{"id":10029,"date":"2015-08-27T08:00:35","date_gmt":"2015-08-27T06:00:35","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=10029"},"modified":"2015-08-25T22:27:31","modified_gmt":"2015-08-25T20:27:31","slug":"bene-ohne-lux","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/08\/27\/bene-ohne-lux\/","title":{"rendered":"BeNe ohne Lux"},"content":{"rendered":"<p>Ohne Zweifel war der diesj\u00e4hrige <a href=\"https:\/\/www.ivnnl.com\/colloquium-19\/index\" target=\"_blank\">IVN-Congres<\/a> in Leiden auf allen Ebenen lehrreich. Eine der Lehren konnte ich dem Vortrag eines namhaften Kollegen westfl\u00e4mischer Herkunft entnehmen, der eine bekannte Zeile von Jacques Brel interpretierte. Dieser sang einst, mit \u201eTr\u00e4nen auf den Z\u00e4hnen\u201c, im Ringen mit seiner belgischen Identit\u00e4t:<\/p>\n<blockquote><p><a href=\"https:\/\/lyricstranslate.com\/nl\/les-f-f%E2%80%A6.html\" target=\"_blank\">Ik ben van Luxembourg.<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Kurze, knappe Worte auf der Suche nach einer Exitstrategie bei l\u00e4stigen Fragen zur eigenen Position im belgischen Gef\u00fchlskomplex. Der genannte Kollege f\u00fcgte dem eine \u2013 mild gesagt \u2013 \u00fcberraschende Deutung hinzu. Die Wahl fiel nicht etwa auf Luxemburg, weil es zum Beispiel eine selbstsichere und dennoch weltgewandte, im Ausland positiv konnotierte Identit\u00e4t suggeriert. Luxemburg sei vielmehr ein Land das \u201erein virtuell\u201c und \u201eohne Geschichte\u201c sei, daher eine sichere Bank um vor Zuschreibungen zu fliehen. Zudem ein verschlossenes Land, wo man \u201ein de laatste tientallen jaren\u201c (keineswegs schon seit Jahrhunderten \u2013 keine Geschichte!) das seltsame \u201eLetzeburgs\u201c spr\u00e4che, um andere auszuschlie\u00dfen. Dieses liege \u201eergens tussen Duits en Frans\u201c.<\/p>\n<p>Eine exklusiv belgische Spezialit\u00e4t sind derartige Ansichten \u00fcber Luxemburg nicht. Auch <a href=\"https:\/\/www.elsevier.nl\/Nederland\/achtergrond\/2015\/8\/Hoe-een-dialect-de-taal-van-de-Europese-Unie-wordt-2673050W\/\" target=\"_blank\">bei Elsevier<\/a> h\u00e4lt man das L\u00ebtzebuergesche f\u00fcr \u201eeen mix van Duits, Frans en Nederlands\u201c, der f\u00fcr alle Dialektsprecher von Limburg bis Bayern verst\u00e4ndlich sein sollte. Und schon Cees Nooteboom schreibt in seinem Debutroman:<\/p>\n<blockquote><p>Als we weer verder rijden naar Luxemburg, bedenk ik, dat ik daar nu eigenlijk niet meer naar toe hoef.<\/p><\/blockquote>\n<p>Kurz gesagt: Luxemburg ist f\u00fcr sich genommen irrelevant und definiert sich \u00fcber die dominanten Nachbarn. Dasselbe gilt f\u00fcr die Sprache, die eine Aggression gegen Fremde ist. Das Land ist praktisch insgesamt ohne Existenzberechtigung. Argumente, die man so locker ausgesprochen und doch so hart gemeint in der Regel eher in kolonialen Diskursen findet.<\/p>\n<div style=\"width: 377px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Vennbahnweg-detour-wilwerdange-02.JPG\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/6\/62\/Vennbahnweg-detour-wilwerdange-02.JPG\" alt=\"\" width=\"367\" height=\"275\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Belgisch-luxemburgische Grenze: Ausbauf\u00e4hige Beziehungen? (Pimvantend, CC-BY-SA 3.0)<\/p><\/div>\n<p>Woran liegt das? Belgien und Luxemburg haben eine lange gemeinsame Geschichte, sind schon immer enge Partnerl\u00e4nder gewesen. Aus Perspektive Luxemburgs war und ist Belgien immer die sichere Wahl, wenn Allianzen mit Deutschland oder Frankreich zu heikel waren: Schon fr\u00fch in der W\u00e4hrungspolitik, seit Langem in der Verteidigungspolitik usw.<\/p>\n<p>Diese Zusammenarbeit ist aus geographischen und kulturellen Gr\u00fcnden nat\u00fcrlich eine, die besonders Wallonien betrifft. In gewissem Sinne ist f\u00fcr Luxemburg der westliche Nachbar noch immer das Belgien des 19. Jahrhunderts: Frankophon und mit einer eng verwandten Monarchie als Zentrum. F\u00fcr einen Westflamen ist, durchaus berechtigt, diese Sichtweise nat\u00fcrlich fern der Realit\u00e4t und Luxemburg insgesamt auch fern der Wahrnehmungszone. F\u00fcr Einzelne kein Grund, vor einem gr\u00fcndlichen Urteil zur\u00fcckzuschrecken. Vielleicht aber ein Grund, \u00fcber zwei Dinge nachzudenken:<\/p>\n<p>1. Was ist eigentlich das Bild von Luxemburg in Flandern? Was wei\u00df man dort oder glaubt man zu wissen \u00fcber das Nachbarland Belgiens? Welche Meinungen, Vorurteile oder Erfahrungen hat man? Diese Frage geht die verschiedensten Disziplinen etwas an, von Kulturwissenschaften \u00fcber Geschichtswissenschaften bis zur Politologie.<\/p>\n<p>2. H\u00e4tte nicht auch die Niederlandistik ein Interesse an Luxemburg? Wir betreiben in der Regel Niederlandistik mit einem Blick auf die Niederlande und Flandern, vielleicht auch auf Gesamtbelgien, auf das Niederl\u00e4ndische au\u00dferhalb Europas und auf Afrikaans und Friesisch. Belgien und die Niederlande gruppieren wir als sch\u00f6nes Schlagwort oder Akronym gerne in den Begriff \u201e<a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Benelux\" target=\"_blank\">Benelux<\/a>\u201c ein.<\/p>\n<div style=\"width: 360px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Holland-Belgien-Lux1844.png\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/4\/4b\/Holland-Belgien-Lux1844.png\" alt=\"\" width=\"350\" height=\"424\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Laut Kartentitel eher &#8222;Hobelux&#8220; als &#8222;Benelux&#8220;. (ULamm, PD)<\/p><\/div>\n<p>Doch wer forscht und lehrt eigentlich zum Luxemburgischen, wer k\u00fcmmert sich um Sprache, Literatur und Kultur Luxemburgs? Wer betreibt wirklich \u201eBenelux-Studien\u201c? Aus Perspektive der Niederlandistik ist es eigentlich klar: Daf\u00fcr sollte die Germanistik zust\u00e4ndig sein. Mit der Losl\u00f6sung des L\u00ebtzeburgeschen aus dem deutschen Dialektspektrum, seiner historisch bedingten Eigenst\u00e4ndigkeit und dem zunehmenden Ausbau ist diese Verbindung aber immer weniger selbstverst\u00e4ndlich. Ohnehin betreibt die Germanistik leider manchmal eher eine \u201eDeutschistik\u201c und interessiert sich weniger f\u00fcr sprachvergleichende Themen innerhalb oder au\u00dferhalb der Sprachfamilie. Verst\u00e4rkt wird die Luxemburg-Forschung durch die Romanistik, welche die Einbindung des Gro\u00dfherzogtums in die Frankophonie im Blick beh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Aus Sicht der Niederlandistik k\u00f6nnte man sagen: Das geht uns nichts an. Luxemburg ist nun einmal in der Gegenwart nicht Teil des niederl\u00e4ndischen Sprach- und Kulturraums. Der Benelux-Verbund als Zusammenschluss westeurop\u00e4ischer Nationen ist in der europ\u00e4ischen Integration weitgehend aufgegangen. Die <a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Geschiedenis_van_Luxemburg\" target=\"_blank\">historischen Bez\u00fcge<\/a> liegen deutlicher auf der Hand, von den Verbindungen mit Limburg \u00fcber die Personalunion mit den Niederlanden bis zur Unabh\u00e4ngigkeit im sp\u00e4ten 19. Jahrhundert.<\/p>\n<p>So richtig f\u00fchlt sich im deutschsprachigen akademischen System mit seiner traditionellen Disziplinstruktur niemand f\u00fcr Luxemburg zust\u00e4ndig. Institutionell gesehen bringt das mit sich, dass es eine verbreitete Luxemburgistik praktisch nicht gibt. Ausnahmen sind die Universit\u00e4ten Luxemburgs und der Gro\u00dfregion, etwa Trier und Saarbr\u00fccken, sowie Einzelprojekte und \u2013personen an Universit\u00e4ten vor allem in Nordrhein-Westfalen. Au\u00dferhalb der unmittelbaren geographischen Umgebung sticht nur das <a href=\"https:\/\/www.shef.ac.uk\/luxembourg-studies\" target=\"_blank\">Zentrum an der Universit\u00e4t Sheffield<\/a> heraus. Als Kernland der Europ\u00e4ischen Union, als Nachbarland Deutschlands und nicht zuletzt als mehrsprachige Gesellschaft mit wertvollen Erfahrungen als Einwanderungsland gibt es mehr als genug Gr\u00fcnde, sich mit Luxemburg zu besch\u00e4ftigen. Die Niederlandistik k\u00f6nnte damit nur gewinnen:<\/p>\n<div style=\"width: 565px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Referendum_Luxembourg_2015_Posters_Cessange_2.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/e\/e6\/Referendum_Luxembourg_2015_Posters_Cessange_2.jpg\" alt=\"\" width=\"555\" height=\"283\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Sprachvergleich Luxemburgisch &#8211; Niederl\u00e4ndisch &#8211; Deutsch: Jo &#8211; ja &#8211; ja. Nee &#8211; nee &#8211; nein. (Bdx, CC-BY-SA-4.0)<\/p><\/div>\n<p>Als kleines Fach bek\u00e4me sie Verst\u00e4rkung und vielleicht zus\u00e4tzliche Ressourcen, nicht zuletzt durch m\u00f6gliche Unterst\u00fctzung aus einem kleinen, aber finanzstarken Land. (Zynisch gesagt: Zum Teil w\u00e4ren es ohnehin unsere eigenen Steuergelder, die zur\u00fcckflie\u00dfen.) Der Sprachvergleich im germanischen Zweig lie\u00dfe sich um ein weiteres spannendes Beispiel erweitern. Die territorial gegliederte Mehrsprachigkeit Belgiens bietet fruchtbare Kontraste zur integrierten Mehrsprachigkeit Luxemburgs. Die Forschung zum Friesischen als kleine Sprache mit wichtigen sprachpolitischen Entscheidungswegen bietet Vergleichsm\u00f6glichkeiten zum Luxemburgischen mit \u00e4hnlicher Sprecherzahl. Gleiches gilt f\u00fcr die Standardisierung des Afrikaans und seine historische Losl\u00f6sung vom Niederl\u00e4ndischen im Vergleich zum Verh\u00e4ltnis zwischen Luxemburgisch und Deutsch. Die Forschungsthemen zu Luxemburg liegen auf der Stra\u00dfe \u2013 nur weil Germanistik und Romanistik sie nicht enthusiastisch aufgreifen, muss die Niederlandistik sie nicht brachliegen lassen.<\/p>\n<p>Dass die Niederlandistik zunehmend ihre Relevanz aus den weltweiten Verbindungen der niederl\u00e4ndischsprachigen Gesellschaften bezieht, ist eine vollkommen richtige Entwicklung. Ein Grund, Potenziale innerhalb Europas zu \u00fcbergehen, ist das aber nicht. Und der westfl\u00e4mischen Sicht auf Luxemburg w\u00fcrde etwas genauere Besch\u00e4ftigung mit dem Gro\u00dfherzogtum sicher auch nicht schaden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ohne Zweifel war der diesj\u00e4hrige IVN-Congres in Leiden auf allen Ebenen lehrreich. Eine der Lehren konnte ich dem Vortrag eines namhaften Kollegen westfl\u00e4mischer Herkunft entnehmen, der eine bekannte Zeile von Jacques Brel interpretierte. 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