{"id":741,"date":"2021-05-30T19:01:10","date_gmt":"2021-05-30T17:01:10","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/?p=741"},"modified":"2021-07-05T12:30:23","modified_gmt":"2021-07-05T10:30:23","slug":"filmkritik-lejos-de-casa-exodo-venezolano-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/2021\/05\/30\/filmkritik-lejos-de-casa-exodo-venezolano-2020\/","title":{"rendered":"Filmkritik: \u201cLejos de Casa: \u00c9xodo Venezolano\u201d (2020)*"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-medium\"><a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/files\/2021\/05\/Lejos-de-casa.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"207\" height=\"300\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/files\/2021\/05\/Lejos-de-casa-207x300.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-742\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/files\/2021\/05\/Lejos-de-casa-207x300.png 207w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/files\/2021\/05\/Lejos-de-casa.png 694w\" sizes=\"auto, (max-width: 207px) 100vw, 207px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Im M\u00e4rz 2020, als die WHO Covid-19 zur weltweiten Pandemie erkl\u00e4rte, wurde der Film <em>\u201cLejos de Casa: \u00c9xodo Venezolano\u201d<\/em> (\u201cWeit weg von der Heimat: Venezolanischer Exodus\u201d) ver\u00f6ffentlicht. Der Film (87 min) ist ein Debut des 1988 in Caracas geborenen und in Chile lebenden Reggaeton S\u00e4ngers Abner Ram\u00edrez, bekannt unter dem K\u00fcnstlernamen <a href=\"https:\/\/open.spotify.com\/artist\/1JZtHWCnjMLXUXLTN388wn\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Abner Official<\/a>**.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Film handelt von einem jungen Grundschullehrer Samuel Gonzalez (Gabriel Buitrago), der sich von seiner Mutter und j\u00fcngeren Schwester verabschiedet, um mit nur einer kleinen Reisetasche den Weg von Venezuela nach Chile anzutreten mit dem Ziel dort anst\u00e4ndiges Geld zu verdienen und die zur\u00fcckgebliebene Familie finanziell unterst\u00fctzen zu k\u00f6nnen. Doch direkt nach der Ankunft laufen die Dinge nicht nach Plan. Samuel ist auf sich allein gestellt &#8211; ohne Unterkunft und mit wenig Geld, in einer unbekannten Stadt.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im Filmverlauf sehen wir, wie sich Samuel mit unterschiedlichen schlecht bezahlten, unsicheren und harten Jobs durchschl\u00e4gt: den Cafe Job verliert er direkt am n\u00e4chsten Tag wegen einer Versp\u00e4tung, danach versucht er es mit dem Stra\u00dfenverkauf von S\u00fc\u00dfigkeiten, wird sp\u00e4ter Fahrradkurier (was ihm ein festeres Einkommen erm\u00f6glicht) und f\u00e4ngt schlie\u00dflich an einer Schule an &#8211; zun\u00e4chst als Putzkraft und ganz am Ende des Films endlich seinem eigentlichen Beruf entsprechend als Lehrer.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischendurch erlebt Samuel immer wieder R\u00fcckschl\u00e4ge (gleich zu Beginn l\u00e4sst ihn sein Freund im Stich, bei dem er die erste Zeit unterkommen wollte; am n\u00e4chsten Tag verliert er sein Portemonai und muss drau\u00dfen in der K\u00e4lte schlafen; sp\u00e4ter hat er einen Unfall mit seinem Fahrrad, bricht sich den Arm und kann dadurch nicht mehr arbeiten), f\u00fchlt sich einsam ohne seine Familie, versucht aber stark zu bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig ziehen sich durch den Film gl\u00fcckliche Zuf\u00e4lle, die dem Protagonisten helfen diesen schwierigen Weg zu meistern. Bezeichnenderweise ist es Abner Official selbst, der die Rolle eines Schutzengels (eines jungen gut integrierten Venezolaners) spielt. Gleich zweimal trifft er Samuel zuf\u00e4llig auf der Stra\u00dfe: beim ersten Mal empfiehlt er ihm eine kostenlose kirchliche Unterkunft f\u00fcr Venezolaner:innen (wo Samuel daraufhin seine ersten 1,5 Monate in Chile verbringt); beim zweiten Mal entspringt f\u00fcr Samuel daraus eine Anstellung an der Schule, wo die Ehefrau des \u201cSchutzengels\u201d arbeitet. Doch auch sonst bekommt Samuel solidarische Unterst\u00fctzung von der Diaspora. So darf er die allererste Nacht bei einer Kellnerin aus einem Imbiss unterkommen, wird von einem Kumpel aus der Unterkunft die Welt des Stra\u00dfenhandels eingef\u00fchrt und bekommt sp\u00e4ter von einem anderen ein altes Fahrrad geschenkt, was ihm den Job als Fahrradkurier erm\u00f6glicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Film endet mit einem absoluten Happy End: Samuel bekommt seinen Traumjob, trifft die Liebe seines Lebens (Lehrerin an der selben Schule) und kann endlich wieder seine Mutter und Schwester in die Arme schlie\u00dfen, als sie ihn in Chile besuchen kommen. \u201cSamuel lebte zwei weitere Jahre in Chile und kehrte danach mit seiner Familie nach Venezuela zur\u00fcck. Er heiratete die Lehrerin und heute haben sie eine einj\u00e4hrige Tochter\u201d, hei\u00dft es im Abspann.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cDies ist nicht nur meine Geschichte, sondern die von Millionen von Venezolanern,\u201d erz\u00e4hlt die Stimme des Protagonisten direkt am Anfang des Filmes. Auch die Personen, die er trifft, sagen immer wieder: \u201cMache dir keine Sorgen. Ich habe genau das Gleiche durchgemacht, als ich hier angekommen bin\u201d. Hauptsache man verliert nicht den Glauben und bleibt flei\u00dfig, dann wird alles gut &#8211; das ist die zentrale Aussage des Filmes. Abner Official erkl\u00e4rt dazu: \u201cIch wollte schon immer einen Film \u00fcber mein Leben machen, weil ich viel gearbeitet habe und es trotz all dieser Pannen geschafft habe, \u00fcber meinen Schatten zu springen und weiterzukommen\u201d***. Der Film soll Venezolaner:innen Mut machen, die ihr Land auf der Suche nach einem besseren Leben verlassen wollen. Ob es gelingt, h\u00e4ngt sicherlich von den Zuschauer:innen ab. Durch den Text im Abspann werden gleichzeitig der vor\u00fcbergehende Charakter einer Migration und damit eine positive Aussicht auf die Entwicklungen in Venezuela&nbsp; signalisiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt wirkt der Film sehr schemenhaft und irgendwie zu glatt. Der Protagonist ist ein sympathischer, h\u00fcbscher, sportlicher und t\u00fcchtiger junger Typ, komplett makellos im gesamten Filmverlauf (immerhin ein Beitrag zur Dekonstruktion von aporofoben Klischees wie u.a. \u201cfaulen Venezolaner:innen\u201d). Eigentlich sind alle auftretenden Personen sympathisch. &#8211; Die Darstellung von Samuel\u2019s Traumfrau (der jungen Lehrerin) als absolute Sexbombe ist allerdings fast schon skandal\u00f6s. &#8211; Die geschilderten Schicksalsschl\u00e4ge entwickeln nicht die wahrscheinlich beabsichtige niederschmetternde Wirkung. Sicherlich w\u00e4re hier mit mehr schauspielerischen Leistung, anderer Kameraarbeit oder Schnitt mehr m\u00f6glich gewesen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist aber auch der Plot selbst, der bei den Zuschauer:innen keine zu gro\u00dfe Sorge entstehen l\u00e4sst. Samuel wirkt meistens munter, kann sich nach einem Monat Job als Fahrradkurier eine recht ansehnliche Wohnung leisten (und gleichzeitig Geld und Pakete nach Venezuela schicken), bekommt problemlos sein Visum &#8211; vom \u201cgl\u00e4nzenden\u201d Happy End ganz zu schweigen. Es wirkt alles verd\u00e4chtig \u201cleicht\u201d &#8211; und daher nicht ganz glaubw\u00fcrdig. Vielleicht weil es sich nicht auf die letzte besonders dramatische Migrationswelle bezieht, sondern eine davor. \u201cIch komme aus einer Familie der Mittelschicht\u201d, stellt sich Samuel am Anfang des Filmes vor und kommt immerhin mit Bus (nicht zu Fu\u00df) und etwas Bargeld (auch wenn 400 Dollar wirklich nicht viel sind). Man w\u00fcnscht sich dennoch ein bisschen mehr Einbettung, ein paar mehr Blicke nach links und rechts &#8211; \u00fcber die zwei Kumpels aus der Migrant:innen Unterkunft hinaus (und auch diese werden nur sehr schematisch gezeigt). Der Film dreht sich nur um den Protagonisten, andere Geschichten haben hier keinen Raum. Erst recht nicht, wenn es sich um demografisch andere Mitgrant:innen Gruppen handelt, etwa Frauen, \u00e4ltere Menschen oder Familien.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben dem groben Plot ist der Film wie bereits angemerkt auch von der schauspielerischen Leistung und der visuellen Gestaltung leider keine Perle, was das Gef\u00fchl der Oberfl\u00e4chlichkeit verst\u00e4rkt. Fast fragt man sich, ob ein schwarz-wei\u00dfer Animationsfilm die Wirkung dieser schemenhaft erz\u00e4hlten Geschichte nicht verst\u00e4rkt h\u00e4tte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit: <em>\u201cLejos de Casa: \u00c9xodo Venezolano\u201d<\/em> ist kein Film f\u00fcr feine Filmliebhaber:innen. Auch eher nicht f\u00fcr Menschen, die sich differenziert mit dem Thema Migration auseinandersetzen (oder allergisch auf plumpe Frauendarstellungen reagieren). Unter Umst\u00e4nden kann der Film au\u00dferdem beim Zielpublikum erh\u00f6hte Erwartungen an Migrationsverl\u00e4ufe wecken, die zu bitteren Entt\u00e4uschungen f\u00fchren k\u00f6nnten. Gleichzeitig geht der Film viele g\u00e4ngige xenophobe und aporophobe Klischees \u00fcber Venezolaner:innen in ihren Nachbarl\u00e4ndern an. Wenn es zumindest in ein paar F\u00e4llen gelingt Zuschauer:innen zum Nachdenken zu bringen, so hat der Film seine Berechtigung.<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8212;-<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>*&nbsp; Einsehbar gegen Geb\u00fchr auf der Plattform <a href=\"https:\/\/www.mowies.com\/creation\/arfilms\/lejos-de-casa-exodo-venezolano\/RUVKl_Fy\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">mowies<\/a> (Sprache: Spanisch; Untertitel: Englisch).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>** Nicht zu verwechseln mit Abner Ram\u00edrez vom Folk-Blues Duo <em>Johnnyswim<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>*** \u201cSiempre quise hacer una pel\u00edcula de mi vida porque he pasado por mucho trabajo y, a pesar de estos percances, logr\u00e9 superarme y salir adelante\u201d (zitiert nach <a href=\"https:\/\/nomadasconraices.com\/especiales\/notas-de-prensa\/pelicula-lejos-de-casa-de-abner-official\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>N\u00f3madas con Ra\u00edces<\/em><\/a>).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im M\u00e4rz 2020, als die WHO Covid-19 zur weltweiten Pandemie erkl\u00e4rte, wurde der Film \u201cLejos de Casa: \u00c9xodo Venezolano\u201d (\u201cWeit weg von der Heimat: Venezolanischer Exodus\u201d) ver\u00f6ffentlicht. 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