{"id":527,"date":"2017-03-01T21:42:51","date_gmt":"2017-03-01T20:42:51","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/?p=527"},"modified":"2017-03-01T21:42:51","modified_gmt":"2017-03-01T20:42:51","slug":"interview-zum-projekt-charite-fuer-gefluechtete-frauen-women-for-women","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/2017\/03\/01\/interview-zum-projekt-charite-fuer-gefluechtete-frauen-women-for-women\/","title":{"rendered":"Interview zum Projekt \u201eCharit\u00e9 f\u00fcr gefl\u00fcchtete Frauen: Women for Women\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>In der Charit\u00e9 wird seit dem 1. Dezember 2015 die Initiative \u201e<a href=\"https:\/\/femalerefugees.charite.de\">Charit\u00e9 f\u00fcr gefl\u00fcchtete Frauen: Women for Women<\/a>\u201c umgesetzt, ein einzigartiges Pilotprojekt, das sich der gyn\u00e4kologisch-gesundheitlichen Versorgung von gefl\u00fcchteten Frauen in Berliner Notunterk\u00fcnften widmet. Die Barrieren beim Zugang zu dieser Versorgung sollen im Rahmen dieses Projektes abgebaut werden. Gleichzeitig erfolgt eine Datenerhebung zu den spezifischen Bed\u00fcrfnissen und Hindernissen der Frauen. Um mehr \u00fcber diese Thematik zu erfahren, habe ich der Projektkoordinatorin Barbara Anne Scheffer und Dr. Christine Kurmeyer, Projektleiterin und Gleichstellungsbeauftrage der Charit\u00e9, einige Fragen gestellt.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Maria Marggraf (MM): K\u00f6nnen Sie kurz erz\u00e4hlen, wie das Projekt \u201cCharit\u00e9 f\u00fcr gefl\u00fcchtete Frauen\u201d entstanden ist?<\/em><\/p>\n<p>Barbara Scheffer (BS): Das Projekt wurde ausgehend von einer Initiative des Landesfrauenrats Berlin an der Charit\u00e9 \u2013 Universit\u00e4tsmedizin Berlin entwickelt, mit dem Ziel, den Bed\u00fcrfnissen von Frauen in Berliner Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnften entgegenzukommen und gleichzeitig valide Daten zur realen Situation von Frauen in den Gemeinschafts- und\/oder Notunterk\u00fcnften zu erheben.\u00a0Unser Projekt beruht auf drei zentralen S\u00e4ulen:\u00a0Erstens organisieren wir Informationsveranstaltungen direkt in den Unterk\u00fcnften, um mit den Frauen Kontakt aufzunehmen. Die Veranstaltungen erfolgen in Form von Gespr\u00e4chskreisen mit einer Gyn\u00e4kologin, wissenschaftlichem und medizinischem Fachpersonal und muttersprachlichen Dolmetscherinnen. Als zweite S\u00e4ule k\u00f6nnen die gefl\u00fcchteten Frauen nach diesen Gruppensitzungen noch vertrauliche Einzelgespr\u00e4che mit der Gyn\u00e4kologin f\u00fchren, in denen individuelle Probleme und Fragen aufgegriffen werden k\u00f6nnen. Drittens organisieren wir dann falls n\u00f6tig weitere Untersuchungen oder die Einleitung einer Therapie in einem nahgelegenen Krankenhaus.\u00a0Insgesamt wird das Projekt wissenschaftlich begleitet mit Frageb\u00f6gen zu der gesundheitlichen, famili\u00e4ren und sozialen Situation der Frauen, die an den Veranstaltungen teilnehmen. So erhalten wir ein besseres Bild von den Bed\u00fcrfnissen und der Ausgangslage der Betroffenen und k\u00f6nnen weitere Ma\u00dfnahmen planen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>MM: Auf der Projekt-Homepage habe ich gelesen, dass sich die Bed\u00fcrfnisse gefl\u00fcchteter Frauen von denen gefl\u00fcchteter M\u00e4nner unterscheiden. Welche sind diese und wie unterscheiden sie sich von denen der M\u00e4nner?<\/em><\/p>\n<p>Christine Kurmeyer (CK): Betroffene selbst und Hilfsorganisationen haben wiederholt verschiedene Hindernisse in der medizinischen Versorgung von gefl\u00fcchteten Frauen identifiziert. Dabei steht zun\u00e4chst das Thema der Kinderbetreuung im Vordergrund. Die meisten Frauen haben kleine Kinder zu betreuen und sind daher weniger mobil als die gefl\u00fcchteten M\u00e4nner. Hinzu kommt, dass die Frauen zu m\u00e4nnlichen \u00c4rzten nicht so schnell das notwendige Vertrauensverh\u00e4ltnis aufbauen k\u00f6nnen oder gerade auch \u00fcber intime Probleme sprechen k\u00f6nnen. Das dritte Problem sind die Sprachbarrieren \u2013 seien es m\u00e4nnliche Dolmetscher oder nicht-medizinisch kompetente Sprachmittler*innen, f\u00fcr die Frauen bedeutet es, dass sie \u00fcber viele gesundheitliche, insbesondere auch psychische Belastungen nicht sprechen k\u00f6nnen. Ein weiteres Problem ist die r\u00e4umliche Enge in den Sammelunterk\u00fcnften, die auch sexualisierten \u00dcbergriffen und Diskriminierungen Vorschub leistet, sowie generell das Leben in einer vollkommen fremden Umgebung, in der die Frauen sich aufgrund der fehlenden Sprachkenntnisse auch nur schwer orientieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>MM: Warum ist eine spezifisch auf gefl\u00fcchtete Frauen ausgerichtete gyn\u00e4kologische Betreuung im Gegensatz zur allgemeinen gyn\u00e4kologischen Versorgung sinnvoll?<\/em><\/p>\n<p>BS: Die gyn\u00e4kologisch-geburtshilfliche Versorgung ist f\u00fcr gefl\u00fcchtete Frauen oft nur schwer zu organisieren. Die Formalit\u00e4ten zur Wahrnehmung von medizinischen Versorgungsma\u00dfnahmen und das Verg\u00fctungssystem sind nach wie vor uneinheitlich und f\u00fcr die Gefl\u00fcchteten schwer verst\u00e4ndlich. Au\u00dferdem wird den Gyn\u00e4kolog*innen h\u00e4ufig nicht vertraut. Gefl\u00fcchtete Frauen k\u00f6nnen ihre Gyn\u00e4kolog*innen nicht frei w\u00e4hlen und es gibt keine ausreichende Sprachmittlung. F\u00fcr die gefl\u00fcchteten Frauen ist es wichtig, auch \u00fcber traumatisierende Erlebnisse \u2013 z. B. auch sexualisierte Gewalt \u2013 vor und w\u00e4hrend der Flucht sprechen zu k\u00f6nnen. In manchen F\u00e4llen spielt auch das Thema Beschneidung eine Rolle. Au\u00dferdem ist es hilfreich, \u00fcber die Angebote des hiesigen Gesundheitsversorgungssystems zu informieren und die Organisation der verschiedenen Einrichtungen zu erl\u00e4utern, da sehr gro\u00dfe Unterschiede zu den Versorgunssystemen der Herkunftsl\u00e4nder existieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>MM: Konnten Sie im Zuge der Datenerhebung im Rahmen Ihres Projektes schon neue Erkenntnisse \u00fcber die besonderen Bed\u00fcrfnisse gefl\u00fcchteter Frauen sammeln?<\/em><\/p>\n<p>BS: Ja, die Ergebnisse haben deutlich gemacht, dass gefl\u00fcchtete Frauen einen erh\u00f6hten Informationsbedarf haben, der durch die konventionellen Kan\u00e4le nicht gedeckt wird. Das betrifft nicht nur die Zugangsm\u00f6glichkeiten zur gesundheitlichen Versorgung, sondern vor allem auch allgemeine Unterst\u00fctzungsangebote. Gefl\u00fcchtete Frauen stehen hier vor besonderen Herausforderungen. Sie sind verantwortlich f\u00fcr die Kinderbetreuung. \u00d6ffentliche Kinderbetreuungseinrichtungen k\u00f6nnen nicht alle Bedarfe abdecken. Dadurch sind die Frauen weniger mobil in ihrer neuen Umgebung. Auch der Zugang zu Integrations- und Deutschkursen ist dadurch eingeschr\u00e4nkt. Au\u00dferdem haben die Frauen meistens einen geringen Grad an formaler Ausbildung, sodass sie nicht so bald einer Erwerbst\u00e4tigkeit nachgehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>MM: Es ist also offenbar h\u00e4ufig die soziale Situation der gefl\u00fcchteten Frauen, die einen barrierefreien Zugang zur medizinischen Versorgung in Deutschland verhindert. Inwiefern m\u00fcsste also die gesundheitliche Versorgung gefl\u00fcchteter Frauen in Zusammenhang mit ihrer sozialen Integration gedacht werden?<\/em><\/p>\n<p>CK: Das ist genau der Ansatz unseres Projektes. Ausgehend von den gyn\u00e4kologischen Vortr\u00e4gen und Gespr\u00e4chskreisen sammeln wir Daten und erstellen eine Situationsanalyse f\u00fcr politische Ma\u00dfnahmen zur Integration der gefl\u00fcchteten Frauen. Damit die Hilfeleistungen f\u00fcr gefl\u00fcchtete Frauen besser koordiniert werden k\u00f6nnen, habe ich Anfang September 2016 zu einem Runden Tisch eingeladen, an dem entsprechende Projekte und Initiativen zum Erfahrungsaustausch zusammenkamen. Ziel dieses Treffens war es, die verschiedenen Angebote zu sammeln und ein Hilfsnetzwerk aufzubauen, welches speziell auf die Bed\u00fcrfnisse der Frauen ausgerichtet ist und ihre Integration erleichtern kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>MM: Eine Besonderheit Ihres Projektes ist, dass Sie die kulturspezifischen Bed\u00fcrfnisse der Frauen ber\u00fccksichtigen. Wie wurden die Mitarbeiter*innen auf diese kulturellen Unterschiede sensibilisiert?<\/em><\/p>\n<p>BS: Im Vorfeld der Gespr\u00e4chskreise in den Heimen und Unterk\u00fcnften haben wir zahlreiche Gespr\u00e4che mit Expert*innen aus dem Bereich Gesundheitsversorgung, psychosoziale Betreuung von Gefl\u00fcchteten und nat\u00fcrlich mit den Gefl\u00fcchteten selbst gef\u00fchrt. Einige Mitarbeiter*innen haben selbst Fluchterfahrung und waren dadurch sensibilisiert. Ansonsten gibt es kaum sogenannte Sensibilisierungserfahrungen oder -techniken. Alles Weitere passiert in unseren Gespr\u00e4chskreisen. Dabei haben wir im Verlauf der vergangenen Monate festgestellt, dass sich \u00fcber die Gemeinsamkeit \u201aWir sind alle Frauen\u2018 sehr schnell eine interkulturelle Br\u00fccke aufbauen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>MM: Wie kulturell heterogen ist die Gruppe der Patientinnen, die Sie im Rahmen Ihres Projektes betreuen? Wie gehen Sie mit dieser Heterogenit\u00e4t um?<\/em><\/p>\n<p>BS: Die Gruppe der Teilnehmerinnen bei unseren Gespr\u00e4chskreisen ist sehr heterogen, was das Alter, die gesprochenen Sprachen und die Bildung angeht. Aber diese Heterogenit\u00e4t wird offen gelebt und durch unsere Dolmetscherinnen vermittelt. Das ist m\u00f6glich, weil wir mit muttersprachlichen Sprachmittlerinnen zusammenarbeiten. So entsteht in der Regel eine offene und vertrauensvolle Atmosph\u00e4re und die Teilnehmerinnen trauen sich sogar, intime Fragen zu stellen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>MM: In welchen Bereichen ist Ihrer Meinung nach die gesundheitliche Versorgung gefl\u00fcchteter Frauen, bzw. Gefl\u00fcchteter im Allgemeinen, in Berlin und Brandenburg noch ausbauf\u00e4hig und welche Ma\u00dfnahmen w\u00fcrden Sie diesbez\u00fcglich empfehlen?<\/em><\/p>\n<p>CK: Die Zusammenarbeit mit guten geschulten Sprachmittlerinnen ist eine wichtige Voraussetzung f\u00fcr die Integration von gefl\u00fcchteten Frauen und in der gesundheitlichen Versorgung, gerade auch in Berlin-Brandenburg. Dazu muss eine noch bessere Vernetzung angeboten werden. Der Runde Tisch f\u00fcr gefl\u00fcchtete Frauen in Berlin ist ein erster Schritt. Sehr gern w\u00fcrden wir die Kooperation und den Informationsaustausch mit Brandenburg verst\u00e4rken, um f\u00fcr die Frauen auch hier die Verbindungen zwischen den einzelnen Institutionen zu erleichtern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Charit\u00e9 wird seit dem 1. 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