{"id":89,"date":"2016-09-27T20:53:25","date_gmt":"2016-09-27T18:53:25","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/?p=89"},"modified":"2016-10-14T03:23:27","modified_gmt":"2016-10-14T01:23:27","slug":"migrationsgeschichten-chinesische-migration-in-buenos-aires","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/2016\/09\/27\/migrationsgeschichten-chinesische-migration-in-buenos-aires\/","title":{"rendered":"Migrationsgeschichten: Chinesische Migration in Buenos Aires"},"content":{"rendered":"<p>Argentinien ist ein Land, das von Migration gepr\u00e4gt ist und dessen Einwohnerzahl Ende des 19. Jahrhunderts bis Mitte des 20. Jahrhunderts auf Grund dieser stark gestiegen ist. Damals kamen haupts\u00e4chlich Europ\u00e4er*Innen aus Italien, Spanien und Deutschland nach Argentinien. In den 80er und 90er Jahren kam es dann erneut zur vermehrten Migration nach Argentinien. Bei dieser \u201enueva migraci\u00f3n\u201c, wie sie im argentinischen Kontext h\u00e4ufig\u00a0 bezeichnet wird, handelte es sich gr\u00f6\u00dftenteils um asiatische Einwander*Innen aus China und Taiwan oder um Einwander*Innen der L\u00e4nder, die im Norden an Argentinien grenzen, wie Bolivien und Paraguay.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Heutzutage l\u00e4uft man durch die Stra\u00dfen von Buenos Aires und ist vielleicht erstaunt \u00fcber die Vielzahl chinesischer Superm\u00e4rkte, die seit den letzten 20 Jahren mehr und mehr das Stadtbild pr\u00e4gen. Superm\u00e4rkte, in denen nicht etwa chinesische Spezialit\u00e4ten angeboten werden, sondern die gleichen Produkte wie in gro\u00dfen argentinischen Supermarktketten, me<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-302 alignleft\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/files\/2016\/10\/suerte-150x150.jpg\" alt=\"suerte\" width=\"187\" height=\"187\" \/>istens zu niedrigeren Preisen. Von Lebensmitteln \u00fcber Hygiene-Produkte bis hin zur Tiernahrung haben diese L\u00e4den fast alles im Sortiment und treten mehr und mehr an die Stelle argentinischer <em>almacenes<\/em>, kleine Eckl\u00e4den, die vergleichbar mit dem deutschen \u201eTante Emma-Laden\u201c sind. Bereits 2002 wurde ein Viertel aller Superm\u00e4rkte in Capital Federal und Gran Buenos Aires von Chines*Innen gef\u00fchrt<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>. 2012 waren es laut einem Bericht des <em>Ministerio de Agroindustria<\/em> schon 80 Prozent<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>. Dieses Ph\u00e4nomen macht die sogenannte \u201enueva migraci\u00f3n\u201c besonders deutlich und hat sich im argentinischen Spanisch l\u00e4ngst auch in der Umgangssprache niedergeschlagen. So ist es ganz und gar nicht ungew\u00f6hnlich, den Satz \u201eVoy al chino\u201c zu h\u00f6ren, der nichts anderes meint als \u201eIch gehe einkaufen\u201c.<\/p>\n<p>Auch der Supermarkt auf der gegen\u00fcberliegenden Stra\u00dfenseite meiner Wohnung hat chinesische Besitzer. Hier gehe ich fast jeden Tag ein und aus, um die Eink\u00e4ufe zu erledigen. Nach einiger Zeit stellen die Mitarbeiter*Innen und ich uns die Frage \u201eC\u00f3mo est\u00e1s?\u201c zur Begr\u00fc\u00dfung nicht nur noch rein rhetorisch, sondern mit echtem Interesse und ich fange an, \u00fcber die chinesische Migration nach Argentinien zu recherchieren. Au\u00dferdem erkl\u00e4ren sich die Besitzer zu einem Gespr\u00e4ch bereit, das unter anderem Grundlage f\u00fcr diesen Artikel ist.<\/p>\n<p>Schon seit dem 16. Jahrhundert besteht ein Handelsnetzwerk zwischen Lateinamerika und Asien, bei dem chinesische G\u00fcter wie Seide, Porzellan und Edelsteine von gro\u00dfer Bedeutung waren. Diese wurden mit den sogenannten Manila-Galeonen von Manila nach Acapulco gebracht und dort gegen Silber getauscht. Bereits in diesen Jahren wurden Vorrausetzungen f\u00fcr die chinesische Migration nach Lateinamerika geschaffen, die dementsprechend eine lange Geschichte hat. Zu Zeiten des spanischen Kolonialreiches kamen die meisten Asiat*Innen als Arbeitskraft \u00fcberwiegend nach Peru und Kuba, wo sie unter sklaven\u00e4hnlichen Bedingungen arbeiten mussten.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Die chinesische Migration nach Argentinien hingegen ist ein relativ neues Ph\u00e4nomen und wie oben beschrieben beginnt der Anstieg erst in den 80er und 90er Jahren des 20. Jahrhunderts. In der Forschung hat sie bisher nur wenig Beachtung gefunden.<\/p>\n<p>Neben der steigenden Anzahl\u00a0 an Superm\u00e4rkten sprechen auch andere Faktoren daf\u00fcr, dass die chinesische Gemeinschaft in Buenos Aires w\u00e4chst. So haben sich neben den staatlichen Institutionen wie die Botschaft der Volksrepublik China oder das chinesische Konsulat auch Institutionen mit kulturellem oder religi\u00f6sem Charakter etabliert. Hierunter fallen zum Beispiel die chinesischen Schulen, Sportzentren und Tempel. Au\u00dferdem gibt es verschiedene Organisationen, die den kulturellen Austausch zwischen Argentinien und China f\u00f6rdern wie zum Beispiel <a href=\"https:\/\/dangdai.com.ar\/joomla\/\">Dang Dai<\/a>, eine Zeitschrift und online Plattform, die \u00fcber politische, wirtschaftliche und kulturelle Ereignisse beider Nationen berichtet. Es gibt auch ein <a href=\"https:\/\/www.barriochino.net\/\"><em>barrio chino<\/em><\/a>, das sich im Stadtteil Belgrano befindet, im Norden von Buenos Aires. Hier lie\u00dfen sich in den 80er Jahren die ersten Taiwanes*Innen nieder, die nach Argentinien kamen. Heute wird es eher kommerziell und nicht als Wohnbezirk genutzt.<\/p>\n<p>Genauso wie die Familie, die den Supermarkt gegen\u00fcber von meiner Wohnung in San Telmo (s\u00fcdliches Buenos Aires) leitet, wohnen die meisten Besitzer*Innen im gleichen Geb\u00e4ude, in dem sich auch ihr Gesch\u00e4ft befindet und somit in der ganzen Stadt verteilt. Der Supermarkt ist ein Familienunternehmen und alle arbeiten mit. Alle, das sind in diesem Fall die Eltern und 2 Kinder, die beide in Argentinien geboren wurden. Sie gehen auf eine der Schulen im Viertel und helfen am Nachmittag im Gesch\u00e4ft. Die chinesischen Superm\u00e4rkte haben l\u00e4nger auf als die anderen. Dan, der Sohn des Besitzers, erz\u00e4hlt mir, dass es daran liegt, dass sie viel Geld verdienen und sparen m\u00fcssen, um es zur\u00fcck nach China zu schicken. Dort leben Verwandte, die auf Geld aus dem Ausland angewiesen sind. Dan ist 16 und kennt diese Verwandten nicht. Er ist in Argentinien geboren und in Buenos Aires zu Hause. Er spricht flie\u00dfend Spanisch und Mandarin. China kennt er nur durch die Erz\u00e4hlungen seiner Eltern, die seitdem sie in Buenos Aires leben nur einmal zu Besuch in Fuji\u00e1n waren, der Region auf dem chinesischen Festland, die sie vor 23 Jahren verlassen haben.<\/p>\n<p>Die meisten der chinesischen Migrant*Innen in Buenos Aires kommen entweder aus dieser K\u00fcstenregion im Osten Chinas oder von der Insel Taiwan. In den 80er Jahren gaben viele der Taiwanes*Innen als Grund ihrer Migration die Angst vor der Ausbreitung des Kommunismus an, w\u00e4hrend in den Jahren danach eher die Chance auf Arbeit zu den Beweggr\u00fcnden z\u00e4hlte. Es ist die Zeit, in der Argentinien wichtige Schritte in Richtung Demokratie macht und die Wirtschaft erfolgreich angekurbelt wird. Dar\u00fcber hinaus leben in Argentinien schon Chines*Innen, die kurz nach der Chinesischen Revolution aus politischen Gr\u00fcnden das Land verlassen mussten. Die chinesische Gemeinde in Argentinien ist zwar noch nicht sehr gro\u00df, aber neuankommende Chines*Innen verf\u00fcgen dadurch bereits \u00fcber verschiedene Anlaufstellen. <a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Diese Tatsache spricht f\u00fcr die Existenz eines weitreichenden transnationalen Netzwerks, das es den Chines*Innen erm\u00f6glicht, sich im Ausland gesch\u00e4ftlich zu etablieren. Der enge Kontakt zu Verwandten in China und ihre finanzielle Unterst\u00fctzung erweitern dieses Netzwerk und machen es vielschichtig. Weltweit zeichnen sich chinesische Migrationsstr\u00f6me durch solche etablierten Netzwerke aus. <a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n<p>Auch die Eltern von Dan sind Teil eines solchen Netzwerks und halten es aufrecht. Sie kamen nach Buenos Aires, weil sich Freunde von Freunden bereits im Capital Federal niedergelassen hatten und von den beruflichen Chancen erz\u00e4hlten. Zwar kannten sie sich nicht pers\u00f6nlich, aber sie hatten zumindest eine Referenz. Am Anfang lebten und arbeiteten sie mit ihren Bekannten zusammen bis sie genug Geld hatten, um ihr eigenes Gesch\u00e4ft zu etablieren, das sie bis heute hier in San Telmo f\u00fchren. W\u00e4hrend unseres gesamten Gespr\u00e4chs l\u00e4uft der kleine Fernseher im Hintergrund, der erst eine chinesische Nachrichtensendung zeigt und danach einen Spielfilm mit chinesischen Schriftzeichen als Untertitel. Der Supermarkt ist mehr als ein Ort, um einzukaufen, er ist ein Ort der Begegnung, wo tagt\u00e4glich verschiedene Kulturen aufeinander treffen. Doch trotz des t\u00e4glichen Kontakts zu Argentinier*Innen ist der Weg zur Integration ein schwieriger f\u00fcr Dans Vater. \u201eEs ist nicht leicht, sich in einem neuen Land, in einer anderen Stadt zu etablieren, die Sprache zu lernen und wie die Gesellschaft funktioniert\u201c, erinnert er sich, deshalb macht er auch heute noch lieber Gesch\u00e4fte mit anderen Chines*Innen. Das birgt f\u00fcr ihn eine gewisse Sicherheit, er bewegt sich auf einem Terrain, das ihm bekannt ist, kulturelle und sprachliche Barrieren fallen weg. Meine Frage, ob er irgendwann gerne zur\u00fcck nach China m\u00f6chte, beantwortet er nicht sofort. Nach kurzem \u00dcberlegen nickt er: \u201eWenn die Zeit gekommen ist, dann ja.\u201c Auch Dans Mutter nickt kurz. Dan hingegen sch\u00fcttelt den Kopf. \u201eIch bleibe hier. Wer k\u00fcmmert sich sonst um den Supermarkt?\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. Bogado Bordazar: 2002<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Vgl. Ebd.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Vgl. Ablin: 2012<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Vgl. Tremml: 2012<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Vgl. Bogado Bordazar: 2002<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Vgl. Denardi: 2015, Guerra Zamponi: 2010<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bibliografie<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ablin, Amalie (2012): El supermercadismo\u00a0 argentino. Ministerio de Agroindustria. Buenos Aires.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.alimentosargentinos.gob.ar\/HomeAlimentos\/Nivel%20de%20actividad\/niveldeactividad\/08Ago_2012_supermercado.pdf\">https:\/\/www.alimentosargentinos.gob.ar\/HomeAlimentos\/Nivel%20de%20actividad\/niveldeactividad\/08Ago_2012_supermercado.pdf<\/a> (Zugriff: 06.09.2016)<\/p>\n<p>Bogado Bord\u00e1zar, Laura Luc\u00eda (2002): Migraciones Internacionales. Influencia de la Migraci\u00f3n China\u00a0en el R\u00edo de la Plata. Tesis, Universidad de La Plata.<\/p>\n<p>Denardi, Luciana (2015): Ser chino en Buenos Aires: historia, moralidades y cambios en la di\u00e1spora\u00a0china en Argentina. In: Horizontes Antropl\u00f3gicos 21\/43, S. 79-103.<\/p>\n<p>Guerra Zamponi, Carolina (2010): La Di\u00e1spora China. In: Consejo Argentino para la Relaciones\u00a0Internacionales. Material de Conferencias, Trabajos y Reuniones de Trabajo \u2013 N\u00b0 6.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.cari.org.ar\/pdf\/mcsrt6.pdf\">https:\/\/www.cari.org.ar\/pdf\/mcsrt6.pdf<\/a>\u00a0 (Zugriff: 06.09.2016)<\/p>\n<p>Tremml, Birgit M. (2012): The Global and the Local: Problematic Dynamics of the Triangular Trade in\u00a0Early Modern Manila. In: Journal of World History 23\/3, S. 555-586.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Argentinien ist ein Land, das von Migration gepr\u00e4gt ist und dessen Einwohnerzahl Ende des 19. Jahrhunderts bis Mitte des 20. Jahrhunderts auf Grund dieser stark gestiegen ist. Damals kamen haupts\u00e4chlich Europ\u00e4er*Innen aus Italien, Spanien und Deutschland nach Argentinien. In den 80er und 90er Jahren kam es dann erneut zur vermehrten Migration nach Argentinien. 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