Nederlands

Beobachtungen zur niederländischen Sprache

Holzschnittdeutsche vs. Realbelgier

Beginnen wir mal mit einem Lob: Gut gemacht, ZDF! Das zweite Programm hat eine neue Krimiserie, The Team, gemeinsam mit dem flämischen und dem dänischen Rundfunk produziert und dabei zwei Dinge richtig gemacht: 1. Die Serie wurde vorab online in der Mediathek verfügbar gemacht, und zwar alle Folgen zugleich. Das ZDF hat offenbar entdeckt, wie Serien wirklich geschaut werden, Stichwort binge watching. 2. Man kann die Serie in Originalsprachen mit Untertiteln schauen. Damit es nicht zu euphorisch wird, nun doch ein Stück Kritik: Für die Ausstrahlung im normalen Fernsehprogramm wird alles wieder totsynchronisiert.

Die Originalversion ist dagegen sprachlich äußerst vielseitig: Ein Ermittlerteam aus Antwerpen, Berlin und Kopenhagen bearbeitet einen gemeinsamen Fall. Miteinander spricht das Team Englisch, innerhalb der nationalen Polizei jeweils die Landessprache. Die Dänen haben zudem einige Schwedinnen in ihren Reihen. Eine ganze Serie mit Material zum Vergleich germanischer Sprachen, sozusagen.

Jasmin Gerat spielt die deutsche Kommissarin Jaeckie Müller. (Foto: Michael Schilling, CC-BY-SA-3.0)

Das Problem dabei: Die Serie hat leider ein hartes Ungleichgewicht in der Schauspielerei. Möglicherweise hat es damit zu tun, dass man seine eigene Sprache anders wahrnimmt, jedenfalls wirken die deutschen Darsteller/innen extrem hölzern. Die Kommissarin aus Berlin spricht, alleine an ihrem Computer sitzend, mit dem Foto einer Frauenleiche und sagt: „Gibt es niemanden, der dich vermisst?“ Ein banales Stilmittel, vor allem aber sehr unrealistischer Sprachgebrauch. Sie könnte zum Beispiel sagen: „Gibt’s niemand, der dich vermisst?“ Eine Polizistin hat in der Regel eher keine Sprechausbildung. Es gibt keinen Grund für einen so scharf geschnittenen Standard mit Überartikulation und einem Kasus, den spontansprachlich niemand benutzt.

Veerle Baetens spielt die belgische Kommissarin Alicia Verbeek. (Foto: Michiel Hendryckx, CC-BY-SA-3.0)

Die belgischen Produktionspartner haben diesen Fehler nicht gemacht. Die Kommissarin aus Antwerpen sagt zu ihrem Assistenten: „Ge hebt da gezegd.“ Sie sagt jedenfalls nicht: „Jij hebt dat gezegd.“ Offenbar traut sich der flämische Rundfunk, die Darsteller ganz normales Realniederländisch in Richtung tussentaal sprechen zu lassen, während die deutschen Figuren sogar im Selbstgespräch jede Silbe sorgfältig formen.

Und wie sprechen die Dänen in der Serie? Böse Zungen würden behaupten: Dänisch ist sowieso immer unartikuliert. Um eine ernsthafte Antwort auf diese Frage sollten sich die Skandinavisten kümmern. Die haben seit der hervorragenden Serie Broen sowieso noch Forschungsbedarf, der sich auch bei The Team wieder ergibt: Wie realistisch ist eigentlich die Darstellung der reibungslosen dänisch-schwedischen Semikommunikation in der Fiktion?

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Der Beitrag wurde am Freitag, den 27. Februar 2015 um 19:00 Uhr von Philipp Krämer veröffentlicht und wurde unter Aussprache, Belgien, Sprachvergleich abgelegt. Sie können die Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

2 Reaktionen zu “Holzschnittdeutsche vs. Realbelgier”

  1. Melanie

    Die Dänen haben zu ihrer Aussprache im Fernsehen in den letzten Tagen sicherlich schon genug auf den Deckel bekommen, bspw. in dem Artikel „Not even the Danes can understand Danish“ vom 4. März 2015:
    https://www.thelocal.dk/20150304/not-even-the-danes-can-understand-danish

  2. Philipp Krämer

    Stimmt, das ging gerade durch die Medien, und die Süddeutsche hat auch mitgemacht. Ganz neu ist das Phänomen nicht, die Norweger machen sich auch schon seit Jahren drüber lustig (z.B. in diesem Sketch, den es leider nur mit automatisch erzeugten niederländischen Untertiteln gibt, die völlig sinnfrei sind).