{"id":385,"date":"2016-10-08T05:18:00","date_gmt":"2016-10-08T03:18:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/?p=385"},"modified":"2016-10-08T05:19:39","modified_gmt":"2016-10-08T03:19:39","slug":"deutsch-arabisches-tandemtreffen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/2016\/10\/08\/deutsch-arabisches-tandemtreffen\/","title":{"rendered":"Deutsch-Arabisches Tandemtreffen"},"content":{"rendered":"<p>Laut Bundesamt f\u00fcr Migration und Fl\u00fcchtlinge belegt Syrien im Jahr 2015 in der Liste der zehn zugangsst\u00e4rksten Herkunftsl\u00e4nder in der Bundesrepublik Deutschland Platz 1. In Zahlen ausgedr\u00fcckt bedeutet das, dass die Gesamtzahl der Asylerstantr\u00e4ge von Personen mit syrischer Nationalit\u00e4t 158.657* betrug. Um diese enorme Zahl zu veranschaulichen, l\u00e4sst sich im Vergleich dazu die Anzahl der Asylerstantr\u00e4ge von Personen albanischer Herkunft betrachten. 2015 waren es insgesamt 53.805. Albanien belegt daher den zweiten Rang der zugangsst\u00e4rksten Herkunftsl\u00e4nder. Anhand dieser Zahlen erkennt man, dass eine enorme Menge an Syrern und Syrerinnen nach Deutschland gekommen sind. 66,6% der Antr\u00e4ge wurden von Syrer*innen gestellt , die sich der Ethnie der Araber zuordnen lassen. Dementsprechend bestand im Jahr 2015 ein riesiges Bed\u00fcrfnis daran, den Sprachaustausch zwischen Deutschen und Arabern zu f\u00f6rdern.<\/p>\n<p>Seit dem Wintersemester 2014 belege ich an der Freien Universit\u00e4t Berlin einen Sprachkurs der arabischen Sprache im Rahmen des ABV-Moduls. Da ich selbst in einer pal\u00e4stinensisch-deutschen Familie aufgewachsen bin, habe ich einen engen Bezug zur arabischen Kultur und Sprache. Mit Hilfe des Kurses wollte ich meine Sprachkenntnisse\u00a0 verbessern und endlich lernen, die arabische Schrift zu schreiben. Zu jenem Zeitpunkt war die Zuwanderung von syrischen Staatsb\u00fcrgern noch kein gro\u00dfes Thema, weshalb es weniger Student*innen gab, die Arabisch-Kurse belegen wollten. Mich in den ABV-Unterricht von Dozentin Nour anzumelden, war daher keine Schwierigkeit.<\/p>\n<p>Die folgenden drei Semester besuchte ich weiterhin Arabisch-Kurse an der FU bei Nour. Als im Sommer 2015 \u00fcberall nur noch von syrischen Gefl\u00fcchteten die Rede war, besprachen wir dieses Thema auch in ihrem Unterricht. Mehrere Stundent*innen waren bereits in Kontakt mit arabischsprachigen Syrer*innen in Kontakt getreten und halfen am LaGeSo oder in Unterk\u00fcnften f\u00fcr Gefl\u00fcchtete. Unsere Dozentin schlug uns daher vor, den Kontakt zu diesen Personen zu intensivieren und ein Sprachaustausch-Programm zu veranstalten. Es bot sich einfach an, denn wir waren bereits auf einem fortgeschrittenen Niveau des Arabischen und ben\u00f6tigten nur noch \u00dcbung beim Sprechen. Andererseits k\u00f6nnten wir den Syrer*innen dabei helfen, Deutsch zu lernen und in Kontakt mit Einheimischen zu treten. Eine Kommilitonin, die sehr engagiert mit Gefl\u00fcchteten arbeitete, verschaffte uns den Kontakt zu vielen Personen, die an einem Tandem-Treffen interessiert waren. Eine weitere Studentin hatte gute Kontakte zu einer Jugendeinrichtung in Berlin-Mitte, in der wir einen Tag in der Woche kostenfrei einen Raum zur Verf\u00fcgung gestellt bekommen haben.<\/p>\n<p>Nach ungef\u00e4hr einem Monat Vorbereitungszeit fand das erste Austausch-Treffen Anfang Dezember 2015 statt. Es kamen ausschlie\u00dflich syrische M\u00e4nner, im Alter von 18 bis 26 Jahren, die sehr motiviert und interessiert waren. Da mehr syrische als deutsche Teilnehmer anwesend waren, sa\u00df meistens eine deutsche Person mit zwei\/drei Syrern an einem Tisch. Die ersten Minuten verliefen etwas unkoordiniert, da niemand etwas vorbereitet hatte, sondern alle auf spontane Einf\u00e4lle hofften. Doch nach kurzer Zeit kamen alle Anwesenden ins Gespr\u00e4ch und tauschten Geschichten und Sprachkenntnisse aus. Ich sa\u00df zuf\u00e4lligerweise mit einem Syrer am Tisch, dessen Eltern Pal\u00e4stinenser sind. Er erz\u00e4hlte mir, dass er im pal\u00e4stinensischen Fl\u00fcchtlingscamp \u201eYarmouk\u201c in Damaskus geboren und aufgewachsen sei. In seinem Pass sei vermerkt, dass er Pal\u00e4stinenser ist, obwohl er niemals in den pal\u00e4stinensischen Gebieten gewesen ist. Es sei allerdings sein Lebenstraum, einmal in das Land seiner Vorfahren zu reisen, doch f\u00fcr Syrer ist es von Seiten der israelischen Regierung aus verboten, diese umk\u00e4mpfte Region zu betreten. Ich fragte ihn, ob er Einschr\u00e4nkungen in Syriern erfahren hat, da in seinem Ausweis gekennzeichnet wurde, dass er Pal\u00e4stinenser ist. Er sagte mir, dass ihm das Wahlrecht in Syrien vorenthalten wird.<\/p>\n<p>Im weiteren Verlauf unseres Gespr\u00e4chs erz\u00e4hlte er mir unaufgefordert von seiner Fluchterfahrung und seinen ersten Tagen in Deutschland. Ich war sehr schockiert h\u00f6ren zu m\u00fcssen, dass die Unterkunft, in der er zu Beginn untergebracht wurde, von Anwohnern des mecklenburgischen Dorfes angez\u00fcndet wurde. Ich hatte das Gef\u00fchl, dass er ein dringendes Bed\u00fcrfnis danach hatte, seine traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten und sich dar\u00fcber mit einer Person auszutauschen, die nicht auch traumatisiert war. Zu dem Zeitpunkt unseres ersten Treffens war in einer Turnhalle mit Hunderten anderen Gefl\u00fcchteten untergebracht, die kurz zuvor ins Land gekommen sind. Bei vielen Syrer*innen habe ich im Laufe unserer Treffen immer wieder festgestellt, dass sie sich danach sehnten, Kontakt zu Deutschen zu haben, die sie nicht auf ihre Flucht reduzieren, sondern sie mit in ihre Freundeskreise integrieren und mit ihnen allt\u00e4gliche Dinge unternehmen. Es gab immer wieder Personen, die das Bed\u00fcrfnis danach hatten, \u00fcber ihre Fluchterfahrung und ihre traumatischen Erlebnisse in Syrien zu sprechen. Doch der Mehrheit der Personen, die ich kennen gelernt habe, hat man nicht angemerkt, dass sie aus einem Kriegsgebiet geflohen sind und wom\u00f6glich schreckliches mit angesehen haben.<\/p>\n<p>Das Tandem-Treffen fand bis Juni 2016 regelm\u00e4\u00dfig jeden Mittwoch statt. Es gab einen Kern an Personen, die jede Woche kamen und andere, die unregelm\u00e4\u00dfig oder nur ein Mal kamen. Ihre Deutsch-Niveaus waren sehr unterschiedlich, da einige von ihnen bereits seit mehreren Jahren in Deutschland lebten. Alle jedoch besuchten einen Deutsch-Kurs und ben\u00f6tigten daher von uns Hilfe bei ihren Hausaufgaben. Ich stellte auch fest, dass zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt viele von ihnen nicht wegen des Spachaustauschs kamen, sondern lediglich um uns, ihre Freunde, wieder zu sehen. Sie sprachen bereits gut Deutsch und sahen das w\u00f6chentliche Treffen als eine Art Verabredung mit Freunden an. Tats\u00e4chlich sahen wir uns au\u00dferhalb des Tandem-Treffens immer \u00f6fter und gingen zusammen auf Konzerte syrischer Musiker oder zu Museums-F\u00fchrungen, die wir auf arabischer Sprache organisieren konnten. Wenn Hilfe bei einem Termin beim Jobcenter ben\u00f6tigt wurde oder ein Brief der GEZ ausgef\u00fcllt werden musste, trafen sich einige der deutschen Student*innen in ihrer Freizeit mit den Syrer*innen. Bis zum heutigen Tag besteht ein sehr enges Verh\u00e4ltnis zwischen den Teilnehmern des Tandem-Treffens. Sie sind mittlerweile ein fester Bestandteil meines Freundeskreises und ich bin sehr froh, dass ich diese Personen kennen gelernt habe. Es ist eine Bereicherung f\u00fcr beide Seiten des Austausches, da wir alle voneinander lernen k\u00f6nnen. Bei unseren Treffen ging es nicht nur um den Spracherwerb, sondern auch darum, den gefl\u00fcchteten Personen ihre W\u00fcrde zur\u00fcck zu geben und ihnen zu zeigen, dass sie aufgrund ihrer Flucht nicht weniger Wert sind als wir. Sie sind kultivierte und respektvolle Menschen, die es verdienen, in unserer Gesellschaft aufgenommen zu werden. Mit Hilfe unseres Tandems haben wir es schaffen k\u00f6nnen, den Syrer*innen einen leichten Einstieg in die deutsche Sprache zu erm\u00f6glichen und dar\u00fcberhinaus sie in unseren Kreisen willkommen zu hei\u00dfen.<\/p>\n<p>Andererseits haben wir die M\u00f6glichkeit gehabt, interessante und sympatische Menschen kennen zu lernen, die sich nach Zugeh\u00f6rigkeit und Akzeptanz sehnen. Es war eine sehr tolle Erfahrung und ich freue mich schon auf die kommenden Jahre, die ich mit neuen Freunden verbringen darf.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/files\/2016\/10\/14034868_1275875065758223_8391021189995705661_n.jpg\">*https:\/\/www.bamf.de\/SharedDocs\/Anlagen\/DE\/Publikationen\/Broschueren\/bundesamt-in-zahlen-2015-asyl.pdf?__blob=publicationFile<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-388 size-medium\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/files\/2016\/10\/14034868_1275875065758223_8391021189995705661_n-300x169.jpg\" alt=\"14034868_1275875065758223_8391021189995705661_n\" width=\"300\" height=\"169\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/files\/2016\/10\/14034868_1275875065758223_8391021189995705661_n-300x169.jpg 300w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/files\/2016\/10\/14034868_1275875065758223_8391021189995705661_n-768x432.jpg 768w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/files\/2016\/10\/14034868_1275875065758223_8391021189995705661_n.jpg 960w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/files\/2016\/10\/13920984_1269521436393586_1749231610603788934_n.jpg\"><br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-389 size-medium\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/files\/2016\/10\/13920984_1269521436393586_1749231610603788934_n-300x169.jpg\" alt=\"13920984_1269521436393586_1749231610603788934_n\" width=\"300\" height=\"169\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/files\/2016\/10\/13920984_1269521436393586_1749231610603788934_n-300x169.jpg 300w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/files\/2016\/10\/13920984_1269521436393586_1749231610603788934_n-768x432.jpg 768w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/files\/2016\/10\/13920984_1269521436393586_1749231610603788934_n.jpg 960w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<div id=\"attachment_390\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/files\/2016\/10\/13627215_1238528752826188_4577356411384274835_n.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-390\" class=\"wp-image-390 size-medium\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/files\/2016\/10\/13627215_1238528752826188_4577356411384274835_n-300x169.jpg\" alt=\"13627215_1238528752826188_4577356411384274835_n\" width=\"300\" height=\"169\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/files\/2016\/10\/13627215_1238528752826188_4577356411384274835_n-300x169.jpg 300w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/files\/2016\/10\/13627215_1238528752826188_4577356411384274835_n-768x432.jpg 768w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/files\/2016\/10\/13627215_1238528752826188_4577356411384274835_n.jpg 960w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-390\" class=\"wp-caption-text\">Unser erstes Treffen, Dezember 2015.<\/p><\/div>\n<p><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/groups\/596523063847877\/?ref=bookmarks\">Unsere Facebook-Gruppe<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/groups\/1641368672790703\/?ref=bookmarks\">Eine weitere Gruppe, in der wir interessante Artikel oder Veranstaltungen teilen<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Laut Bundesamt f\u00fcr Migration und Fl\u00fcchtlinge belegt Syrien im Jahr 2015 in der Liste der zehn zugangsst\u00e4rksten Herkunftsl\u00e4nder in der Bundesrepublik Deutschland Platz 1. 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