{"id":1198,"date":"2024-09-11T14:05:29","date_gmt":"2024-09-11T12:05:29","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/?p=1198"},"modified":"2024-09-22T10:57:44","modified_gmt":"2024-09-22T08:57:44","slug":"die-verflechtungen-von-emotionen-und-migration-am-beispiel-von-haitianischen-gefluechteten-in-der-karibik-und-darueber-hinaus-eine-lektuereempfehlung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/2024\/09\/11\/die-verflechtungen-von-emotionen-und-migration-am-beispiel-von-haitianischen-gefluechteten-in-der-karibik-und-darueber-hinaus-eine-lektuereempfehlung\/","title":{"rendered":"Die Verflechtungen von Emotionen und Migration am Beispiel von haitianischen Gefl\u00fcchteten in der Karibik und dar\u00fcber hinaus: Eine Lekt\u00fcreempfehlung"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Edwidge Danticat\u2019s Kurzgeschichte \u201eWithout Inspection\u201c \u00fcber Erfahrungen von Flucht, Rassismus und Trauma haitianischer Gefl\u00fcchteter in der Karibik<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Vor mehr als 200 Jahren begann die Haitianische Revolution in der damaligen franz\u00f6sischen Kolonie Saint-Domingue, die in der Unabh\u00e4ngigkeit Haitis als erstes lateinamerikanisches Land resultierte. Die Haitianische Revolution als eine von ehemaligen Schwarzen Sklaven angef\u00fchrte Revolution wurde von vielen Historiographen zu der Zeit zun\u00e4chst als ein undenkbares, unm\u00f6gliches Ereignis gesehen (Trouillot, 2012, 73). Aus einer Verzweigung von Rassismus, Diskriminierung und Kolonialismus wurde ein Rahmen erschaffen, in dem manche Menschen weniger menschlich waren als andere, manchen Menschen Agency zugeschrieben, w\u00e4hrend sie anderen entzogen wurde (Trouillot, 2012, 77). Die Revolution auf Haiti war ein Ereignis, das diesen Rahmen sprengte und die Ideologie und das System, auf dem die Sklaverei in den Amerikas basierte, beispiellos herausforderte. Die Revolution hatte jedoch ihren Preis. Frankreich wollte Haiti nur im Gegenzug f\u00fcr hohe Reparationszahlungen f\u00fcr den Verlust der Kolonie anerkennen, die gravierende Folgen f\u00fcr die wirtschaftliche Entwicklung des Landes nach sich zogen. Dar\u00fcber hinaus wurde Haiti in den folgenden Jahrzehnten \u00f6konomisch als auch politisch isoliert, die Revolution totgeschwiegen und in den Geschichtsb\u00fcchern ignoriert, weil viele Kolonialstaaten Aufst\u00e4nde von versklavten Menschen in anderen Teilen der Amerikas f\u00fcrchteten (Boatc\u0103 &amp; Santos, 2023, 137). Die Folgen dieser politischen und \u00f6konomischen Isolation sind heute noch im Land zu sp\u00fcren. Laut dem Henley Passport Index k\u00f6nnen haitianische Staatsb\u00fcrger*innen nur in 55 L\u00e4nder visafrei einreisen und liegen damit in den Amerikas ganz hinten (Henley Passport Index, 2024).<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/files\/2024\/09\/image.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"910\" height=\"624\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/files\/2024\/09\/image.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1199\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/files\/2024\/09\/image.png 910w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/files\/2024\/09\/image-300x206.png 300w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/files\/2024\/09\/image-768x527.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 910px) 100vw, 910px\" \/><\/a><figcaption>Darstellung der Schlacht von Ravine-\u00e0-Couleuvres, w\u00e4hrend der haitianischen Revolution, 1802. Quelle: Karl Girardet, Public domain, via Wikimedia Commons, Lizenz: gemeinfrei<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>In der Kurzgeschichtensammlung \u201eEverything Inside\u201c besch\u00e4ftigt sich die haitianische Autorin Edwidge Danticat im Verlauf von acht bewegenden Kurzgeschichten mit Themen, die das Land und ihre Menschen besch\u00e4ftigen. In \u201eThe Old Days\u201c begibt sich eine junge Frau auf eine Reise in ihre Vergangenheit und m\u00f6chte ihren im Sterben liegenden Vater besuchen, den sie bisher nie kennengelernt hat. Ihre Eltern haben sich vor ihrer Geburt getrennt, weil ihr Vater zur\u00fcck nach Haiti ziehen wollte, w\u00e4hrend ihre Mutter eine Hoffnung auf ein erf\u00fclltes Leben auf der Insel aufgegeben hat. Sie fliegt nach Miami und lernt einen Teil ihrer Familie kennen, der ihr einen neuen Blickwinkel auf ihre Herkunft liefert (Danticat, 2020, 39). In dieser Kurzgeschichte spielen Emotionen \u00fcber den Verlust einer Heimat, einer Familie und einer gl\u00fccklichen Zukunft eine tragende Rolle, die in allen Kurzgeschichten dieser Sammlung fortgef\u00fchrt werden. Die Rolle von Emotionen in der Migrationsforschung ist relevant und wurde bereits von Boccagni &amp; Baldassar (2015) untersucht. Aufgrund der K\u00fcrze des Blogartikels, werde ich nur eine Literaturanalyse in Hinblick auf die Rolle von Emotionen in der Kurzgeschichte von Danticat anrei\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Bedeutung von Emotionen in der Migrationsforschung<\/h2>\n\n\n\n<p>Laut Boccagni &amp; Baldassar (2015) werden Emotionen in der Migrationsforschung im Allgemeinen au\u00dfer Acht gelassen und \u00fcbersehen, obwohl sie in vielen Aspekten, wie beispielsweise bei der Entscheidung, \u00fcberhaupt zu migrieren eine tragende Rolle spielen und das Leben der in Diaspora lebenden Menschen stark beeinflussen:<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;The process of migration may result in transformation of emotional life through hybrid and contrapuntal cultures of emotion or emotional trajectories brought about by emotions on the move and out of place&#8220; <\/em>(74).<\/p>\n\n\n\n<p>Traditionelle Migrationstheorien betonen \u00fcberwiegend die wirtschaftlichen Beweg-gr\u00fcnde, die demnach bei der Migrationsentscheidung als bedeutsamer angesehen werden, und im direkten Gegensatz zu vermeintlich \u201eirrationalen\u201c emotionalen Motiven stehen (76). Boccagni &amp; Baldassar (2015) argumentieren, dass dieser eindimensionale Fokus auf die wirtschaftlichen Faktoren die Rolle von Emotionen in der Migration vernachl\u00e4ssigt, die die \u201ecapitalist logic\u201c (77) von \u00f6konomischen Beweggr\u00fcnden herausfordern kann. Aus diesem Grund m\u00fcssen sowohl die \u00f6konomischen als auch emotionalen Faktoren ber\u00fccksichtigt werden, um eine vollst\u00e4ndiges Analyse durchf\u00fchren zu k\u00f6nnen. Auch in Fragen von Identit\u00e4t und Zugeh\u00f6rigkeit bietet das Feld der Emotionsforschung eine gro\u00dfe Bandbreite an Analysem\u00f6glichkeiten in Bezug auf Migrations- und Diasporaforschung (74).<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/files\/2024\/09\/image-1.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/files\/2024\/09\/image-1-edited.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1201\" width=\"297\" height=\"409\" \/><\/a><figcaption>Buchcover<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Emotionale Verflechtungen in \u201eWithout Inspection\u201c<\/h2>\n\n\n\n<p>\u201eWithout Inspection\u201c ist die letzte Kurzgeschichte in Danticat\u2019s Sammlung \u201eEverything Inside\u201c und beschreibt die Gedanken von Arnold in den letzten Momenten vor seinem Tod, als er von einem Ger\u00fcst in einen Zementmixer st\u00fcrzt. Arnold ist ein haitianischer Gefl\u00fcchteter, der in Miami wohnt und dort auf einer Baustelle arbeitet. Als junger Erwachsener ist Arnold mit dem Boot nach Miami gekommen. Die gef\u00e4hrliche Reise dauerte vier Tage, die Passagiere hatten kein Essen und Wasser mehr und wurden vor der K\u00fcste Miamis aufgefordert, ins Wasser zu springen und zum Ufer zu schwimmen. Dabei sind vier Frauen, die mit ihm gereist sind, im Meer ertrunken. Am Ufer empf\u00e4ngt ihn eine haitianische Frau namens Darline, die ihn vor der Polizei rettet und ihm schlie\u00dflich hilft, ein Leben in Miami aufzubauen. Darline ist ebenfalls eine haitianische Gefl\u00fcchtete, die auf die gleiche Weise wie Arnold mit dem Boot in die USA gekommen ist. W\u00e4hrend ihrer Reise musste sie ihren Sohn Paris vor dem Ertrinken retten, w\u00e4hrend ihr Mann im Wasser ertrank. In der Kurzgeschichte werden schwere Schicksale verschiedener Menschen dargestellt, die trotz aller Ereignisse und Hindernisse versuchen, ihr Leben in einer fremden Umgebung fortzuf\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Da Arnold ohne Papiere in den USA angekommen ist, musste er den Namen Ernesto Fernandez von Santiago de Cuba annehmen, um auf der Baustelle arbeiten zu k\u00f6nnen (Danticat, 2020, 212). Im Verlauf der Geschichte befasst er sich st\u00e4ndig mit Fragen der Zugeh\u00f6rigkeit und Identit\u00e4t in seinem neuen Leben in Diaspora und entwickelt eine pers\u00f6nliche, famili\u00e4re Beziehung zu Darline und Paris. Paris erkennt ihn als Vaterfigur an und sie nehmen ihn als Teil ihrer Familie auf, wodurch neue emotionale Verbindungen erschaffen werden, die u.a. durch \u201eemotional trajectories brought about by emotions on the move and out of place\u201c (Boccagni &amp; Baldassar, 2015, 74) verursacht worden sind. In diesem Fall spielen Emotionen in Bezug auf das Leben in der Diaspora eine entscheidende Rolle. Besonders an diesem Beispiel wird die stigmatisierte Position von haitianischen Gefl\u00fcchteten in der US-amerikanischen Gesellschaft deutlich. H\u00e4ufig erfahren haitianische Staatsb\u00fcrger*innen eine mehrdimensionale Diskriminierung aufgrund ihrer Herkunft und aufgrund von <em>anti-black racism<\/em>.&nbsp; Der Rassismuss wird nicht nur an dieser Stelle deutlich, an der Arnold einen anderen Namen annehmen muss, um auf der Baustelle arbeiten zu k\u00f6nnen, sondern auch durch zahlreiche andere Referenzen in der Geschichte. Als Darline Arnold am Strand vor der ankommenden Polizei rettet, spricht sie \u00fcber ein spezielles Gef\u00e4ngnis \u201eKrome\u201c (Danticat 2020: 204) nur f\u00fcr Menschen, wie sie, in das er von der Polizei gebracht worden w\u00e4re. Hierbei handelt es sich um eine Referenz zum \u201eKrome Detention Center\u201c in Miami, Florida, das f\u00fcr sexuelle \u00dcbergriffe, Gewalt, Diskriminierung an Schwarzen Migrant*innen 2021 bekannt geworden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Darline\u2019s Lebensgeschichte untermalt die Bedeutung von Emotionen und Migration. Sie kommt aus der Region Latibonit im Nordwesten Haitis. Der Traum ihres verstorbenen Ehemanns war es, irgendwann einmal nach Paris zu gehen, sodass sie auch ihren Sohn nach der franz\u00f6sischen Stadt benannt haben (Danticat, 2020, 208). Deswegen basierte der Grund f\u00fcr die Entscheidung der Familie, Haiti zu verlassen nicht nur auf \u00f6konomischen, sondern auch emotionalen Motivationen (Boccagni &amp; Baldassar, 2015, 77).<\/p>\n\n\n\n<p>In der Kurzgeschichte wird deutlich, dass Darline und die anderen Charaktere weiterhin eine starke emotionale Verbindung zu ihrer Heimat aufrechterhalten. Arnold erinnert sich w\u00e4hrend seines Falls daran, dass Darline w\u00e4hrend ihrer Arbeit im haitianischen Restaurant oft ein Lied im haitianischen Creole singt, das die wundersch\u00f6nen Sonnenunterg\u00e4nge in ihrer Heimat beschreibt. Trotz des tragischen Todes von Arnold, endet die Kurzgeschichte mit Hoffnung. Danticat (2020) schreibt: \u201eThere are loves that outlive lovers [\u2026] He would continue to hum along with Darline\u2019s song, and keep whispering in Paris\u2019s ear\u201d (219). Die hier angerissene Geschichte ist nur eine von vielen, repr\u00e4sentiert jedoch das Schicksal vieler Menschen, die auf dem Weg \u00fcber den Atlantik ihr Leben verloren haben.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Referenzen<\/h2>\n\n\n\n<p>Boatc\u0103, M. &amp; Santos, F. (2023). Of Rags and Riches in the Caribbean: Creolizing Migration Studies. <em>Journal Of Immigrant &amp; Refugee Studies<\/em>, 21(2), 132\u2013145.<\/p>\n\n\n\n<p>Boccagni, P. &amp; Baldassar, L. (2015).&nbsp; Emotions on the move: Mapping the emergent field of emotion and migration.&nbsp;<em>Emotion, Space And Society<\/em>,&nbsp;<em>16<\/em>, 73\u201380<\/p>\n\n\n\n<p>Danticat, E. (2020). Without Inspection. In E. Danticat (Eds.), <em>Everything Inside: Stories <\/em>(pp. 199- 219). Alfred A. Knopf.<\/p>\n\n\n\n<p>Henley &amp; Partners (n.d.). <em>The Henley Passport Index<\/em>. Aufgerufen August 3, 2024, from &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; https:\/\/www.henleyglobal.com\/passport-index\/ranking<\/p>\n\n\n\n<p>Trouillot, M. (2012). An Unthinkable History: The Haitian Revolution as a Non-Event. In <em>Routledge eBooks <\/em>(S. 43\u201364).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Edwidge Danticat\u2019s Kurzgeschichte \u201eWithout Inspection\u201c \u00fcber Erfahrungen von Flucht, Rassismus und Trauma haitianischer Gefl\u00fcchteter in der Karibik Vor mehr als 200 Jahren begann die Haitianische Revolution in der damaligen franz\u00f6sischen Kolonie Saint-Domingue, die in der Unabh\u00e4ngigkeit Haitis als erstes lateinamerikanisches Land resultierte. 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