\u00f6me darstellt. Sie m\u00f6chten eine \u00f6ffentliche Wahrnehmung f\u00fcr die genannten Probleme, die beispielsweise durch die Karawane, die nicht nur einen Suchtrupp sondern gleichzeitig ein Demonstrationszug darstellt, generieren. (Vgl. Movimiento Migrante Mesoamericano o.J. : o.S.)<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bewegung besteht aus einer Vielzahl von Menschen und Organisationen. Dies wird auch in der Dokumentation deutlich. In dieser sehen wir innerhalb der Karawane viele Banner, Aufschriften auf T-Shirts und Plakate, die darauf hinweisen, dass diese auch in Kooperation mit anderen Organisationen gestaltet wird. Eine dieser beteiligten stellt COFAMIDE, Comit\u00e9 de Familiares de Migrantes Fallecidos y Desaparecidos de El Salvador, dar.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Karawane und die mitarbeitenden Organisationen machen es Familien m\u00f6glich auf die Suche nach verschwundenen Familienmitgliedern zu gehen. Nicht nur, da es durch die gro\u00dfe Menschenmasse um einiges sicherer ist, sondern auch aufgrund von finanzieller Unterst\u00fctzung. Zudem erregt sie viel Aufmerksamkeit und die erw\u00fcnschte \u00f6ffentliche Wahrnehmung. Der Film zeigt nicht nur wie die Familienmitglieder durch die Stra\u00dfen Mexikos ziehen, sondern auch ihre Aktivit\u00e4ten w\u00e4hrend der Reise. Die Suchenden sind bewaffnet mit vergr\u00f6\u00dferten und laminierten Fotografien, die an \u00f6ffentlichen Orten ausgestellt werden. Dazu berichten sie \u00fcber die Vermissten, ihre Erfahrungen, ihren Schmerz. Eine Mutter stellt klar, dass ihr Sohn kein Verbrecher ist. (Vgl. Gohari, Mattei 2017:&nbsp; 42:20-42:32) Dies ist ein typisches Bild, das von Migrant*innen, besonders aus einer US-amerikanischen Perspektive gezeichnet wird. Des Weiteren bekommen wir einen Einblick, an welchen Orten typischerweise gesucht wird. Eine Anlaufstelle sind Gef\u00e4ngnisse, in denen h\u00e4ufig Migrant*innen aus verschiedensten Gr\u00fcnden festgehalten werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie schon deutlich wurde gibt es mehrere Vorgehensweisen und Strategien auf der Suche nach Verschwundenen. M\u00f6glichkeiten bestehen durch Befragungen, Radiodurchsagen, aber auch durch Initiativen der Familien oder der Verschwundenen selbst. Auch das gemeinsame Suchen in der Karawane ist eine davon.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt wird deutlich, dass es viele Probleme bei diesen Prozessen gibt. Eines, welches im Film sichtbar wird ist, dass die Fotografien der Verschwundenen bei der Suche nicht mehr aktuell sind. Dies hat zur Folge, dass die Personen hinter den Fotos von Befragten teilweise nicht wiedererkannt werden. Au\u00dferdem werden, wie am Beispiel von Jacqueline deutlich wird, Namen abgelegt und stattdessen andere verwendet oder die Verschwundenen sind unter Spitznamen bekannt. Diese Faktoren erschweren die Suche immens. Meist berichten die Hinterbliebenen von einem letzten Lebenszeichen, welches viele Jahre zur\u00fcckliegt. Dementsprechend sind die Information veraltet sowie l\u00fcckenhaft. Au\u00dferdem gibt es eine Vielzahl an F\u00e4llen von Verschwundenen und das damit verkn\u00fcpfte Problem der Finanzierung der Suche, nicht nur aus famili\u00e4rer, sondern auch aus der Perspektive von Hilfsorganisationen, da diese auf Spenden angewiesen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Auff\u00e4llig ist au\u00dferdem, dass in der Dokumentation h\u00e4ufig ruhige Landschafts-, Stadt oder Dorfbilder gezeigt werden. Dadurch strahlt die Dokumentation eine gewisse Ruhe aus und wirkt angesichts der gewaltt\u00e4tigen Umst\u00e4nde, in denen sich die Migrant*innen befinden weniger bedrohlich. Ein Beispiel daf\u00fcr ist die Szene zu \u201eLa Bestia\u201d. Dieser G\u00fcterzug ist die einzige M\u00f6glichkeit und Hoffnung vieler Migrant*innen in die USA zu gelangen. Die gr\u00fcnen und idyllischen Szenen, die der Film in diesem Kontext zeigt, tr\u00fcgen, da es oft zu Unf\u00e4llen kommt bei denen Migrant*innen unter die R\u00e4der der Bestie gelangen und dadurch Extremit\u00e4ten oder sogar ihr Leben verlieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Des Weiteren werden&nbsp; Szenen in der Dokumentation gek\u00fcrzt sowie angepasst und dadurch ihre \u201eAuthentizit\u00e4t\u201d in Frage gestellt. Dies wird besonders am Beispiel des Wiedertreffens von Carlos und seiner Mutter deutlich. Im ungeschnittenen Video (s. Hern\u00e1ndez 2017: o.S.) ist die Umarmung beim Wiedersehen zwischen den beiden viel l\u00e4nger als in der Dokumentation dargestellt. Auch Rubens Suchreisen&nbsp; werden in Zeitraffung gezeigt. Es ist nat\u00fcrlich klar, dass ein Film von 50 Minuten nicht jede Einzelheit darstellen kann, jedoch gehen dadurch viele wesentliche Informationen verloren, was wiederum zu einem verf\u00e4lschten Bild der Komplexit\u00e4t von Migrationsprozessen f\u00fchren kann. In unseren Augen w\u00e4re es sinnvoller gewesen, dass die Dokumentation nur einen Fall, daf\u00fcr jedoch ausf\u00fchrlicher behandelt und geschildert h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiterer Kritikpunkt am Film ist, dass die vielschichtigen Gr\u00fcnde, wieso die Migrant*innen verschwinden kaum erl\u00e4utert werden. Nur anhand der Sekund\u00e4rliteratur sowie weiterer Recherche wurden diese Gr\u00fcnde und Prozesse deutlich. Haupts\u00e4chlich stecken kriminelle Banden oder sogar die Regierung dahinter. Viele dieser gesuchten Menschen werden ausgeraubt und get\u00f6tet. Die Leichen k\u00f6nnen anhand der fehlenden Dokumente nicht identifiziert werden oder werden in Massengr\u00e4ber deponiert. Oftmals brechen die Gesuchten den Kontakt zu ihrer Familie freiwillig ab, aus Scham, dass sie an ihrem Ziel gescheitert sind. Ein weiterer Punkt ist, dass die Migrationspolitik im Film nicht angesprochen wird. Dadurch bleiben viele Fragen offen. Die im Film gezeigten Polizisten wirken auch nicht seri\u00f6s, da sie bei Fragen, die Ruben stellt oftmals stottern, lange brauchen bis sie eine Antwort finden oder gar keine Auskunft geben k\u00f6nnen. Auch stellt sich die Frage, ob Polizist*innen und Einwohner*innen auch so freundlich und hilfsbereit gegen\u00fcber Ruben w\u00e4ren, w\u00e4re das Kamerateam nicht dabei gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Quellen:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gohari, Alex und Mattei, L\u00e9o (2017):&nbsp;<em>Mexiko: Den Weg Verloren<\/em>. Verf\u00fcgbar unter:&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.arte.tv\/de\/videos\/090255-000-A\/mexiko-den-weg-verloren\/\">https:\/\/www.arte.tv\/de\/videos\/090255-000-A\/mexiko-den-weg-verloren\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Hern\u00e1ndez, Israel (2017):&nbsp;<em>Doris L\u00f3pez se reencuentra con su hijo Carlos Roberto tras diez a\u00f1os de ausencia<\/em>. Verf\u00fcgbar unter: https:\/\/movimientomigrantemesoamericano.org\/2017\/12\/12\/doris-lopez-se-reencuentra-con-su-hijo-carlos-roberto-tras-diez-anos-de-ausencia\/ (abgerufen am 29.07.21)<\/p>\n\n\n\n<p>Movimiento Migrante Mesoamericano (o.J.):&nbsp;<em>Movimiento Migrante Mesoamericano<\/em>.&nbsp;<em>Caravana de Madres de Migrantes Desaparecidos.&nbsp;<\/em>Verf\u00fcgbar unter: https:\/\/movimientomigrantemesoamericano.org\/acerca-de\/ (abgerufen am 29.07.2021)<\/p>\n\n\n\n<p>Plate, Markus (2021):&nbsp;<em>Das seltsame Verschwinden zehntausender Menschen<\/em>. Verf\u00fcgbar unter: https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/migranten-in-mexiko-das-seltsame-verschwinden-zehntausender.724.de.html?dram:article_id=495161 (abgerufen am 26.07.2021)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geschrieben von: Aleksandra Stojanoska und Mariana Dopfer Warum verschwinden so viele Migrant*innen in Mexiko und was steckt dahinter? 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