Nederlands

Beobachtungen zur niederländischen Sprache

Einmal Pommes mit Syntax, bitte!

Ende August war es ruhig auf unserem Flur an der Uni: Fast die komplette Niederlandistik war in Leuven zum Colloquium Neerlandicum, der Konferenz der Internationale Vereniging voor Neerlandistiek. Die findet alle drei Jahre statt, immer abwechselnd in Flandern und den Niederlanden – letztes Mal in Leiden, dieses Jahr also in Belgien.

Bei Lüttich (in Wallonien!) hat die ANS sogar einen Bahnhof. (PK)

Das Programm war dichtgepackt, mit Vorträgen aus Sprach- und Literaturwissenschaft, Kulturwissenschaft und Didaktik. Vorgestellt wurde unter anderem ein Mammutprojekt: Die Überarbeitung der Algemene Nederlandse Spraakkunst, kurz ANS. Die Referenzgrammatik des Niederländischen ist schon lange online verfügbar, allerdings muss sie dringend aktualisiert werden. Nicht nur der Forschungsstand hat sich in den letzten Jahrzehnten geändert, auch die Sprachbeispiele sind zum Teil völlig veraltet: Es ist von Franken und Gulden die Rede, man verschickt noch Telegramme oder Frauen stehen am Herd und schälen Kartoffeln, während Männer Geld verdienen.

Eine Gruppe von Kolleginnen und Kollegen aus beiden Teilen des europäischen Sprachgebiets arbeitet hart daran, die alte Tante ANS ins 21. Jahrhundert zu holen. Leider mit viel zu wenig Förderung und mit einem befristeten Projekt. Ein derart wichtiges Arbeitsinstrument für die Wissenschaft, für Sprachlernende und Lehrkräfte hätte es verdient, dauerhaft und besser ausgestattet zu werden.

Bei so großen Projekten, spannenden Vorträgen und komplizierter Forschung entsteht Energiebedarf. Den deckt man in Belgien einerseits mit bröckelnden Kernkraftwerken, andererseits mit Pommes. Aber wie bestellt man eigentlich korrekt Pommes? Die Frage ist tatsächlich gesamtbelgisch. Neben der Konferenz in Leuven hatte ich die Gelegenheit, auch in Brüssel und in Lüttich vorbeizuschauen – alle Regionen gleichberechtigt abgedeckt, belgische Lösung. Und beiderseits der Sprachgrenze dieselbe Grübelei.

Auf Französisch wunderte ich mich über den Verkäufer, der konsequent von „les moyens“ und „les petits“ sprach. Er bezeichnete die mittleren und die kleinen Portionen konsequent im Maskulinum. (Große kamen nicht vor, denn große Tüten waren alle.) In einer drängelvollen friture kann man schlecht eine Grammatik-Debatte vom Zaun brechen. Also bleibt es vorerst ein Rätsel: les frites ist Femininum, une portion auch. Warum also die maskuline Bezeichnung? Eine mögliche Erklärung wäre le cornet, die Bezeichnung für die spitze Kartontüte, in der man die Pommes oft bekommt. Leider fehlte die Gelegenheit, nach einer Pommesbude zu suchen, bei der die Pommes in viereckigen Schalen (barquettes, f.) oder auf Tellern (assiettes, f.) serviert werden.

Brüsseler Pommes im cornet. (PK)

In Flandern ist die Pommesfrage nicht so sehr an das Genus gebunden, sondern eher an allgemeinere Kommunikationsprinzipien. In einer frituur sind Pommes das Produkt, das fast alle kaufen, vielleicht sogar das einzige im Angebot. Also ist es im Prinzip unnötig, bei der Bestellung explizit zu sagen, dass man Pommes möchte. Aber was sagt man stattdessen? Auf Deutsch kann man vielleicht „einmal mit Ketchup“ bestellen. Een keer geht auf Niederländisch nicht so richtig. Muttersprachler erzählen mir, dass sie beispielsweise een kleintje met… bestellen. (Die Namen der zahllosen Saucen sind ein Vokabelproblem, das noch dazukommt.) Der Diminutiv erledigt nebenbei auch das Genus-Problem, das sich im Französischen gestellt hat. Auch in anderen gängigen Formulierungen bleibt das Produkt meist unausgesprochen. So hat sich sogar schon Wikipedia der Frage angenommen und führt als Bestellgewohnheiten in Belgien an: „een pakje met x of een grote/kleine (friet) met x“. Genau genommen bestellt man also Pommes, ohne Pommes zu bestellen.

Welche dieser Varianten wann bevorzugt werden und warum, dazu müsste man noch mehr Feldforschung betreiben. Das ist wahrscheinlich schlecht für die Linie, aber dafür zum Wohle der Wissenschaft. Denn eins ist klar: Auch in der neuen ANS wird es sicher kein Kapitel zur Pommesgrammatik geben, das man einfach nachschlagen kann.

Tags: ,

Der Beitrag wurde am Donnerstag, den 13. September 2018 um 17:37 Uhr von Philipp Krämer veröffentlicht und wurde unter Belgien, Grammatik, Idiom, Sprachvergleich abgelegt. Sie können die Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.

4 Reaktionen zu “Einmal Pommes mit Syntax, bitte!”

  1. JanZ

    Bliebe nur noch die Frage (die sich mir auch schon im realen Leben gestellt hat), wie man Pommes in den Niederlanden bestellt.

  2. Philipp Krämer

    Inzwischen wahrscheinlich in vielen Fällen auf Englisch 😉

  3. Erik Bouwknegt

    Nördlich der großen Flüssen sagt man ‚een patatje‘ (Einzahl!). Wenn man eine Soße dazu möchte kommt der Name der Soße gleich dahinten. mayonäse kürzt man zu ‚mayo‘ oder man sagt ‚een patatje met‘ (also mit ein Präposition ohne Gegenstandswort).

  4. JanZ

    Helemaal bedankt!

Schreibe einen Kommentar

Captcha
Refresh
Hilfe
Hinweis / Hint
Das Captcha kann Kleinbuchstaben, Ziffern und die Sonderzeichzeichen »?!#%&« enthalten.
The captcha could contain lower case, numeric characters and special characters as »!#%&«.