{"id":318,"date":"2016-10-07T22:13:48","date_gmt":"2016-10-07T20:13:48","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/?p=318"},"modified":"2016-10-07T22:13:48","modified_gmt":"2016-10-07T20:13:48","slug":"willkommenskultur-ein-kommentar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/2016\/10\/07\/willkommenskultur-ein-kommentar\/","title":{"rendered":"Willkommenskultur &#8211;  Ein Kommentar"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">Ein jeder kennt die Hoffnung. Man hofft auf einen guten Abschluss, eine gute Arbeit, mehr Geld, den lang ersehnten Urlaub. Ein Anderer hofft offen Rechnung begleichen zu k\u00f6nnen, genug Geld zu haben um die Familie versorgen zu k\u00f6nnen oder einer geliebten Person ein lang versprochenes Geschenk zu erm\u00f6glichen, doch dies wird zur Nebens\u00e4chlichkeit wenn die einzige Hoffnung darin besteht, unabh\u00e4ngig von Hab und Gut, einen Ort Zuhause zu nennen ohne allt\u00e4glicher Angst vor Unterdr\u00fcckung, Verfolgung oder Tod. Man k\u00f6nnte sagen ein Leben ohne jegliche Perspektive.<!--more--> Dort haben Hoffnungen einen vollkommen anderen Stellenwert. Die Hoffnung auf Bildung, Selbstbestimmung, Sicherheit, ein gutes Leben, eine Arbeitsstelle, Geld, mehr Rechte, aber besonders das Hoffen auf ein besseres Leben. Wie das, was man in diesem Moment hat, und insbesondere die Angst vor Erniedrigung, Vergewaltigung, Mord ist der Antrieb Millionen von Menschen. Ihr Leben den Schleppern f\u00fcr mehreren Tausend Euro anzuvertrauen um als Fl\u00fcchtling Asyl in den EU-Staaten zu bekommen. Nach langen, kr\u00e4ftezehrenden und gef\u00e4hrlichen Monaten\/Tagen\/Stunden \u00fcber Land oder Meer gelangen sie an die K\u00fcsten Griechenlands, Italiens und der T\u00fcrkei. Nach dem Ankommen in der EU erfolgt meist die Ern\u00fcchterung, denn Registrierung und stellen eines Asylantrages im Zielland ist nicht einfach, insbesondere nicht durch die Vielzahl an Menschen, die die europ\u00e4ischen Staaten erreichten. Doch wie kam es zu den Massen, die Deutschland bis heute besch\u00e4ftigen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die lange ignorierten Probleme im Nahen Osten und Nordafrika f\u00fchrten zu Fl\u00fcchtlingswellen, die ihren H\u00f6hepunkt am 4. \u2013 6. September 2015 fanden und die europ\u00e4ischen Staaten im vergangenen Jahr nachhaltig ver\u00e4nderten. Innerhalb von 72 Stunden machten sich Tausende von Menschen auf dem Weg nach Deutschland und waren der Anfang der sog. Willkommenspolitik. Ausgangpunkt waren die Fl\u00fcchtlinge, die tagelang in Budapest gezwungen wurden am Bahnhof zu verweilen, da die ungarische Regierung den Weitertransport nach vorangegangener Registrierung nach Osteuropa aussetzte. Bewegung in die Situation brachte eine Twitternachricht des BamF (Bundesministeriums f\u00fcr Migration und Fl\u00fcchtlinge) das auch nichtregistrierte syrische Fl\u00fcchtlinge in Deutschland willkommen seien. Die darauffolgende Kettenreaktion war vorhersehbar. Ungarn nutze die Chance und verfolgte fortan eine Eskalationspolitik (Blume 2016: 2). So erkl\u00e4rte man, man k\u00f6nne die Registrierung nicht mehr gew\u00e4hrleisten und schob das \u201eProblem Fl\u00fcchtlinge\u201c ab, nach \u00d6sterreich und Deutschland. Es machten sich nicht Menschen zu Fu\u00df auf dem Weg, die ungarische Regierung schickte volle Busse Richtung Grenze und sp\u00e4ter wurden Z\u00fcge geschickt um die Menschen abzuholen (ebd.). Folge der Grenz\u00f6ffnung waren eine Million Fl\u00fcchtlinge, die sich keiner Sicherheitspr\u00fcfung unterzogen wurden und eine Entscheidung, die das Land spaltete. Man kann es auch eine Z\u00e4sur f\u00fcr Gesellschaft und Politik nennen, die ganz Europa ver\u00e4nderte. Andere europ\u00e4ische Staaten kapitulierten unter dem Ansturm, und ebneten den Fl\u00fcchtlingsstrom nach Deutschland. Es folgte eine Willkommenskultur, die, besonders in den Ballungsr\u00e4umen, schnell an ihre Grenzen stie\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">F\u00fcr die Asylbewerber*innen bedeutete das Chaos der Willkommenskultur einen Verlust der euphorischen Vorstellungen und Hoffnungen, die sie vor der Einreise hatten. Asylbewerber*innen leben in Auffanglager in kleinen R\u00e4umen mit W\u00e4nden aus MDF-Platten, wo Menschen mit den verschiedensten kulturellen und schulischen Hintergr\u00fcnden aufeinandertreffen. Was eigentlich nur als \u00dcbergangl\u00f6sung geplant war, ist mittlerweile Realit\u00e4t geworden, denn noch immer leben viele Asylbewerber*innen in den Auffanglagern und warten auf ihre Aufenthaltsgenehmigung, Abschiebung, oder auf integrationstypische Dinge, wie Deutschkurse, Pl\u00e4tze an Schulen und Kinderg\u00e4rten, Wohnungen, etc. Das anf\u00e4ngliche offensichtliche Fehlen von Infrastruktur, Polizei, Rechtlichem, Administrativem und Logistischen scheint bis heute nicht gel\u00f6st. Was ist das Resultat dessen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Resultat dieser b\u00fcrokratischen Vers\u00e4umnisse sind die Auffanglager, die sich z.T. bereits in eigene St\u00e4dte verwandelt haben, in denen die Menschen isoliert und abgeschottet von der eigentlichen Gesellschaft leben und nicht in der Lage sind sich zu integrieren. Zwar liest und h\u00f6rt man immer wieder Erfolgsgeschichten \u00fcber voll integrierten Asylbewerber*innen, doch in Wahrheit ist das nur ein Bruchteil der Realit\u00e4t, ein Mittel des Sch\u00f6nschreibens der Willkommenskultur in Deutschland. Denn die Willkommenspolitik hat sich eher in eine Isolations- oder Abschottungspolitik entwickelt, als eine angemessene Integrationsstrategie, insbesondere auch durch dem Irrtum, den viele erliegen Integration sei eine einseitige Angelegenheit der Anpassung an die bestehende Gesellschaft, denn es ist grunds\u00e4tzlich ein wechselseitiger Austausch. Die Hoffnung kann man an dieser Stelle als Spiegelbilder der Herkunftsl\u00e4nder betrachten, die die Asylbewerber*innen und die aufnehmende Gesellschaft trennen. Die Vorstellungen \u00fcber das Andere sind bei der Integration \u00a0von besonderem Interesse, da der Grad der Integration davon beeinflussen werden kann, wie z. B. \u00a0kann die Offenheit oder die Abschottung gegen\u00fcber der Neuank\u00f6mmlinge forciert oder bremst werden. Folglich werden die Asylbewerber*innen h\u00e4ufig verallgemeinert und als zu wenig dem\u00fctig oder dankbar dargestellt, oder \u00fcber Terroranschl\u00e4ge oder sexuelle \u00dcbergriffe (Silvesternacht in K\u00f6ln) gleichgesetzt, obwohl auch es sich auch hier nur um kleine Gruppen handelt. Auch die Unterscheidung Migrant*innen und Asylbewerber*innen wird kaum noch vorgenommen, trotzdem rechtlich und politisch gesehen ein Unterschied besteht. Migrant*innen immigrieren z.B. durch Arbeit, und k\u00f6nnen abgeschoben werden. Asylbewerber*innen bzw. Fl\u00fcchtlinge kommen z.B. aus L\u00e4ndern mit politischer Verfolgung, denen Asyl gew\u00e4hrt werden muss.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Folgen der Gleichsetzung aller Migrant*innen und Asylbewerber*innen sind vielschichtig. Der Irrtum Integration als Anpassung anzusehen und die Taten Einzelner treiben viele in die Fremdenfeindlichkeit, dem Rechtspopulismus und der Rechtsradikalit\u00e4t, denn diejenigen f\u00fcrchten durch die Zuwanderung eine Ver\u00e4nderung der nationalen Kultur und eine Belastung des Sozialsystems. Eine Ursache ist der gegenw\u00e4rtige Anstieg der Popularit\u00e4t des Rechtspopulismus in ganz Europa. Die Populisten definieren sich als Stimme des Volkes und nutzen die Unzufriedenheit der Bev\u00f6lkerung aus und schlagen daraus Profit, wie die letzten Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern; Niedersachsen und\u00a0 Berlin. Hervorzuheben ist, dass es einen Unterschied zwischen radikalen politischen Entscheidungen in einem Ausnahmezustand und verallgemeinerte Aussagen durch die ein Ausnahmezustand entstehen soll und somit die radikale Entscheidung forciert (Cassier 2016:16). Ersteres war z.B. Winston Churchills Ablehnung jeglicher Verhandlungen mit Nazideutschland, da das Leben von Millionen von Menschen auf dem Spiel standen. \u00a0Letzteres ist Teil des Leitbild rechtspopulistischer Parteien, die den Islam als Religion in G\u00e4nze als in Konflikt stehend mit der deutschen Verfassung stellt (ebd.). Solche \u00c4u\u00dferungen liefern dem Leser die Schlussfolgerungen immer auf einem Silbertablett, eine Schlussfolgerung, die nur aus schwarz und wei\u00df besteht. Entweder verbietet man den Islam, oder es wird die Besch\u00e4digung der Verfassung stillschweigend akzeptiert. Wie ein solches Verbot in einem Land mit Religionsfreiheit aussehen soll, bleibt dabei zu jeder Zeit spekulativ (ebd.). Im Falle der Asylbewerber*innen werden diese von Opfern zu T\u00e4tern umdefiniert, zu Invasoren, die die Kultur, die Gesellschaft und das politische System gef\u00e4hrden. Die Aussage und Wirkungen werden grunds\u00e4tzlich unter der Thematik des Tabubruchs inszeniert, d.h. die \u00fcbergro\u00dfe Mehrheit der Parteien, Medien und Bev\u00f6lkerung hat entschieden jeden anzugreifen oder mundtot zu machen, der sich gegen die \u00c4u\u00dferung wehren, der Islam sei verfassungswidrig oder eine Gruppierung gef\u00e4hrde das Land (ebd.). Sie verdrehen somit die Tatsachen und stellen die Mehrheit als totalit\u00e4r und ohne jegliche Moral da, die andere Positionen unterdr\u00fccken, um sich so als Retter zu inszenieren und den Islam als S\u00fcndenbock der Probleme darzustellen. Weitere N\u00e4hrboden f\u00fcr die Bewegungen ist der Vertrauensverlust an das System und den Parteien selbst. Merkels \u201eDas schaffen wir\u201c wurde zu einer Phrase, die den Eindruck von Sch\u00f6nreden einer Situation an die Menschen vermittelt, dabei erwecken die Beh\u00f6rden den Eindruck der \u00dcberforderung. Resultat ist, dass die Integration politisch und administrative sichtlich nicht voranschreitet und man das Empfinden hat, dass die Beh\u00f6rden auf der Stelle treten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Willkommenskultur hat sich in Deutschland sehr schnell in eine Abschottung umgewandelt, in dem es an Integrationsmitteln fehlt. Integration auf Basis der Anpassung und der Wir-Ihr Mentalit\u00e4t ist zum Scheitern verurteilt, nicht zuletzt durch die Lebensbedingungen der Asylbewerber*innen, den Vorurteilen anderer, die Taten Einzelner oder der Politik. Der Verlust des Vertrauens der Bev\u00f6lkerung scheint am problematischsten, da dadurch Fremdenfeindlichkeit, Populismus und Radikalismus entstehen und besonders Gegenbewegungen politisch Fu\u00df fassen um die Willkommenskultur zu untergraben und fremde Kulturen und Religionen zu verunglimpfen. Doch Integration des Anderen ist eine Bereicherung einer jeden Gesellschaft und deren Kultur. Hierbei sollte Integration vielmehr sein als ein mit allem vertraut werden \u00a0\u2013 Staat, B\u00fcrger und Asylbewerber*innen \u2013 n\u00e4mlich ein aufeinander zugehen um den Teufelskreis zu durchbrechen, nach dem Motto respektvoller Umgang untereinander und miteinander. Denn nur dann k\u00f6nnen wir den Menschen ihre Hoffnungen und W\u00fcnsche erm\u00f6glichen, das Sozialsystem gerecht nutzen und den rechtspopulistischen Parolen zu begegnen. Zu erreichen ist dies nur durch mehr Transparenz in politischen Entscheidungen, mehr Aufkl\u00e4rung durch die Medien und mehr Diskussion um Fakten geradezur\u00fccken um sich gegen den politischen und sozialen Rechtsruck in ganz Europa zu verteidigen und das Vertrauen der Bev\u00f6lkerung wiederzugewinnen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Man sollte sich heute vielmehr fragen, wie wir sein wollen und nicht was wir schaffen wollen. Wollen wir offen gegen\u00fcber anderen sein, oder uns abschotten und somit den Terrorismus in seinem Bestreben die Welt zu entzweien noch unterst\u00fctzen. Oder wollen wir den Menschen die Hoffnungen wiedergeben?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Literatur:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Blume, Georg, Marc Brost, Tina Hildebandt, Alexej Hock, Sybille Klormann, AngelaK\u00f6ckritz, Matthias Krupa, Mariam Lau, Gero von Randow, Merlind Theile, Michael Thumann und Heinrich Wefing 2016: Was geschah an diesem Wochenende wirklich?. <em>Die Zeit<\/em> 35, S. 2.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Cassier, Philip 2016: Die Rhetorik der Radikalen. <em>Die Welt<\/em> 136, S. 16.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein jeder kennt die Hoffnung. Man hofft auf einen guten Abschluss, eine gute Arbeit, mehr Geld, den lang ersehnten Urlaub. 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