{"id":84,"date":"2020-04-04T19:01:49","date_gmt":"2020-04-04T17:01:49","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/mummelthei\/?p=84"},"modified":"2020-04-04T19:18:09","modified_gmt":"2020-04-04T17:18:09","slug":"weniger-nachrichtensprecher-mehr-gespraechsteilnehmer-und-mehr-teetrinken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/mummelthei\/2020\/04\/04\/weniger-nachrichtensprecher-mehr-gespraechsteilnehmer-und-mehr-teetrinken\/","title":{"rendered":"Weniger Nachrichtensprecher, mehr Gespr\u00e4chsteilnehmer \u2013 und mehr Teetrinken!"},"content":{"rendered":"<p><a name=\"_GoBack\"><\/a><span lang=\"DE\">Nach einer Woche voller Online-Meetings ergibt sich f\u00fcr mich ein Gef\u00fchl der Ersch\u00f6pfung. Zoom-Sitzungen, WebEx-Meetings und andere Video-Calls ersch\u00f6pfen mindestens so viel Energie wie physische Treffen von Angesicht zu Angesicht, aber ohne die positiven physio-psychologischen Effekte eines pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4chs mit Personen in einem Raum, wo auch die haptische und olfaktorische Wahrnehmbarkeit einer physischen Realpr\u00e4senz eine Rolle spielt.\u00a0<\/span><span lang=\"DE\">Bei Videokonferenzen jedoch klebt f\u00f6rmlich vor dem Bildschirm und der Kamera, rutscht wahrscheinlich nicht mal auff\u00e4llig auf dem eigenen Stuhl hin und her oder schaut in der Gegend herum; Gesichtsz\u00fcge scheinen teilweise eingefroren (und damit meine ich nicht, dass die Video\u00fcbertragung eingefroren w\u00e4re) oder seltsam monoton.\u00a0<\/span><span lang=\"DE\">Vielleicht h\u00e4ngt das aber auch einfach mit der besonderen Perspektive eines solchen Online-Meetings zusammen.<\/span><\/p>\n<h3><span lang=\"DE\">Von der statuesken Performanz eines Nachrichtensprechers<\/span><\/h3>\n<p><span lang=\"DE\">Bei einem Online-Meeting mit 18 weiteren Personen bietet einem die Galerieansicht in einem Videokonferenzsystem wie Zoom auf kleinstem Raum (bei mir aktuell ein 13-Zoll-Bildschirm) einen Eindruck von 18 Gesichtern \u2013 so nah, wie man ihn in einem Treffen mit denselben Menschen in einem Raum nicht h\u00e4tte.\u00a0Selbst in der Active-Speaker-View, bei der nur die gerade sprechende Person gro\u00df in der Mitte ist, w\u00e4hrend die anderen Personen in einer Reihe dar\u00fcber zu sehen sind, bleibt der Eindruck nat\u00fcrlich eher der einer Nachrichten-Live-Schaltung zu einem Korrespondenten in einem anderen Land.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">Eine Stunde lang bewegt sich niemand gro\u00dfartig; Mimik und Gestik entsprechen eher der Performanz von Nachrichtensprechern \u2013 auch der Bildausschnitt ist ja meist \u00e4hnlich: von der Brust aufw\u00e4rts, bei manchen auch eher vom Schl\u00fcsselbein aufw\u00e4rts.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">Das ist in der Wahrnehmung alles sehr starr, fast schon statuesk.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">Das liegt zum einen nat\u00fcrlich daran, dass bei Online-Meetings die Personen nie in G\u00e4nze zu sehen sind; selbst wenn sie also bewusst oder unbewusst Gestik und K\u00f6rpersprache nutzen w\u00fcrden, um sich auszudr\u00fccken, w\u00fcrden die anderen Personen im Online-Meeting diese gar nicht wahrnehmen k\u00f6nnen. Zum anderen verhalten sich Menschen in Online-Meetings vielleicht anders als bei physischen Treffen:<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">Wenn man sich die ganze Zeit auch selbst auf einem Bildschirm sieht, wird man sich der eigenen Mimik, Gestik und K\u00f6rpersprache noch einmal mehr (oder \u00fcberhaupt?) bewusst, was m\u00f6glicherweise in Zur\u00fcckhaltung und Statuenhaftigkeit resultiert.\u00a0<\/span><\/p>\n<h3><span lang=\"DE\">Galerieansicht \u2013 ein flimmerndes Mosaik aus K\u00f6pfen und B\u00fcsten<\/span><\/h3>\n<p><span lang=\"DE\">Selbst wenn die beteiligten Personen weniger auf ihren St\u00fchlen an ihren Schreibtischen klebten und mindestens die Beweglichkeit zeigten, die sie in der gleichen Situation in einem Besprechungsraum an den Tag legen w\u00fcrden, w\u00e4re das f\u00fcr die Einzelnen zwar wahrscheinlich als &#8218;lebendiger&#8216; wahrnehmbar; aber diese Lebendigkeit w\u00fcrde sich in der Gallery-View immer noch in 18 kleinen Fenstern auf einem Bildschirm abspielen, die alle gleichzeitig sichtbar sind \u2013 ein flimmerndes Mosaik aus K\u00f6pfen und B\u00fcsten, meist schlicht eine Flut von Reizen ist (bestenfalls nur eine Kakovision, wenn die Beteiligten verstanden haben, ihre Mikrofone auf stumm zu stellen, wenn sie gerade nicht sprechen).\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">In einem physischen Treffen w\u00fcrde man Mimik, Gestik und K\u00f6rpersprache von 18 Menschen nie gleichzeitig wahrnehmen, wobei Pr\u00e4senz im Raum sicher in gewisser Weise \u201asp\u00fcrbar\u2018 ist; eher verf\u00fcgt man \u00fcber die Freiheit, wen auch immer anzuschauen oder wo auch immer hinzuschauen. Im Online-Meeting scheint dies durch verschiedene Parameter wie Sitzplatz, Hardware, gew\u00e4hlte Ansicht im Meeting selbst, Aufmerksamkeitsspanne, und so weiter, eingeschr\u00e4nkt. Die Freiheiten oder Selbstverst\u00e4ndlichkeiten eines physischen Treffens von Angesicht zu Angesicht in den virtuellen Raum eines Online-Meetings zu \u00fcbertragen fordert nat\u00fcrlich auch das Selbstbewusstsein der Einzelnen.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">Als k\u00f6nnte man nicht nebenbei einen Schluck Tee* trinken, eine Notiz machen, sich im eigenen Zimmer umschauen, oder sogar einmal aufstehen, um auf die Toilette zu gehen (idealerweise ohne das Equipment vom Tisch zu rei\u00dfen, weil man vergessen hat, das man ein kabelgebundenes Headset nutzt &#8230;). <\/span><\/p>\n<h3><span lang=\"DE\">Den Blick schweifen lassen<\/span><\/h3>\n<p><span lang=\"DE\">Solch simple Aktivit\u00e4ten wie den Blick schweifen lassen oder Teetrinken k\u00f6nnen nat\u00fcrlich eine Ablenkung f\u00fcr die Beteiligten sein: <\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">Vielleicht trinkt man aus einer auff\u00e4lligen Tasse oder im Gesicht ist deutlich ein Genussempfinden abzulesen. Vielleicht reagiert jemand aus der Gruppe im Chat darauf. Vielleicht sind die Chattenden dann im weiteren Verlauf des Online-Meetings nicht mehr so aufmerksam, weil sie sich quasi ausklinken. Aber ist das \u00fcberhaupt schlimm? Und entspricht dies nicht eigentlich der Realit\u00e4t von sonstigen Meetings? Zwar kann ich mich nicht zu meinem Sitznachbarn her\u00fcberlehnen, um ihm einen Kommentar ins Ohr zu fl\u00fcstern. Aber ich kann ihn direkt im Chat anschreiben, auch ohne dass die anderen Beteiligten dies mitbekommen. Und wenn ich von einem solchen Chat erheitert werde, dann ist es eventuell in der Kamera f\u00fcr alle sichtbar \u2013 eventuell schaut aber auch gar niemand hin, also was soll\u2019s? <\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">Gerade, wenn man eher in der Zuh\u00f6rerposition in einem Online-Meeting ist, muss man nicht zu einer Statue erstarren. Sonst k\u00f6nnte man genauso gut ein Standbild von sich anzeigen lassen. \u00a0<\/span><\/p>\n<h3><span lang=\"DE\">Lehren statt performen<\/span><\/h3>\n<p><span lang=\"DE\">Wahrscheinlich m\u00fcssen die Beteiligten noch vertrauter mit der Interaktion und Wahrnehmung im virtuellen Raum werden \u2013 gerade, wenn sie andenken, auch ihre Lehre teilweise in Live-Sessions mit mehreren Studierenden abzuhalten. Es w\u00e4re einfach, in Frontalunterricht zu verfallen und eine Live-Session mehr performend als lehrend abzuhalten. Das mag f\u00fcr Vorlesungen sogar sinnvoll sein; bei austausch- und diskussionslastige Lehrformaten bilden aber die Studierenden den Mittelpunkt und dementsprechend kann auch eine Online-Sitzung mit Studierenden die Interaktion zwischen ihnen als <i>peers<\/i> ins Zentrum r\u00fccken. Welche Mittel und Tools sich daf\u00fcr konkret eignen, darauf gehe ich in einem n\u00e4chsten Beitrag ein. <\/span><\/p>\n<h3><span lang=\"DE\">Gemeinsam Tee trinken, und zwar online!<\/span><\/h3>\n<p><span lang=\"DE\">Um noch einmal auf Kollegiatstreffen zur\u00fcckzukommen: <\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_87\" aria-describedby=\"caption-attachment-87\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-87 size-medium\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/mummelthei\/files\/2020\/04\/IMG_5459-300x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/mummelthei\/files\/2020\/04\/IMG_5459-300x300.jpeg 300w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/mummelthei\/files\/2020\/04\/IMG_5459-150x150.jpeg 150w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/mummelthei\/files\/2020\/04\/IMG_5459-768x768.jpeg 768w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/mummelthei\/files\/2020\/04\/IMG_5459-1024x1024.jpeg 1024w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/mummelthei\/files\/2020\/04\/IMG_5459-1200x1200.jpeg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 85vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-87\" class=\"wp-caption-text\">Tasse mit Hokusai-Motiv aus dem British Museum in London; Bildquelle: Victoria Mummelthei<\/figcaption><\/figure>\n<p><span lang=\"DE\">\u00dcberhaupt bin ich der Meinung, dass Online-Meetings mit Teammitgliedern nicht nur stattfinden sollten, wenn es Tagesordnungspunkte gibt. Wenn man sich im Kollegiat nur trifft \u2013 ob online oder offline \u2013, um \u201eProbleme\u201c oder Anstehendes zu besprechen, neigt man vielleicht dazu, die Beteiligten auch nur aus dieser Perspektive und in einem solchen Ambiente wahrzunehmen; und so etwas verankert sich im Bewusstsein. Ich m\u00f6chte nicht den Begriff <i>team building<\/i> bem\u00fchen (was ich hiermit doch getan habe), aber das Korridorgespr\u00e4ch \u00fcber einen Horrorfilm, den man am Wochenende geschaut hat, oder das Teek\u00fcchengespr\u00e4ch \u00fcber einen neuen Wasserfilter geh\u00f6rt ebenso zum Arbeitsalltag wie die Arbeit selbst.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">Sonst gehe ich vielleicht am Nachmittag mit meiner Teetasse zu einem Kollegen gehe, um einfach mal zu h\u00f6ren, wie der Tag so lief oder wie es so geht, und vielleicht gesellt sich noch jemand dazu, der auch etwas abschalten m\u00f6chte. Warum dies nicht auch im virtuellen Raum praktizieren? Ein virtuelles Gespr\u00e4ch bei Tee \u00fcber die letzte Unterrichtseinheit, einen Artikel, an dem man gerade schreibt, oder \u00fcber Marvel-Filme, Wanderziele im Vereinigten K\u00f6nigreich, Lovecraft\u2019sche Videogames und Brotbackrezepte.<\/span><\/p>\n<hr \/>\n<p><span lang=\"DE\">*Aus Gr\u00fcnden der Lesbarkeit wird im Folgenden auf die gleichzeitige Nennung verschiedener Hei\u00dfgetr\u00e4nke verzichtet; \u201aTee\u2018 steht an dieser Stelle f\u00fcr alle Hei\u00dfgetr\u00e4nke; \u00fcberall, wo vom Teetrinken die Rede ist, ist selbstverst\u00e4ndlich auch Kaffee- oder Kakaotrinken gemeint. Da Trinkgewohnheiten aber fluide sind, k\u00f6nnen hier auch Kaltgetr\u00e4nke mitgedacht werden, Wein oder Spirituosen jedoch dann erst nach Feierabend. <\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">\u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach einer Woche voller Online-Meetings ergibt sich f\u00fcr mich ein Gef\u00fchl der Ersch\u00f6pfung. 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