{"id":1324,"date":"2024-10-14T22:38:04","date_gmt":"2024-10-14T20:38:04","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/?p=1324"},"modified":"2024-10-14T22:48:39","modified_gmt":"2024-10-14T20:48:39","slug":"gloria-anzaldua-eine-queer-feministische-perspektive-auf-die-bedeutung-von-grenzen-aus-sicht-einer-chicana-schriftstellerin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/2024\/10\/14\/gloria-anzaldua-eine-queer-feministische-perspektive-auf-die-bedeutung-von-grenzen-aus-sicht-einer-chicana-schriftstellerin\/","title":{"rendered":"Gloria Anzald\u00faa &#8211; Eine queer-feministische Perspektive auf die Bedeutung von Grenzen aus Sicht einer Chicana-Schriftstellerin"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><em>&#8222;As a mestiza I have no country, my homeland cast me out; yet all countries are mine because I am every woman&#8217;s sister or potential lover. (As a lesbian I have no race, my own people disclaim me; but I am all races because there is the queer of me in all races). I am cultureless because, as a feminist, I challenge the collective cultural\/religious male-derived beliefs of Indo-Hispanics and Anglos; yet I am cultured because I am participating in the creation of yet another culture, a new story to explain the world and our participation in it, a new value system with images and symbols that connect us to each other and to the planet.\u201d<\/em> <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">(Anzald\u00faa, 2012, S. 102-103)<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Zitat veranschaulicht Gloria Anzald\u00faas kritische und vielf\u00e4ltige Perspektive auf Identit\u00e4t, Zugeh\u00f6rigkeit und Grenzen und macht sichtbar, inwiefern sie sich mit den einzelnen Kategorien verbunden und gleichzeitig davon ausgeschlossen f\u00fchlt. In ihren Texten schreibt Anzald\u00faa \u00fcber pers\u00f6nliche Sachverhalte, die zugleich politisch sind und verwendet dabei eine poetische, metaphorische Sprache, die sich klar von klassischen wissenschaftlichen Arbeiten differenziert. Dadurch vermittelt sie Inhalte nicht nur auf sachlicher sondern auch auf emotionaler Ebene und er\u00f6ffnet einen Zugang zu ihrem Wissen und den Perspektiven, die sie durch ihre Identit\u00e4t als queere migrantisierte Person gewonnen hat. Anzald\u00faa unterscheidet sich durch ihren Schreibstil wesentlich von anderen Autor*innen, weshalb sie f\u00fcr die Thematik dieses Blogs als besonders spannend erachtet wurde. Dar\u00fcber hinaus liegt die Intention dieses Artikels darin, genauer darzulegen, was konkret Gloria Anzald\u00faa als Autorin auszeichnet und die Kernelemente ihres Werkes <em>Borderlands\/La Frontera: The New Mestiza<\/em> hinsichtlich der Bedeutung von Grenzen zu analysieren.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gloria Anzald\u00faa als Kritikerin von Marginalisierung und kulturellem Bin\u00e4rsystem<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gloria Anzald\u00faa (*1942, \u20202004)<em> <\/em>war eine lesbische<em> <\/em>Chicana-Schriftstellerin, Gelehrte und Aktivistin (Saraiva Palmeira, 2020). Sie wurde in Texas geboren, wo sie an der Grenze zu Mexiko am R\u00edo Grande in einer&nbsp; Bauernfamilie aufwuchs. Bereits als Jugendliche engagierte sie sich aktivistisch f\u00fcr die Belange der Chicana-Community. Als erstes Mitglied ihrer Familie studierte sie an der University of Texas-Pan American die F\u00e4cher Englisch, Kunst und Sekundarschulwesen und absolvierte danach einen Master in Englisch und Bildungswissenschaften an der University of Texas in Austin (ebd.).<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend ihrer akademischen Ausbildung in den 60er-Jahren kam sie mit den, zur damaligen Zeit vorherrschenden, feministischen Theorien im nordamerikanischen Raum in Ber\u00fchrung (Saraiva Palmeira, 2020). Nach ihrer Studienzeit setzte sie sich vertieft kritisch mit diesen auseinander. Ihre Kritik richtete sich gegen den Ausschluss der Realit\u00e4ten von Women of Color im Verst\u00e4ndnis dieser feministischen Theorien (ebd.). Anzald\u00faa bem\u00e4ngelte, dass die Autor*innen nicht differenzierten, dass sich die Realit\u00e4ten von Women of Color stark von den Erfahrungen <em>wei\u00dfer <\/em>Frauen unterscheiden und mit Diskriminierungen auf mehreren Ebenen einhergehen (Saraiva Palmeira, 2020; Nasser, 2021).<\/p>\n\n\n\n<p>In den 1980er-Jahren ver\u00f6ffentlichte sie zu dieser Thematik zwei ihrer erfolgreichsten B\u00fccher: <em>This Bridge Called My Back<\/em> (1983) und <em>Borderlands\/La Frontera: The New Mestiza<\/em> (1987) (Saraiva Palmeira, 2020). In ihren Werken besch\u00e4ftigt sich Anzald\u00faa ausf\u00fchrlich mit den Kategorien Race, Ethnicity und Gender sowie der Bedeutung von Grenzen im Zusammenhang mit Identit\u00e4tsprozessen (Martins Dos Santos &amp; Santos de Souza, 2022). Die Erfahrungen, die Anzald\u00faa als lesbische Chicana gemacht hat &#8211; aufgewachsen im Grenzraum zwischen Mexiko und den USA und sozialisiert in einer konservativen und stark patriarchalen Gemeinschaft &#8211; haben sie ma\u00dfgeblich beeinflusst (Martins Dos Santos &amp; Santos de Souza, 2022; Nasser, 2021). Ebenso pr\u00e4gten sie das Verlassen dieser und ihr Leben als Woman of Color in einer <em>wei\u00dfen<\/em>, m\u00e4nnlich dominierten Gesellschaft, welche zusammen die Grundlage ihrer Theorien bilden (Nasser, 2021; Saraiva Palmeira, 2020).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Anzald\u00faas Theorien zu Grenzr\u00e4umen und \u201c<em>mestiza <\/em>consciousness\u201d hat in wissenschaftlichen Disziplinen wie den Kulturwissenschaften, der Ethnologie und den Gender- und Border Studies neue Perspektiven entwickelt und werden nach wie vor in intellektuellen Kreisen und an Universit\u00e4ten weitreichend anerkannt und diskutiert (Nasser, 2021).\u00a0\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Bedeutung von Grenzen in Anzald\u00faas Werk Borderlands\/La Frontera: The New Mestiza<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Auseinandersetzung mit Grenzen bzw. Grenzr\u00e4umen und dessen Auswirkung auf Identit\u00e4tsprozesse sind ein fundamentaler Bestandteil in Anzald\u00faas Werken (Nasser, 2021). Anzald\u00faa erl\u00e4utert in ihrem Buch Borderlands\/La Frontera, dass sie den Begriff Grenze nicht lediglich als physische Trennung, sondern als symbolische Grenze betrachtet, welche die sexuelle, spirituelle, politische und ethnische Dimension von Identit\u00e4t und Erfahrungen eines Individuums widerspiegelt (Saraiva Palmeira, 2020).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Kontext bezieht sich Anazald\u00faa mit dem Begriff Grenze auf die Diskriminierung, die Frauen erfahren, die in Mexiko geboren sind und in den USA leben sowie Frauen, die in den USA geboren sind und eine mexikanische Mirgationsbiografie haben. Die Autorin begreift die Grenze als Ort der Komplexit\u00e4t, Widerstand, Trennung und M\u00f6glichkeiten und Flexibilit\u00e4t im Hinblick auf die Definition von Nation, Kultur und Gender (ebd.).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Am Beispiel der Kategorie <em>mestiza<\/em> erl\u00e4utert Anzald\u00faa, dass soziale Kategorien und somit Grenzen nicht gradlinig verlaufen, sondern, dass mit der Klassifikation <em>mestiza <\/em>Diskriminierung und Privilegien einhergehen und sie sich als <em>mestiza <\/em>in dem Raum zwischen diesen beiden Polen bewegt. Weiterhin argumentiert sie, dass sie sich aufgrund ihrer <em>mestiza<\/em>-Identit\u00e4t nicht nur einer Seite der jeweiligen Grenze zuordnen kann, sondern, dass sie eine Pluralit\u00e4t an Zugeh\u00f6rigkeiten empfindet und dadurch verschiedene Perspektiven auf Grenzen entwickelt. Das bezeichnet Anzaldua als \u201c<em>mestiza<\/em> consciousness\u201d (Nasser, 2021) .&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiteres Beispiel f\u00fcr die mehrdimensionale Bedeutung von Grenzen ist Sprache. In ihrem Buch Borderlands vermischt Anzald\u00faa beim Schreiben vier verschiedene Sprachen: Englisch, kastilisches Spanisch, nordmexikanischen spanischen Dialekt und Nahuatl (Ar, 2021). Dieser verschmolzene Sprachgebrauch hat sich innerhalb der Chicana-Community etabliert, findet allerdings au\u00dferhalb dieser wenig Anerkennung. Anzald\u00faa verdeutlicht daran erneut, wie&nbsp; Grenzen zwischen verschiedenen R\u00e4umen verschwimmen und wie sehr Sprache mit sozialer Herkunft, Klasse, politischen Positionen und Race verbunden sind und plurale Lebensrealit\u00e4ten widerspiegeln (Saraiva Palmeira, 2020).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Zusammenhang argumentiert sie au\u00dferdem, dass die Klassifizierung und Attribuierung von <em>mestiza<\/em> oder\u00a0 Woman of Color eine <em>wei\u00dfe<\/em>, m\u00e4nnliche, cisheteronormative, der Mittelklasse angeh\u00f6rende Norm ist und Othering reproduziert, mit der Intention Marginalisierte von der Norm abzugrenzen (Ar, 2021; Saraiva Palmeira, 2020)<em>. <\/em>Dies verdeutlicht Azald\u00faa in folgendem Zitat:<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><em>\u201cUnaware of privilege and absorbed in arrogance, most writers from the dominant culture never specify their identity; I almost never hear them say: I am a white writer. If the writer is middle-class, white, heterosexual, he\/she is crowned with the title of writer -without any mitigating adjective afterward.\u201d<\/em> (Anzald\u00faa, 2012, S. 164)<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Zusammenfassend demonstriert Anzald\u00faa in ihrem Werk <em>Borderlands\/La Frontera: The New Mestiza<\/em> wie komplex und vielschichtig Grenzen und Identit\u00e4ten sind und wie sie sich zwischen Diskriminierung und Privilegien bewegen k\u00f6nnen. Sie m\u00f6chte mit ihren Theorien etablierte bin\u00e4re kulturelle Gegens\u00e4tze ver\u00e4ndern, indem sie die Mehrdeutigkeit dieser nichtlinearen Prozesse aufzeigt.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Referenzen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Anzald\u00faa, Gloria. 2012<strong>.<\/strong> \u201cBorderlands\/La frontera: the new mestiza\u201d. <em>Aunte Lute Books.<\/em> 4. Ed. San Francisco.<\/p>\n\n\n\n<p>Ar, Gamze. 2021. &#8222;The Analysis of Gloria E. Anzald\u00faa\u2019s Borderlands\/ La Frontera.&#8220; <em>Journal of Social Sciences and Humanities Researches<\/em>. Vol. 2 (49).<\/p>\n\n\n\n<p>Arriaga, Mar\u00eda I. 2013. \u201dConstrucciones Discursivas En Los M\u00e1rgenes: Resistencia Chicana En Borderlands\/ La Frontera: The New Mestiza De Gloria Anzald\u00faa Resumen.\u201d <em>Anuario Facultad Ciencias Humanas. <\/em>Vol. 10 (02).<\/p>\n\n\n\n<p>Martins dos Santos, Ana Carolina &amp; Santos de&nbsp; Souza, L\u00edvia. 2022. &#8222;La Resistencia Feminina Atrav\u00e9s De La Po\u00e9tica Chicana&#8220; (Aug.). <em>Revell &#8211; Revista de estudios liter\u00e1rios da UEMS. <\/em>Vol. 2 (32).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nasser, Anna. 2021. &#8222;Borderlands as a Site of Resistance in Gloria Anzald\u00faa&#8217;s Political Thought.&#8220; <em>USAbroad \u2013 Journal of American History and Politics.<\/em> Vol. 4 (03-04).<\/p>\n\n\n\n<p>Saraiva Palmeira, Lara V. 2020. &#8222;Gloria Anzald\u00faa, Uma Chicana Entre-Fronteiras.&#8220; <em>Equatorial \u2013 Revista do Programa De P\u00f3s-Gradua\u00e7\u00e3o Em Antropologia Social<\/em> 7 (12) (02-27).<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;As a mestiza I have no country, my homeland cast me out; yet all countries are mine because I am every woman&#8217;s sister or potential lover. 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