{"id":994,"date":"2021-07-30T16:02:45","date_gmt":"2021-07-30T14:02:45","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/?p=994"},"modified":"2021-07-30T16:10:41","modified_gmt":"2021-07-30T14:10:41","slug":"infoblog-zwangsmigration-in-zentralamerika","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/migration\/2021\/07\/30\/infoblog-zwangsmigration-in-zentralamerika\/","title":{"rendered":"Infoblog: Zwangsmigration in Zentralamerika"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-left\"><strong>Zwangsmigration, was ist das eigentlich? Welche Formen kann sie annehmen und was sind ihre Ausl\u00f6ser? Ist Zwangsmigration ein neues Ph\u00e4nomen? Welche Teile Zentralamerikas sind davon betroffen und warum? Der folgende kleine Infoblog soll Einblicke zu verschiedenen Aspekten von Zwangsmigration in Zentralamerika geben. Neben einer Ann\u00e4herung an den Begriff von Zwangsmigration erfolgt zun\u00e4chst ein kurzer Abriss \u00fcber den historischen Kontext von Zwangsmigration in der Region. Anschlie\u00dfend werden die neuen Gr\u00fcnde von Vertreibung in und aus Zentralamerika n\u00e4her beleuchtet und betrachtet. Zudem wird der Frage nachgegangen, inwiefern und welche Rolle Gender bez\u00fcglich des Ph\u00e4nomens von Zwangsmigration in der Region einnimmt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zwangsmigration beschreibt Migrationsmuster, die unabh\u00e4ngig ihres Ausl\u00f6sers, Gewalt, Zwang oder N\u00f6tigung beinhalten. Dieses Konzept ist eng verbunden mit \u201adisplacement\u2018 (Vertreibung) welches die Bewegung von Personen beschreibt, die gezwungen werden oder sich gezwungen sehen ihren Aufenthaltsort zu verlassen. Die Gr\u00fcnde f\u00fcr Zwangsmigration und Vertreibung sind vielz\u00e4hlig (International Organization for Migration 2019:55). Zudem ist diese Form der Migration nicht lediglich ein modernes Ph\u00e4nomen, sondern mit der Geschichte Zentralamerikas fest verankert.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Historie<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMigrations have been a structural and structuring factor in Central America.\u201c (Sandoval-Garc\u00eda 2017:13). &nbsp;Auch wenn Migration in Zentralamerika insbesondere in den letzten zehn bis zwanzig Jahren eine immer bedeutendere Thematik darstellt, war interne Migration, ebenso wie intra-regionale und extra-regionale Migration in verschiedenen historischen Epochen der Region ein relevantes Ph\u00e4nomen (vgl. ebd.). So sind in Zentralamerika Zwangsmigration und Vertreibung ein fester Bestandteil der Geschichte. Mit Beginn der Kolonialzeit \u00e4u\u00dfert sich Zwangsmigration vor allem in der Vertreibung von indigenen Gemeinschaften und in der Deportation von versklavten Personen aus Afrika und deren Zwangsansiedlung in den Amerikas und der Karibik (Bradley 2014). Seit dem zwanzigsten Jahrhundert diversifizieren sich die Gr\u00fcnde von Verdr\u00e4ngung, doch viele davon lassen sich direkt oder indirekt auf die koloniale und postkoloniale \u00c4ra zur\u00fcckf\u00fchren. Allgemeine Ungleichheit, Armut, regelm\u00e4\u00dfige Rechtsverletzungen, bewaffnete Konflikte und wirtschaftliche Ausbeutung gipfelten in den 1980er und 1990er Jahren in einer Vertreibungskrise, ausgel\u00f6st durch einen miteinander verbundenen B\u00fcrgerkrieg in Nicaragua, El Salvador und Guatemala. Als Konsequenz der politischen Repressionen und der milit\u00e4rischen Auseinandersetzungen im Rahmen des B\u00fcrgerkriegs in der Region war ein gro\u00dfer Anteil der Bev\u00f6lkerung in den von B\u00fcrgekrieg betroffenen L\u00e4ndern gezwungen, ihren bisherigen Wohnort zu verlassen (vgl. Nuhn 2019: 142). Die Migration erfolgte dabei aus den l\u00e4ndlichen Regionen in die St\u00e4dte und \u00fcber die nahen Grenzen in benachbarte L\u00e4nder im Ausland. Die Einreise in andere L\u00e4nder erfolgte in den meisten F\u00e4llen illegal. Daher konnten die Gefl\u00fcchteten nur bedingt registriert werden sowie in der Mehrheit der F\u00e4lle nur ein kleiner Teil von ihnen offiziell im Rahmen der Hilfsma\u00dfnahmen der Vereinten Nationen Betreuung erhalten (vgl. ebd.) Sch\u00e4tzungsweise drei Millionen Menschen wurden aus ihrer Lebensrealit\u00e4t gerissen und wurden innerhalb ihres Landes vertrieben oder fl\u00fcchteten in andere L\u00e4nder Zentral- und Nordamerikas. (Bradley 2011). Die Sch\u00e4tzungen bez\u00fcglich der Anzahl Migrant*innen im Kontext des B\u00fcrgerkriegs in Zentralamerika gehen teilweise allerdings sehr stark auseinander, weswegen sie eher \u201eals Gr\u00f6\u00dfenordungen\u201c (Nuhn 2019:142) interpretiert werden m\u00fcssen. W\u00e4hrend der zentralamerikanischen B\u00fcrgerkriege waren insbesondere Nicaragua, Guatemala und El Salvador von Emigration betroffen. Honduras, Costa Rica, Mexiko und die USA waren die Hauptaufnahmel\u00e4nder von den Vertriebenen aus oben genannten L\u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn die Darstellung der zentralamerikanischen B\u00fcrgerkriege als reine Konsequenz der Ost-West Rivalit\u00e4t des Kalten Krieges wohl schl\u00fcssig erscheint, w\u00fcrde sie den tieferliegenden Wurzeln der Gewalt in der Region und deren kolonialen Erbes nicht gerecht werden. Die Interessen der guatemaltekischen Elite und systematische Diskriminierung der armen, l\u00e4ndlichen Bev\u00f6lkerung f\u00fchrte dazu, dass die Mehrheit der 200.000 tausend Toten oder Verschwundenen und etwa. 2,5 Millionen Vertriebene, Angeh\u00f6rige der indigenen Maya waren. 440 D\u00f6rfer von Maya Gemeinden wurden komplett zerst\u00f6rt. Die von der UN unterst\u00fctzte Wahrheitskommission des Landes kommt zu dem Schluss, dass etwa 80% der Opfer von Gewalt und Menschenrechtsverletzungen w\u00e4hrend des Krieges Maya waren. Staatliche Akteure ver\u00fcbten dabei 93% der Verst\u00f6\u00dfe, weshalb die Wahrheitskommission dies offiziell als Genozid einstuft (Bradley 2011:5).<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Neue Gr\u00fcnde von Vertreibung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend die bereits genannten Gr\u00fcnde f\u00fcr Vertreibung weiter bestehen und weiterhin die grundlegenden Probleme darstellen, haben sich in j\u00fcngster Zeit auch \u201eNeue\u201c (Bradley 2014:2) Gr\u00fcnde der Vertreibung vieler Zentralamerikaner herauskristallisiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Sandoval-Garc\u00eda argumentiert \u201ethat in Central America processes of forced emigration are triggered, especially as a consequence of neoliberal policies, while at the same time migration controls, such as the externalization of borders and law enforcement, among others, increase, which makes immigrating more difficult. That is, millions of Central Americans are obliged to emigrate, but they cannot immigrate, a situation made more complex because of organized crime activity in regions where migrants try to go, especially to the United States. These dynamics of exclusion and control reveal the difficulties capitalism experiences in containing contradictions generated by its own policies. That is, the dismantling of local and regional economies aims at expanding businesses and increasing possibilities of accumulation but it triggers migrations which are considered unacceptable.\u201c (Sandoval-Garc\u00eda 2017:7).<\/p>\n\n\n\n<p>NebenEffekten neoliberaler Politiken sind Naturkatastrophen eine der gr\u00f6\u00dften Ursache f\u00fcr Vertreibung in Zentralamerika und vor allem auch in der Karibik. Ein Gro\u00dfteil steht im Zusammenhang mit heftigen St\u00fcrmen, Fluten und Erdrutschen und werden durch mangelnde staatliche Kapazit\u00e4ten verst\u00e4rkt. Dies macht bestimmte Regionen besonders anf\u00e4llig f\u00fcr sich wiederholende und langwierige Vertreibungen, da es oft an finanziellen Mitteln fehlt, um Geb\u00e4ude wieder aufzubauen und verlorenen Besitz wiederherzustellen. Oft fehlt es auch an Fr\u00fchwarn- und Vorbereitungssystemen, was im Hinblick auf die Klimakrise, die genau solche Katastrophen mit st\u00e4rkerer Intensit\u00e4t und H\u00e4ufigkeit zur Folge haben wird, ein Anstieg der Vertriebenen durch Umweltkatastrophen zu erwarten sein (Barley 2014).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Expansion und Inanspruchnahme von immer mehr Land durchGro\u00dfbetriebe ist ein weiterer Ausl\u00f6ser f\u00fcr Vertreibung in immer mehr Regionen. Im Nordwesten Guatemalas f\u00fchrte dies zur Vertreibung von ganzen Gemeinden, die sich durch den eingeschr\u00e4nkten Zugang zu Lebensmitteln von Unterern\u00e4hrung von Krankheiten ausgesetzt sahen. Ihre Verwundbarkeit durch Landraub und Gro\u00dfkapital wird durch die hinterlassenen Umweltsch\u00e4den der Industrie weiter verschlimmert, die sich insbesondere durch die Verschmutzung und \u00dcbernutzung der Wasserquellen \u00e4u\u00dfert. Solche Unternehmen profitieren von den schwachen Staaten und korrupten Strukturen und schaffe es so, ganze Landstriche f\u00fcr die dort ans\u00e4ssigen Gemeinden unbewohnbar zu machen, ohne gro\u00dfe Konsequenzen zu f\u00fcrchten (Bonilla 2017).<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiterer Faktor, der vor allem in El Salvador, Honduras und Guatemala immer st\u00e4rker zur Vertreibung beitr\u00e4gt, ist die Gewalt durch transnationale kriminelle Organisationen, allgemeiner auch \u201agang violence\u2018 genannt. Diese besitzen oft mehr Waffen, Geld und Macht als das nationale Milit\u00e4r. Sie kontrollieren teils ganze Gemeinden und Abteilungen der nationalen Regierung und haben Sch\u00e4tzungen nach 40% \u2013 70% der Regierungsbeamten in der Hand (Barley 2014). Ihre Bestrebungen Angst zu verbreiten, Gegner zu verfolgen und allgemein ihre Macht auszuweiten und diese mit Gewalt durchzusetzen ist zur Hauptursache der Vertreibung in der Region geworden (Nelson-Pollard 2017). Probleme der Korruption, Armut, Drogenhandel und \u201aGang Violence\u2018 sind facettenreich und stark miteinander verbunden. Armut und Arbeitslosigkeit dienen hier als treibende Kraft der Rekrutierung neuer Mitglieder und Ausweitung der Territorien, was erneut zu mehr Gewalt und Vertreibung f\u00fchrt (Roth 2017).<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gewalt, Gender und Zwangsmigration<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Viele Studien legen nahe, dass in diesem Kontext besonders Frauen, Jugendliche und Kinder als gef\u00e4hrdete Gruppen gelten. In Honduras sind die Raten an Kindern, die die Schule fr\u00fchzeitig auf Grund von extremer Gewalt verlassen wesentlich h\u00f6her als angenommen (Nelson-Pollard 2017). Insbesondere Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Familien sind sehr auf die Qualit\u00e4t ihrer Nachbarschaften angewiesen, doch unter den beschriebenen Umst\u00e4nden, sind genau sie, diejenigen die verwundbar sind und so h\u00e4ufiger Opfer von Polizeigewalt, Viktimisierung und zwanghafter Bandenbeteiligung werden (Roth 2017). W\u00e4hrend eine Studie des \u201aNorthern Triangle of Central America\u2018 davon spricht, dass Fluchtgr\u00fcnde zu etwa 90% \u00f6konomische Hintergr\u00fcnde haben, legt eine Studie von UN Agencies nahe, dass insbesondre Frauen, Jugendliche und Kinder in 40%- 60% der F\u00e4lle aufgrund von Gewalt bedingten Umst\u00e4nden fliehen (Nelson-Pollard 2017). Die Zahlen der unbegleiteten Minderj\u00e4hrigen aus El Salvador, Honduras und Guatemala, die versuchten die Grenze der USA zu \u00fcberqueren, unterst\u00fctzen diese Zahlen. Es wurde ein dramatischer Anstieg von 2.304 im Jahr 2012 auf ca. 47.000 im Jahr 2014 verzeichnet (Roth 2017). Die Dunkelziffer all dieser Statistiken d\u00fcrfte deutliche h\u00f6her sein, denn \u201e(\u2026) people fleeing criminal violence often try to remain unnoticed.\u201c (Nelson- Pollard 2017:15).<\/p>\n\n\n\n<p>Neben der Geschlechterungleichheit in der Region sorgen auch die exorbitant hohen Femizidraten in den L\u00e4ndern des \u201aNorthern Triangle of Central America f\u00fcr die best\u00e4ndige Emigration von Frauen aus Zentralamerika (vgl. Obinna 2021: 808). So geh\u00f6ren Honduras, El Salvador und Guatemala weltweit zu den L\u00e4ndern mit den h\u00f6chsten Femizidquoten. In El Salvador wurde 2017 bspw. alle 18 Stunden eine Frau get\u00f6tet, in Honduras sind Femizide die zweith\u00e4ufigste Todesursache f\u00fcr Frauen im geb\u00e4rf\u00e4higen Alter, und in Guatemala verdreifacht sich die Anzahl an ermordeten Frauen seit 2000 j\u00e4hrlich (ebd.: 807). So \u00fcberrascht es nicht, dass Gewalt einer der Hauptfaktoren f\u00fcr junge M\u00e4dchen und Frauen ist, zu fliehen und sich insbesondere Frauen gezwungen sehen aus der Region zu emigrieren, sind sie doch mit Vergewaltigung, sexueller Bel\u00e4stigung, h\u00e4uslicher Gewalt, Menschenschmuggel und Missbrauch konfrontiert (vgl. Obinna 2021: 807).<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings ist auch die Reise aus dem NTCA durch Gewalt und Instabilit\u00e4t gepr\u00e4gt. Frauen auf der Flucht erfahren \u00fcberm\u00e4\u00dfig h\u00e4ufig sexualisierte Gewalt und Viktimisierung durch Koyoten, Gangs, Kartelle und Polizeikr\u00e4fte. So berichten laut einem Bericht von \u00c4rzte ohne Grenzen aus dem Jahr 2017 beinahe ein Drittel aller Frauen auf ihrem Weg Richtung Norden durch Mexiko davon, sexuell bel\u00e4stigt oder missbraucht worden zu sein, wobei die T\u00e4ter neben Gangmitgliedern und Mitgliedern krimineller Vereinigungen auch unter den mexikanischen Sicherheitskr\u00e4ften zu finden seien (vgl. Obinna 2021:807).<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl die Migrationserfahrungen von Frauen nicht komplett getrennt von den Erfahrungen migrierender M\u00e4nner betrachtet werde k\u00f6nnen, sehen sich Frauen in ihren Heimatl\u00e4ndern und auf ihrer Migrationsreise auf der Suche nach Sicherheit unterschiedlichen Herausforderungen gegen\u00fcber. Im Gegensatz zu M\u00e4nnern sind Frauen beispielsweise h\u00e4ufiger Opfer sexueller Gewalt, sowohl zu Hause als auch auf der Reise in den Norden. Dar\u00fcber hinaus hat k\u00f6rperliche und sexuelle Gewalt gegen Frauen und M\u00e4dchen eine Reihe von Folgen f\u00fcr die reproduktive Gesundheit, die sich von den Folgen der Gewalt gegen M\u00e4nner unterscheiden. Als Menschenrechtsproblem hat Gewalt gegen Frauen negative gesundheitliche Folgen, zu denen h\u00e4ufig ungewollte Schwangerschaften, sexuell \u00fcbertragbare Infektionen (einschlie\u00dflich HIV\/AIDS), M\u00fcttersterblichkeit und posttraumatische Belastungsst\u00f6rungen geh\u00f6ren (vgl. ebd.). Diese Bedingungen von Migration sind nicht \u00fcber Nacht entstanden, sondern sind vielmehr in systemischen, sozio\u00f6konomischen, politischen und geschlechtsspezifischen Ungleichheiten verwurzelt. Ebenso kann die tagt\u00e4glich von Frauen erlebte Gewalt nur innerhalb der strukturellen, allt\u00e4glichen Gewalt in der Region verstanden werden, die der Normalisierung von Gewalt gegen Frauen und der anhaltenden Straflosigkeit zugrunde liegt. Diese Straffreiheit kennzeichnet auch die Aktivit\u00e4ten von Banden wie der Mara Salvatrucha und ihre Behandlung von Frauen, die als &#8222;Freundinnen&#8220; von Bandenmitgliedern vergewaltigt oder sexuell versklavt werden (ebd.: 808).<\/p>\n\n\n\n<p>Durch patriarchale Machtsysteme und hypermaskuline R\u00e4ume, die von kriminellen Banden wie Mara Salvatrucha (MS-13) und Calle 18 verw\u00fcstet werden, wird Gewalt gegen Frauen normalisiert und legitimiert. Die Zahlen aus Honduras, El Salvador und Guatemala deuten auf eine eingebettete Machista-Kultur hin, die Frauen sowohl in ihren Heimatl\u00e4ndern als auch auf der Reise nach Norden gef\u00e4hrdet.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zwangsmigration und Deportation<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend die bereits genannten Gr\u00fcnde sich in erster Linie auf Menschenrechtsverst\u00f6\u00dfe, Gewalt und Konflikt zur\u00fcckf\u00fchren lassen, gibt es in Zentralamerika auch Migrationsbewegungen die von Staaten oft als \u201afreiwillige\u2018 Migration bezeichnet werden. Sie befinden sich f\u00fcr Wissenschaftler und Praktiker in einer Grauzone zwischen Zwang und Wahl. Staatenlosigkeit und Deportation geh\u00f6ren in diese Kategorie und sind regelm\u00e4\u00dfiger Bestandteil aktueller Debatten, da diese Themen oft direkt mit einer nationalen Agenda verbunden sind (Bradley 2014). Wenn man sich das Thema Deportation anschaut, kommt man nicht drum herum sich mit der Dynamik zwischen gefl\u00fcchteten Zentralamerikanern und den USA anzuschauen. Bereits w\u00e4hrend der B\u00fcrgerkriege der 80er und 90er Jahre wurde das Thema Asyl und Deportation stark politisiert und instrumentalisiert. Obwohl die Regierung in Washington eine aktive Rolle in diesem Konflikt innehatte, akzeptierten sie nur rund 2,2% der gestellten Asylantr\u00e4ge, was viele Gefl\u00fcchtete dazu trieb unterzutauchen. Diese Dynamik zeichnet bis heute die Rhetorik und den Umgang der USA mit Gefl\u00fcchteten aus Zentralamerika. Hunderte neue Deportationszentren werden errichtet und Millionen ausgegeben um \u201aillegale Wirtschaftsmigranten\u2018 wieder abzuschieben, obwohl diese oft einen legitimen Anspruch haben (Bradley 2014). Statt jedoch die Quellen der erzwungenen Migration der Region anzuerkennen, wird die Politik der Abschiebung weiterhin verfolgt und intensiviert. Es wird angenommen, dass insbesondere die erzwungene R\u00fcckkehr von Personen w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs dazu f\u00fchrte, dass diese sich Banden in den USA anschlossen, die zur Ausbreitung dieser Organisationen f\u00fchrte und den Grundstein f\u00fcr anhaltende dokumentierte Zwangsmigration von heute legte (Kennedy 2013).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zwangsmigration in Zentralamerika ist sowohl ein historisches Ph\u00e4nomen als auch ein h\u00f6chstaktuelles Ph\u00e4nomen in der Region. Beginnend in der \u00c4ra des Kolonialismus mit der Vertreibung indigener Bev\u00f6lkerungsgruppen und der Deportation von Schwarzen und PoC aus Afrika und deren forcierten Ansiedlung in den Amerikas und der Karibik, waren w\u00e4hrend der 1990er Jahre die zentralamerikanischen B\u00fcrgerkriege und allgemeine Ungleichheit, Armut, regelm\u00e4\u00dfige Rechtsverletzungen, bewaffnete Konflikte und wirtschaftliche Ausbeute als \u201ekoloniales Erbe\u201c die Hauptgr\u00fcnde f\u00fcr Zwangsmigration und Vertreibung. Heutzutage gibt es \u201econtinuities and ruptures between the war and the dispossession processes that have forced millions of Central Americans to leave their countries\u201c (Sandoval-Garc\u00eda 2017: 38), was darauf schlie\u00dfen l\u00e4sst, dass die B\u00fcrgerkriege zwar immer noch auf Migration in der Region einwirken und als eine fortdauernde Ursache von Zwangsmigration und Vertreibung betrachtet werden k\u00f6nnen, es jedoch noch weitere \u201eneue Gr\u00fcnde\u201c f\u00fcr diese Form der Migration gibt. Sandoval-Garc\u00eda betont, dass \u201eForced migrations are caused first by armed conflicts and then by neoliberal policies\u201c (ebd.). Neben neoliberalen Politiken sind auch Naturkatastrophen, die Expansion und Inanspruchnahme von immer mehr Land durchGro\u00dfbetriebe und die Gewalt durch transnationale kriminelle Organisationen als ausl\u00f6sende Faktoren f\u00fcr Zwangsmigration und Vertreibung zu beachten. Insbesondere Kinder und Jugendliche sowie Frauen gelten diesbez\u00fcglich als besonders vulnerable Gruppen. Zeitgleich mit der Kontinuit\u00e4t von erzwungenen Migrationsbewegungen und Vertreibung l\u00e4sst sich eine verst\u00e4rkte Illegalisierung und Kriminalisierung von Migration beobachten, die in der Deportation von Migrant*innen sowie einer verst\u00e4rkten Versicherheitlichung von Grenzen und Grenzregionen m\u00fcndet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bonilla, H. S. (2017) <\/strong>Triggers of internal displacement in Guatemala, in: Forced Migration Review 56, 38-39.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bradley, M. (2011)<\/strong> Unlocking Protracted Displacement: Central America\u2019s \u201cSuccess Story\u201d Reconsiderd, in Refugee Survey Quarterly, Vol. 30, No. 4. 84\u2013121.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bradley, M. (2014)<\/strong> Forced Migration in Central America and the Caribbean: Cooperation and Challenges, in: The Oxford Handbook of Refugee and Forced Migration Studies. Oxford.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>International Organization for Migration (2019)<\/strong> Glossary on Migration, in: International Migration Law No. 34.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kennedy, E. G. (2013)<\/strong> Refugees from Central American gangs, in: Forced Migration Review 43, 50-53.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nelson-Pollard, S. (2017)<\/strong> Criminal violence in Honduras as a driver of displacement, in: Forced Migration Review 56, 14- 17.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nuhn, H. (2019)<\/strong> \u2018\u201cAltlasten\u201d des Krieges: Vertreibung, Flucht und Wiederansiedlung alsFolge militanter Konflikte in Zentralamerika\u2019, in Zentralamerika: Frieden Demokratie &#8211; Entwicklung? Politische und wirtschaftliche Perspektiven in den 90er Jahren. Frankfurt a. M., Madrid: Iberoamericana Vervuert. pp. 141\u2013168.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Obinna, D. N. (2021)<\/strong> Seeking Sanctuary: Violence Against Women in El Salvador,Honduras, and Guatemala. Violence against women. [Online] 27 (6-7), 806\u2013827.<\/p>\n\n\n\n<p>von Jula Dietz und Miriam Caroline Hecht <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwangsmigration, was ist das eigentlich? Welche Formen kann sie annehmen und was sind ihre Ausl\u00f6ser? Ist Zwangsmigration ein neues Ph\u00e4nomen? Welche Teile Zentralamerikas sind davon betroffen und warum? Der folgende kleine Infoblog soll Einblicke zu verschiedenen Aspekten von Zwangsmigration in Zentralamerika geben. 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