Nederlands

Beobachtungen zur niederländischen Sprache

Niederländerschaft vs. Deutschtum

Ob man nach Deutschland oder Österreich schaut, in die Schweiz, nach Belgien oder in die Niederlande – die Debatten drehen sich in immer schnellerem Tempo um die Frage des „Wir“. Wer sind „wir“, und wer müssen „die anderen“ sein, damit wir „uns“ erkennen?

Dieser Nabelschau (nl. navelstaren) setzt die NRC-Redaktion einen gemeinsamen Kommentar entgegen, der vielleicht etwas glatt geraten ist, aber eine interessante sprachliche Frage aufwirft. Die Redaktion schreibt:

Nederlanderschap is een levende identiteit.

Deutschsprachige stellt das wieder einmal vor die Frage: het oder de Nederlanderschap? Im Deutschen sind Substantive auf –schaft immer feminin, im Niederländischen dagegen gibt es je nach Substantiv mal das eine und mal das andere Genus: het landschap aber de boodschap. Die etymologische und grammatische Entwicklung von -schap ist verwickelt und war bei den Wasserschaften schon einmal Thema. Het Nederlanderschap ist jedenfalls Neutrum, wie man auch am Rijkswet op het Nederlanderschap sehen kann. Das Gesetz legt fest, wer unter welchen Umständen die niederländische Staatsbürgerschaft erhalten kann.

Beweis juristischer Nederlanderschap. (Blagomeni, CC-BY-SA-3.0)

Nederlanderschap bezeichnet im Rahmen des Gesetzes einen rechtlichen Zustand: Man ist Bürger/in der Niederlanden, oder eben nicht. Niemand kann ein bisschen die Staatsbürgerschaft haben, oder nur phasenweise (wohl aber noch eine Zweite zugleich – was aber die niederländische Staatsbürgerschaft nicht reduziert, sie bleibt trotzdem vollständig). Die NRC-Redaktion schreibt dagegen, „Nederlanderschap is geen ingeperkt gegeven.“ Hier ist nicht die Rede von einer rechtlichen Kategorie, sondern von einer Gruppenzugehörigkeit, einer Selbstzuschreibung, einer (Teil-)Identität. Wie sehr sich jemand niederländisch fühlt, kann also graduell sein und sich verändern. Bei einer deutschen Übersetzung stellt uns das vor Probleme. Man kann sich mit das Niederländisch-Sein oder das sich-Niederländisch-Fühlen mit holprig nominalisierten Phrasen behelfen, die einigermaßen die Bedeutung von Nederlanderschap wiedergeben. Weniger komplizierte Ableitungen mit Suffixen erscheinen alle irgendwie künstlich: Niederländischheit oder –keit, Niederländerschaft, Niederländischtum… alles keine besonders glücklichen Lösungen.

Auf Niederländisch lässt sich diese zweite Bedeutung ‚das Gefühl, Niederländer/in zu sein‘ wahrscheinlich mit Nederlanderschap ausdrücken, weil die erste Bedeutung ‚niederländische Staatsbürgerschaft‘ schon geläufig ist. Im Deutschen ist beides ungewohnt. In Deutschland gibt es zum Beispiel ein Staatsangehörigkeitsgesetz, in dem die Komponente deutsch nicht genannt ist. Auch Österreich verzichtet auf Wortbildung mit dem Landesnamen in seinem Bundesgesetz über die österreichische Staatsbürgerschaft und die Schweiz spricht vom Schweizer Bürgerrecht. Wie würde man in einem entsprechenden Artikel die selbst gewählte oder gefühlte Zugehörigkeit auf Deutsch ausdrücken? Deutschschaft, Deutschheit oder Deutschhaftigkeit wirken ungeschliffen. Völlig inakzeptabel wäre das Deutschtum, das längst ideologisch und historisch verbraucht ist. Der Begriff ist schließlich verbunden mit Vorstellungen, die ein Zusammenspiel von verschiedenen Identitäten oder Zugehörigkeiten völlig ausschließt und absolute, exklusive Loyalität zu genau einem Nationalitätskonstrukt verlangt. Das Problem liegt darin, dass die Nachsilbe –schaft oder auch –tum sowohl Eigenschaften (das So-Sein) oder auch ein Kollektiv von Menschen (die alle so sind) ausdrücken kann. Im Begriff Deutschtum verschmelzen diese beiden Bedeutungen völlig: Nur wer so ist wie alle anderen und sich nicht unterscheidet, kann auch Teil des Kollektivs sein.

Vlaams schaap i.p.v. Vlaamsschap. (Stevenja, CC-BY-SA-3.0)

Ein wichtiger Unterschied zwischen Niederländisch und Deutsch scheint darin zu liegen, dass das Niederländische solche Nominalisierungen auf Basis der bereits abgeleiteten Personenbezeichnung bildet, also mit Nederlander und nicht mit Nederlands. Damit wird es naheliegender, diese Vorstellung als individuell, personenbezogen zu verstehen. Die Endung –er ist dabei offenbar ein wichtiges Kriterium. Johanna Ridderbeekx half mir mit ihrem muttersprachlichen Gefühl weiter und war kategorisch: IJslanderschap funktioniert, *Noorschap dagegen nicht. Auf Deutsch können wir von einer Personenbezeichnung wie Deutscher keine weitere Ableitung bilden: *Deutscherschaft, *Deutscherheit oder gar *Deutschertum ist eindeutig ungrammatisch. Damit liegt bei Deutschtum die Interpretation kollektiver Eigenschaften anstelle eines individuellen Gefühls viel näher. Und die Schweizerschaft als Gemeinschaft aller Schweizer findet sich nur in alten Quellen, weil der Begriff inzwischen lieber als praktische Verkürzung von Schweizer Meisterschaft in verschiedenen Sportarten benutzt wird.

Offenbar kann man übrigens Nederlanderschap durchaus mit Surinamerschap verbinden, jedenfalls sprachlich und auch identitär. (Juristisch mag es Einschränkungen bei der doppelten Staatsbürgerschaft geben, dazu fehlt mir das Fachwissen.) In Suriname gibt es parallel zu den Niederlanden ein Wet tot regeling van het Surinamerschap. Eine Google-Suche nach Vlaamsschap liefert nur Bilder von Vlaamse schapen, nicht aber Resultate über das Gefühl, Flämisch zu sein. Vlamingschap trifft man im Woordenboek der Nederlandsche Taal an, sonst aber im gegenwärtigen Sprachgebrauch recht selten. Vielleicht deshalb, weil übertrieben betonte Vlamingschap einem sogleich den Vorwurf einbringt, Flamingant zu sein. Nur Jacques Brel war der Meinung: „Nederlands spreken is geen bewijs van Vlamingschap.“ Kein Zweifel: Es könnte auch ein Zeichen von Nederlanderschap oder Surinamerschap sein. Wer sich gleich ganz belgisch fühlen möchte, greift dazu eher auf die französische Belgitude zurück. Auf Deutsch funktioniert es jedenfalls grammatisch nicht besonders flüssig, dass jemand Deutschheit mit Türkischheit vereint und daraus ein ganz eigenes Selbstbild bastelt. Wie es scheint, machen wir es den Menschen auch sprachstrukturell nicht gerade leicht, sich dazugehörig zu fühlen.

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Der Beitrag wurde am Mittwoch, den 1. Juni 2016 um 10:40 Uhr von Philipp Krämer veröffentlicht und wurde unter Belgien, Niederlande, Sprachvergleich, Wortbildung abgelegt. Sie können die Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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