{"id":81,"date":"2016-10-09T16:16:11","date_gmt":"2016-10-09T14:16:11","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/?p=81"},"modified":"2016-10-09T16:16:11","modified_gmt":"2016-10-09T14:16:11","slug":"ueber-grenzregime-widerstand-transnationale-vernetzung-und-fluchthilfe-ein-interview-mit-harald-gloede-borderline-europe-menschenrecht-ohne-grenzen-e-v","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/2016\/10\/09\/ueber-grenzregime-widerstand-transnationale-vernetzung-und-fluchthilfe-ein-interview-mit-harald-gloede-borderline-europe-menschenrecht-ohne-grenzen-e-v\/","title":{"rendered":"\u00dcber Grenzregime, Widerstand, transnationale Vernetzung und Fluchthilfe. Ein Interview mit Harald Gl\u00f6de, Borderline Europe-Menschenrecht ohne Grenzen e. V."},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00dcber Grenzregime, Widerstand, transnationale Vernetzung und Fluchthilfe. Ein Interview mit Harald Gl\u00f6de, Borderline Europe-Menschenrecht ohne Grenzen e. V. <\/strong><\/p>\n<p>Harald Gl\u00f6de ist Diplom Politologe und seit 2007 Mitbegr\u00fcnder und Vorstandsmitglied bei Borderline Europe- Menschenrechte ohne Grenzen e. V.. Bereits 1995 gr\u00fcndete er gemeinsam mit anderen die <a href=\"https:\/\/www.ffm-berlin.de\/aboutus.html\">Forschungsgruppe Flucht und Migration (FFM e. V.<\/a>) und engagierte sich zwischen 1996 und 2009 beim Fl\u00fcchtlingsrat Brandenburg. In diesem Interview spricht er \u00fcber die Grenzregime in EU-Europa und dem Raum Mittelamerika-Mexiko-USA. Wichtig sind ihm Selbstorganisation und die transkontinentale Vernetzung von verschiedenen Widerstandsformen. Er erz\u00e4hlt von der spannenden Veranstaltung \u201e<a href=\"https:\/\/calendar.boell.de\/de\/event\/fuer-das-recht-auf-legale-wege\">F\u00fcr das Recht auf legale Wege. Solidarit\u00e4t und Unterst\u00fctzung f\u00fcr Gefl\u00fcchtete in Mexiko und Europa<\/a>\u201c\u00a0 am 18. Oktober 2016 in der Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung, die diese Themen miteinander verbindet und dabei auf die aktuellen Ereignisse seit dem letzten \u201eSommer der Migration\u201c in der EU eingeht. Auch das Thema Fluchthilfe spielt f\u00fcr ihn eine gro\u00dfe Rolle.<\/p>\n<p><strong>Grenzregime<\/strong><\/p>\n<p>Sara Bellezza: Du bist seit vielen Jahren aktiv im migrationspolitischen Bereich und setzt dich f\u00fcr Menschenrechte und vor allem f\u00fcr das Recht auf Bewegungsfreiheit f\u00fcr alle ein. Auf eurer Homepage stellt ihr das Selbstverst\u00e4ndnis von Borderline Europe als \u201e<a href=\"https:\/\/www.borderline-europe.de\/wir-ueber-uns dar\">Akt des zivilen Widerstandes gegen die Abschottung der EU und ihre t\u00f6dlichen Folgen<\/a>\u201c . Von vielen werden diese Abschottungspraktiken auch als \u201eGrenzregime\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> bezeichnet. Was verstehst du unter diesem Begriff?<\/p>\n<p>Harald Gl\u00f6de: Ich wei\u00df nicht, ob das die korrekte, wissenschaftliche Definition ist, aber ich w\u00fcrde denken, mit Grenzregime wird das ganze Spektrum an polizeilichen, milit\u00e4rischen, politischen und gesetzgeberischen Ma\u00dfnahmen beschrieben, mit denen Grenzen im Wesentlichen abgeschottet werden. Man kann auch neutral [lacht], \u201epseudo-neutral\u201c sagen, mit denen Grenzen \u201egesch\u00fctzt\u201c werden sollen. Also so w\u00fcrde ich das verstehen.<\/p>\n<p>Sara Bellezza: Ich finde es deshalb spannend, wie du das siehst, weil es auch Stimmen gibt, die davon ausgehen, dass das Grenzregime alle Akteur_innen miteinschlie\u00dft, die sich in diesem Grenzraum bewegen. Was damit auch Migrant*innen bedeuten w\u00fcrde. Im Zusammenhang mit deiner Arbeit als Aktivist gegen das Grenzregime, w\u00fcrde das auch dich miteinschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Harald Gl\u00f6de: Ja nee, das w\u00fcrde ich nicht so sagen. Grenzregime ist f\u00fcr mich immer etwas, was mit Regime zu tun hat und Regime haben etwas mit Herrschaft zu tun und Herrschaft kommt von oben. Insofern w\u00fcrde ich Migrant*innen und Aktivist*innen da nicht miteinschlie\u00dfen. Aber du spielst wahrscheinlich auf den Begriff der \u201eAutonomie der Migration\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> und diese ganzen Theoriegeb\u00e4ude an und nat\u00fcrlich gibt es eine Dialektik zwischen Bewegung und Regime.<\/p>\n<p><strong>Transkontinentale Vernetzung<\/strong><\/p>\n<p>Sara Bellezza: Ihr veranstaltet am 18. Oktober gemeinsam mit der Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung und anderen Akteur_innen eine Veranstaltung zum Thema \u201e<a href=\"https:\/\/calendar.boell.de\/de\/event\/fuer-das-recht-auf-legale-wege\">F\u00fcr das Recht auf legale Wege Solidarit\u00e4t und Unterst\u00fctzung f\u00fcr Gefl\u00fcchtete in Mexiko und Europa<\/a>\u201c. Bei dieser Veranstaltung geht es um das europ\u00e4ische und das US-amerikanisch-mexikanische Grenzregime. M\u00f6chtest du etwas \u00fcber die Hintergr\u00fcnde dieser Veranstaltung erz\u00e4hlen? Wie siehst du eure Rolle als Aktivist*innen in diesen R\u00e4umen?<\/p>\n<p>Harald Gl\u00f6de: Die Idee zu dieser Veranstaltung ist entstanden als ich eine alte Bekannte oder Freundin getroffen habe, die als Journalistin viel in Mittelamerika unterwegs ist und dar\u00fcber zum einen Martha S\u00e1nchez von den <a href=\"https:\/\/caravanamadres.wordpress.com\/\">Madres de Migrantes Desaparecidos<\/a> kennengelernt hat und Fray Tom\u00e1s Gonz\u00e1lez von einer Fl\u00fcchtlingsherberge in Tenosique, \u201e<a href=\"https:\/\/www.la72.org\/?page_id=431\">La 72<\/a>\u201c . Parallel dazu berichtete sie auch von einer \u00e4hnlichen Karawane\u2026 Achso, also ich erz\u00e4hle erstmal worum es geht [lacht]. Die <a href=\"https:\/\/caravanamadres.wordpress.com\/\">Madres de Migrantes Desaparecido<\/a>s\u00a0 machen jedes Jahr eine Karawane zum internationalen Tag der Menschenrechte von S\u00fcdmexiko an die Nordgrenze um auf die Verschwundenen und die Gewalt gegen Migrant*innen hinzuweisen und um \u00fcberhaupt auf die Migrationssituation aufmerksam zu machen. Es gibt eine \u00e4hnliche <a href=\"https:\/\/carovanemigranti.org\/\">Karawane in Italien<\/a> , die allerdings vom Norden in den S\u00fcden geht und auch zum Thema hat, \u00fcber die Verschwundenen, also die Leute, die im Mittelmeer ertrinken und \u00e4hnliches, aufzukl\u00e4ren. Diese beiden Karawanen sind miteinander vernetzt. Wie diese transkontinentale Vernetzung entstanden ist, das fanden wir super spannend und da dachten wir, das w\u00e4re ein gutes Thema, um es nach Deutschland zu holen. Au\u00dferdem sind weitere Gruppen dazugekommen, die zu aktuellen Geschichten in Europa arbeiten. Das <a href=\"https:\/\/moving-europe.org\/\">Projekt Moving Europe<\/a> zum Beispiel war mit einem Bus auf der Balkanroute unterwegs um Vernetzungsarbeit zu machen, Informationen zu sammeln und zusammenzutragen, was dort alles passiert. Gleichzeitig haben sie auch konkrete Unterst\u00fctzungsaktivit\u00e4ten vorgenommen.<\/p>\n<p>Sara Bellezza: Das klingt tats\u00e4chlich sehr interessant. Welche Parallelen siehst du denn zwischen den beiden Grenzregimen und welche Chancen bietet diese transkontinentale Vernetzung deiner Meinung nach?<\/p>\n<p>Harald Gl\u00f6de: Das war eigentlich erstmal mehr ein Gef\u00fchl, dass das super spannend ist. Nat\u00fcrlich gibt es die Gemeinsamkeit, dass sowohl in Mittelamerika als auch in Italien Menschen auf den Migrationsrouten verschwinden. Sie werden umgebracht oder sterben und unterliegen oft einer massiven Gewalt. Das ist in Mittelamerika noch viel schlimmer und dass es dort so einen starken Protest gibt ist in Europa noch nicht angekommen, genauso wie die Vernetzung mit Akteur*innen in Italien. Dem wollen wir entgegenwirken. Deswegen ist es wichtig, diesen Protest auch in andere L\u00e4nder Europas zu verbreiten und diese\u2026 im EU Jargon w\u00fcrde man von \u201eBest practices\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> reden, also diese transkontinentale Vernetzung, die ich als positives Beispiel auf der Ebene von Graswurzelbewegungen bezeichnen w\u00fcrde und die in der \u00d6ffentlichkeit und damit auch medial gar nicht wahrgenommen werden, sichtbar zu machen.<\/p>\n<p>Das war eigentlich so der Hauptaspekt bei dieser Idee. Und dann passt das nat\u00fcrlich auch ein St\u00fcck weit mit dem <a href=\"https:\/\/www.borderline-europe.de\/sites\/default\/files\/features\/2016_05_27_Kidem_1.report_online.pdf\">Schlepper-Schleuser Projekt<\/a> zusammen, an dem wir bei Borderline Europe arbeiten<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>. Auch dieses Thema ist ein Fokus bei der Veranstaltung. Es soll nicht darum gehen, wie Grenzabschottung und sowas von oben betrieben wird, also wie Techniken und politische Ma\u00dfnahmen umgesetzt werden, sondern es soll der Fokus darauf gelegt werden, wie sich, aus Sicht der Basisbewegungen, diese Abschottungsma\u00dfnahmen auf ihre Unterst\u00fctzungst\u00e4tigkeiten auswirken, wie sie reagieren und wie sie versuchen, dem eine politische Entwicklung oder Kampagne entgegenzusetzen. Daf\u00fcr ist die Fl\u00fcchtlingsherberge \u201e<a href=\"https:\/\/www.la72.org\/?page_id=431\">La 72<\/a>\u201c\u00a0 ein gutes Beispiel. Aus einer urspr\u00fcnglich eher karitativen Institution hat sich die Notwendigkeit entwickelt und dass haben sie auch umgesetzt, zu dem, was sich dort entwickelt hat, auch politische Forderungen zu stellen. Studien \u00fcber Grenzregime gibt es sicherlich viele, aber die Situation aus der Sicht \u201evon unten\u201c darzustellen, das ist, finde ich, das spannende daran. Wobei es nat\u00fcrlich ein Problem ist, dass \u201eunten\u201c eigentlich die Sicht der Migrant*innen w\u00e4re. Da sie in der Regel nur tempor\u00e4r in den Grenzregionen anwesend sind und weiter wollen, ist es schwieriger, sie zu solchen Veranstaltungen einzuladen. Insofern ist es schwer, aus ihrer Perspektive dar\u00fcber reden zu k\u00f6nnen oder ihre Perspektive darstellen zu k\u00f6nnen. Obwohl es auf der Balkanroute eine massive Selbstorganisation von Gefl\u00fcchteten gegeben hat, die es erzwungen haben, frei durchreisen zu k\u00f6nnen<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>. Und nat\u00fcrlich gibt es eine starke Zusammenarbeit zwischen Gefl\u00fcchteten und Unterst\u00fctzungsbewegungen, insofern kann man das gar nicht so klar trennen. Worauf ich hinaus will ist, dass die drei Bewegungen, die bei der Veranstaltung dabei sind, also die Karawanen, die Fl\u00fcchtlingsherberge und <a href=\"https:\/\/moving-europe.org\/\">Moving Europe<\/a>\u00a0 aus meiner Sicht sehr gut zusammenpassen. Es soll ja schlie\u00dflich um den Widerstand gehen, der sich organisiert hat. Also die Selbstorganisation der M\u00fctter in Verbindung mit kirchlichen Organisationen, mit Fray Tom\u00e1s, das finde ich ist der Schwerpunkt. Es geht um die Frage, wie dieser selbstorganisierte Widerstand sich entwickelt und ver\u00e4ndert hat und wie nach M\u00f6glichkeiten gesucht wird, diesen Grenzregimen etwas entgegenzusetzen. Auch nur punktuell. Indem zum Beispiel Migrant*innen auf dem Weg unterst\u00fctzt werden und gegen die Gewalt vorgegangen wird. Es soll um die solidarischen Geschehen gehen, um die Perspektive der Betroffenen, derjenigen, die sich dort organisieren, die den Widerstand und die Unterst\u00fctzung organisieren.<\/p>\n<p><strong>Widerstand<\/strong><\/p>\n<p>Sara Bellezza: Die Gruppen in Lateinamerika, die du beschreibst, nutzen starke Symbole, um ihre politischen Forderungen durchzusetzen. Einerseits spielt die Kirche eine wichtige Rolle, andererseits die Selbstorganisation der M\u00fctter. Auch in Deutschland wird dem <a href=\"https:\/\/www.kirchenasyl.de\/erstinformation\/\">Kirchenasyl<\/a><a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> als Schutz gegen Abschiebung und Solidarisierung mit Gefl\u00fcchteten viel Bedeutung zugemessen. Glaubst du, dass auch das Symbol \u201eMutter\u201c als Logo f\u00fcr politischen Widerstand in Europa, zum Beispiel bei der Karawane in Italien, auf der Balkanroute oder auch in Deutschland funktionieren k\u00f6nnte?<\/p>\n<p>Harald Gl\u00f6de: Ich glaube nicht. Ich kann nicht genau sagen, was die lateinamerikanischen Besonderheiten sind, aber da gibt es zumindest diese jahrzehntelange Tradition der \u201eMadres de Plaza Mayo\u201c<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> in Argentinien, die eine unheimliche \u00d6ffentlichkeit, auch international erreicht haben. Offensichtlich spielen die \u201eM\u00fctter\u201c dort nochmal eine andere Rolle als ich denke, dass sie das in Europa tun. Warum auch immer, m\u00f6glicherweise hat das etwas mit Religion zu tun, also mit der katholischen Religion. Aber ich wei\u00df nicht, was f\u00fcr Einfl\u00fcsse da noch f\u00fcr eine Rolle spielen.<\/p>\n<p>Sara Bellezza: Der Begriff \u201eWiderstand\u201c taucht immer wieder auf. Was hei\u00dft Widerstand f\u00fcr dich?<\/p>\n<p>Harald Gl\u00f6de: Widerstand kann vieles hei\u00dfen. An diesem Beispiel ist das, auch wenn ich mit Kirche nichts am Hut haben, eine Migrant*innenherberge die durch einen Priester gef\u00fchrt wird. Sie ist Teil des Widerstandes, der nicht nur eine \u201eAktion\u201c ist, sondern das Zusammenwirken von vielen verschiedenen Aktivit\u00e4ten. Diese urspr\u00fcnglich sehr karitativ angegangene Herberge artikuliert sich mittlerweile auch mit politischen Forderungen, vertritt diese nach au\u00dfen und versucht so, eine Form von \u00d6ffentlichkeit herzustellen. Insofern ist sie aus meiner Perspektive genauso ein Bestandteil des Widerstandes, wie es auch die Karawanen sind. Diese sind im Grunde einfach Demonstrationen und damit nat\u00fcrlich auch Teil des Widerstandes.<\/p>\n<p>Sara Bellezza: Welche Form von Widerstand praktiziert Borderline Europe?<\/p>\n<p>Harald Gl\u00f6de: Ich w\u00fcrde sagen, wir machen in erster Linie Informations- und \u00d6ffentlichkeitsarbeit. Diese Form von Aufkl\u00e4rungsarbeit ist eine notwendige Voraussetzung um auf einer vern\u00fcnftigen Basis Widerstands Aktivit\u00e4ten entwickeln zu k\u00f6nnen. Insofern geh\u00f6rt auch das wieder zusammen. Wir sind an vielen Widerstands Aktivit\u00e4ten beteiligt, aber wir sind nicht diejenigen, die den ihn organisieren. Dazu sind wir viel zu klein [lacht], aber wir sind an vielen Aktivit\u00e4ten beteiligt. Unser Wissen und ich denke mal, mittlerweile auch unser Name, sind wichtige Punkte, um diesen Widerstand zu st\u00fctzen und zu st\u00e4rken. Den gemeinsamen. So w\u00fcrde ich unsere Rolle beschreiben.<\/p>\n<p><strong>Gefahren auf der Flucht und Fluchthilfe<\/strong><\/p>\n<p>Sara Bellezza: Du hast vorhin erw\u00e4hnt, dass ihr auch das Thema \u201eSchlepper- und Schleuser\u201c auf der Veranstaltung ansprechen wollt. Wo liegt da der Zusammenhang mit der Bewegung der Madres oder der Herberge? Warum ist es wichtig, dieses Thema auf der Veranstaltung mit anzusprechen?<\/p>\n<p>Harald Gl\u00f6de: Dadurch, dass Migration illegalisiert wird, werden diejenigen, die dort diese Reise machen, praktisch ins gesellschaftliche \u201eNichts\u201c abgedr\u00e4ngt und k\u00f6nnen keinerlei staatlichen Schutz oder \u00e4hnliches in Anspruch nehmen. Entweder gehen sie selber auf diese Z\u00fcge<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> und werden dort dann von irgendwelchen Gangs runtergeholt und ausgepl\u00fcndert oder \u00e4hnliches, oder aber sie kaufen sich den Weg bei sogenannten Coyotes, so hei\u00dfen die Schlepper dort, um an und \u00fcber die Grenze zu kommen. Insofern ist das eine \u00e4hnliche Thematik, denn \u00e4hnliche Vorgehensweisen sieht man mittlerweile auch in Bulgarien. Dort gehen rechte Gruppen auf \u201e<a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/fluechtlinge-bulgarien-103.html\">Fl\u00fcchtlingsjagd<\/a>\u201c\u00a0 und kriminelle pl\u00fcndern Gefl\u00fcchtete aus, weil sie au\u00dferhalb jeglichen Schutzes und ungestraft ausgeraubt werden k\u00f6nnen. Also da gibt es durchaus Parallelen in dem, was in der Realit\u00e4t in Europa und Mittelamerika passiert.<\/p>\n<p>Sara Bellezza: Also glaubst du, dass die Coyotes die Menschen auf der Reise \u00fcberfallen? Sozusagen die \u201eB\u00f6sen\u201c sind?<\/p>\n<p>Harald Gl\u00f6de: Nein, ich glaube nicht, dass die Coyotes die \u201eB\u00f6sen\u201c sind. Wie gut oder wie schlecht die Coyotes dort arbeiten, kann ich nicht sagen. Aber ich denke, wie in jedem Wirtschaftszweig gibt es diejenigen, die korrekte Gesch\u00e4ftsbeziehungen f\u00fchren und Leute, die Profit machen wollen und denen es egal ist, was mit den Beteiligten passiert. Ein Unterschied zwischen Mittelamerika und Europa liegt in den Hintergr\u00fcnden f\u00fcr Migration oder Flucht. Ich kenne die mittelamerikanische Situation nicht so gut, aber soweit ich wei\u00df machen sich die Menschen dort auf den Weg, um vor der Gewalt in ihrem Heimatstaat zu fliehen. Das ist die Hauptmotivation, sich in Richtung Norden auf den Weg zu machen. Nicht unbedingt die \u00f6konomische Situation oder politische Verfolgung, sondern die absolute Gewalt, Willk\u00fcr und Rechtslosigkeit, die oft von Gangs, auch in Verbindung mit Drogen, ausge\u00fcbt wird. Das sind in der Regel auch nicht unbedingt die Coyotes.<\/p>\n<p>Sara Bellezza:, Wo siehst du den konkreten Zusammenhang zwischen den \u00dcberf\u00e4llen und der Gewalt gegen Migrant*innen in Zentralamerika, auf der Balkanroute oder in Bulgarien und Fluchthilfe im Allgemeinen?<\/p>\n<p>Harald Gl\u00f6de: Tats\u00e4chlich gibt es zwischen denjenigen, die gewaltsam gegen Migrant*innen vorgehen und denjenigen, die am Fluchthilfe Gesch\u00e4ft verdienen, oft flie\u00dfende \u00dcberg\u00e4nge. F\u00fcr Mittelamerika kann ich dar\u00fcber keine Aussage treffen. F\u00fcr die Schiffsrouten nach Europa gibt es zahlreiche Belege dar\u00fcber, dass Migrant*innen mit Waffengewalt dazu gebracht werden, Boote zu besteigen. Auch wenn sie sich dagegen entscheiden, weil es ihnen zu gef\u00e4hrlich ist. Sie werden von denjenigen, die die Boote zu Verf\u00fcgung stellen, gewaltsam gezwungen. Insbesondere aus Libyen und \u00c4gypten kenne ich Berichte dar\u00fcber, dass die Menschen, die auf den Transport warten, \u00fcberfallen oder ausgeraubt werden. Genau von den Leuten, die ihnen die Boote organisieren. So besteht ein flie\u00dfender \u00dcbergang vom Fluchthilfe leisten bis hin zum gewaltsamen Ausrauben. Mit der Schlie\u00dfung der Balkanroute zum Beispiel wurde ein Konjunkturprogramm f\u00fcr Schlepper aufgelegt und es er\u00f6ffneten sich M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Gangs, auf dieser Route Menschen auszurauben. Das war in Zeiten der offenen Balkanroute schlichtweg nicht m\u00f6glich. Das ist einer der Zusammenh\u00e4nge. Andererseits ist es hoch problematisch, dass verst\u00e4rkt juristisch gegen Menschen vorgegangen wird, die andere an den Au\u00dfengrenzen der EU zu retten versuchen. Wie zum Beispiel der Fall des <a href=\"https:\/\/www.teamhumanity.eu\/\">\u201eTeam Humanity\u201c<\/a> . F\u00fcnf Rettungsschwimmer der NRO sollen zu 10 Jahren Haft in Griechenland verurteilt werden, weil sie Ertrinkende aus dem Wasser gerettet haben. Daf\u00fcr werden sie nun als Schlepper angeklagt<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a>. Nat\u00fcrlich wissen wir noch nicht, was bei diesem Prozess herauskommen wird. Zudem gibt es den Fall <a href=\"https:\/\/greece.greekreporter.com\/2015\/02\/06\/syrian-migrants-smuggler-convicted-to-145-years-for-farmakonisi-tragedy\/ https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2015\/jul\/07\/18-feared-dead-people-smugglers-boat-capsizes-greek-islands\">\u201eFarmakonisi\u201c<\/a> ,bei dem ein junger Syrer angeblich das Steuer eines Schiffes in der Hand gehabt soll und zu 145 Jahren verurteilt wurde. Ein \u00e4hnliches Beispiel f\u00fcr die Kriminalisierung von Fluchthilfe ist der Fall des Rentners <a href=\"https:\/\/www.taz.de\/!5336068&amp;SuchRahmen=Print\/\">Bernd Keller\u00a0<\/a>. 2014 hatte er gemeinsam mit seiner Frau eine syrische Familie auf seinem Boot von der T\u00fcrkei nach Griechenland mitgenommen. Daf\u00fcr ist er zu 16 Jahren Haft verurteilt worden. Zu dieser Form von kriminalisierter Fluchthilfe arbeiten wir aktuell bei Borderline Europe. Insgesamt glaube ich daher, dass es wichtig ist, das Thema \u201eSchlepper- und Schleuser\u201c aus verschiedenen Gesichtspunkten zu betrachten.<\/p>\n<p>Sara Bellezza: Vielen Dank f\u00fcr das spannende Interview Harald!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Fu\u00dfnoten:<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>Im Sammelband \u201eGrenzregime. Diskurse. Praktiken\u201c (Hess\/ Kasparek 2010) werden verschiedene Dimensionen des EU europ\u00e4ischen Grenzraums aufgezeigt, die sowohl Formen der Migrationskontrolle thematisieren, wie auch Widerst\u00e4nde dagegen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Die sogenannte \u201eAutonomie der Migration\u201c ist sowohl eine ethnographische Forschungsmethode als auch ein bestimmtes Verst\u00e4ndnis vom Regimebegriff (Bojad\u017eijev\/ Karakayal\u0131 2007). Sie definiert das Grenzregime als sozialen Raum, in dem multiple Akteur*innen um Rechte und gesellschaftliche Teilhabe kontinuierlich verhandeln (Karakayal\u0131\/ Tsianos 2007). Das erm\u00f6glicht einerseits, Widerst\u00e4nde und Bewegung als relevante Faktoren in der Verhandlung um (Macht)Positionen zu begreifen, birgt aber gleichzeitig die Gefahr, systemische Dominanzstrukturen zu verschleiern (Georgi 2016).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> \u201e<a href=\"https:\/\/www.duden.de\/rechtschreibung\/Best_Practice\">Best Practices<\/a>\u201c ist ein aus der Wirtschaft stammender Begriff, der erprobte Methoden oder Ma\u00dfnahmen beschreibt, die f\u00fcr zuk\u00fcnftige Ma\u00dfnahmen als Modelle gelten. Wie die <a href=\"https:\/\/www.eufis.eu\/eu-glossar.html?&amp;type=0&amp;uid=32\">EU-Kommission<\/a> erkl\u00e4rt, nutzt sie dieses Konzept fast in allen Politikbereichen. Beispiele aus den Mitgliedsstaaten werden gesammelt, bewertet und dann ver\u00f6ffentlicht. Gute Ergebnisse sollen den Mitgliedsstaaten als Best\u00e4tigung ihrer Politik dienen [\u2026]\u201c.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Seit Oktober 2015 arbeitet Borderline Europe an einem Projekt zu den <a href=\"https:\/\/www.borderline-europe.de\/sites\/default\/files\/features\/2016_05_27_Kidem_1.report_online.pdf\">Kontroversen in der EU-europ\u00e4ischen Migrationspolitik<\/a>. Dabei werden Prozessbeobachtungen durchgef\u00fchrt, F\u00e4lle \u00fcber die Kriminalisierung von Fluchthilfe dokumentiert und Veranstaltungen zum Thema Fluchthilfe und \u201eSchlepper\u201c organisiert.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Der sogenannte \u201eSommer der Migration\u201c war gepr\u00e4gt von partiell offenen Grenzen, Asylrechtsversch\u00e4rfungen und neuen Blockaden der Fluchtrouten. Obwohl ein \u201eRegulieren\u201c der Einreise durch die EU \u00fcber die Grenzen der Balkanroute aufgrund der zahlreichen Menschen auf der Flucht und der breiten Unterst\u00fctzung ihrer Bewegung durch eine linksliberale \u00d6ffentlichkeit zun\u00e4chst nicht m\u00f6glich war, was als Erfolg der Migrationsbewegungen betrachtet werden kann, haben die Versch\u00e4rfungen der Migrationskontrollen und Asylrechtsversch\u00e4rfungen in Deutschland und der EU neue Dimensionen angenommen (Georgi 2016).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> \u201eDas \u201aKirchenasyl\u2018 steht in einer jahrhundertealten Schutztradition, aus der heraus es sich in den letzten drei Jahrzehnten zu einer Art Institution entwickelt hat, die dann eingreift, wenn Abschiebung in Gefahrensituationen droht.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Die \u201cMadres de Plaza de Mayo\u201d gr\u00fcndeten sich w\u00e4hrend argentinischen Milit\u00e4rdiktatur (1976-1983) um gegen das Verschwinden ihrer Kinder zu protestieren. Sie versammelten sich w\u00f6chentlich auf dem Plaza de Mayo und wurden mit ihren wei\u00dfen Kopft\u00fcchern zum Symbol des Widerstandes gegen die Diktatur und ihre Verbrechen (Bouvard 1994).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Die als \u201eLa Bestia\u201c oder \u201eEl tren de los desconocidos\u201c bekannten Z\u00fcge, die zwischen dem im S\u00fcden Mexikos liegenden Bundesstaat Chiapas und der Grenze zu den USA im Norden verkehren, werden von zahlreichen Migrant*innen als M\u00f6glichkeit genutzt, um an verschiedenen Migrationskontrollen vorbei, an die n\u00f6rdliche Grenze zu gelangen. Auf die Z\u00fcge w\u00e4hrend der Fahrt auf- und abzusteigen ist eine der Hauptursache f\u00fcr gravierende Verletzungen und Tod. Au\u00dferdem werden auf den Z\u00fcgen regelm\u00e4\u00dfig \u00dcberf\u00e4lle durchgef\u00fchrt und es besteht die erh\u00f6hte Gefahr f\u00fcr Migrantinnen, sexuell missbraucht zu werden (Amnesty International 2010). Die Dokumentationen \u201e<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=cseah6kyAKE\">La Bestia<\/a>\u201c\u00a0 und \u201e<a href=\"https:\/\/www.bbc.com\/mundo\/noticias\/2010\/11\/101108_los_invisibles_migrantes_mexico_eeuu_amnistia_gael_garcia_jrg.shtml\">Los invisibles\u201c<\/a>, sowie der Spielfilm \u201e<a href=\"https:\/\/www.focusfeatures.com\/film\/sin_nombre\">Sin Nombre\u201c<\/a> berichten von den Gefahren auf der Reise.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Zu den Hintergr\u00fcnden der Kriminalisierung von Solidarit\u00e4tsarbeit im Fall Team Humanity in Griechenland, <a href=\"https:\/\/www.aljazeera.com\/news\/2016\/01\/ngos-decry-arrests-volunteer-lifeguards-greece-160116193522648.html\">https:\/\/www.aljazeera.com\/news\/2016\/01\/ngos-decry-arrests-volunteer-lifeguards-greece-160116193522648.html<\/a>.<\/p>\n<p>Literatur:<\/p>\n<p>Amnesty International 2010: Invisible Victims: Migrants on the Move in Mexico. Amnesty International Publications.<\/p>\n<p>Bojad\u017eijev, Manuela und Serhat Karakayal\u0131 2007: Autonomie der Migration. 10 Thesen zu einer Methode. In: Transit Migration Forschungsgruppe (Hg.) 2007: Turbulente R\u00e4nder. Neue Perspektiven auf Migration an den Grenzen Europas. Bielefeld: transcript, 203-211.<\/p>\n<p>Bouvard, Marguerite Guzman 1994: Revolutionizing Motherhood. The Mothers of the Plaza de Mayo. Wilmington, Delaware: SR Books.<\/p>\n<p>Georgi, Fabian 2016: Widerspr\u00fcche im langen Sommer der Migration. Ans\u00e4tze Einer materialistischen Grenzregimeanalyse. In: PROKLA. Verlag Westf\u00e4lisches Dampfboot 183 (2), 183-203.<\/p>\n<p>Hess, Sabine und Bernd Kasparek (Hg.) 2010: Grenzregime. Diskurse. Praktiken. Institutionen in Europa. Berlin; Hamburg: Assoziation A<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber Grenzregime, Widerstand, transnationale Vernetzung und Fluchthilfe. Ein Interview mit Harald Gl\u00f6de, Borderline Europe-Menschenrecht ohne Grenzen e. V. Harald Gl\u00f6de ist Diplom Politologe und seit 2007 Mitbegr\u00fcnder und Vorstandsmitglied bei Borderline Europe- Menschenrechte ohne Grenzen e. V.. Bereits 1995 gr\u00fcndete er gemeinsam mit anderen die Forschungsgruppe Flucht und Migration (FFM e. 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