{"id":304,"date":"2016-10-06T16:54:23","date_gmt":"2016-10-06T14:54:23","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/?p=304"},"modified":"2016-10-06T17:02:39","modified_gmt":"2016-10-06T15:02:39","slug":"hier-da-dazwischen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/2016\/10\/06\/hier-da-dazwischen\/","title":{"rendered":"Hier. Da. Dazwischen."},"content":{"rendered":"<h2>Reflexionen zum Diskurs um Flucht und Migration<\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie wird Migration heute gedacht? Dem aus vergangen Jahrhunderten stammenden Bild des Dampfschiffes, mit dem der Ozean \u00fcberquert wird, um in der sogenannten neuen Welt das Gl\u00fcck zu suchen, steht l\u00e4ngst das Bild des kenternden Schlauchboot auf dem Mittelm<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-214 alignleft\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/files\/2016\/09\/IMG_2657-150x150.jpg\" alt=\"IMG_2657\" width=\"178\" height=\"178\" \/>eer gegen\u00fcber. Mit dem Ozeandampfer ist der Gedanke einer gradlinigen Migration verbunden. Ein \u201ef\u00fcr immer\u201c ein \u201ehin\u201c. Von hier nach dort. Ein Moment des Abschieds und einer der Ankunft. Die Fahrt mit dem Schlauchboot ist das Fragment einer Reise, einer Flucht, \u00fcber viele Stationen, vernetzt \u00fcber Smartphones und soziale Medien mit denen, die schon angekommen sind, mit denen, die zur\u00fcckgelassen werden mussten. Ein \u201eweg\u201c. Ein st\u00e4ndiges Navigieren im Raum zwischen Punkten auf einer Landkarte, entlang an Grenzz\u00e4unen bis zur Stelle des geringsten Widerstandes \u00fcber sich \u00e4ndernde Routen, abh\u00e4ngig von Einreisebestimmungen und Asylrichtlinien.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Charakter und die Modalit\u00e4ten von Flucht und Migration haben sich mit der Geschichte in vieler Hinsicht ver\u00e4ndert. Immer noch schwingen jedoch Narrative mit, die auf dem Mythos der einen gro\u00dfen Reise von hier nach dort gr\u00fcnden. Die Idee vom Ende der Reise an einem Ort, an dem man bleibt und ein neues Leben aufbaut, an dem man ankommen kann, macht sicherlich vieles ertr\u00e4glicher. Diese Perspektive bleibt jedoch oberfl\u00e4chlich, denn sie kommt von au\u00dfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erfahrungsberichte von Migrant_innen sowie theoretische Auseinandersetzungen mit Migration zeichnen ein komplexeres Bild, welches oftmals die \u00f6ffentliche Debatte konterkariert, welche auch in sich nicht frei von Widerspr\u00fcchen ist. So wirbt derzeit zum Beispiel Donald Trump in den USA f\u00fcr eine Mauer zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten, w\u00e4hrend die US-Wirtschaft dank widerspr\u00fcchlicher Gesetzgebungen von der Ausbeutung lateinamerikanischer Migrant_innen im Niedriglohnsektor profitiert und US Firmen zu g\u00fcnstigen Konditionen in Mexiko produzieren (Bada 2016). Auch in Europa fehlt es sicher nicht an widerspr\u00fcchlichem Umgang mit dem Thema. Zwischen Willkommenskultur und Abschottung wird emotional diskutiert und polarisiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Seminar, aus dem dieser Blog als eine Form der Ergebnissicherung hervorgeht, trug den Titel \u201eTransnationale Migration und Gender\u201c. Die Vorsilbe \u201etrans\u201c ist im Zusammenhang mit der theoretischen Auseinandersetzung mit Migration und grenz\u00fcberschreitenden Verflechtungen l\u00e4ngst g\u00e4ngig. Transnational und transkulturell haben Adjektive mit den Pr\u00e4fixen <em>inter-<\/em> und <em>multi-<\/em> weitgehend ersetzt und geben in der akademischen Debatte den Ton an. \u201eTrans\u201c impliziert vielschichtige Verbindungen, die \u00fcber Grenzen hinausgehen und herk\u00f6mmliche, oft als homogen konstruierte Einheiten von Nation, Kultur und Identit\u00e4t in Frage stellt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese theoretische Perspektive stellt konkrete Erfahrungen von Migrant_innen in den Mittelpunkt. Das Subjekt selbst bildet sein transnationales soziales Netz von Kontakten, Handlungen, Kommunikation und Bez\u00fcgen. In ihrem Artikel zu peruanischen Migrant_innen in Chile heben Stefoni und Bonhomme (2015) die Familie, die Arbeit und soziale Netzwerke als Kontexte transnationaler Identit\u00e4tsstiftung hervor. Am Beispiel der Lebensgeschichten drei Peruanerinnen wird deutlich, dass ein Wechsel des Wohnorts durch Migration oder Flucht in seiner Auswirkung viel komplexer ist, als ein gradliniger Weg von A nach B, der beginnt und schlie\u00dflich mit dem Moment des Ankommens endet. Vielmehr ist er der Ausgangspunkt vielschichtiger Ver\u00e4nderungen.<\/p>\n<p>Im Moment des Ankommens verschwindet nicht das, was vorher war und wird durch einen neuen Ort ersetzt. So einfach ist das nicht. Es bilden sich neue Bez\u00fcge, neue Ideen, Versionen vom eigenen Leben, von dem Ort der zur\u00fcckgelassen wurde, von dem, was vor einem liegt. Es werden Anker ausgeworfen, es erschlie\u00dfen sich neue R\u00e4ume, neue Kontakte, neue Identit\u00e4tskonzepte und Perspektiven, in denen das Hier und das Dort nicht sauber von einander abgetrennt werden. Es bilden sich ein Dazwischen (Bhabha 1994) und ein Sein, das sich \u00fcber Grenzen hinweg konstruiert (Glick Schiller 1992). Ganz klar ist, dass hier etwas Neues entsteht und verschiedene Formen von Zugeh\u00f6rigkeit produziert werden. Erfahrung von Unvereinbarkeit zwischen Start- und Zielpunkt bilden ein Spannungsfeld, in dem sich ein Teil der Erfahrung von Migration abspielt. Homi Bhabha w\u00fcrde dieses Feld als \u201ethird space\u201c bezeichnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie dieser neu entstehende Raum konstruiert wird h\u00e4ngt von vielf\u00e4ltigen Faktoren ab. In ihm entstehen Strategien der Migrant_innen, um Verbindungen zu ihrem Heimatland sowie zu ihrem neuen Land zu etablieren. Eine Ver\u00e4nderung findet auch an dem Ort statt, der verlassen wurde, er kann sogar der Ort sein, der im Fokus der transnationalen Aktivit\u00e4ten von Migrant_innen steht. Durch R\u00fcck\u00fcberweisungen, politische Aktivit\u00e4t oder direkte Investitionen bildet das Herkunftsland oftmals weiterhin das Zentrum von Engagement oder Zukunftspl\u00e4nen der Migrant_innen. Piscitelli zeigt in ihrer anthropologischen Arbeit zu brasilianischen Sexarbeiterinnen und transnationalem Heiratsmarkt, wie Perspektiven von \u00f6konomischer Unabh\u00e4ngigkeit den Mittelpunkt von Migrationskontexten bilden k\u00f6nnen, die meist mit dem Gegenteil dessen oder sogar mit Menschenhandel in Verbindung gebracht werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Resultat von Migration ist kein \u201eentweder oder\u201c, sondern eine Koexistenz, die den Werten der \u00f6ffentlichen Debatte von Assimilation und reibungsloser Integration gegen\u00fcber steht. Migration ist kein gradliniger Weg, der mit einem vorgefassten Ziel gegangen wird, sondern vielmehr ein Prozess, dessen Bedingungen immer wieder neu ausgehandelt werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der akademische Diskurs \u00fcber Migration versucht, deren Charakter in seiner Vielschichtigkeit zu differenzieren, bleibt die \u00f6ffentliche Debatte in den Medien und der nationalen Politik oftmals im polarisierenden Streit um Grenzz\u00e4une, die Verteilung von Fl\u00fcchtlingen innerhalb Europas und die mehr oder weniger erfolgreiche Integration der Neuank\u00f6mmlinge stecken. Die Perspektive, die hier zum Tragen kommt, ist eine nationale, welche der globalen Dimension von Flucht und Migration und ihren multidirektionalen Auswirkungen nicht gerecht werden kann und daher zu erweitern ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><u>Bibliografie<\/u><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bhabha, H. (1994): The Location of Culture. New York: Routledge.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bada, X.; Gleeson, S. (2014): Estrategias consulares y de la sociedad cevil para mejorar el cumplimento de los derechos laborales de los inmigrantes mexicanos en los Estados Unidos. Conferencia Activismos Transnacionales de Mexico : Una perspectiva multidisciplinar.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bada, X. (2016): Vortrag \u00fcber US Einwanderungspolitik und politische Partizipation mexikanischer Migrant_innen in den USA. Vortrag am LAI der Freien Universit\u00e4t Berlin 2016.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Glick Schiller, N.; Basch, L. and Blanc-Szanton, C. (1992). Transnationalism: A new Analytic Framework for Understanding Migration. In Glick Schiller, N.; Basch, L. and Blanc-Szanton, C. (Eds.), Towards a Transnational Perspective on Migration. Race, Class, Ethnicity and Nationalism Reconsidered (S. 1-24), New York.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Piscitelli, Adriana (2008): Transits: Brazilian women migration in the context of the transnationalization of the sex and marriage markets. Horizontes Antropol\u00f3gicos 4: 101-36.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Stefoni, C.; Bonhomme, M. (2015): Vidas que se tejan en contextos transnacionales. Un recorrido por el trabajo, la familia y las redes sociales. In: Imilan, W.; M\u00e1rquez, F.; Stefoni, C. (ed.) (2015) Rutas migrantes en Chile. Santiago de hile: Ediciones Universidad Alberto Hurtado.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reflexionen zum Diskurs um Flucht und Migration &nbsp; Wie wird Migration heute gedacht? 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