Nederlands

Beobachtungen zur niederländischen Sprache

Foreistata

Dass der Freistaat Bayern endlich aus der Bundesrepublik Deutschland austritt und wirklich frei wird, das wünscht sich so mancher, nicht zuletzt in Berlin. Der Freistaat ist in Deutschland inzwischen fast ein Synonym für Bayern geworden. Bisher bleibt der Widerspruch gegen diese begriffliche Vereinnahmung in Thüringen und Sachsen erstaunlich gering, obwohl beide Länder sich ebenfalls Freistaaten nennen. Gerade beim selbstbewussten Bayerntum verweist man oft auf den „freien Staat“ um zu rechtfertigen, warum man sich im Föderalismus nicht immer kooperativ oder solidarisch verhält.

Hier soll es nun aber um einen anderen Freistaat gehen, nämlich jenen, der in Wirklichkeit Vrystaat heißt. Früher hieß diese Provinz in Südafrika Oranje-Vrystaat, bis man 1995 den ersten Namensanteil strich. Über den Umweg der Benennung nach dem Oranje-Fluss verwies der Name natürlich auf die niederländischen Monarchen und war im 19. Jahrhundert als Zeichen der Behauptung der Buren gegen die Briten zunächst kommod. Nach dem Ende der Apartheid war so ein deutlicher Verweis auf ehemalige Kolonialherren, egal ob Briten oder Niederländer, nicht mehr akzeptabel. Die Bedeutung des Freistaats dagegen ließ und lässt sich bestens emanzipatorisch deuten, wenn nicht ein Problem dabei bestehen bliebe: Die Benennung ist immer noch afrikaans. Die englische Bezeichnung Free State ist praktisch eine Lehnübersetzung, die demographische Mehrheitssprache Sesotho nutzt den Begriff Foreistata – ganz offenkundig ein Lehnwort mit Lautangleichung.

Der Oranje-Fluss, Namensgeber des ehem. Oranje-Freistaats. (Damien du Toit, CC-BY-SA 2.0)

Ist Foreistata durch die Anpassung an die Phonologie des Sesotho einfach ein Sesotho-Wort? Oder vererbt die Übernahme eines Wortes aus dem Afrikaans ins Sesotho dessen mitgeschleppte Kolonialität? Sollte eine Provinz, deren Mehrheit Sesotho spricht, sich eher einen Namen in dieser Sprache geben? Ja, findet jedenfalls Mathabo Leeto. Sie ist Lid van die Uitvoerende Raad (LUR, also Kabinettsmitglied der Provinzialregierung) für Sport, Kunst, Kultur und Erholung (afr. ontspanning. Berlin wäre sicher das erste Bundesland, das auf die Idee käme, eine Senatorin für Entspannung zu ernennen. Einen Partybürgermeister gab es schließlich schon.) Leetos Meinung nach sollte sich der Vrystaat einen neuen Namen suchen und nicht mehr den kolonial konnotierten Begriff auf Afrikaans nutzen. Ein Vorschlag, der durchaus zu ähnlichen Umbenennungen in den letzten Jahren und Jahrzehnten passt, als für Toponyme aus dem Englischen oder dem Afrikaans neue Bezeichnungen in den indigenen Sprachen eingeführt oder alte wieder angewendet wurden. Bei einer Provinz ist ein solches Verfahren verfassungsrechtlich schwieriger als bei einer Gemeinde oder einer Straße – und mancher in der afrikaanssprachigen Minderheit wehrt sich mit Händen und Füßen dagegen.

Die offizielle Parteilinie des ANC ist nun offenbar, die Bevölkerung selbst um Vorschläge zu bitten (bei dieser Gelegenheit: Wie heißt die Bevölkerung der Provinz Freistaat auf Deutsch? Freistaater/innen, Freistaatler/innen, gar Freistaatliche oder Freistaatische?) Als Vorschläge für eine Umbenennung seien auch englische Namen willkommen. Fragt sich, welcher englische Name anstelle von Free State nun besser wäre, und wie man damit der kolonialen Namenssymbolik entkommt.

Der Freistaat in Südafrika. (Htonl, CC-BY-SA 3.0)

Dass ein vrystaat oder vrijstaat nicht automatisch frei und antikolonial sein muss, beweist ein anderes Kapitel der Geschichte. Die Privatkolonie des Belgierkönigs Leopold II. wurde auch Kongo-Vrijstaat genannt, bzw. auf Französisch Etat indépendant du Congo. Von echter Unabhängigkeit konnte in der Kolonie natürlich nicht die Rede sein.

So oder so zieht der Begriff Freistaat eine lange Entlehnungsgeschichte hinter sich her. Am Anfang von Free State ebenso wie Vrystaat und dem zugrundeliegenden niederländischen Vrijstaat lag das deutsche Wort Freistaat, ein sprachpuristischer Gegenvorschlag für das lateinische Wort Republik. Der Kongo-Freistaat war das exakte Gegenteil, nämlich Privatbesitz des Monarchen. Ein wenig fühlt sich auch der Freistaat Bayern so an. Doch wer hat’s erfunden? Richtig: die Schweizer! (Siehe die schöne Darstellung von Johannes Merz, S. 128.) Deren Anteil an der Kolonialgeschichte Südafrikas dürfte nicht überwältigend groß sein, aber in der Gegenwart sorgen die Eidgenossen des 18. Jahrhunderts mit ihrem Freiheitsdrang gegen die nördlichen Nachbarn nun für postkolonialen Wirbel. Ob die Umbenennung des Vrystaat wirklich eine res publica wird, ob sich also die Öffentlichkeit für die Angelegenheit interessiert und sich an dem Prozess beteiligt, muss sich noch herausstellen.

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Der Beitrag wurde am Donnerstag, den 26. März 2015 um 09:28 Uhr von Philipp Krämer veröffentlicht und wurde unter Afrika, Afrikaans, Allgemein, Etymologie abgelegt. Sie können die Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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