Nederlands

Beobachtungen zur niederländischen Sprache

Notizen aus Suriname V

Geheimabsprachen

Eines der vielen wundersamen kleinen Dinge in Suriname ist die Möglichkeit, dass man einen Tagesausflug nach Frankreich machen kann. Von der kleinen Stadt Albina im Osten ist man nach 10 Minuten Bootsfahrt über den Grenzfluss Marowijne/Maroni in der Nachbarstadt Saint-Laurent-du-Maroni. Das liegt in Französisch-Guayana, damit in Frankreich und der Europäischen Union.

Blick von Albina über den Marowijne nach Französisch-Guayana. (Foto: PK)

Als wäre das nicht verwirrend genug, bieten einem unzählige meist junge Menschen die Bootsüberfahrt an. Das tun sie laut, engagiert und vor allem im ständigen fliegenden Wechsel zwischen den Sprachen. Da wir äußerlich zweifelsfrei als Touristen erkennbar waren, wurden wir vor allem auf Niederländisch und Französisch umworben.

Doch wie soll man sich für eines der Angebot für die Überfahrt entscheiden, wenn der Preis bei allen gleich ist? Wir waren zu viert, wollten gerne kurz unter uns sprechen und uns einen vertrauenswürdigen Fährmann gemeinsam aussuchen. So mehrsprachig wir in unserem Grüppchen aus einer Österreicherin, einer Belgierin, einem Spanier und einem Deutschen auch waren: Wie soll man in dieser Situation ein vertrauliches Gespräch führen? Spanisch oder Portugiesisch wird hier oft genug auch verstanden, immerhin sind wir in Südamerika. Englisch fällt sowieso raus. Blieb eigentlich nur eine Sprache, von der man sonst kaum erwarten kann, dass sie für geheime Kommunikation taugen würde: Deutsch.

Notlandung sehnlichst erwünscht

Am Nachmittag, die Konferenz macht gerade Kaffeepause, plötzlich spricht sich herum: Bouterse ist verurteilt! Eigentlich war an dem Tag nur vorgesehen, den Zeitplan für die Urteilsverkündung bekanntzugeben. Stattdessen haben die Richterinnen gleich das Urteil selbst verlesen. Sehr smart: Damit sollte verhindert werden, dass das Gericht von Protesten blockiert oder die Verkündung sabotiert wird.

Das Urteil, 20 Jahre Haft für die Dezembermorde, wird mit Genugtuung und Erleichterung aufgenommen. Kurz steht die Konferenz still, es gibt einen Moment lang wichtigere Dinge als Sprachwissenschaft. Was passiert jetzt?

Bouterse ist noch auf Staatsbesuch in China, direkt danach war eine Reise nach Kuba angekündigt. Bleibt er gleich dort, im Exil? Das Gerücht entpuppt sich schnell als Kettenbriefscherz auf WhatsApp. Manche befürchten, dass die Unterstützer des Präsidenten Unruhen anzetteln könnten. Eine Kollegin beruhigt uns: „De Surinamers blijven gewoon thuis.“ Sie behielt recht. Anhänger wie Gegner glaubten – jeweils auf ihre Weise – schlichtweg nicht daran, dass das Urteil unmittelbare Konsequenzen haben würde.

Die Resignation war bei vielen zu spüren, aber den Esprit bremste das noch lange nicht. Unser Autovermieter wurde am Flughafen deutlich: „Ich würde mir wünschen, dass er auf der Rückreise aus China in den Niederlanden notlanden muss.“ Dort würde er sofort verhaftet und der Justiz vorgeführt werden. In so tiefgreifender Abneigung ein derart zivilisiertes Szenario zu erdenken – bewundernswert! Andere hätten sicher drastischere Vorstellungen.

Es ist erstaunlich, wie viel Rückhalt Bouterse weiterhin hat. Aber deutlich sichtbar ist auch: Die Gegner lassen sich nicht einschüchtern und äußern sich offen. So auch ein Mitarbeiter der Sicherheitskontrolle am Flughafen: „Ja, Sie müssen alle Ihre Schuhe ausziehen. Außer der Präsident, denn der macht ja sowieso, was er will.“

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Der Beitrag wurde am Donnerstag, den 12. Dezember 2019 um 10:13 Uhr von Philipp Krämer veröffentlicht und wurde unter Suriname abgelegt. Sie können die Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Pings sind derzeit nicht erlaubt.

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