Nederlands

Beobachtungen zur niederländischen Sprache

Käsemorphem und Butterbuchstaben

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Wie sehr das gilt, wissen beispielsweise alle, die schon einmal versucht haben, ihre Ernährung radikal umzustellen. Und weil wir im Laufe des Lebens recht gut herausfinden, was uns schmeckt und was nicht, haben wir auch beim Einkaufen oft unsere Routinen: Lieblingsbier (deutsch), Lieblingsschokolade (belgisch), Lieblingskäse (holländisch).

Natürlich hat auch die Lebensmittelindustrie längst herausgefunden, dass sie auf unsere Gewohnheiten zählen kann – und die Marketingabteilungen machen sich das sprachlich zunutze. Angenommen, im Kühlregal liegt eine Käsesorte, die Kiependammer heißt. Eine reine Erfindung, trotzdem wüssten die meisten intuitiv: Das ist ein schnittfester, eher leichter und milder Käse und zum Beispiel kein Blauschimmelkäse. Eben einer, der so ähnlich schmeckt wie Edamer, Leerdammer oder Maasdamer.

Dass wir das wissen, ist reine Morphologie. Solche Käsesorten kennt man besonders in den Niederlanden. Dort gibt es viele Ortsnamen auf –dam. Kein Wunder, denn wo viel Wasser ist, gibt es viele Dämme. Und die Orte gaben den dort traditionellen Käsesorten ihren Namen, jedenfalls zunächst.

Irgendwann hat sich aber der Bestandteil –damer mit der Variante –dammer verselbständigt. (Warum manche mit einem M geschrieben werden und andere mit zwei, wäre eine zusätzliche Überlegung wert.) Wir haben seitdem ein gebundenes, lexikalisches Morphem: Eine bedeutungstragende Einheit, die auf ein außersprachliches Konzept verweist, nämlich ‚milder Schnittkäse‘, aber nicht alleine stehen kann, sondern immer mit einem anderen Morphem verbunden sein muss. „Bringst du noch ein Stück Dammer aus dem Supermarkt mit?“ ist jedenfalls keine sinnvolle Bitte, die man ohne Weiteres versteht. Noch nicht.

Lieber smørrebrød oder boterham? (Foto: PK)

Produktiv ist das Morphem dagegen schon, denn es kann neue Worte bilden, in diesem Fall neue Markennamen. Dazu braucht es kein niederländisches Toponym mehr, also keine ursprüngliche Käsestadt. In jedem deutschen Supermarkt bekommt man beispielsweise Frankendammer. Noch weiter südlich kommt man zum Almdammer. Wer kalorienarm essen möchte, kauft Litedammer. Und die EU-Kommission kennt sogar einen Rheindammer.

Der Sprachwandel auf dem Brot beschränkt sich aber längst nicht auf die Morphologie. Unter den Käse gehört die Butter (jedenfalls für alle, die nicht auf dem Litedammer-Trip sind). Ärgerlich ist es, wenn man sie frisch aus dem Kühlschrank nimmt und sie steinhart ist. Seit einiger Zeit gibt es deshalb Produkte mit Rapsöl oder anderen Beimischungen, die immer schön streichfähig sind. Für diese Produktnamen ist nun das Dänische zuständig.

Angefangen hat es möglicherweise mit der Marke Kærgården der dänischen Riesenmolkerei Arla (die bezeichnet ihr Produkt jedenfalls als ‚das Original‘). Inzwischen bekommt man von anderen Herstellern beispielsweise auch Sødergården, Nørvind oder Mælkebøtte. Das Schema ist so einfach wie genial: Streichfähige leichtere Butter erkennt man an den typisch skandinavischen Buchstaben å, ø und æ. Die FAZ ist dem Trick auch schon auf die Schliche gekommen, der weit über die Butterbranche hinausgeht.

Für Frau Antje bleibt da nur eine Gegenwehr, nämlich die wichtigste Besonderheit der niederländischen Rechtschreibung in Stellung zu bringen. Bestimmt nächstes Jahr als große Neuvorstellung auf der Grünen Woche: IJdamer.

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Der Beitrag wurde am Freitag, den 26. April 2019 um 08:02 Uhr von Philipp Krämer veröffentlicht und wurde unter Rechtschreibung, Wortbildung, Wortschatz abgelegt. Sie können die Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.

Eine Reaktion zu “Käsemorphem und Butterbuchstaben”

  1. Henk Smout

    Authentisch holländisch wäre Edammer mit zwei M.

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