Nederlands

Beobachtungen zur niederländischen Sprache

Auf der Frameninsel

Wer war schon einmal im Urlaub auf den flämischen Inseln? Nein, es geht noch immer nicht um eine bisher unbekannt gebliebene belgische Ex-Kolonie in der Karibik. Aber zumindest sind wir geographisch schon auf halber Strecke dorthin. Die Azoren sind nicht nur zuverlässige Lieferanten von Hochdruckgebieten und gutem Wetter, sondern ihre Geschichte hat auch ein spannendes Kapitel über Beziehungen zum niederländischsprachigen Raum zu bieten.

Die portugiesischen Regenten machten im 15. Jahrhundert mehrere verdiente Flamen zu Verwaltern einiger Inseln des Archipels, dessen Besiedelung man gerade erst in Angriff genommen hatte. Die so beauftragten Flamen brachten aus ihrer Heimat weitere Siedler mit. Unter den Namen dieser lokalen Verwalter findet man beispielsweise einen Guilherme Vandaraga. Dahinter verbirgt sich ein reicher Bürger, ursprünglich aus Brügge, der einmal Willem van der Haegen hieß. Später übersetzte sich die Familie vom Walde vollständig ins Portugiesische (wenn auch etwas fehlerhaft, denn sie hätte genau genommen von der Hecke heißen müssen) und nannte sich seither da Silveira – ein Name, der noch lange Zeit mit lokalem Ansehen und wohlhabender Herkunft verbunden wurde. Weitere solcher Lehnsherren waren etwa Joz de Utre (Joost van Huerter) oder Jácome de Bruges (Jacob van Brugge). Der flämische Hintergrund war und ist ein Topos, mit dem man eine vom Festland unterscheidbare Geschichte wunderbar konstruieren und untermauern konnte.

Ausschnitt aus Ravensteins Faksimile des Behaim-Globus: die Insel Neu-Flandern oder Insula de Faial. (PD)

Ausschnitt aus Ravensteins Faksimile des Behaim-Globus von 1492: „Neu-Flandern oder Insula de Faial“. (PD)

Schon zu Anfang der “flämischen Phase” war dieses Merkmal offenbar so stark, dass die heutige Insel Faial auch Flameninsel genannt wurde. Nun kennt das Portugiesische einen sehr charakteristischen Wandel von /l/ zu /r/, wie etwa in praça (Platz) oder praia (Strand, vgl. span. playa). In einem historischen Manuskript aus dem frühen 16. Jahrhundert wird von der Besiedelungsgeschichte der Azoren berichtet, und schon dort – nur einige Jahrzehnte nach der ersten Ankunft von Flamen auf Faial – wird die Insel ylha dos framẽngos genannt: die Frameninsel.

Blick auf das Dorf Flamengos, eine flämische Gründung auf der Insel Faial. (R. Furtado, PD)

In Flandern waren die verdienten Herren nicht übermäßig bekannt geworden. Jedenfalls machten sich belgische Historiker um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert Gedanken darum, warum sie in Quellen aus Flandern kaum Hinweise auf diese Namen fanden und welche Bedeutung das flämische Element in der Geschichte der Azoren wirklich hatte. Jules Mees aus Gent schrieb 1901 – auf Französisch wohlgemerkt –, dass dieses Kapitel der flämischen Geschichte unterschätzt sei und der Aufarbeitung bedürfe. Er wollte wohl der belgischen Geschichte ein Stück Weltruhm aus der Zeit lange vor der Staatsgründung hinzufügen. Kurz davor hatte – auf Niederländisch – Pierre Joseph Baudet schon 1879 das genaue Gegenteil vertreten. Der flämische Einfluss auf den Azoren könne nur marginal gewesen sein, denn:

Het stilzwijgen der Vlaamsche schrijvers, het spoedig verdwijnen der Vlaamsche taal op Fayal, de zuiverheid van het Portugeesch, dat tegenwoordig daar gesproken wordt, en andere feiten, die wij nog ontmoeten zullen, laten geen ander besluit toe.

Tatsächlich berichten schon kurze Zeit nach der Besiedelung die zeitgenössischen Quellen, es würde auf Faial kein Flämisch mehr gesprochen. (Es ist übrigens darin tatsächlich die Rede von lingoa framẽnga, nicht etwa von holandês oder neerlandês.) Solche Informationen sind selten und daher von großem Wert für die historische Soziolinguistik, auch wenn es aus niederlandistischer Sicht ein wenig schade ist, dass die Flamen auf Faial so früh zum Portugiesischen übergingen und anscheinend dies auch sehr gründlich taten – daher das „saubere Portugiesisch“. Die Dialektologie hätte sich bestimmt mit Leidenschaft auf dieses Forschungsobjekt gestürzt und die Eigenschaften des Atlantikflämischen in allen Details untersucht. Auf eine Dissertation mit dem Titel Klankstructuur van het Faiaals oder einen Dialectatlas van het Eilandvlaams müssen wir leider verzichten.

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Ausschnitt einer Mercator-Karte aus dem 16. Jh. Oben links die Insel „Vlaenderen“. (PD)

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Der Beitrag wurde am Samstag, den 3. Oktober 2015 um 09:00 Uhr von Philipp Krämer veröffentlicht und wurde unter Allgemein abgelegt. Sie können die Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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