{"id":123,"date":"2020-04-13T17:28:41","date_gmt":"2020-04-13T15:28:41","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/mummelthei\/?p=123"},"modified":"2020-05-21T20:36:37","modified_gmt":"2020-05-21T18:36:37","slug":"film-als-form-kulturellen-diskurses-online-unterrichten-erste-ideen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/mummelthei\/2020\/04\/13\/film-als-form-kulturellen-diskurses-online-unterrichten-erste-ideen\/","title":{"rendered":"Film als Form kulturellen Diskurses online unterrichten \u2013 erste Ideen"},"content":{"rendered":"<p>Man k\u00f6nnte meinen, ein Filmseminar in den virtuellen Raum zu \u00fcbertragen w\u00e4re ein Leichtes \u2013 immerhin handele es sich bei &#8218;Film&#8216; ja um ein Medium, dessen digitale Existenz in Hochzeiten des Streamings bereits etabliert scheint. Tats\u00e4chlich aber tue ich mich schwer damit, ein Seminar, das die Darstellung und Verhandlung von &#8218;Arabern&#8216; und &#8218;Orient&#8216; in Hollywood-Filmen in den Mittelpunkt r\u00fccken sollte, g\u00e4nzlich &#8218;online&#8216; zu denken.<\/p>\n<p>Meine Komplexe r\u00fchren sicher auch daher, dass es sich bei der Lehrveranstaltung um ein Kernseminar des Bachelorstudienganges <em>Geschichte und Kultur des Vorderen Orients, Schwerpunkt Arabistik\u00a0<\/em>handelt; die Studierenden schreiben hier die erste differenziert benotete Hausarbeit des Kernfachs. Demnach h\u00e4tten \u00dcbungen zum wissenschaftlichen Arbeiten und Schreiben einen gro\u00dfen Teil der Pr\u00e4senzstunden ausgemacht. (Von meiner Idee f\u00fcr die Pr\u00fcfungsleistung in diesem Modul berichte ich in einem der folgenden Beitr\u00e4ge.)<\/p>\n<p>Es geht um folgenden Kurs:<\/p>\n<ul>\n<li>Kurstitel: Araber und Orient in Hollywood<\/li>\n<li>Lehr- und Lernform: Seminar<\/li>\n<li>zugeh\u00f6rig zum Modul: Literatur und Quellen II B<\/li>\n<li>Studiengang: BA Geschichte und Kultur des Vorderen Orients, Schwerpunkt Arabistik<\/li>\n<li>Fachsemester: 4<\/li>\n<\/ul>\n<h3>Qualifikationsziele und Kursinhalte<\/h3>\n<p>Seit mehr als einem Jahrhundert bedient sich die US-amerikanische und europ\u00e4ische Filmindustrie eines bestimmten &#8218;Anderen&#8216; (engl. <em>other<\/em>), um im Film ein seltsames oder gef\u00e4hrliches Gegen\u00fcber f\u00fcr die Protagonisten zu konstruieren. &#8218;Araber&#8216; bilden da keine Ausnahme &#8211; und ihre Darstellung ist teilweise \u00e4hnlich karikiert wie die des &#8218;Juden&#8216; in anderen Kontexten: gekleidet in Haremshosen und Turbanen, mit unheimlichem Blick, unzivilisiert und wild, politisch radikalisiert oder religi\u00f6s fanatisch. Oft genug, ist der &#8218;Araber&#8216; der B\u00f6sewicht &#8211; das kulturelle &#8218;Andere&#8216; <em>par excellence<\/em>.<\/p>\n<p>In dem Seminar m\u00f6chte ich mich mit den Studierenden zusammen Spur solcher &#8218;Stereotypen&#8216; begeben. Dabei werfen wir nicht nur einen Blick auf Filme, sondern schauen uns auch Serien und Dokumentationen an. Beispielhaft genannt seien: <em>The Thief of Baghdad<\/em>, <em>Aladdin<\/em>, <em>Body of Lies<\/em>, <em>The Night Manager<\/em>, Terra-X-Dokumentationen.<\/p>\n<p>Als <strong>Qualifikationsziele<\/strong> habe ich mir \u00fcberlegt, dass die Studierenden:<\/p>\n<ul>\n<li>&#8218;Film&#8216; als Form kulturellen Diskurses erkennen;<\/li>\n<li>Analysekategorien kennen, um die Repr\u00e4sentation von Arabern und dem Orient in Filmen zu beschreiben und zu diskutieren;<\/li>\n<li>bewerten k\u00f6nnen, was in Filmen repr\u00e4sentiert wird und was abwesend bleibt;<\/li>\n<li>in der Lage sind, Filme als Dokumente mit anderen Formen kultureller Produktion zu vergleichen;<\/li>\n<li>Filme als Medium f\u00fcr die Kommunikation von Ideologien, Traditionen, Mythologien, politischer Agenda, usw. analysieren k\u00f6nnen;<\/li>\n<li>ein Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr haben, wie Filme auf Emotionen wirken, Interesse hervorrufen, belehren, Vorstellungen in Frage stellen usw.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die <strong>Kursinhalte<\/strong> fasse ich zun\u00e4chst kurz:<\/p>\n<ul>\n<li>Die Studierenden erforschen anhand von prim\u00e4rem und sekund\u00e4rem Material die filmische Darstellung von \u201aArabern\u2018 und dem \u201aOrient\u2018 mit Blick auf Themen wie Diversit\u00e4t, Ethnizit\u00e4t, Sexualit\u00e4t, Tradition sowie die komplexen und oft widerspr\u00fcchlichen Erz\u00e4hlungen Hollywoods \u00fcber nationale Identit\u00e4t, historische Handlungsf\u00e4higkeit und Macht.<\/li>\n<\/ul>\n<h3>Alternative zum &#8218;Text&#8216;<\/h3>\n<p>An oberste Stelle steht f\u00fcr mich, die Studierenden mit einem anderen Medium als &#8218;Text&#8216; zu konfrontieren. Als Philologie ist die Arabistik nat\u00fcrlich eine textlastige Disziplin und in den ersten Semestern des Bachelorstudienganges haben die Studierenden neben dem Sprachstudium eigentlich vorrangig mit &#8218;Literatur&#8216; im weitesten Sinne zu tun \u2013 sei sie nun vorislamische Dichtung, Tausendundeine Nacht oder der Koran.<\/p>\n<p>Nun studieren sie ja aber gerade keine reine Literaturwissenschaft \u2013 immerhin hei\u00dft der Studiengang\u00a0<em>Geschichte und Kultur des Vorderen Orients<\/em> und ist am <em>Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften\u00a0<\/em>angesiedelt. Literatur ist zweifelsohne ein Teil von Kultur; aber diese &#8218;Kultur&#8216; des Vorderen Orients l\u00e4sst sich meiner Meinung nach nicht nur durch Literatur erfassen; schlie\u00dflich sind auch Musik, Kleidung, Architektur oder eben Film Zeugnisse kultureller Produktion.<\/p>\n<p>Mehr noch: Das Erfassen dieser &#8218;Kultur&#8216; muss sich auch aus der Perspektive <em>Arabistik<\/em>, wie sie der Studiengangstitel auf den Punkt bringt,\u00a0nicht nur auf arabische Prim\u00e4rquellen beschr\u00e4nken; schlie\u00dflich besteht &#8218;Kultur&#8216; nicht nur in der <strong>Eigenwahrnehmung<\/strong> sondern auch in der <strong>Fremdwahrnehmung<\/strong>.<\/p>\n<p>An diesem Punkt setze ich mit meinem Seminar an, da ich es wichtig finde, nicht nur die innerarabischen Quellen quasi als &#8218;Artefakte&#8216; einer Kultur zu pr\u00e4sentieren, sondern dass sich Studierende auch konkret mit zeitgen\u00f6ssischen Ausformungen von <strong>Kulturwahrnehmung<\/strong> und Kulturschaffung besch\u00e4ftigen und in Diskussion dar\u00fcber treten k\u00f6nnen.<\/p>\n<h3>&#8218;Film&#8216; als nahbares Medium<\/h3>\n<p>Ich verstehe, dass den Studierenden die Textlastigkeit des Schwerpunktbereichs Arabistik bisweilen dr\u00f6ge und unn\u00fctz vorkommt. Und nat\u00fcrlich: \u00dcber die Berufsrelevanz von reinen Fakten zur klassischen arabischen Literatur, zur\u00a0<em>nah\u1e0da <\/em>oder zur arabischen St\u00e4mmegesellschaft im 7. Jahrhundert l\u00e4sst sich sehr wohl diskutieren.<\/p>\n<p>Bestenfalls geht es in den Modulen darum, Kompetenzen zu entwickeln, die auch in andere wissenschaftliche Disziplinen transferiert werden k\u00f6nnen und sich in nichtwissenschaftlichen Bereichen anwenden lassen k\u00f6nnen \u00a0\u2013 Recherchekenntnisse etwa, Kompetenzen im stringenten, stilsicheren und zielgruppengerechten Schreiben, F\u00e4higkeiten zur logischen und verst\u00e4ndlichen Pr\u00e4sentation eines Themas, <strong>Reflexionsverm\u00f6gen<\/strong>, und so weiter.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang bildet das Medium &#8218;Film&#8216; f\u00fcr mich einen vielversprechenden Ansatzpunkt:<\/p>\n<p>Zum einen handelt es sich bei den Filmen, die ich so ins Auge fassen, \u00a0um kulturelle Zeugnisse, denen die Studierenden im au\u00dferuniversit\u00e4ren Kontext sicher schon das ein oder andere Mal \u00fcber den Weg gelaufen sind. Die <em>Live-Action-<\/em>Verfilmung von Disney&#8217;s <em>Aladdin<\/em>\u00a0ist vermutlich kaum jemandem entgangen, auch wenn sie vielleicht nicht jeder tats\u00e4chlich gesehen hat. Dementsprechend besteht gegen\u00fcber diesen Untersuchungsobjekten vielleicht eine verminderte Distanz (als etwa im Vergleich zu einer <em>maq\u0101ma<\/em>\u00a0oder einem\u00a0<em>naba\u1e6d\u012b<\/em>-Gedicht)\u00a0\u2013 oder positiv gesprochen: eine gewisse <strong>Vertrautheit<\/strong>. Diese Vertrautheit selbst bildet nat\u00fcrlich auch einen Diskussionsgegenstand.<\/p>\n<p>Zum anderen bringt das Medium &#8218;Film&#8216; nat\u00fcrlich auch bestimmte Formen des Schreibens mit sich, und zwar solche, die in einer Philologie sonst eher marginal behandelt, zumindest aber kaum ge\u00fcbt werden: <strong>Reviews<\/strong> und <strong>Kommentare<\/strong>. Zwar m\u00f6chte ich mit den Studierenden nicht explizit das Schreiben von Rezensionen \u00fcben (obwohl dies eine Option sein k\u00f6nnte); dennoch bilden Reviews durchaus eine Quelle im Kontext von &#8218;Film&#8216;, die wiederum selbst Untersuchungsgegenstand sein kann. In jedem Fall aber zeigen sie, wie Schreiben \u00fcber Filme funktionieren kann. Somit entfernt sich das Seminar trotz seines Fokus auf Filme nicht ganz vom &#8218;Text&#8216;, denn schlie\u00dflich gilt mein Hauptaugenmerk immer noch, dass sich die Studierenden in wissenschaftlich fundierter sowie reflektierter Art und Weise mit einem\u00a0&#8218;Gegenstand&#8216; auseinandersetzen k\u00f6nnen \u2013 und in diesem Fall sind die zu untersuchenden Gegenst\u00e4nde eben Filme (oder Filmausschnitte); sie bilden \u2013 im Sinne des Modultitels \u2013 eine\u00a0<em>Quelle<\/em>.<\/p>\n<h3>Was noch offen ist &#8230;<\/h3>\n<p><strong>Bezug zur Vorlesung<\/strong><\/p>\n<p>Mein Seminar erg\u00e4nzt eine allgemeine Vorlesung zu Literaturen und Quellen der Arabistik und Semitistik. Mit dem Schwerpunkt auf Filme \u2013 und dazu noch auf nicht-arabische Filme \u2013 greife ich radikal\u00a0<em>keine\u00a0<\/em>Quellen und Themen aus der Vorlesung auf.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, dass den Kernfachstudierenden der Zusammenhang zwischen Vorlesung und Seminar in den Modulen des Bachelorstudienganges\u00a0<em>Geschichte und Kultur des Vorderen Orients<\/em> oftmals nicht klar ist \u2013 aus meiner Sicht als Lehrende und Lehrplanerin ehrlich gesagt: Es besteht oft auch gar kein Zusammenhang, und: Es muss meiner Meinung nach auch kein direkter Zusammenhang im Sinne einer Abh\u00e4ngigkeit bestehen; die Lehrveranstaltungen bilden meist &#8218;Ph\u00e4nomene&#8216; innerhalb des Modulzusammenhangs, aber sie verweisen selten direkt aufeinander, insbesondere dann nicht, wenn zwei Lehrveranstaltungen eines Moduls von unterschiedlichen Lehrkr\u00e4ften abgehalten werden.<\/p>\n<p>Im Fall meines Seminars\u00a0<em>Araber und Orient in Hollywood<\/em> bin ich auch den Nachfragen von Studierenden (nicht nur der Arabistik) nachgekommen, die seit mehreren Semester immer wieder artikulieren, dass sie gern einmal was zur &#8222;Darstellung von Arabern&#8220; oder der &#8222;Arabischen Welt&#8220; in anderen Medien machen w\u00fcrden. Ob dieses Seminar auch im virtuellen Raum gelingt, das wird sich zeigen; denn eigentlich hatte ich mir eine sehr diskussionslastige Lehrveranstaltung vorstellt, die sich in der Form nat\u00fcrlich nicht asynchron in Blackboard oder synchron in Cisco WebEx abhalten l\u00e4sst. Dazu mehr im n\u00e4chsten Beitrag.<\/p>\n<p><strong>Zugang zu Filmen<\/strong><\/p>\n<p>Ich wei\u00df, dass Studierende nicht generell auf s\u00e4mtliche Streaming-Dienste Zugriff haben; insofern werde ich das Schauen von Filmen, die nur \u00fcber bestimmte Plattformen zug\u00e4nglich sind, nicht zur Bedingung f\u00fcr das erfolgreiche Absolvieren dieser Lehrveranstaltung machen.<\/p>\n<p>Ich werde versuchen, bei den Studierenden zun\u00e4chst abzufragen, welche Filme sie vielleicht selbst gesehen haben oder sich demn\u00e4chst anschauen k\u00f6nnen; m\u00f6glicherweise reichen auch Ausschnitte, die bisweilen auf YouTube kursieren \u2013 eine sch\u00f6ne Gelegenheit auch, um Copyright-Themen anzusprechen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man k\u00f6nnte meinen, ein Filmseminar in den virtuellen Raum zu \u00fcbertragen w\u00e4re ein Leichtes \u2013 immerhin handele es sich bei &#8218;Film&#8216; ja um ein Medium, dessen digitale Existenz in Hochzeiten des Streamings bereits etabliert scheint. 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